Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Die Seevögel von Kiribati

    Zu bestimmten Zeiten — und bei bestimmten Lichtverhältnissen — sind Himmel und Meer in Kiribati (ausgesprochen kiribas) kaum zu unter scheiden. Beide scheinen miteinander zu verschmelzen, und man kann nur schwer sagen, wo das eine aufhört und das andere anfängt.

    Heute ist so ein Tag. Es ist früher Morgen, und das Boot ist bereit, in See zu stechen. Die Sterne verblassen langsam, aber noch hat die Morgendämmerung den Horizont nicht erreicht. Auf Tarawa, der am dichtesten besiedelten Insel des Kiribati-Atolls, sind die wenigen elektrischen Lichter längst erloschen. Der Wind schweigt, und die Lagune von Tarawa liegt unbeweglich da. Das kleine, fünf Meter lange Boot liegt wie angewachsen da, und noch herrscht erwartungsvolle Stille.

   Am Ruder steht Tune (ausgesprochen Tunai) und starrt angestrengt auf das Meer hinaus. Moretekai Ataia, sein sechzehnjähriger Freund, der derselben Gemeinde angehört, steht am Bug und beobachtet aufmerksam das Wasser. Obwohl ihr Ziel, das Atoll Ahaiang, mehrere Stunden entfernt liegt, sind sie wachsam. Rechts und links liegen nämlich Sandbänke unter der Wasseroberfläche versteckt, und Tune muss das Boot sicher hindurchmanövrieren, bis er das Riff am Eingang zur Lagune erreicht hat. Im tiefen Wasser des Ozeans kann er dann Gas geben und direkt auf Ahaiang zuhalten.

   Außerdem hält er dann nach Seevögeln Ausschau, die knapp über den Wellen dahinsausen. Bis dahin ist es schon taghell geworden, und Tune kann dann die schwarze Silhouette der Vögel vor dem tiefblauen Himmel erkennen. Obwohl Tune nicht zum Fischen nach Ahaiang fährt, ist er doch ein echter Fischer und kann es nicht lassen, die Angel ins Wasser zu werfen. Zwischen Tarawa und Ahaiang sind viele Tunfischschwärme unterwegs, und wenn Tune einen entdeckt, kann er unterwegs noch ein paar der begehrten Fische fangen.

   Die Vögel zeigen ihm, wo die Tunfische zu finden sind. Sie ernähren sich nämlich von den gleichen kleinen Fischen, die die Tunfische fressen, und wenn die Vögel ihre Fische gefunden haben, sind manchmal auch Tunfische da, die hinter den kleineren Fischen hinter herjagen und dabei vor lauter Jagdfieber auch manchmal aus dem Wasser springen. Man braucht schon ein erfahrenes Auge und eine geübte Hand an der Ruderpinne, um die Tunfische zu entdecken, die Angel mit dem Köder auszuwerfen und die Leine dann schnell genug, aber auch nicht zu schnell, durch das Wasser zu ziehen, damit einer der großen silberblauen Fische anbeißt.

    Aber heute Morgen sind die Tunfische nicht da. Als Tune und Moretekai mit ihrem Boot in die Lagune von Ahaiang einlaufen, ist es fast Mittag. Die beiden haben nur einen einzigen Fisch bei sich, nämlich einen Bonito, den Moretekai kurz vor dem Riff am Zielort aus dem Wasser gezogen hat. In Strandnähe springt Moretekai in das warme Wasser und zieht das Boot in seichteres Gewässer. Nun lässt Tune den Anker fallen, und die beiden waten hinüber zum weißen, palmengesäumten Sandstrand.

    Tune und Moretekai machen sich auf den Weg ins grüne Landesinnere und folgen dabei dem ihnen inzwischen wohl bekannten Weg zum maneaba (Versammlungsort) auf einer Lichtung in der Nähe des Hauses eines älteren Ehepaares namens Tamton und Taake Ruata. Dieser maneaba dient als Gemeindehaus des Zweiges Tabontibike-Ahaiang der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Tune hat heute Moretekai mitgebracht, damit sie gemeinsam Tamton und Taake sowie weitere Mitglieder der Kirche auf Abaiang besuchen können.

    Tune (sein voller Name lautet Iotua Bareeta Tune, aber jeder Inselbewohner wird nur mit einem einzigen Namen angesprochen), war einst der Priestertumsführer des Zweiges, aber inzwischen ist er das nicht mehr. Vor nicht allzu langer Zeit hat er die Mitglieder in seiner Eigenschaft als Distriktspräsident besucht. Aber inzwischen ist er aus seiner Berufung entlassen worden und kommt jetzt als Freund zu Besuch.

    Der Fisch, den Tune und Moretekai mitgebracht haben, dient als Mittagessen. Taake gart ihn an einem Spieß über dem offenen Feuer. Die Inselbewohner erzählen einander gerne Geschichten, und die einfache Mahlzeit aus Fisch, Reis und Kokosnüssen verwandelt sich in ein Festessen, wenn Tamton seine Gäste unterhält.


Tamtons Geschichte

   Tamton erzählt von seinem früheren Leben — aus der Zeit, lange ehe er sich der Kirche anschloss. Er schildert, wie er sich mit seiner jungen Frau stritt und dann nach Tarawa segelte, wo er zum ersten Mal im Leben Motorräder und elektrisches Licht sah. Als er wieder nach Ahaiang zurückkehrte, tat er genau das, was die Inselbewohner oft tun, wenn sie etwas Bemerkenswertes erlebt haben — er komponierte ein Lied. Dieses Lied mit seinem lyrischen Text trägt er jetzt mit kräftiger Stimme vor. Anschließend singt er noch ein weiteres selbst komponiertes Lied, das von der Aufforderung des Erretters erzählt, ihm nachzufolgen (siehe Lukas 18:22). Tamton singt davon, wie manche Menschen die Lehren des Erretters beherzigen, andere aber nicht, und dass man nur glücklich werden kann, wenn man dem Herrn nachfolgt.

    Wer Jesus Christus findet und ihm nachfolgt, hat manchmal aufgewühlte Wasser zu überqueren. Auch Tarntons Weg zu Christus war schwierig. „Ich diente als Diakon in der protestantischen Kirche, als die Missionare zum ersten Mal von Tarawa nach Ahaiang kamen”, erzählt er. „Sie waren nicht gerade gern gesehen und hatten deshalb große Schwierigkeiten, ein Stück Land zu finden, wo sie ein baut (das traditionelle Grashaus) bauen konnten. Sie taten mir Leid, und deshalb lud ich sie zu mir nach Hause ein. Dort unterwiesen sie mich im Evangelium, und ich spürte, dass das, was sie mir erklärten, wahr ist. Deshalb ließ ich mich taufen.”

    Das war 1984. Tamton und Taake gehörten zu den ersten Bewohnern Abaiangs, die sich der Kirche anschlossen. Trotz allen Misstrauens und aller Verfolgung machten sie sich unverzüglich daran, den Missionaren zu helfen, weitere Interessenten zu finden, die sie unterweisen konnten.

    Tamton und Taake finden, dass der Herr sie reich gesegnet hat. Vor mehreren Jahren wollte Tamton ein großes Bassin bauen, in dem er Fische fangen wollte. So wollte er besser für seine Familie sorgen. Aber dazu musste er viele tausend Steine aus dem Meer holen. Und das war geradezu unmöglich. Er hatte ja nur ein kleines Kanu, und außer seinen Söhnen gab es niemanden, der ihm helfen konnte.

    „Ich habe wegen dieses Problems inbrünstig gebetet”, sagt er. „Am nächsten Tag sah ich Treibgut, das auf meinem Land angeschwemmt worden war. Darunter waren auch mehrere große Styroporstücke. Daraus konnte ich ein Floß hauen, und mit der Hilfe dieses Floßes haben meine Söhne und ich das Bassin für die Fische gebaut. Wir haben sogar zwei gebaut.” Die beiden Bassins sind für die Familie von großem Wert. Wenn sich mehr Fische darin fangen, als die Familie essen kann, wird der Überschuss verkauft.

    So wie der Glaube an Jesus Christus Tamton und seiner Familie in Zeiten der Not hilft, so tröstet er sie auch, wenn sie Kummer haben. Vor mehreren Jahren ist einer ihrer Söhne ums Leben gekommen, als er Tintenfische fangen wollte. Er war erst zweiundzwanzig Jahre alt, erlitt aber allein weit draußen auf dem Meer einen Herzinfarkt.

    Tarntons Augen werden feucht, wenn er von seinem Sohn spricht. „Die Nachricht hat uns das Herz gebrochen”, sagt er. Aber dann hellt sich seine Miene wieder auf. „Wir möchten, dass er an uns gesiegelt wird.” Als Tune ihr Distriktspräsident war, hat er ihnen vom Priestertum erzählt und von der Macht des Priestertums, die Familie im Tempel für immer aneinander zu siegeln. Nun möchten sie unbedingt in den Tempel.

    Aber mit dem Wenigen, was sie besitzen, ist die Reise zum Tempel so gut wie unmöglich. Dennoch sind Tamton und Taake bemüht, eine Möglichkeit dafür zu finden. 'Tune sagt, wenn Tamton und seine Frau sterben müssten, ehe sie im Tempel gewesen seien, dann würde er dafür sorgen, dass die Arbeit für sie getan würde. Er hat sie aufgefordert, die dazu notwendigen Formulare auszufüllen. Vielleicht können ihre Kinder eines Tages in den Tempel gehen, falls es ihnen selbst nicht möglich sein sollte.


Aritaakes Geschichte

     Als die Mahlzeit vorüber ist und nicht mehr gesungen und erzählt wird, machen sich Tune und Moretekai wieder auf den Weg. Sie wollen noch weitere Mitglieder auf der Insel besuchen.

   Die Mitglieder in Kiribati haben große Achtung vor dem Priestertum, und wohin Tune in Abaiang auch kommen mag — er wird voller Freude aufgenommen. Man merkt schnell, dass er nicht einfach so nach Abaiang gekommen ist. Ein Gebet hat ihn vielmehr herbeigeholt — hat ihn herbeigezogen, wie eine Angel einen Fisch aus dem Wasser zieht. Er hat gemeint, der Insel einfach nur einen Besuch abzustatten bzw. eine Ausrede zu haben, wieder einmal fischen zu gehen. Aber in Wirklichkeit ist er gekommen, um Aritaake Moutu einen Priestertumssegen zu geben.

    „Seit ich mich der Kirche angeschlossen habe, kann ich auf den Priestertumssegen gar nicht mehr verzichten”, erzählt Schwester Moutu. „Schon ehe ich mich der Kirche angeschlossen habe, hat mir das eine Bein wehgetan. Deshalb bitte ich nun immer um einen Segen, wenn das Bein wieder schmerzt. Und jedes Mal werde ich geheilt. Heute Morgen habe ich darum gebetet, dass jemand kommen und mir einen Segen gehen möge, weil mein Mann nicht auf der Insel ist und mir deshalb keinen Segen geben kann.”

    Sie lächelt Time zu. „Und deshalb bist du gekommen.” „So ist das immer”, sagt Tune. „Sie wohnt auf einer abgelegenen Insel mitten im Meer. Sie und ihre Familie haben ihre Probleme. Es gibt kaum Jobs; die meisten Leute leben von dem, was sie anpflanzen und was das Meer ihnen schenkt. Auf Abaiang gibt es weder einen Arzt noch eine Krankenschwester. Die Mitglieder hier sind in hohem Maße auf den Herrn angewiesen. Und der Herr sorgt für sie.”

    „Ja, wir haben unsere Probleme”, bestätigt Schwester Moutu. „Selbst nachdem wir uns der Kirche angeschlossen haben. Aber sie fallen uns nicht mehr so stark auf.”

    Die ersten Male, als die Missionare mit Aritaakes Familie sprachen, lief sie davon – oder verjagte die jungen Männer. „Unser Pfarrer hatte uns gesagt, es würde falsche Propheten geben, und wir dachten, sie wären solche falschen Propheten”, erinnert sie sich. „Aber eines Tages kam uns ein Missionar namens Jones besuchen. Als ich ihn nicht ins Haus lassen wollte, blieb er draußen stehen und betete für uns. Und während er betete, spürte ich, wie sich in meinem Inneren etwas veränderte. Ich bat die Missionare, mir zu vergeben und meine Familie zu unterweisen.

    Dann taten die Missionare etwas, was mein Leben völlig veränderte. Sie forderten mich nämlich auf zu beten. Und als ich dann ein Gehet sprach, wurde ich ein ganz anderer Mensch. Ich fing an, die Kirche zu mögen, und es fiel mir nicht schwer, an ihre Lehren zu glauben.”

    Was von dem, was die Missionare ihr erklärt haben, hat sie am meisten beeindruckt? „Der Geist, den sie mitgebracht haben. Und die Lehren zur Familie – wie man als Familie glücklich sein und für immer zusammen bleiben kann.”

    Nun ist es Zeit, nach Tarawa zurückzufahren. Tune weiß, dass er in Tarawa ankommen muss, ehe die Ebbe zu viel Wasser aus der Lagune von Tarawa zieht. Dann ist das Wasser nämlich zu seicht für sein Boot mit Außenbordmotor. Aber ehe Tune und Moretekai sich wieder auf den Weg machen, gibt Tune Schwester Aritaake noch den Priestertumssegen, um den sie gebetet hat.


Tunes Geschichte

    Die I-Kiribati (die Bewohner Karibatis, die sich selbst Gilbertesen nennen) sind von Natur aus großzügig und warmherzig. Und Tune hat von beiden Eigenschaften sogar noch eine doppelte Portion mitbekommen. Wenn man ihn trifft, ist er entweder im Begriff, jemandem zu helfen, oder hat gerade jemandem geholfen. Alle kennen ihn.

    Aber so bekannt war Tune nicht immer. Er ist bei seinen Großeltern auf Kuria aufgewachsen, einer kleinen Insel im Süden von Tarawa. Erst mit dreizehn, vierzehn Jahren kam er zum ersten Mal auf die Hauptinsel. Er hatte die traditionellen Fertigkeiten gelernt, aber seine Großmutter war der Meinung, er bräuchte auch eine gute Schulbildung. So kam Tune nach Tarawa, wo es ein paar private Schulen gab, von denen eine von einer Glaubensgemeinschaft betrieben wurde.

    Seine Großmutter meldete ihn an der von der Glaubensgemeinschaft geführten Schule an. „Aber kurz vor dem Beginn des neuen Schuljahres renkte ich mir beim Fußballspielen die Hüfte aus”, erzählt Tune. „Also kam ich ins Krankenhaus von Tarawa. Leider bemühte sich eine Frau, die traditionelle Medizin praktizierte, mich zu heilen, indem sie meine Hüfte massierte. Das machte alles aber nur noch schlimmer. Und dann entzündete sich die Hüfte auch noch. Ich wurde sehr krank.

    Als die Ärzte meiner Großmutter eröffneten, dass ich möglicherweise sterben würde, rief sie meine Familie nach Tarawa. Eines Tages hörte ich, wie sie vor dem Vorhang, der mein Bett umgab, mit den Ärzten sprachen. Die Ärzte sagten: Wir haben keine Hoffnung mehr. Die Infektion in seiner Hüfte ist weit fortgeschritten und greift langsam auf den Rest des Körpers über.'

    Als ich das hörte, dachte ich: ,Du liebe Güte! Sie glauben, dass ich sterbe!' Ich war ja im christlichen Glauben erzogen worden, und deshalb begann ich zu beten. Ich betete: ,Gott, du bist meine einzige Hoffnung. Wenn du mich am Leben lässt, verspreche ich dir, dass ich für dich als Missionar dienen werde. Ich werde mein ganzes Leben damit zubringen, dir zu dienen.' Natürlich dachte ich dabei an die Art von Missionaren, die es in der evangelischen und der katholischen Kirche gibt. Das war 1972, also noch ehe die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nach Kiribati kam.

    Ich lag flach auf dem Rücken und konnte mich noch nicht einmal alleine aufsetzen. Aber ich betete weiter, und eines Tages konnte ich mich wieder aus eigenen Kräften aufsetzen. Nach einer Weile konnte ich stehen und dann laufen. Zwei Jahre lang war ich im Krankenhaus.” Bei der Entlassung humpelte er zwar noch, aber er hatte überlebt."

    „Als ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte ich aus irgendeinem Grund keine Lust mehr, die protestantische Schule zu besuchen. Ich wollte viel lieber eine andere Schule besuchen, die AKAS hieß. Also meldete meine Großmutter mich 1974 dort an. In diesem Jahr besuchte Eb Davis, der Präsident der Mission Fidschi, unsere Schule, um zehn Schüler für die Liahona High School in Tonga auszusuchen. Es ist eine großartige Chance, eine High School besuchen zu dürfen. Bisher war dieser Vorzug nur zwei Gruppen zuteil geworden. Ich war älter als die meisten anderen Schüler und außerdem zwei Jahre lang nicht zur Schule gegangen, deshalb machte ich mir auch keine Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören. Aber ich wurde genommen.

    Nun stand meine Familie vor dem großen Problem, das Geld für die Fahrtkosten aufbringen zu müssen. Ich fragte meinen Vater: Wie willst du das Geld zusammenbringen? Wir haben doch nichts.' Mein Vater litt an einer unheilbaren Krankheit und konnte deshalb nicht arbeiten. Aber er sagte: Wir bekommen das Geld schon zusammen.' Meine Mutter nähte für das Krankenhaus und hatte so ein wenig Geld gespart. Mein Onkel und weitere Verwandte halfen auch mit. Es war wie ein Wunder, aber wir bekamen das Geld tatsächlich zusammen.

    So kam ich also 1975 an die Liahona High School. Als ich das Schulgelände betrat, kam es mir vor, als sei ich nun im Himmel. Die Schüler waren sauber, die Schule war sauber, und die Männer trugen Krawatten. Dann erfuhr ich, dass diese Schule von einer Kirche geführt wurde, nämlich den Mormonen. Ich hatte keine Ahnung, was ein Mormone war, und deshalb erkundigte ich mich.

    Gleich am ersten Sonntag begann ich mit den Missionarslektionen. Grant Howlett, einer meiner Lehrer, unterwies mich. Ich fand das alles sehr spannend. Schließlich hatte ich dem Herrn ja versprochen, als Missionar zu dienen, wenn er mich heilen würde. Und mir war klar, dass ich erst dann Missionar werden konnte, wenn ich mich der Kirche anschloss. Am 22. Juni 1975 ließ ich mich taufen — der Erste aus unserer Gruppe. Als meine Freunde mich fragten, warum ich mich der Kirche so schnell angeschlossen hätte, gab ich zur Antwort: ,Ich musste einfach alles annehmen, was sie lehren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der himmlische Vater sich genau das von mir wünschte.'

    Zwei Monate nach meiner Taufe wurden die Schüler aus Kiribati gefragt, ob jemand Interesse daran habe, nach Hause zurückzukehren und die Kirche dort vorzustellen. Ich meldete mich. Aber als herauskam, dass ich siebzehn Jahre alt war, sagte man mir, ich sei zu jung." Sechs junge Männer nahmen den Auftrag an, das Evangelium nach Kiribati zu bringen. Sie begannen Ende 1975 mit der Arbeit.

    Ehe sie die Rückreise antraten, bat ich sie noch, meine Eltern zu besuchen. Sie versprachen es mir. Außerdem schrieb ich viele Briefe nach Hause, in denen ich meiner Familie Zeugnis gab. Sie nahmen das Evangelium auch an und ließen sich taufen." Tebwebwenikai Rihauea Time, Tunes Großmutter, ließ sich als Erste in der Familie taufen.

    1978 schloss ich die Schule ab. Ich wollte noch immer Missionar sein. Aber inzwischen hatte ich auch Mau, meine zukünftige Frau, kennen gelernt. Wir beschlossen, dass ich auf Mission gehen sollte; anschließend wollten wir uns in Hawaii treffen und dort im Tempel heiraten. Allerdings hatte ich nicht die geringste Vorstellung, wie ich nach Hawaii kommen bzw. eine Mission bezahlen sollte."

    Das, was während der folgenden Jahre geschah, war für Tune wie ein Wunder. Als er die Schule abgeschlossen hatte, blieb er in Tonga, um für die Kirche zu übersetzen. Eine Familie von der High School half ihm, zum Neuseeland-Tempel zu fahren, wo er 1979 seine Begabung empfing. Nur wenige Monate später war er auf Mission in Kiribati. Nach seiner Mission bekam er die Möglichkeit, seine Ausbildung an der Brigham-Young-Universität — Hawaii fortzusetzen (er war der Erste aus Kiribati, der sein Examen an der Brigham-Young-Universität machte). Dort heirateten Mali und Tune (das erste Paar aus Kiribati, das im Tempel gesiegelt wurde). Das Gefühl, nach Kiribati zurückkehren zu müssen, anstatt eine Stellung in den Vereinigten Staaten anzunehmen, führte auf dem Flughafen von Fidschi zu einer Begegnung mit Elder John Sonnenberg, dem Gebietspräsidenten. Ein paar Tage später berief Elder Sonnenberg Tune zum Distriktspräsidenten von Kiribati. Präsident Tunes kirchliche Aufgaben führten ihn auch nach Salt Lake City, wo er eine künstliche Hüfte eingesetzt bekam. Nun musste er nicht mehr humpeln, und heute kann er fast schneller laufen als jeder andere.

    Als Tune Distriktspräsident auf Tarawa war, arbeitete er auch als Rektor der Moroni High School, einer Mormonenschule, die aus den Missionsbemühungen von Grant Howlett und seiner Frau Pat entstanden war. Als die Howletts 1976 nach Tarawa kamen, hatte die AKAS finanzielle Schwierigkeiten und Managementprobleme. Die Howletts sorgten für ein neues Management und baten die Kirche, die Schule zu kaufen. Die Kirche erklärte sich schließlich damit einverstanden.

   Leider gab es in der Regierung Widerstand gegen die Kirche. Aber der Herr hatte schon für einen Fürsprecher gesorgt. Baitika Toun, ein Mitglied der Kirche, war ins Parlament gewählt worden und trug dazu bei, mehrere Regierungsmitglieder in Schlüsselpositionen davon zu überzeugen, dass eine von der Kirche geführte Schule große Vorteile für die l-Kiribati bringen würde. Also kaufte die Kirche die Schule und nannte sie Moroni Community High School (heute Moroni High School).

    Die Schule hat sich wirklich als großer Segen erwiesen, und zwar nicht nur für die I-Kirihati, sondern auch für die Kirche selbst. Time sagt: „Die Moroni High School ist eine Modellschule für Kiribati. Unsere Absolventen sind gebildet und haben hohe sittliche Ideale. Sie werden gerne für verantwortungsvolle Positionen genommen. Und die Kirche selbst wird als Modellkirche betrachtet — was die sittlichen Ideale, die Maßstäbe und die Konzentration auf die Familie betrifft.”

    Doch nicht immer war der Ruf der Kirche in Kiribati so gut wie heute. „Als die Kirche neu im Land war, wurde uns vorgeworfen, wir seien gar keine Christen”, sagt Tune. „Wir mussten uns sogar vor dem Parlament verteidigen. Aber dadurch bekamen wir andererseits auch die Möglichkeit, den Führern unseres Landes das Evangelium zu predigen. Und wir haben alle Missverständnisse ausgeräumt.”

    Heute zieht die Schule eine neue Generation von Heiligen der Letzten Tage heran, die ein festes Zeugnis haben und eifrig das Evangelium verkünden. Das ist mit ein Grund dafür, dass die Kirche in Kiribati so schnell wächst. Ein weiterer Grund dafür ist das Licht des Evangeliums, das im Leben der Mitglieder auf Kiribati leuchtet. „Wir haben hohe Maßstäbe und starke Familien”, sagt Tune. „Das zieht die Menschen an. Als ich meine Mission antrat, gab es auf Kiribati zwischen fünfzig und hundert Mitglieder. Als meine Mission zu Ende war, gab es schon fünfhundert Mitglieder. Inzwischen haben wir fast sechstausend Mitglieder. Das sind ungefähr sechs Prozent der Bevölkerung. Nach nur zwanzig Jahren ist die Kirche die drittstärkste Kraft auf Kiribati geworden.” Als Tune 1996 nach neun Jahren als Distriktspräsident entlassen wurde, wurde der Distrikt umgebildet. Ein Pfahl entstand, und 'Tune wurde als Bischof der Gemeinde Eita (jetzt Gemeinde Eita 1) berufen.

    Inzwischen ist es fast Abend geworden. Tarawa liegt irgendwo im Dunst. Ein paar Möwen fliegen vorbei; sie sind auf der Stiche nach einem Schlafplatz. Tune schaut ihnen instinktiv nach. In der Abenddämmerung fliegen die Vögel nämlich auf direktem Wege zum Land; der Seefahrer, der ihnen folgt, findet immer den Weg nach Hause. Hinter den Vögeln hat sich der Himmel golden gefärbt, und auch das Wasser schimmert golden. Im warmen Licht sieht man Tune lächeln. Zu seinen Füßen steht eine Kühlbox, in der sich vier Tunfische tummeln, die unterwegs unbedingt mitkommen wollten.

    „Die Mitglieder hier sind wie die Seevögel”, sagt Tune. „Der große Fischer hat viele Fische, die gefangen werden müssen. Wir Mitglieder sind wie die Vögel, die den Missionaren zeigen, wo diese Menschen sind. Und durch unsere Lebensführung zeigen wir unseren Freunden und Verwandten den Weg zum ewigen Leben.”

    Gleichzeitig gehören die Mitglieder der Kirche in Kiribati aber auch selbst zu denjenigen, die vom Netz des Evangeliums gefangen worden sind. So wie sie manchmal vor lauter Vorfreude auf die Freuden des Himmels jauchzen, so jammern sie manchmal auch lauthals über die Probleme des Erdenlebens. Und dennoch — das Licht ist immer da, und auch der Glaube, in dieses Licht zu treten. Und in einem solchen Augenblick verschmelzen Meer und Himmel für kurze Zeit miteinander.

R. Val Johnson, April 2000

19:56 - 19.02.2008


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