Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Bolivien -- Segnungen im Überfluss

Es ist früh am Sonntagmorgen. Wir befinden uns in La Paz in Bolivien und sehen ein junges Ehepaar mit kleinen Kindern auf eine der vielen steilen, mit Kopfsteinen gepflasterten Straßen der 450 Jahre alten Stadt treten. Sie wollen eine Gemeinde in einem entfernten Teil ihres Pfahls besuchen. Der Mann ist Pfahl-JM-Leiter, seine Frau Pfahl JD-Leiterin. Weil sie kein Geld für den Bus haben, gehen sie zu Fuß; der Weg nimmt zwei Stunden in Anspruch – und das mit kleinen Kindern. Der zweistündige Fußmarsch ist ein Beispiel für die Glaubenstreue der bolivianischen Heiligen der Letzten Tage, die in den Genuss der Freude kommen, die Engagement und das Leben nach dem Evangelium mit sich bringen.

„Der Glaube unserer Mitglieder ist stark. Sie bringen Opfer, damit der Herr ihr Herz sehen kann”, erklärt Andres Pacheco, Präsident des Pfahles Sopocachi, La Paz, Bolivien.

Elder Rene J. Cabrera, ein Gebietsautorität-Siebziger im Gebiet Südamerika-West, ist der Meinung, dass die Opfer für das Evangelium es den bolivianischen Mitgliedern ermöglichen, über ihre Vergangenheit hinauswachsen. „Dieses Land sieht sich zwei wesentlichen Problemen gegenüber”, erklärt er. „Das sind zum einen die wirtschaftliche Lage und zum anderen schädliche Bräuche.” Beides ist eng miteinander verknüpft. Manche Bräuche ranken sich um fiestas, auf denen getanzt und getrunken wird und die eine Familie oft mehrere Monatslöhne kosten. ,Wir stehen vor der Aufgabe, die Menschen bei der Abkehr von solchen schädlichen Bräuchen zu unterstützen und ihnen zu helfen, sich den neuen Blickwinkel des Evangeliums zu Eigen zu machen", sagt Elder Cabrera. Seit 1964, als die ersten Missionare nach Bolivien kamen, unterstützt die Kirche die Bolivianer darin, den Übergang vom alten Lebensstil auf den neuen zu schaffen. Carmen und Luis Molina gehörten zu den Ersten in Bolivien , die sich der Kirche anschlossen.

„Zwei Missionare kamen an meine Tür und luden mich zur Frauenhilfsvereinigung ein, die bei Mitgliedern zu Hause stattfand”, erzählt Schwester Molina. „Die Versammlung gefiel mir sehr gut. Zu Hause erzählte ich meinem Mann davon.” Luis war zuerst etwas misstrauisch, aber 1965 schloss sich die Familie dann der Kirche an, und er wurde als erster Bolivianer zum Ältesten ordiniert. „Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört es, dass die Familie sich für die Kirche fertig machte”, erzählt ihr Sohn, Rolando Molina, der heute als Präsident des Pfahles Satélite, El Alto, Bolivien, dient. ,.Am liebsten hatte ich den Samstag. Wir haben gebügelt und Vorbereitungen getroffen. Und am Sonntag sind wir zur Kirche gegangen. Wir sind extra langsam gegangen, damit die Kinder auch mitkamen. Für den Weg zur Kirche haben wir eine ganze Stunde gebraucht. Ich denke gerne an diese gemeinsamen Spaziergänge zurück."

Carmen und Luis haben beide im Lauf der Jahre getreu in vielen Berufungen gedient und miterlebt, wie die Kirche gewachsen ist. 1979 besuchte Präsident Ezra Taft Benson (1899-1994), der damals Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel war, das Land und gründete den ersten Pfahl. Während seines Aufenthaltes weihte er das Land auch erneut für die Ausbreitung des Evangeliums.

In den Jahren, die seither vergangen sind, ist die Kirche stark gewachsen. Inzwischen gibt es mehr als einhunderttausend Mitglieder in einundzwanzig Pfählen und neun Distrikten, die meistens von Führern geleitet werden, die sich als erste Generation in ihrer Familie der Kirche angeschlossen haben und zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt sind. „Die Tendenz geht zum weiteren Wachstum”, sagt Elder Cabrera. „In unserem Land gibt es mehr als einhundertunddreißig Gemeindehäuser und einen Tempel. Die zweite Generation wächst heran und bereitet sich derzeit im Seminar und im Institut auf ihre Aufgaben vor. Das ist die Generation des Wandels.” Immer mehr Bolivianer finden Kraft in den Lehren des Evangeliums, die ihnen helfen, schädliche Bräuche hinter sich zu lassen und ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Der Blick auf Mitglieder in drei Städten zeigt, was für Segnungen ihnen zuteil werden.


In La Paz werden Führer herangeblidet

Jeden Abend blinken viele tausend Lichter auf den steilen Berghängen, die die in einem etwa vier Kilometer breiten, wie eine Schüssel geformten Tal liegende Stadt La Paz umgehen. La Paz liegt auf einer der höchsten Hochebenen der Welt, dem Altiplano, und zwar auf einer Höhe von 3 600 Metern. Wie ein Wächter erhebt sich der majestätische Illimani über der Stadt, dessen 6 400 Meter hoher Gipfel auch im Sommer mit einer Schneehaube bedeckt ist. Die überfüllten, steilen Straßen von La Paz, das mehr als eine Million Einwohner hat, sind voll gestopft mit Taxis und Minibussen. Fast überall in der Stadt drücken sich Läden neben engen Bürgersteigen aneinander. Meistens erheben sich dahinter noch mehrere Wohnblöcke. La Paz ist eine bunte, lebendige Stadt. Hier sind sechs Pfähle beheimatet, die schnell größer werden, weil immer mehr Menschen das Evangelium annehmen.

Es ist eine ständige Herausforderung, genug Führungskräfte in La Paz zu schulen. Dies gilt allerdings auch für die meisten Gebiete, in denen die Kirche schnell wächst und in kleinere Einheiten gegliedert wird. Wenn jemand, der sich zur Kirche bekehrt hat, eine Berufung bekommt, wird sein noch frisches Zeugnis dadurch oft fester. Miguel Herrera und seine Frau, Teresa, bilden da keine Ausnahme. ,Wir haben uns der Kirche angeschlossen, weil wir uns mehr vom Leben erwartet haben", erklärt Miguel. „Ich hatte einen Unfall, und dabei ist mein ganzes Leben an meinem inneren Auge vorübergezogen. Ich sah Stellen, die mir nicht gefielen, und ich fragte mich, was daran nicht richtig war. Was hatte das zu bedeuten?”

Eines Tages unterhielt sich Teresa mit einer Freundin. „Ich erzählte von den Sorgen mit unseren Kindern, und sie bot mir an, mir eine Ausgabe einer Zeitschrift zu leihen, die den Titel Liahona trug”, erzählt Teresa. Schon bald bekamen sie Besuch von zwei Missionaren. Während sich Teresa und Miguel mit dem Evangelium befassten, schlossen sie Freundschaft mit David Angulo, dem Pfahlpatriarchen, und seiner großen Familie. „Sie waren ein gutes Beispiel für das, was wir uns für unsere Familie wünschten”, erinnert sich Miguel. Als Miguels Sohn eine Blinddarmentzündung bekam, gab Bruder Angulo ihm einen Segen und verhieß ihm, dass er wieder gesund werden würde. Als er später operiert wurde, konnte der Arzt nichts feststellen. Dieser Segen ließ das Zeugnis der Familie Herreras von ihrem neuen Glauben und der Macht des Priesterrums fester werden.

Schon bald nach ihrer Taufe im Jahr 1996 bekamen sowohl Miguel als auch Teresa jeweils eine Berufung, die sie sehr überraschte: Miguel wurde als Ratgeber in der Bischofschaft berufen und Teresa als Pfahl-FHV-Leiterin. Nach den Worten von Victor Hugo Agramont, dem Ersten Ratgeber in der Präsidentschaft des Pfahles Miraflores in La Paz, wurden viele Schwestern für die Aufgabe im Pfahl in Betracht gezogen, aber „ihr Name kam uns immer wieder in den Sinn”, erzählt er. Also sprachen sie die Berufung aus, und Teresa nahm sie an „Dies ist das Werk des Herrn”, sagt Miguel. „Es nährt unseren Geist und erfüllt ihn. Dies ist unseres Wissens die einzige Kirche, die deutlich macht, wie wichtig die Familie ist.”

Die Hand des Herrn zeigt sich auch in vielen weiteren Berufungen. So wie Führungskräfte gebraucht werden, so werden sie bereitgemacht und dann berufen. José Acedo wohnte als junger Mann in Lima, Peru. „Ich wollte gerne heiraten und hatte auch das Gefühl, dass es der richtige Zeitpunkt sei”, erzählt er. „Also nahm ich mir frei und ging zum Tempel und von dort aus in die Natur hinaus, um nachzudenken.” Mehrere Tage vergingen, und als sein Urlaub sich dem Ende zuneigte, fühlte er sich gedrängt, nach La Paz zu fahren. Er unternahm die lange Reise und traf so rechtzeitig dort ein, dass er am Sonntag eine Distriktskonferenz besuchen konnte. Als er im Gemeindehaus saß, fühlte er sich zu einer bestimmten jungen Frau im Chor hingezogen. Nach der Versammlung stellte er sich Rosaura-Saínz vor, und die beiden fingen an, sich zu unterhalten. Drei Stunden später dachten sie schon über eine feste Beziehung nach. Vier Monate später, im Oktober, verlobten sie sich. Und Weihnachten heirateten sie. „Wir sind dem Herrn so dankbar dafür, dass er uns zusammengeführt hat”, sagt José.

Als die Acedos nach La Paz gezogen waren, wurde José zum Bischof der Gemeinde Norte im Pfahl Constitución in La Paz berufen. Als Bischof steht er beständig vor der Aufgabe, den Mitgliedern seiner Gemeinde bewusst zu machen, was es bedeutet, andere in ihren Berufungen zu unterstützen und beim Dienen von sich zu geben. „Die Liebe ist der Schlüssel zum Herzen”, sagt er. Er begann, Familien zu besuchen, um ihnen eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie der Dienst in der Kirche aussehen soll. „Wenn ich eine Familie besuche, zeige ich ihr, dass ich sie liebe, und erkläre ihr, wie man seine Mitmenschen liebt. Ich bete mit ihnen. Ich bitte um mehr Eintracht in ihrem Zuhause. Wenn nämlich die Liebe in der Familie zunimmt, dann nimmt auch die Liebe in unserer Gemeinde zu.”

Auf der Grundlage dieser Liebe spricht Bischof Acedo Berufungen an die Mitglieder seiner Gemeinde aus. Er erklärt: „Wir arbeiten mit den Menschen. Wir sprechen darüber, wie man Berufungen annimmt und lernt, sie zu erfüllen. Und wir unterhalten uns auch darüber, was es bedeutet, andere zu unterstützen, die eine Führungsposition innehaben.” Auf diese Weise machen die Mitglieder seiner Gemeinde Fortschritt und entwickeln Führungseigenschaften.

„Die Führer müssen gestärkt werden”, meint Präsident Pacheco. „Zuerst stärken wir die Führer, die dann ihrerseits die Mitglieder stärken. Wir arbeiten an geistigem Wachstum, und das Niveau der geistigen Gesinnung in unseren Gemeinden und Pfählen ist im Begriff, sich zu heben. Die Kirche wächst in Bolivien nicht nur gemessen an der Mitgliederzahl, sondern auch gemessen an der geistigen Reife der Mitglieder. Heute sind alle sechs Pfahlpräsidenten in La Paz und alle Bischöfe Bolivianer – von einer einzigen Ausnahme einmal abgesehen.”


Die Kirche in Santa Cruz stark machen

Nach der sauerstoffarmen Luft in La Paz ist die schwere, feuchte Luft in Santa Cruz eine große Überraschung. Man kann sich keine unterschiedlicheren Städte im selben Land vorstellen. Santa Cruz liegt im Landesinneren an der warmen und oft regnerischen Südseite des Amazonasbeckens und erstreckt sich kilometerweit über den flachen, öl- und rohstoffreichen Boden in diesem Teil Boliviens. Gärten, Innenhöfe und überwölbte Torwege dominieren im fast tropischen Klima der Stadt. Die Kirche ist stark und wächst kontinuierlich. Es gibt sechs Pfähle, deren Führungskräfte gerne bereit sind, neue Mitglieder willkommen zu heißen und die Übrigen zu stärken.

Lucio Gil Diez, Bischof der Gemeinde Beien im Pfahl Equipetrol in Santa Cruz, sieht eine seiner Hauptaufgaben darin, neuen Mitgliedern zu helfen, der Kirche treu zu bleiben. „Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man neu in der Kirche ist”, sagt er. Als junger Mann war er einmal arbeitslos und begleitete einen Verwandten zur Baustelle eines Gemeindehauses. Dort wurde er als „Untersucher” vorgestellt. „Was ist denn das?”, fragte er und schaute sich auf der Baustelle um. „Ich bin doch nicht hier, um irgendetwas zu untersuchen.” Doch schon bald wurde er wirklich zum Untersucher und schloss sich schließlich der Kirche an. Mit siebenundzwanzig Jahren wurde er zum ersten Mal als Bischof berufen.

Weil Bischof Díez weiß, wie wichtig es für ein neues Mitglied sein kann, Freunde zu finden, unterstützt er die wöchentlich stattfindenden Freundschaftsabende, die am selben Abend abgehalten werden wie die JD- und JM-Versammlungen. Dies gilt übrigens auch für viele weitere Gemeinden und Pfähle in Bolivien. Hier sollen Liebe und Freundschaft zwischen Mitgliedern, Untersuchern und neuen Mitgliedern gefördert werden. Bischof Díez erklärt: „Die Gemeinde ist aufgefordert, sich am Donnerstagabend zu versammeln. Viele Mitglieder bringen Freunde mit. Jede Woche ist eine andere Familie für die Gestaltung des Abends verantwortlich. In gewisser Weise ähnelt diese Versammlung dem Familienabend.”

Wenn sich jemand der Kirche anschließt, wird die Gemeinde zur Taufe eingeladen, und das neue Mitglied wird zu den Freundschaftsabenden eingeladen. „Wir nähren die neuen Mitglieder geistig”, erklärt Bischof Díez. „Und wir geben ihnen eine Berufung.” Als Beispiel nennt er eine Familie, die sich erst vor acht Monaten hat taufen lassen. Die Frau dient bereits als FHV-Leiterin, ihr Mann als Sekretär des Ältestenkollegiums und der Sohn als Präsident des Diakonskollegiums.

Der Pfahl Paraíso in Santa Cruz misst der Betreuung von neuen Mitgliedern ebenfalls große Bedeutung zu. Hier verfolgen die Pfahlmissionare bis zu achtzehn Monate nach der Taufe den Fortschritt, den die neuen Mitglieder machen. „Zwei Brüder aus dem Hohenrat arbeiten direkt mit den Bischöfen und ihren neuen Mitgliedern”, erklärt Guillermo Quintana, der selbst einmal Pfahlpräsident war. „Wenn jemand neu in die Kirche kommt, unterhalten wir uns mit ihm, besuchen ihn und sorgen dafür, dass er eine Berufung bekommt und Freunde findet. Wir sind im Begriff, den Rat von Präsident Gordon B. Hinckley anzuwenden, nämlich jedem Bekehrten zu helfen, einen Freund zu finden, eine Berufung zu bekommen und sich vom guten Wort Gottes nähren zu lassen.” (Siehe „Gedanken zum Tempel, dazu, wie wir es erreichen, dass unsere neuen Mitglieder aktiv bleiben, und zum Missionsdienst”, Der Stern, Januar 1998, Seite 56.) Das hat dazu geführt, dass zweiundsiebzig Prozent der neuen Mitglieder, die sich vor kurzem im Pfahl taufen ließen, noch immer in der Kirche aktiv sind.

Präsident Quintana weiß, wie wichtig es ist, dass man Freunde in der Kirche findet. Als er sich im Alter von achtzehn Jahren taufen lassen wollte, drohte sein bester Freund damit, er werde nie wieder mit ihm reden, wenn er sich wirklich der Kirche anschloss. Zehn Minuten vor Beginn des Taufgottesdienstes fasste Guillermo den Entschluss, sich trotzdem taufen zu lassen, und machte sich auf den Weg zum Gemeindehaus. „An jenem Abend habe ich meinen liebsten Freund verloren”, erinnert er sich. Doch nicht einmal zwei Wochen später lernte er die Frau kennen, die er später heiratete. Als er auf Mission ging, unterstützte sie ihn wie ein guter Freund. Nach seiner Mission erlebte er etwas, was sein Leben völlig veränderte. Er wurde schwer krank und musste eiligst in Krankenhaus gebracht werden. Während er dort mit dem Tode rang, spürte er, wie ihm geistiger Trost zuteil wurde. Irgendwie hatte er das Gefühl, er müsse noch viel erledigen. Dieses Erlebnis verstand er als Bestätigung dafür, dass er noch wichtige Aufgaben in der Kirche des Herrn zu erfüllen hatte.

„Seitdem bin ich gebeterfüllt bemüht, das zu erkennen, was der Herr von mir erwartet”, sagt Präsident Quintana. Bei seinen Bemühungen, den Pfahl stark zu machen, fragt er sich oft: „Was wollen wir überhaupt erreichen?” Dann legen er und seine Ratgeber konkrete Ziele für Führungskräfte und Mitglieder fest. „Wir machen den Mitgliedern deutlich, dass sie keine Angst zu haben brauchen, die Gebote zu halten”, sagt er. ,Wir müssen ihnen den richtigen Blickwinkel vermitteln. Dann bleiben die Segnungen auch nicht aus." Augusta Ávalos de Ma, die FHV-Leiterin der Gemeinde Pampa, hat dies begriffen. Auf Weisung des Bischofs begann Schwester Ma damit, die Mitglieder durch eine Aktion stark zu machen, die unter dem Motto la canasta del Senor (der Korb des Herrn) steht. Am letzten Sonntag des Monats bringen die Schwestern Grundnahrungsmittel mit und legen sie in den Korb. „Im Rahmen des Besuchslehrprogramms prüfen wir, wer in Not ist, und teilen die Produkte unter diesen Familien auf”, erklärt sie.

Der Pfahl ist bemüht, das Bedürfnis der Mitglieder nach zwischenmenschlichen Kontakten durch gut geplante Aktivitäten zu stillen. Einmal im Jahr wird auf Pfahlebene beispielsweise ein Volkstanzfestival veranstaltet, wo prächtige bolivianische Tänze gezeigt werden. Diese Darstellung der Landesbräuche findet großes Echo in der Presse; jedes Jahr schreiben die Zeitungen darüber. „Wir sind bemüht, auch auf diese Weise das Beste unserer Kultur zu bewahren”, erklärt Präsident Quintana.

Die Mitglieder des Pfahls Paraíso finden auch Möglichkeiten, in ihrem Gemeinwesen mitzuarbeiten. Zweimal im Jahr organisiert die FHV den Besuch in einem Waisenhaus. „Die Schwester waschen und füttern die Kinder und spielen mit ihnen. Sie spenden Kleidungsstücke und helfen den Kindern beim  Anziehen und beim Kämmen", sagt Präsident Quintana. Während dieses Dienstprojekts kümmern sich die Schwestern um mehr als einhundert Säuglinge und Kleinkinder.


Sich für den Tempel in Cochabamba  bereitmachen

Die Augen der Mitglieder in ganz Bolivien richten sich auf Cochabamba und den neuen Tempel, der in diesem Jahr fertig gestellt wird. Elder Mario E. Guzmán, Gebietsautorität-Siebziger, weiß noch gut, wie er am 21. Januar 1995 einen Anruf von Elder Julio E. Dávila bekam, der damals zur Präsidentschaft des Gebietes Südamerika-Nord gehörte und ihn zu einer besonderen Versammlung einlud. „Keiner der Anwesenden wusste, warum die Versammlung einberufen worden war”, erinnert sich Elder Guzmán. „Elder Dávila verlas ein Fax der Ersten Präsidentschaft. ,Wir haben den Bau eines Tempels in Cochabamba, Bolivien, genehmigt.' Tiefes Schweigen breitete sich aus. Ein Tempel? Bei uns? Wir wussten nicht, was wir sagen sollten. Alle begannen zu weinen.”

Cochabamba wurde wahrscheinlich deshalb als Standort für den Tempel ausgewählt, weil es mitten im Land auf 2 400 Metern Höhe an den Osthängen der hoch in den Himmel ragenden Anden liegt. Dadurch herrscht gemäßigtes Klima in Cochabamba. Das zieht viele Menschen an. Allerdings gibt es häufig Dürreperioden, und im Jahr 1996 fiel monatelang überhaupt kein Regen. Dann, im November, zweiundzwanzig Monate nach der Ankündigung, dass ein Tempel gebaut werden sollte, strömten Menschen aus dem ganzen Land herbei, um der Grundsteinlegung beizuwohnen. Am Tag, als Präsident Gordon B. Hinckley ankommen sollte, fing es endlich an zu regnen. Als der Präsident das Tempelgelände erreichte, waren die Heiligen der Letzten Tage schon da. Sie hatten schon seit Stunden im strömenden Regen ausgeharrt. Präsident Hinckley begrüßte die „durchnässten Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage” und versicherte ihnen, der Herr wisse um sie und die Opfer, die sie gebracht hätten.

In ganz Bolivien steht die Vorbereitung auf die heiligen Handlungen im Tempel derzeit an erster Stelle, aber die vier Pfähle in Cochabamba arbeiten besonders intensiv an diesem Ziel. Die Mitglieder sind eingeladen, sich samstags gemeinde- bzw. zweigweise die Baustelle anzuschauen und dort den Geist zu spüren. „Wir machen die Menschen bereit”, erklärt Ivan Gutiérrez, der Präsident des Pfahles Jaihuayco in Cochabamba. „Wir fordern sie auf, sich geistig bereitzumachen. Unser Ziel ist es, dass bei jeder Familie zu Hause in Bild vom Tempel hängt. Wir haben festgestellt, welche Mitglieder keinen Tempelschein haben, besuchen sie und helfen ihnen, sich Ziele zu setzen. Das hat zu großen Veränderungen im Leben der Betreffenden geführt.”

In der Gemeinde Cosmos im Pfahl Jaihuayco bringt die Bischofschaft den Freitagabend damit zu, die Mitglieder zu Hause zu besuchen. „In der einen Woche besuchen wir neue Mitglieder”, erklärt Milton Ayala, Ratgeber in der Bischofschaft. „In der anderen Woche besuchen wir weniger aktive Familien. Bisher sind schon viele zur Kirche zurückgekommen.”

Ein Grund dafür ist sicher in der Begeisterung für den Tempel zu suchen. „Der Tempel hat in Cochabamba viel verändert”, meint Bruder Ayala. „Wir tragen Freude im Herzen, und die Menschen sind sehr bemüht, sich bereitzumachen, damit sie den Tempel betreten dürfen.” Um ihnen dabei zu helfen, bietet die Gemeinde Seminare zur Vorbereitung auf den Tempel an.

Im Pfahl Universidad in Cochabamba war die FHV-Leiterin María Mercau de Aquino an der Organisation einer Versammlung für Ehepaare auf Pfahlebene beteiligt. „Wir wollten damit die Ehe stark machen und den Frauen das Gefühl vermitteln, dass sie wertvoll sind”, erklärt sie. „Ich möchte, dass die Schwestern glücklich sind — glücklich mit den Segnungen, die der Herr uns geschenkt hat.” Wenn die Familie auf diese Weise stark gemacht wird, bereitet sie sich darauf vor, die Segnungen des Tempels zu empfangen •-- und die Segnungen des Tempels machen die Familie noch stärker.

Kaum jemand ist mehr bemüht, die Familie für die Segnungen des Tempels bereitzumachen, als Antonio und Gloria Ayaviri. Bruder Ayaviri ist sich bewusst, dass die Mitgliedschaft in der Kirche und der Besuch des Tempels großen Einfluss auf sein Leben haben. „Jetzt, wo wir das Evangelium und die Segnungen des Tempels haben ist es viel leichter, Kinder zu erziehen", meint er. „Unser Zuhause ist wie ein Stück Himmel. Wir haben gelernt, dass wir zuerst dem Herrn dienen müssen, damit uns Segnungen zuteil werden und wir so leben können, wie es für die Familie vorgesehen ist.”

Bruder Ayaviri, der als Pfahl-Missionspräsident des Pfahles Universidad dient, wünscht sich, dass anderen Menschen die gleichen Segnungen zuteil werden. „Wenn es hier einen Tempel gibt, wird die Kirche wachsen”, ist er überzeugt. „Meine Berufung bietet mir die Möglichkeit, eine Mission zu erfüllen und anderen zu helfen, in den Genuss der Segnungen zu kommen, deren wir uns bereits erfreuen. Der Tempel bedeutet uns sehr viel; er ist ein Symbol für das Werk des Herrn.”

Diese Einstellung teilen die Heiligen der Letzten Tage in ganz Bolivien. Die Mitglieder machen sich bereit und leben, zunehmend engagierter nach dem Evangelium. Und am Sonntagmorgen nehmen viele Eltern ihre Kinder wie bisher an die Hand und machen sich auf den langen Fußweg zur Kirche. Doch für sie ist das kein Opfer – sie wollen dem Herrn damit zeigen, dass sie ein aufrichtiges Herz besitzen. Und solcher Gehorsam zieht Segnungen nach sich, die sich über das ganze Land ergießen.

Judy C. Olsen, August 2000

19:53 - 19.02.2008


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