Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Wie das Evangelium in Osteuropa fußfaßt

Die Verkündigung des Evangeliums in aller Welt dient einer göttlichen Bestimmung. Die Propheten erklären seit langem, daß das Wort des Herrn jedes Land durchdringen und daß es jedem Stamm, jeder Sprache und jedem Volk verkündet werden wird. Abraham erhielt die Verheißung: „Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde.” (Genesis 22:18; ) Nephi „sah die Kirche des Lammes ... über die ganze Erde verbreitet”. (1. Nephi 14:12.) Und der Herr selbst hat verkündet: „[Meine] Stimme . . . ergeht an alle Menschen, und es gibt keinen, der ihr entrinnt; und es gibt kein Auge, das nicht sehen wird, auch kein Ohr, das nicht hören wird, und auch kein Herz, das nicht durchdrungen werden wird.” (LuB 1:2.)
Die Etablierung des Evangeliums in den Ländern Osteuropas in den letzten zwanzig Jahren ist ein deutliches Zeugnis dafür, wie diese und ähnliche Prophezeiungen in Erfüllung gehen. Aber diese Erfüllung fand nicht ohne jahrelange Vorbereitung und erhebliche Veränderungen in der politischen Atmosphäre Osteuropas statt. Auch nicht ohne ähnliche Jahre der Vorbereitung in der Kirche selbst. Ich möchte hier persönliche Beobachtungen zu einigen wenigen Ereignissen wiedergeben, die mit dieser Vorbereitung und Veränderung zu tun hatten. Zwischen 1975 und 1991 habe ich mehrere Jahre mit meiner Familie in Europa gelebt, wo ich zunächst im Bereich Mikroverfilmung für die genealogische Arbeit der Kirche, dann als Missionspräsident und schließlich als Generalautorität tätig war

WANDEL IN EUROPA
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wünschten viele Menschen sich die Freiheit, ihre persönlichen, politischen und religiösen Vorlieben zum Ausdruck bringen zu können. Aber die Herrschaft einer einzigen politischen Partei machte dies schwierig und führte zu gefährlicher politischer Konfrontation. Die Menschen in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien standen bei diesen Auseinandersetzungen an vorderster Front. Ihren denkwürdigsten Ausdruck fanden die Bekundungen des Unwillens in dem Aufstand in Ungarn von 1956 und in Prag von 1968. Die Arbeiteraufstände in Polen von 1956, 1970 und 1976 führten letztlich dazu, daß im Dezember 1980 die freie Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde.
Diese Bekundungen politischen Unwillens steigerten sich in Ungarn im Jahre 1989 immer mehr. Am 1. Mai 1989 begann Ungarn, den Zaun entlang der östereichischen Grenze abzubauen. Es gestattete Menschen aus der DDR, über diese Grenze nach Osterreich zu gelangen. Bis zum 10. September waren über 100000 Bürger der DDR nach Westeuropa gelangt. Ich wohnte damals mit meiner Familie in 'Wien. Jeden Abend gab es im Fernsehen Berichte über das lautstarke Willkommen, mit dem die DDR-Bürger beim Grenzübertritt in Österreich begrüßt wurden. Mit ihnen kamen Ungarn. Die Straßen, die nach Wien führten, waren voller Ungarn, die sich jetzt frei bewegen konnten. Viele kamen zum ersten Mal in ihrem Leben nach Osterreich und kehrten dann nach Hause zurück. Andere entschieden sich dafür, zu bleiben und die liberale Asylgesetzgebung in Anspruch zu nehmen. Wieder andere kamen, um Geräte zu kaufen, die es bei ihnen nicht gab. Häufig sah man Waschmaschinen, Kühlschränke und andere Geräte, die oben auf den Autos festgebunden waren und nach Ungarn transportiert wurden.
Das sichtbarste Ergebnis dieses Wegfalls der Grenzen war der Einsturz der Berliner Mauer. Sie zog sich zwar nur um den sowjetischen Sektor Berlins, aber sie war das Symbol eines geschlossenen politischen und wirtschaftlichen Systems in ganz Osteuropa. Die Öffnung der Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 stellte die symbolische Öffnung Osteuropas dar.
Auch andernorts in Osteuropa dämmerte ein neuer Morgen. Nur zwei Wochen nach der Öffnung der Berliner Mauer im November kamen mehrere tausend Tschechen und Slowaken nach Wien. Es wurden außerhalb der Stadt spezielle Parkplätze bereitgestellt, die die Hunderte von Bussen aufnehmen sollten, die da aus der Tschechoslowakei kamen. In der ganzen Stadt herrschte Feststimmung. In vielen Läden erschienen Schilder in ungarischer und in tschechischer Sprache.
Während all diese Ereignisse stattfanden, hatten die Menschen in ganz Osteuropa immer mehr Möglichkeiten, fernzusehen und Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, ganz zu schweigen vom persönlichen Kontakt mit westlichen Geschäftsleuten und anderen. Die Hoffnung, die diese Kontakte mit sich brachten, schuf eine Zuversicht und Ruhelosigkeit, die sich nicht mehr eindämmen ließen. Die politische Teilung zwischen Ost und West erfuhr grundlegende Veränderungen. Moskau selbst trug ganz wesentlich zu diesen Veränderungen bei. 1987 rief Michail Gorbatschow seine Prinzipien Glasnost' (Offenheit) und Perestrojka (Umstrukturierung) ins Leben. Sie spiegeln einen Wandel in der Einstellung wider, der seit Jahren in den Völkern Osteuropas gewachsen war. Interessanterweise fand diese gewandelte Einstellung ihren Ausdruck bei Regierungsvertretern, die sich dem Wunsch des Volkes nach mehr persönlicher Freiheit, auch nach Freiheit des religiösen Ausdrucks, immer weniger verschlossen.

EINE ZEIT DER VORBEREITUNG FÜR DIE KIRCHE
So wie die politischen Ereignisse des Jahres 1989
So wie die politischen Ereignisse des Jahres 1989 nicht ohne lange Jahre der Vorbereitung stattfanden, war dies auch bei der Einführung des Evangeliums der Fall. Die Kirche war diesem Teil der Welt nicht fremd. Schon in früheren Jahren und unter anderen politischen Systemen hatten Missionare in Osteuropa erfolgreich gedient, und Generalautoritäten, Geschäftsleute und Akademiker hatten häufige Kontakte mit den dortigen Führern. Trotzdem wirkte es sich natürlich aus, daß die Kirche nicht offiziell vertreten war. Bis 1975 gab es, mit der bemerkenswerten Ausnahme der DDR; in Osteuropa nur wenig kirchliche Aktivität.
Eine Handvoll treuer Mitglieder der Kirche blieb in der Tschechoslowakei.' Im heutigen Polen und in der früheren Sowjetunion waren viele Missionare früher erfolgreich tätig gewesen, wenn auch fast nur bei der deutschsprachigen Bevölkerung. Aber bis Mitte der siebziger Jahre waren die meisten Mitglieder entweder gestorben oder in die Bundesrepublik übersiedelt. Von der früheren missionarischen Aktivität im östlichen Ungarn und westlichen Rumänien war kaum etwas übriggeblieben.
Stellvertretend für die Mitglieder, die sich durch diese schwere Zeit hindurchkämpften, steht die Polin Marianna Glownia. Während des Zweiten Weltkriegs waren sie und ihr Mann im Untergrund aktiv und kämpften gegen die Nazibesetzer und wurden gefangen genommen. Sowohl ihr Mann als auch ihr Kind wurden getötet. Sie überlebte, aber durch die grausamen Verhöre blieb sie mir gebrochenen Hand- und Fußgelenken zurück. Sie hatte keinerlei ärztliche Hilfe, und so heilten die Gelenke in diesem Zustand, wodurch sie verkrüppelt blieb. Sie konnte kaum laufen und war auf die Hilfe ihrer Nachbarn angewiesen.
Nachdem sie sich 1958 der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angeschlossen hatte, erklärten ihr Mitglieder einer anderen Kirche, sie würden ihr Leben lang für sie sorgen, wenn sie ihre Mitgliedschaft aufgab. Als ich sie 1981 besuchte, sah sie mich und meinen Reisebegleiter, Matthew Cziemhronowicz, an und sagte: „Brüder, ich möchte, daß Sie wissen, daß ich meinen Glauben nie verleugnet habe.” Aufgrund der schwierigen Umstände hatte sie zwar den Kontakt mit der Kirche, nicht aber mit dem Herrn verloren.
Und weder der Herr noch seine Kirche hatten sie und die anderen mit einem ähnlichen Schicksal vergessen. Still und geduldig arbeiteten beide daran, den Weg für die Zeit zu bereiten, da die Kirche mit ihrem vollen Programm nach Osteuropa zurückgebracht werden konnte.

FREUNDSCHAFTEN SCHLIESSEN
Einer der besten Botschafter für den Herrn war die Mikroverfilmungsarbeit der Kirche. 1957 wandte Ungarn sich an die Genealogische Abteilung und bat um Hilfe bei der Konservierung der Unterlagen des Landes. Innerhalb weniger Jahre zog Polen nach, wobei Elder Alvin R. Dyer, der Europäische Missionspräsident, 1962 mit den Verhandlungen begann.' Bis 1968 hatte man einen Vertrag geschlossen, und die Verfilmung begann kurz danach. Diese Mikroverfilmung brachte der Kirche eine Anzahl einflußreicher Freunde ein, die genau dann, als die Kirche ihre Hilfe brauchte, wertvolle Fürsprecher waren.
Diese Arbeit war deshalb so effektiv, weil sie die Gelegenheit mit sich brachte, daß Mitglieder der Kirche und aufgeschlossene Menschen hinter dem eisernen Vorhang Freundschaft schlossen. 1975 besuchte ich Kiew in der Ukraine, und zwar als Teilnehmer von Gesprächsrunden zu Archivangelegenheiten. Nach einer geselligen Veranstaltung, die außerhalb der Stadt stattfand, bestiegen die Teilnehmer einen Bus, um die lange Rückfahrt nach Kiew anzutreten. Einer der Konferenzdolmetscher saß neben mir. Da es schon so spät war, schliefen fast alle anderen bald. In dem Augenblick sprach er mich an und fragte, oh ich Mormone sei.
Seine Frage überraschte mich. Wer wußte 1975 in Osteuropa schon etwas über die Kirche und hatte den Mut, überhaupt zu fragen? Ich fragte, warum er das wissen wolle. Er sagte, er habe einmal bei einer Konferenz ein Mitglied der Kirche kennengelernt. Was er an mir beobachtete, erinnerte ihn an seinen früheren Bekannten. Wir verbrachten mehrere Abende mit fruchtbaren Gesprächen.
Ich weiß nicht, wer jenes Mitglied der Kirche war, aber sein Beispiel hat diesen Mann nachhaltig beein druckt. Einzelne Mitglieder der Kirche machen die Menschen durch ihr Beispiel mit dem Evangelium bekannt, lange ehe die Kirche offiziell vertreten ist.
Weitere persönliche Kontakte wurden mit Menschen geknüpft, die professionelle Hilfe anboten. Zu den wichtigsten dieser Kontakte gehörte die Rechtsberatung seitens der Kirche. Die tiefgreifenden politischen Veränderungen in Osteuropa brachten im juristischen Bereich eine tiefe Krise mit sich. Die Regierungen brauchten Hilfe hei der Auslegung der bestehenden Gesetze und beim Verfassen neuer. Der Wert des juristischen Beistands durch die Kirche in diesen Entwicklungsjahren ist kaum zu überschätzen.
Von unschätzbarem Wert war auch die Arbeit der Missionarsehepaare, die .zum Dienst in Osteuropa berufen wurden. Der Dienst, den sie leisteten, war ebenso vielfältig wie effektiv. Von humanitärer Hilfe in entlegenen Gefängnissen in Rußland zu medizinischer Schulung in Rumänien, vom Aufbau der Programme des Bildungswesens der Kirche bis zur Übersetzung von Unterlagen der Kirche — die große Arbeit der Kirche in Osteuropa hätte ohne die Arbeit der Missionarsehepaare nicht bewältigt werden können. Sie fanden Freunde und machten Erfahrungen, die in späteren Jahren von unschätzbarem Wert waren.
Diesen Pionieren kann man keinen größeren Tribut zollen als mit der Anerkennung ihres Beispiels und der Beständigkeit ihres Glaubens auch in schwierigen Umständen. In der Mitte der siebziger Jahre und zu Beginn der achtziger Jahre war es gefährlich, sich in Osteuropa mit religiösen Belangen zu befassen, und die Missionare wurden manchmal durchsucht und anderweitig belästigt. Viele sprachen die Landessprache nicht, und sie wußten, wie es war, wenn man wenig zu essen hatte und keinen elektrischen Strom, keine Heizung und kein fließendes Wasser. Aber sie gaben denen, die noch größere Not litten, großzügig von ihrem Uberfluß ab.
Die Ehepaare waren Lehrer, und wo sie konnten, vermittelten sie auch die Grundsätze des Evangeliums. Noch häufiger vermittelten sie den unerfahrenen neuen Führern und Mitgliedern der Kirche, was es heißt, in der Kirche Führungsaufgaben wahrzunehmen. Am wichtigsten war das, was sie durch ihr Beispiel lehrten. Ihr Vertrauen in die Zukunft war ansteckend, und ihre Liebe zueinander war immer ein Beispiel, dem die Mitglieder der Kirche nacheifern konnten. Es wird noch die Zeit kommen, da die ganze Frucht ihres Beispiels im Leben der osteuropäischen Heiligen der Letzten Tage, die durch ihr Engagement dieses Vermächtnis an andere weitergeben, zu sehen ist.
Manche der besten Botschafter für die Kirche waren diejenigen, die die Menschen mit ihren Auftritten begeisterten. Ich kann mich daran erinnern, wie die Gruppe Lamanite Generation von der Brigham Young University (heute Living Legends genannt) 1991 nach Sofia kam. Diese Sänger und Tänzer traten in einem großen Kulturzentrum vor rund 5000 Menschen auf — unter denen sich auch viele Kinder befanden. Es waren viele einflußreiche Menschen dort; der Gesundheitsminister saß direkt neben mir.
Nach den traditionellen Nummern der Gruppe eilten die Kinder in einem spontanen Ausdruck der Liebe zu den Künstlern auf die Bühne — der Gesundheitsminister mitten unter ihnen. Er war aufgesprungen und auf die Bühne geeilt, ehe ich überhaupt aufstehen konnte.
Als die Kinder auf die Künstler zugingen, begann die Gruppe Lamanite Generation, das Lied „Ich bin ein Kind von Gott” zu singen. Die Bulgaren hatten dieses Lied noch nie gehört, aber es hatte eine solche Wirkung, daß alle stehenblieben und sich andächtig setzten und die Bühne füllten.
Dieses und andere, ähnliche Erlebnisse haben mich davon überzeugt, daß der Geist keine Grenzen kennt. Er braucht kein Visum, um die Grenzen zu überschreiten und zu den Herzen zu sprechen. Der Herr war am Werk, und zwar lange ehe die Kirche wieder Missionare in die Länder Osteuropas schicken konnte.

„MEISTER DES UNWAHRSCHEINLICHEN”
Die Missionsarbeit wurde in diesen Ländern im wesentlichen 1972 wieder eingeführt, als die Kirche die Internationale Mission gründete, um den Mitgliedern zu dienen, die in Teilen der Welt lebten, wo es keine organisierten Pfähle oder Missionen gab. Eine der Aufgaben der Mission bestand darin, zu erkunden, ob es möglich war, in diesen Gebieten das Evangelium zu verkünden. Zu denen, die in dieser Forschungsarbeit in Osteuropa treu dienten, gehörten Gustav Salik, Glen Warner und seine Frau Renee, Edwin Morrell, Spencer J. Condie (jetzt von den Siebzigern) und Johann Wondra, die hauptsächlich von Osterreich aus tätig waren.
Bis Mitte der achtziger Jahre traten Elder Russell M. Nelson vom Kollegium der Zwölf Apostel und Elder Hans B. Ringger von den Siebzigern häufig mit den Regierungen in Osteuropa in Kontakt, und zwar viermal im Anschluß an einleitende Bemühungen. Präsident Thomas S. Monson begann als Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel in den sechziger Jahren damit. Als Ergebnis dieser Kontakte ging die Missionsarbeit in mehreren osteuropäischen Ländern rascher voran.
Im Juli 1987 kam ich in Wien an, um dort über die neugeschaffene Österreich-Mission Wien Ost zu präsidieren. Die Mission begann mit 34 Missionaren — 22 in Osteuropa, darunter 8 Ehepaaren und 6 Elders. Angesichts der politischen Veränderungen, die in ganz Osteuropa stattfanden, und der Auswirkungen mehrerer Besuche von Aposteln schien es möglich, daß viel zu erreichen war. Aber als neuer Missionspräsident war ich unsicher, wie wir die Missionstätigkeit angehen sollten und ob wir es überhaupt tun sollten.
Als Elder Russen M. Nelson uns kurz nach meiner Ankunft besuchte, fragte ich ihn, was die Führer der Kirche erwarteten. Sollten wir versuchen, Missionsarbeit zu tun, so unwahrscheinlich das damals auch schien?
Elder Nelson legte mir die Hände auf die Schultern und sagte: „Der Herr ist der Meister des Unwahrscheinlichen, und er erwartet das Unmögliche.”
Da hatte ich das Gefühl, wir könnten einigen Fortschritt machen. Als wir diese Anstrengung unternahmen, stellten wir fest, daß das Evangelium für einen Osteuropäer etwas Strahlendes und Wundervolles an sich hat. Die Lehre vom Tempel und von den Beziehungen in der Familie, die Hoffnung, die das Evangelium schenkt, das Aufwärtsstreben, die Vorstellung, daß man über sich hinauswachsen kann, die Einsicht, daß das Leben mehr ist als nur die zeitlichen Belange – alle diese Aspekte des Evangeliums haben große Anziehungskraft. Vor allem die jungen Menschen, die nur in einer materialistischen Gesellschaft gelebt haben, verstehen wohl intuitiv, daß der Materialismus nicht glücklich macht. Sie sehnen sich nach geistiger Nahrung.
An einem kalten Januartag habe ich eine Zweigversammlung in einem Kindergarten mit einem einzigen Raum in Bulgarien besucht. Die Versammlung hatte bereits begonnen, und als wir auf das Haus zukamen, fanden wir die Männer draußen vor. Sie standen im Kreis im Schnee. Wir fragten: „Was machen Sie hier draußen?”
Sie sagten: „Die Schwestern müssen mit den Kindern drinnen sein. Deshalb halten wir die Priestertumsversammlung hier draußen ab.”
Die Menschen, die sich in Osteuropa der Kirche anschließen, sind geistig einfühlsame Menschen. Sie lieben das Evangelium, und sie lieben das Gefühl der Gemeinschaft, das die Kirche ihnen schenkt. Sie lieben einander.
Von großer Bedeutung für die wachsenden missionarischen Anstrengungen der Kirche in Osteuropa war die Gründung einer Mission in der DDR. Im Oktober 1988 kamen Präsident Monson, Elder Nelson, Elder Ringger und mehrere örtliche Priestertumsführer mit dem Vorsitzenden Erich Honecker zusammen, um die Genehmigung dafür zu erbitten, daß in der DDR Missionare tätig wurden – ebenso dafür, daß Missionare aus der DDR zum Dienst in anderen Ländern berufen werden konnten.
Zu Beginn der Gespräche sagte der Vorsitzende Honecker: ,Wir wissen, daß die Mitglieder Ihrer Kirche gern arbeit.; Sie haben das bewiesen. Wir wissen, dass Sie an die Familie glauben, das haben Sie gezeigt. Wir wissen, dass Sie gute Bürger sind, in welchem Land Sie auch beheimatet sind; wir haben das beobachtet. Sie könne sich jetzt äußern. Teilen Sie uns Ihre Wünsche mit.“
Präsiden Monson sprach einfach und direkt und sehr wirkungsvoll. Die Genehmigung wurde erteilt, und am 30. März 1989 kamen nach 50 Jahren wieder die ersten Missionare ins Land und begannen das Evangelium zu verkünden. Zwei Monate später wurden die ersten Missionare aus der DDR zum dienst außerhalb ihres Landes berufen.
Bis im November 1989 die Berliner Mauer geöffnet wurde, hatte die Kirche in Osteuropa bereits eine feste Grundlage geschaffen. Vierundfünfzig Missionare warn dort und in Griechenland tätig. Bis zu dem Zeitpunkt war die Kirche auch in Polen (Mai 1977), Jugoslawien Oktober 1985) und in Ungarn (Juni1988) offiziell anerkannt. In Warschau hatte der erste Spatenstich für ein Gemeindehaus stattgefunden, und in Budapest war ein Gebäude erworben und geweiht worden.
Im Oktober 1989 wurde die Verantwortung für die sich entwickelnde Kirche in Nordrußland und den Baltischen Staaten von der Osterreich-Mission Wien Ost an die Finnland-Mission Helsinki übertragen. Dieser historische Schritt lenkte erhöhte Aufmerksamkeit auf Rußland, die Ukraine, Bulgarien und Rumänien. Bis zum Ende des Jahres dienten in jedem dieser Länder Missionare.
Andere osteuropäische Länder zogen bald nach. Am 1. März 1990 erkannte die Tschechoslowakei die Kirche an, und am 2. Mai kamen wieder Missionare ins Land, die von den Mitgliedern der Kirche, die seit über 40 Jahren für ihre Rückkehr gebetet hatten, herzlich will kommen geheißen wurden.
Im Juli 1990 wurden fünf neue Missionen gegründet: Polen-Warschau, Tschechoslowakei-Prag, Ungarn-Budapest und Griechenland-Athen. Moskau, das zur Österrreich-Mission Wien Ost gehört hatte, und Leningrad, das von Helsinki aus verwaltet worden war, bildeten die fünfte Mission – die Helsinki-Mission Ost. Bis zum Juli 1991 waren auch in Bulgarien, der Ukraine und Rußland Missionen gegründet worden.

EINE STRAHLENDE ZUKUNFT
Der wichtigste Schritt nach vorn für die Kirche in Osteuropa während dieser Jahre war die Weihung des Tempels in der DDR. 1978 hatte die Regierung der DDR beschlossen, den Heiligen der Letzten Tage, die den Tempel in der Schweiz besuchen wollten, keine Visa mehr auszustellen. Die Kirche versuchte alles mögliche, erreichte aber nichts. Die Mitglieder begannen, um göttliche Hilfe zu beten und zu fasten.
Dann, als Elder Thomas S. Monson vom Kollegium der Zwölf Apostel eines Tages mit Regierungsvertretern zusammentraf, schlugen sie eine einfache Lösung vor: Man konnte doch in der DDR einen Tempel bauen. In Freiberg wurde ein Grundstück gekauft, und 1983 wurde mit dem Bau begonnen. Der Tempel wurde zwei Jahre später, am 29. Juni 1985, geweiht.'
Gewiß durchdrang der Einfluß des Tempels die DDR; er erweichte die Herzen und half mit, die gewaltigen Veränderungen vorzubereiten, die Ende der achtziger Jahre überall in Osteuropa stattfanden. Der Einfluß der Tempel der Kirche auf alle diese Länder ist tiefgreifend.
Ich sehe für die Länder Osteuropas eine strahlende Zukunft vorher. Fast alle machen sie schwierige Augenblicke durch. Aber es gibt auch eine sehr positive Bewegung. Inmitten dieser Veränderungen nehmen die Kirche und ihre Mitglieder an Bedeutung, Zuversicht und Hoffnung zu.
1996, kurz bevor ich in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, fuhr ich nach Moskau, um mich von den Menschen, mit denen ich dort zusammengearbeitet hatte, zu verabschieden. Es war eine Zeit großer Ungewißheit, was die politische Lage in Rußland betraf. Zu denen, mit denen ich zusammentraf, gehörte auch eine Schwester, die fragte: „Was wird aus unserem Land werden?”
Ich erklärte ihr, ich könne nicht als Politiker sprechen, wohl aber als Generalautorität der Kirche.
„Was würden Sie uns denn als Generalautorität sagen?” erwiderte sie. „Was wird aus uns werden?”
Ich sagte: „Der Herr beschützt die Länder entsprechend der Glaubenstreue der wenigen und läßt es ihnen dementsprechend gut gehen. Der Herr wird nicht zulassen, daß die Kirche ins Wanken gerät oder daß das Land untergeht, solange die Heiligen der letzten Tage nach ihrer Religion leben.”
Das mag manchen egoistisch vorkommen, aber ich glaube, es ist wahr. Wenn die Heiligen der Letzten Tage in Rußland, der Ukraine oder anderswo wollen, daß es ihrem Land gut geht, besteht die beste Garantie darin, daß sie ihrem Glauben treu sind.
Das wird durch ein Erlebnis veranschaulicht, das Elder Thomas S. Monson 1968 in der DDR hatte. Es war sein erster Besuch, und es bestanden noch keine diplomatischen Beziehungen. Niemand in er Regierung kannte sich mit der Mission der Kirche aus oder vertraute ihrer Redlichkeit.
Elder Monson reiste nach Görlitz, um mit den dortigen Heiligen zusammenzukommen. Er kam schweren Herzens, da er wußte, dass die Mitgleider nicht die Segnunge hatten, die mit einem Pfahl verbunden sind – sie hatten keinen Patriarchen, keine Gemeinden mit de vollständigen Programm der Kirche und keinen Zugang zum Tempel. Aber sie erfüllten die Halle mit ihrem Glauben an den Herrn. Als Elder Monson aufstand, um zu der Versammlung zu sprchen, gab der Geist ihm ein, die folgende Verheißung auszusprechen: „Wenn Sie den Geboten Gottes treu bleiben, wird Ihnen jeder Segen zuteil werden, den die Mitglieder der Kirche in anderen Ländern haben.“
An jenem Abend wurde ihm in seinem Hotelzimmer bewusst, was das wirklich gedeutete. Er kniete nieder und flehte den Herrn an, die Verheißung, die er ihm eingegebe hatte, wahr zu machen. Während er betete, kamen ihm diese Worte des Psalmisten in den Sinn: „Laßt ab und erkennt, das ich Gott bin.“ (Psalm 46:11)
Heute nur 30 Jahre später, ist Deutschland unter einer demokratischen Regierung vereint, das Land hat zwei Tempel, und die Heiligen sind in 14 Pfählen organisiert.

Wenn uns die heutigen Ungewißheiten zu schaffen machen, können wir sicher sein, daß der Herr die Ereignisse letztlich für die rechtschaffenen Heiligen zum Guten lenken und daß er die Länder, in denen sie leben, segnen wird.

Dennis B. Neuenschwander, Oktober 1998

01:16 - 26.02.2008


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