Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Pioniere In Paraguay

Es ist Sonntagabend, und bei Abilio und María Elena Samaniego in Asunción in Paraguay ist die Familie fröhlich beisammen. Die drei unverheirateten Kinder sind dort, zusammen mit den drei verheirateten Kindern und deren Familie. Das Abendessen ist vorüber, und die Erwachsenen unterhalten sich, während die Enkelkinder spielen. Am Morgen ist ein Sohn zurückgekommen, der auf Mission war, Und so ist dieser Abend von Erinnerungen, Lachen und Scherzen erfüllt.
Es überrascht nicht, daß sich die Gespräche heute abend hauptsächlich um Kirche und Familie drehen, denn es war der Nachdruck, den die Kirche auf die Familie legt, der Bruder Samaniego vor fast zwanzig Jahren so angezogen hat. „Ich sah, wie sehr die Missionare meine Familie liebten”, erzählt er. „Sie zeigten mir, wie ich meine Kinder lieben sollte. Das ging mir sehr zu Herzen, und ich habe ihre Botschaft angenommen.” Die Familie ließ sich 1974 taufen. Bruder Samaniego lernte, in seiner Familie Patriarch zu sein. Jetzt ist er auch Pfahlpatriarch.
Die Mitglieder der Familie erinnern sich daran zurück, was die Kirche an Gutem in ihr Leben gebracht hat. Während sie sich unterhalten, sind sie völlig in Liebe eingehüllt. Tränen fließen, und sie gehen bereitwillig Zeugnis.
Sie erinnern sich an die Zeit, als sie noch fünf Kilometer vom nächstgelegenen Zweig entfernt wohnten. „Da wir zu acht waren, war die Busfahrt zu teuer”, erzählt die älteste Tochter, Yenny, die inzwischen Mutter von vier Kindern ist. Ihr Mann, Gregorio Figueredo, ist der Pfahlpräsident. „Deshalb mußten wir alle laufen – hin zwei Stunden und zurück zwei Stunden. Jeden Samstag sind wir auch zur PV und GFV den weiten Weg gelaufen. Und da die Versammlungen sonntags am Morgen und am Nachmittag stattfanden, haben wir auch den ganzen Weg zweimal zurückgelegt – insgesamt zwanzig Kilometer. Wenn es sehr heiß war, haben wir manchmal unser Mittagessen mitgenommen und uns zwischen den Versammlungen unter einen Baum gesetzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß wir seit unserer Taufe jemals eine einzige Versammlung verpaßt haben” Jetzt sind alle sechs Kinder und ihre Familie dem Glauben treu und in der Kirche aktiv.
Die Jungen erinnern sich noch daran, daß sie schon mit sieben, acht Jahren ein weißes Hemd und eine Krawatte anezogen haben und mit den Missionaren gegangen sind, um die Menschen zu belehren. Mehrere Familienmitglieder, auch die fünfzehnjährige Carolín, haben eine Pfahlmission erfüllt. Jetzt haben alle drei Samaniegosöhne eine Vollzeitmission erfüllt.
Die Mädchen können sich noch gut daran erinnern, wie ihre Mutter sie dazu angehalten hat, nur mit Jungen aus der Kirche auszugehen, obwohl es in der Kirche nicht viele Jungen in ihrem Alter gab. „Bestimmt gibt es irgendwo eine Mutter, die einen ganz besonderen jungen Mann für euch vorbereitet”, hat ihre Mutter immer gesagt. Alle drei verheirateten Kinder haben ím Tempel geheiratet.
Schwester Samaniego denkt an die Jahre zurück, in denen sie im Seminar am frühen Morgen unterrichtet hat. „Wir sind jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden. Während ich den Unterricht hielt, hat mein Mann für die Familie und für alle Schüler Frühstück gemacht. Dann sind alle gegangen, weil sie pünktlich um sieben Uhr in der Schule sein mußten " Bis Schwester Samaniego als Seminarlehrerin entlassen wurde, hatte sie auch alle ihre sechs Kinder unterrichtet. Und in der PV, in der Sonntagsschule und in der GFV war sie ebenso ihre Lehrerin. Derzeit ist sie Gemeinde-FHV-Leiterin.
Jemand holt ein Album mit Fotos hervor, auf denen die Samaniegos und andere „Pioniersfamilien” am Gemeindehaus bauen. Und sie reden darüber, wie die Kirche in Paraguay sich durch das Beispiel der Mitglieder mehr Achtung verschafft hat.
Es ist schon spät, aber keiner mag gehen. Eine Erinnerung löst die nächste aus, und jetzt laufen mehrere Gespräche gleichzeitig. „Ich kann mich wirklich glücklich schätzen”, meint Bruder Samaniego leise. „Ich sitze heute abend hier und höre meinen Kindern und ihrer Familie zu, und mein Herz ist von Freude erfüllt. ,Menschen sind, damit sie Freude haben können. Das empfinde ich heute!”

Eine solide Grundlage
Die Kirche ruht in Paraguay auf einer soliden Grundlage, die viele Pioniere – wie eben die Familie Samaniego – gelegt haben. Sie waren bereit, Opfer zu bringen, und haben nicht aufgehört zu geben, auch in den Jahren, als es so gar nicht vorangehen wollte.
Jahrelang sah es so aus, als wolle Paraguay sich mut einem stillen Plätzchen in der letzten Reihe begnügen — im Gegensatz zu den übrigen Gebieten in Südamerika, wo die Kirche schneller wächst. Paraguay war seit 1949 der Mission mit Sitz in Montevideo, Uruguay, zugeteilt, bis diese Mission 1977 geteilt wurde. Der erste Pfahl in Paraguay wurde 1979 gegründet. Im darauffolgenden Jahr, nämlich im Juni 1980, wurde der zweite Pfahl gegründet. Der dritte entstand dann im November 1992. Derzeit gibt es in Paraguay rund 13 000 Heilige der Letzten Tage. Manche sind seit Jahrzehnten Mitglied der Kirche -- andere erst seit ein paar Tagen. Aber es sind alles Pioniere – Menschen, die den Heiligen Geist verspürt und auf sich haben einwirken lassen und die voll Engagement und festem Glauben ans Werk gegangen sind.

„Ich habe mich entschlossen zurückzukehren”
Für Carlos Espínola hätte das Leben 1967 nicht schöner sein können. Er hatte sich mit siebzehn Jahren taufen lassen und dann eine Mission in Uruguay erfüllt. Jetzt studierte er an der Brigham Young University in Provo. Außerdem verdiente er für seine Begriffe sehr viel Geld, da er für das Friedenskorps Lehrmaterial für den Unterricht in Guaraní und Spanisch erarbeitete, beides Sprachen, die in Paraguay gesprochen werden.
Gekrönt wurde sein Traum noch dadurch, daß Nelly, seine Verlobte aus Uruguay, zu ihm kommen wollte. Sie wollten im Salt-Lake-Tempel heiraten, dann wollte er sein Studium beenden, und anschließend wollten sie in den Vereinigten Staaten bleiben und ein wundervolles Leben führen.
Aber unerklärlicherweise hatte Carlos das Gefühl, irgend etwas sei nicht in Ordnung. Im Bemühen um geistige Führung bat er um seinen Patriarchalischen Segen. „In dem Segen steht, daß ich meinem Volk helfen solle, die Kirche kennenzulernen, und ich würde dort ein Führer werden”, erzählt er. „Als ich den Segen empfing, habe ich viel über diese Worte nachgedacht.”
Er fastete und betete, um zu erfahren, wie er den Segen deuten solle. „Schließlich, nachdem der Geist mir die Bestätigung gegeben hatte, spürte ich, daß ích hier fehl am Platz war. Ich hatte das Gefühl, daß der Herr mich in Südamerika wirklich brauchte. Also entschloß ich mich zurückzukehren.
Sein Visum war zwar noch ein Jahr lang gültig, aber er ließ es verfallen — und gab seine Wohnung, seine Möbel, das Studium und die Arbeit auf und ging nach Hause. Er und Nelly heirateten in Uruguay. Dort setzte er sein Studium fort und machte einen Abschluß in Betriebswirtschaft und einen im Bauwesen. Und er fand Arbeit, bei der er nicht einmal ein Drittel dessen verdiente, was er in den Vereinigten Staaten verdient hatte.
„Meine Freunde erklärten mir, ich sei verrückt. Aber ich sagte: ,Nein, ich bin glücklich, weil es das ist, was ich tun will.' Und ich wußte ja auch um die Gründe. Mit den Segnungen, die wir erhalten haben, weil wir hiergeblieben sind, sind viele Verheißungen aus meinem Patriarchalischen Segen in Erfüllung gegangen.”
1979 wurde Carlos der erste Pfahlpräsident in Paraguay. Fast zehn Jahre später wurde er der zweite Paraguayer, der als Missionspräsident diente. (Er eröffnete die Mission Chile Antofagasta.) Und er ist auch beruflich gesegnet worden. Seit zwanzig Jahren ist er für das Büro der Präsidierenden Bischofschaft in Uruguay und Paraguay tätig. Er ist jetzt in Paraguay Regionsmanager für die Präsidierende Bischofschaft.
,Wir sind sehr zufrieden mit unserem Leben hier", meint Schwester Espínola. „Für uns gehören die Brüder und Schwestern in der Kirche zur Familie. Ser Herr hat uns und unsere Kinder in geistiger Hinsicht sehr gesegnet.” Sie und Carlos haben sich im Tempel siegeln lassen; sie haben vier Kinder: Alejandra, 22, Alvaro, 20, Ariel, 16, und Arturo, 14. Sie erzählen von schönen Erlebnissen, die sie als Familie gehabt haben auf Mission und zu Hause.
„Unsere Kinder sind unser kostbarstes Gut”, meint Carlos. „Sie machen Erfahrungen, die ihnen helfen, ein eigenes Zeugnis zu erlangen. Ich sehe, daß sie kraft ihres eigenen Lichts leben "

„Wir denken an unser Baby”
Tief im Gran Chaco, der spärlich besiedelten, trockenen Wildnis, die einen großen Teil des nordwestlichen Paraguay ausmacht, liegt Nivaclé Boquerán, eine Siedlung, in der rund vierzig Familien leben, die alle Mitglieder der Kirche sind.
 Diese Mitglieder, Nivaclé-Indianer, haben ihrer Siedlung den Spitznamen La Ahundancía (Überfluß) gegeben. Die meisten sprechen nur die Nivaclé-Sprache, manche sprechen auch ein wenig Spanisch. Sie sind von Mistolar, einer größeren, noch abgelegeneren Siedlung von Nivaclé- Indianern, die auch Mitglieder der Kirche sind, hierhergezogen. (Siehe Elder Ted E. Brewerton, „Mistolar - eine geistige Oase, Der Stern, September 1990.) Missionarsehepaare haben den Bewohnern von La Abundancia geholfen, an jedem Ende des Dorfes ein Wasserloch zu graben. Die Missionarsehepaare lehren sie auch, Ziegen zu züchten und Ackerbau zu betreiben, so daß sie genug zu essen haben und noch etwas verkaufen können.
Der Zweig kommt in einem hölzernen Gemeindehaus zusammen, das nur einen Raum har und von Kerosinlaternen beleuchtet wird. Fast jeden Abend findet dort irgend etwas statt, meist Seminarunterricht, aus dem dann im Laufe des Abends eine Chorprobe wird. Im Chor singen sowohl Jugendliche als auch Erwachsene mit; sie singen die Kirchenlieder in wunderschöner vierstimmiger Harmonie — ohne Klavierbegleitung.
Vor dem Gemeindehaus befindet sich ein selbstangelegtes Taufbecken. Und die Jungen haben ihren Bolzplatz Außerdem sind da noch ein Garten, ein paar Bäume und ein kleiner Friedhof.
Auf dem Friedhof lieg Ireneo Arenas, der kleine Sohn von Jorge Arenas und seiner Frau Rosa, begraben. Im August 1989 verließen Jorge und Rosa mit ihren drei kleinen Kindern Mistolar und begleiteten zwei weitere Familien auf der 2100 Kilometer langen Busreise zum Tempel in Buenos Aires. „Als wir von Mistolar aufbrachen, war das Baby erkältet”, sagt Jorge. „Als wir in Buenos Aires ankamen, ging es ihm viel schlechter. Es war sehr kalt. Wir gingen in den Tempel und ließen uns als Familie siegeln. Das Baby war immer noch krank.”
Als sie nach Paraguay zurückkehrten, beschlossen sie, in La Abundancia zu bleiben, statt noch mehrere Stunden bis nach Mlstolar weiterzufahren. Dem Baby ging es immer schlechter. ,Wir konnten nichts für ihn tun", sagt Jorge. Fünf Tage später starb das Baby.
„Als ich meinen Sohn damals in den Armen hielt, war ich dankbar, daß wir gerade im Tempel gesiegelt worden waren. Ich weiß, daß er beim himmlischen Vater ist und daß wir eines Tages wieder zusammensein werden. Jetzt bemühen wir uns, alle Gebote des himmlischen Vaters zu halten, weil wir an unser Baby denken.”
Jorge und Rosa sind in La Abundancia geblieben. Jorge war früher Zweigpräsident; jetzt ist er in der ÄItestenkollegiumspräsidentschaft und stellvertretender Chorleiter und Seminarlehrer. Sie haben drei Töchter: Donninga, 9, Basílica, 7, und Marivel, 2 Jahre alt.
„Als die Missionare anfingen, mich im Evangelium zu unterrichten”, erzählt er, „spürte ich etwas, das ich für den Geist hielt. Ich spüre diesen Geist oft, vor allem wenn ich im Buch Mormon lese. Jesus Christus ist zu unseren Vorfahren gekommen, die hier in Amerika lebten. Eine Zeit lang haben sie die Gebote befolgt. Aber später haben sie sie verworfen. Ich möchte dienen, wohin immer ich in der Kirche berufen werde, weil ich weiß, daß der Herr uns segnet, wenn wir in der Kirche dienen. Ich weiß, dass Jesus Christus für uns gestorben ist. Er ist für uns auferweckt worden. Und er vergibt uns unsere Sünden. Ich weiß, daß er lebt.”
In der Stadt Coronel Oviedo betete Elder Cristian Turrini, ein einheimischer Missionar aus Paraguay, der Herr möge ihm und seinem Mitarbeiter, Elder Matthew Porter, helfen, Menschen zu finden, die bereit seien, sich das Evangelium anzuhören. Nach dem Gebet verließen sie ihr Zimmer und gingen zwei Straßen weit. Da kam ein campesino (ein armer Landarbeiter) auf sie zugelaufen. Er fragte sie auf Guaraní: „Sind Sie Mormonenmissionare? Ich habe nach Ihnen gesucht. Ich weiß, daß die Kirche wahr ist, und möchte mich taufen lassen!”
Dieser Campesino war Isabelino Giménez. Er und seine Frau, Estanislada, hatten sich ein paar Jahre zuvor in einer weit entfernten Stadt zusammen mit Estanisladas Familie die Missionarslektionen angehört. Die Verwandten hatten sich zwar damals der Kirche angeschlossen, aber Isabelino wollte sich nicht taufen lassen und verbot auch Estanislada, sich taufen zu lassen. „Ich sagte ihr: ,Komm, wir verlassen diese Stadt und bauen uns eine Zukunft auf'. Aber in Wirklichkeit bin ich vor dem Evangelium davongelaufen.”
Isabelino und Estanislada zogen in eine abgelegene Gegend im Dschungel von Paraguay. „Wir gingen sehr, sehr weit durch den Dschungel”, erzählt er. „Als wir ankamen, hatten wir nichts. Wir hatten nur díe Kleidung, die wir trugen. Wir hatten keine Betten, sondern schliefen auf dem Fußboden. Wir hatten kaum genug zu essen.” Er rodete etwas Land und arbeitete hart, um das Land zu bestellen. Aber dann zog er sich am Fuß eine schlimme Entzündung zu, und einer seiner Söhne bekam eine ähnliche Entzündung. Der Arzt am Ort konnte ihnen nicht helfen. „Ich war sehr entmutigt und unglücklich. Ich wollte mein Leben ändern.
Estanisladas Familie zog aus der Stadt zu ihnen, um in ihrer Nähe zu sein. Der Umzug an den abgelegenen Ort brachte es zwar mit sich, daß sie keinen Kontakt mehr zur Kirche hatten, aber sie lebten weiterhin nach ihrer Religion. „Mein Schwager las immer in den heiligen Schriften”, sagt Isabelino. „Eines Tages erklärte ich ihm, ich könne wegen der Schmerzen im Fuß nachts nicht schlafen. Da meinte er, ich solle zum himmlischen Vater beten. Ich fragte ihn: ,Wie soll ich denn beten?' Und da begann er, mich das Beten zu lehren. Er erklärte mir, ich müsse mich ganz dem Herrn überlassen.
An dem Tag bin ich niedergekniet und habe zum himmlischen Vater gebetet und ihn um Vergebung gebeten. Ich habe ihn gebeten, meinen Sohn und mich von der Entzündung zu heilen. Ich habe ihm gesagt, ich müsse für meine Familie arbeiten. Als ich meiner Frau erzählte, ich hätte mich dem Herrn übergeben, lächelte sie, denn sie war sehr glücklich.
Díe Eltern meiner Frau fingen an, mich über die Kirche zu belehren. Wir lasen das Buch Mormon und das Buch Grundbegriffe des Evangeliums. Sie lehrten mich, im Namen Jesu Christi zu beten. Unsere Entzündung heilte.”
Jetzt wollten er und Estanislada sich taufen lassen, aber sie wußten nicht, wie sie vorgehen sollten. Sie hatten nicht genug Geld, um in die Stadt zurückzufahren, wo die Missionare sie ursprünglich belehrt hatten. Schließlich, vier Jahre nachdem Isabelino von der Entzündung geheilt worden war, legte er die vierstündige Reise nach Coronel Oviedo, der nächstgelegenen Stadt, zu Fuß und mit dem Bus zurück – in der Hoffnung, die Kirche sei dort vertreten und er könne die Missionare finden.
„Ich stieg am Busbahnhof aus und fragte einen Jungen auf einem Fahrrad, ob er wisse, wo die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sei; er erklärte mir, sie sei sehr weit entfernt. Ich ging etwa vier Straßen weit in Richtung Stadtzentrum und fragte einen Mann; er wußte es nicht. Da begann ich, zum Vater im Himmel zu beten, er möge mir helfen, damit ich die Hoffnung nicht aufgäbe.
An einer Straßenecke fragte ich eine Frau. Sie antwortete: ,Warten Sie hier. Ich kenne die Missionare. Sie kommen gleich hier vorbei.' Ich wartete ungefähr zwanzig Minuten, und dann sagte die Frau: ,Da kommen die Missionare.' Als ich sie sah, lief ich über die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. Ich hätte umkommen können, aber ich wollte doch unbedingt mit ihnen reden.”
Die Missionare freuten sich sehr darauf, die Familie Giménez belehren zu können. Zunächst holten sie beim Missionspräsidenten die Genehmigung dafür ein, an den entlegenen Ort im Dschungel reisen zu dürfen. Dann brachen sie um sechs Uhr morgens auf und fuhren ein paar Stunden mit dem Bus von Coronel Ovid in eine Nachbarstadt. Dort trafen sie sich mit Isabelino und fuhren weitere dreißig Minuten mit dem Bus. Dann gingen sie noch anderthalb Stunden durch den Dschungel und kamen um zehn Uhr morgens bei der Familie Giménez an. „Ich glaube, ich war noch nie so weit zu Fuß gegangen”, sagt Elder Turrini. „Ich war auch noch nie so tief im Dschungel gewesen, obwohl ich aus Paraguay stamme. Wir haben viele wilde Tiere, Schlangen und Vögel gesehen. Als wir ankamen, nahm die Familie uns auf, als seien wir Engel. Die Kinder fielen vor Freude über uns her, und die Erwachsenen weinten. Sie hatten gebetet, wir mögen sicher ankommen, und warteten mit dem Mittagessen auf uns.”
An dem Tag nahmen die Missionare mit einer Gruppe von etwa dreißig Menschen drei Missionarslektíonen durch. Einige von diesen Menschen, Verwandte von Estanislada, die ja Mitglieder der Kirche waren, hatten fast schon die Hoffnung aufgegeben, die Kirche jemals wiederzufinden. Andere waren interessierte Nachbarn. Nach der dreistündigen Belehrung traten die Missionare den Heimweg an.
Am nächsten Tag trat die Familie Giménez die Reise nach Coronel Oviedo an. Es regnete, und da sie mit kleinen Kindern unterwegs waren, dauerte die Reise sieben Stunden. Die Missionare nahmen mit ihnen die letzten drei Lektionen durch, und am darauffolgenden Tag, es war Sonntag, der 8. September 1991, wurden Isabelino und Estanislada getauft – zusammen mit zwei ihrer Kinder, Aníbal und Diana, sowie einer Pflegetochter und Estanisladas jüngerem Bruder und ihrer jüngeren Schwester. Sie haben außerdem noch zwei jüngere Kinder, Derbys und Emanuel.
„Als ich ins Wasser stieg”, erzählt Isabelino, „da, ich weiß nicht, wie, hatte ich das Gefühl, ich sei für eine Sekunde tot. Als ich aus dem Wasser kam, war ich so glücklich, , daß ich vor Freude geweint habe. Als die Missionare mich konfirmierten, hatte ich ein ganz wundervolles Gefühl. dann stand ich auf, um Zeugnis zu geben, und konnte gar nicht wieder aufhören, weil ich ja so glücklich war. Seitdem habe ich allen meinen Freunden und Nachbarn Zeugnis gegeben. Ich möchte, daß sie die gleiche Freude erfahren wie ich”

„Wir sind zu ihnen gegangen”
Jahrelang hatten Myladys und Dionisio Aguilera aus Asunción die Missionare in der Stadt gesehen und sich gefragt, wer sie waren und was sie taten. „Sie haben nie an unsere Tür geklopft”, erzählt Gladys, „aber wir haben uns gewünscht, sie täten es”
„Ich habe meiner Frau erklärt, wir müßten ihnen helfen, weil sie hart arbeiteten und für die Menschen in unserem Land Opfer brachten”, meint Dionisio, der von Beruf Kraftfahrzeugmechaniker ist. „Schließlich sind wir zu ihnen gegangen; sie kamen ja nicht zu uns!”
Sie luden zwei Missionarinnen aus Nordamerika zu sich ein – und ließen sich ein paar Wochen später, im Juli 1991, taufen. Wieder ein paar Wochen später war Dionisio JM-Leiter im Zweig Anahí, und Gladys war JD-Leiterin.
„Wir waren seit zwölf Jahren verheiratet und waren glücklich” sagt Gladys. „Aber wir hatten immer das Gefühl, uns fehle etwas. Nach der Taufe haben wir Neues erlebt, was wir bis dahin nie gekannt hatten.” Sie erinnern sich zum Beispiel noch an die tiefe Ehrfurcht, die sie erfüllte, als sie zum ersten Mal fasteten – und einen Geist verspürten, den sie bis dahin nicht gekannt hatten. Und sie berichten von einem Segen, durch den einer ihrer Söhne geheilt wurde.
„Jetzt haben wir das Gefühl, daß unser Glück vollkommen ist”, meint Schwester Aguilera. Sie bereiten ihre Söhne, Eduardo, 9, und David, 7, auf ihre Mission vor. Nur ein paar Straßen von ihrem Haus entfernt ist ein neues Gemeindehaus der Kirche gebaut worden. „Ich gebe mich nicht mit dem Zeugnis zufrieden, das ich bei der Taufe hatte”, sagt sie. „Ich sehe, wie es jeden Tag wächst.”

„Mi Colonel”
Seine stattliche Erscheinung wirkt ganz und gar nicht erdrückend. Er behandelt die Menschen so wie ein lieber Großvater voll Güte und großer Liebe, und ohne ihnen auch nur im geringsten das Gefühl zu vermitteln, er fühle sich ihnen überlegen. Aber als pensionierter Colonel der Armee Paraguays scheint er sich im Kreis der führenden Persönlichkeiten aus Regierung und Militär genauso wohl zu fühlen wie im Kreis seiner Familie und seiner Freunde oder bei der Erfüllung seiner kirchlichen Aufgaben. Mitglieder und Nichtmitglieder begegnen ihm gleichermaßen mit Hochachtung und nennen ihn häufig „mi colonel”.
Vor dreißig Jahren, im Jahre 1963, diente Luis A. Ramírez als junger Major in der paraguayischen Armee. Eines Tages lag bei ihm zu Hause in Asunción ein Buch Mormon auf dem Tisch. Er hatte es noch nie zuvor gesehen und wußte nicht, woher es kam. Aber er schlug es auf und begann, darin zu blättern. „Darin stand, es sei ,das Wort Gottes"', erinnert er sich. „Dieser Ausdruck – das Wort Gottes – durchdrang mich, und deshalb begann ich zu lesen. Da erwachte in mir ein großes Interesse.”
Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. „Schon seit drei Monaten spürte ich das Bedürfnis, Gott näher zu kommen”, sagt er. Er war mit seiner Religion unzufrieden, hatte aber angefangen, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, weil er hoffte, irgendwelche Antworten zu finden. „Und ich fing an, zu Gott zu beten – nicht auf die Art und Weise, wie ich es gelernt hatte, sondern auf eine ähnliche Weise, wie die Missionare es mich später lehrten. Das ging drei Monate so. Dann fand ich das Buch.
„Wer hat dieses Buch gebracht?” fragte er seíne Familíe. Ein fünfzehnjähriger Verwandter erzählte, zwei Missionare hätten es ihm vor ein paar Tagen im Haus eines Freundes geschenkt. „Ich las weiter darin, und es interessierte mich immer mehr. Deshalb sagte ich zu dem Jungen: ,Wenn du die Missionare wieder siehst, dann lad sie doch zu uns ein.
Als die Missionare ein paar Tage später kamen, hatte Luis das Buch Mormon schon fast durchgelesen, und er hatte viele Fragen. In den nächsten drei Wochen nahmen die Missionare jede Woche mit Luis und seiner Frau Hortensia zwei Lektionen durch. Am Samstag nach dem dritten Besuch ließen sich beide taufen. Daraufhin interessierten sich auch ihre Freunde und Verwandten für das Evangelium und ließen sich taufen. Bald wurde aus dem „Major” der „Präsident` — nämlich des Zweiges Moroni in Asunción.
Im Rahmen seiner militärischen Laufhahn mußte Bruder Ranírez eínmal fünfzehn Monate lang im Ausland, fern von seiner Familie, dienen. ln dieser einsamen, schwierigen Zeit half ihm das Evangelium sehr, wie er sagt. „Ich habe häufig gebetet und gefastet und mich meiner Familie sehr nahe gefühlt. Und ich habe auch die absolute Gewißheit verspürt, daß alles in Ordnung sei. Durch den Geist habe ich die Hilfe des Herrn verspürt.”
1969, sechs Jahre nach seiner Taufe, wurde Bruder Ramírez zum Colonel befördert. Er lehrte bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1975 an der Militärakademie und machte niemals ein Hehl daraus, daß er Heiliger der Letzten Tage war. Im Laufe der Jahre interessierten sich aufgrund seines Beispiels auch einige seiner Studenten für die Kirche und ließen sich taufen.
Nach der Pensionierung zogen Bruder und Schwester Ramírez für fünf Jahre mit ihren Kindern nach Utah, wo er an der Brigham Young University noch einen Abschluß machte. Bald nachdem sie nach Paraguay zurückgekehrt waren, wurde er als erster Paraguayer als Missionspräsident berufen, und zwar in seiner Heimat.
Seit seiner Entlassung im Jahre 1984 hat Colonel Ranírez weiterhin als Ratgeber von Missions- und Pfahlpräsidenten gedient; er stärkt die Mitglieder und trägt dazu bei, die Kirche in entlegenen Distrikten und Zweigen aufzubauen. Außerdem dient er der Kirche auch weiterhin als Berater in ihren Beziehungen zur Regierung von Paraguay und öffnet Türen, die außer ihm vielleicht niemand öffnen könnte. Mit charakteristischer Demut spielt er seine diesbezügliche Rolle herab: „Ich kann vielleicht ein bißchen mithelfen”, sagt er. Aber wer mit ihm zusammengearbeitet hat, weiß, wie gut es ihm gelingt, der Kirche Freunde zu gewinnen und bei den führenden Persönlichkeiten des Landes ein Botschafter des guten Willens zu sein.
Manche seiner früheren Studenten und Kollegen, die jetzt im Land eine verantwortliche PositIon innehaben, erinnern sich an Colonel Ramírez als einen Heiligen der Letzten Tage, den sie hochachten. „Manchmal treffe ich meine Studenten, die jetzt Major oder Colonel sind, und dann fragen sie mich: ,Wie geht es der Kirche?' Dann erzähle ich ihnen, daß es ihr sehr gut geht.”

„Der Tag ist jetzt viel näher”
Der Kirche in Paraguay geht es tatsächlich sehr gut. Und die Geschichte der Kirche in Paraguay wird noch immer geschrieben — von den Heiligen der Letzten Tage der zweiten und dritten Generation ebenso wie von den neuen Mitgliedern. Vor kurzem ist der drítte Pfahl gegründet worden, und der Optimismus ist groß: „Wir sind nach Paraguay gekommen, als die Kirche erst zwei Zweige hatte”, sagt Bruder Carlos Espínola. „Ich spüre, daß jetzt der Tag viel näher ist, an dem es hier in der Kirche eine große Entwicklung geben wird. Als Präsident Ezra Taft Benson dieses Land für die Evangeliumsverkündigung geweiht hat, hat er gesagt, es werde in Paraguay viele Pfähle gehen. Ich kann sehen, daß dieser Tag sehr bald kommen wird.”

Marvin K. Gardner, September 1993

Asunción Paraguay Tempel

19:31 - 5.03.2008


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