Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Die verlorene Insel

Der Februar 1976 war für die Heiligen auf Tahiti und den umliegenden Inseln ein sehr wichtiger Monat. Dann sollten sie nämlich die Gelegenheit haben, einen Propheten des Herrn zu sehen — und für die meisten von ihnen war es das erste Mal. Präsident Spencer W. Kimball hatte angekündigt, daß er zu einer Gebietskonferenz nach Französisch-Polynesien kommen werde. Einige andere Generalautoritäten, einschließlich einiger Mitglieder des Rates der Zwölf, wollten ihn dahin begleiten.
Die Mitglieder nahmen große Opfer auf sich, um sich auf den Besuch des Propheten des Herrn vorzubereiten. Mit viel Sorgfalt und Liebe fertigten sie Geschenke an. Sie brachten auch unzählige Stunden damit zu, traditionelle tahitische Festessen vorzubereiten und Musik und Tänze einzustudieren.
Auf den benachbarten Inseln verließen die Heiligen ihr Tagwerk und begaben sich auf die manchmal lange und beschwerliche Reise auf die Hauptinsel Tahiti. Einige konnten mir dem Flugzeug kommen, aber die meisten mußten tagelang mit dem Boot über die offene See reisen. Die Konferenzwoche war da.
Noch nie hatte es in diesem Teil der Welt eine derartige Zusammenkunft von Heiligen gegeben.

Die Seereise zur Konferenz
Nur ein paar Tage vor der ersten Konferenzversammlung fand sich vor dem Büro der Mission Tahiti-Papeete eine Gruppe von mehr als 50 Leuten ein. Der Missionspräsident Raymond Baudin kannte die Heiligen der verschiedenen Inselgruppen von Französisch-Polynesien, aber diese Leute waren ihm völlig fremd. Er nahm an, daß es eine Gruppe von Nichtmitgliedern war, die die Konferenz besuchen wollten.
Aber sie stellten sich als Heilige der Letzten Tage von der Insel Taenga im Tuamotu-Archipel vor. Der Missionspräsident traute seinen Ohren nicht! Den Führern der Kirche in Papeete war nie der Gedanke gekommen, daß es auf Taenga Mitglieder geben könnte. Die Leute erklärten Präsident Baudin, daß fast die gesamte Bevölkerung der Insel der Kirche angehörte und daß alle Taenganer sich mit einem Schoner auf die Reise begeben hatten, um den Propheten des Herrn zu sehen!
Wie konnte man in diesen Tagen effizienter Berichtsführung, der Massenbeförderungsmittel und der augenblicklichen Nachrichtenübertragung eine ganze Insel „verlieren”? Und wie hatten die Mitglieder auf Taenga von Präsident Kimballs Besuch erfahren?

Missionsarbeit auf den Tuamotu-Inseln
Taenga ist ein Korallenatoll (eine flache, nicht-vulkanische Insel), ungefähr 240 Kilometer östlich von Tahiti. Die Welt erfuhr davon erst 1820, und zwar durch den russischen Kapitän Bellingshausen. 1844 landeten einige Missionare, die Joseph Smith zu den Sandwich-Inseln (jetzt Hawaii) geschickt hatte, irrtümlich auf den Inseln, die heute als Französisch-Polynesien bekannt sind. Dieses Gebiet war die erste nichtenglischsprachige Mission der Kirche. Elder Benjamin Grouard war der erste, der auf die Tuamotu-Inseln ging. Er ging am 1. Mai 1845 auf Anaa, einer Nachbarinsel von Taenga, an Land. Er war sehr erfolgreich und taufte innerhalb von fünf Monaten ungefähr 620 Menschen und organisierte mehrere Zweige.
Zwischen 1845 und 1850 war die Missionsarbeit auf den Tuamotu-Inseln sehr beschränkt und stand hauptsächlich unter der Leitung von Elder Grouard. In den nächsten zwanzig Jahren durften laut Anweisung der französischen Regierung in diesem neu erworbenen Protektorat keine Mormonenmissionare predigen. Obwohl die neuen Mitglieder in dieser Zeit keinerlei Kontakt zur Kirche hatten, verbreiteten sie das Evangelium in eigener Initiative. Sie missionierten auf praktisch allen Atollen im westlichen Teil des Archipels und bekehrten mit großem Erfolg eine beträchtliche Anzahl der Inselbewohner.
In den folgenden Jahren verließen viele Bewohner die Tuamotu-Inseln, um in Tahiti Arbeit und Wohlstand zu finden. Die Heiligen, die auf Taenga geblieben waren, hatten gelegentlich Kontakt zu den Führern der Kirche in Tahiti, aber die Verkehrsverbindungen zwischen den Inseln sind nicht gerade günstig. Französisch-Polynesien besteht aus 110 Inseln, und die Inseln der heutigen Mission Tahiti-Papeete sind über ein Gebiet von mehr als 2,5 Millionen Quadratkilometern verstreut.
1931 wurde auf einem kleinen Grundstück von 12 mal 16 Metern, das die Kirche kaufen konnte, ein kleines Gemeindehaus (6 mal 9 Meter) gebaut. Es ist bis heute das einzige Gemeindehaus auf der Insel. Treue Mitglieder erinnern sich an den letzten Besuch, den ihnen vor 1976 ein Missionspräsident abgestattet hat. Das war Präsident Joseph R. Reeder, der in den späten 50er Jahren zu ihnen gekommen war. Dann - in den folgenden Jahren - vergaßen die Führer der Mission Taenga.

Warten auf einen Besuch
Obwohl der Zweig schließlich nicht mehr offiziell bestand und nur mehr inoffizielle Versammlungen stattfanden, bewahrten die Heiligen sich den Glauben. „Wir haben immer so gut nach dem Evangelium gelebt, wie wir konnten”, sagt Schwester Teuruhai Buchin, die heute Tempelarbeiterin im Tahiti-Tempel ist. Kaheke Temanu, der später zum Zweigpräsidenten berufen werden sollte, glaubte daran, daß ein Missionspräsident der kleinen Insel einen Besuch abstatten würde. Er baute auf der Insel ein kleines Haus zum alleinigen Zweck, den ersehnten Besucher zu beherbergen. Für diese standhaften Mitglieder war es also nicht so überraschend, daß sie inspiriert wurden, die beschwerliche Reise zu machen, und handgefertigte Zeichen ihrer Liebe und Achtung für Präsident Kimball mitbrachten, als sie irgendwie durch Hörensagen erfahren hatten, daß ein Prophet des Herrn nach Tahiti kommen wollte.
Seit 1976 hat sich auf Taenga nur wenig geändert. Die Insel bleibt von den anderen Inseln von Französisch-Polynesien abgeschieden und verfügt nicht über eine Start- und Landebahn für Flugzeuge für zwölf Passagiere wie viele benachbarte Inseln. Am leichtesten kommt man nach Taenga, wenn man das benachbarte Makemo in einem kleinen Flugzeug anfliegt und dann mit dem Motorboot die dreistündige Reise nach Taenga antritt. Wenn das Wetter jedoch schlecht ist, kann diese dreistündige Seefahrt doppelt so lang dauern.
Diese Abgeschiedenheit fördert einen einfachen Lebensstil ohne all den Druck und die Schwierigkeiten der modernen Gesellschaft. Dieser Stil ist seit Jahrzehnten nahezu unverändert geblieben. Der zerstoßene Korallenboden bringt im Garten und auf dem Feld nur wenig Ertrag. Die Inselbewohner ernähren sich hauptsächlich von Fisch und Kokosnüssen, und dieser Speiseplan wird gelegentlich durch Waren, die aus Tahiti kommen, bereichert. Die einzige einkommensproduzierende Tätigkeit ist die Herstellung von Kopra - getrocknetes Kokosnußfleisch, aus dem Öl gewonnen wird.
Was sich auf Taenga geändert hat, ist die Aktivität in der Kirche. Jahrelang hatten die Heiligen nicht die Möglichkeit gehabt, ihren Glauben so auszuüben, wie sie es wünschten. Kurz nach ihrer Reise nach Tahiti 1976 kam der lang ersehnte Besuch des Missionspräsidenten. Präsident Baudin organisierte offiziell einen Zweig auf der Insel und berief Kaheke Temanu als Zweigpräsidenten. Präsident Temanu ist auf Taenga geboren, war aber nach Tahiti gezogen. 1969 zogen er und seine Familie zurück nach Taenga, wo er von der französischen Regierung zum Polizeibeamten ernannt wurde.
Als der Zweig wieder offiziell bestand, kehrten die Mitglieder zu den Versammlungen zurück, und zehn Menschen wurden getauft. Von den 76 Bewohnern von Taenga sind nur sieben keine Mitglieder der Kirche. Präsident Temanu sagt, daß nicht nur alle Mitglieder aktiv seien, sondern daß sogar die Nichtmitglieder regelmäßig zu den Versammlungen kommen. Er ist besonders glücklich darüber, daß mehrere Ehepaare von dieser Insel im Tahiti-Tempel gesiegelt worden sind, der 1983 fertiggstellt wurde.

Nach dem Glauben steuern
Die Mitglieder auf Taenga haben das Gefühl, daß der Herr sie wegen ihres Glaubens in vielem gesegnet hat. Dieser Glaube wird jedesmal erneut auf die Probe gestellt, wenn sie nach Makemo fahren. Obwohl die Polynesier geschickte Seeleute waren, ist es selten, daß man diese Fähigkeiten so angewandt sieht wie auf Taenga.
Die Seefahrt nach Makemo ist schwierig, weil die flachen Korallenatolle aus der Ferne schlecht zu sehen sind und von Tausenden von Quadratkilometern See voneinander getrennt sind. Dennoch unternehmen sie die Fahrt ohne Kompaß oder andere Navigationsinstrumente, sondern, nach den Worten eines Seemannes, „mit den Sternen, dem Instinkt und dem Vertrauen in die Inspiration und die Führung des Herrn”.
Die Reise nach Taenga bleibt jedem Führer der Kirche in Erinnerung. Alle sind vom Glauben von Präsident Temanu, dem Lotsen des Bootes, beeindruckt. Bevor er die Lagune von Taenga verläßt, steht er in seinem Boot - einem drei Meter langen Motorboot für höchstens sechs Passagiere - und betet zum Herrn um Führung. Er vergißt auch nie, dem Herrn bei der Ankunft zu danken.
Für Präsident Baudin war die zweite Reise nach Taenga das denkwürdigste Erlebnis seiner Mission. Präsident Temanu hatte ihn abgeholt und bald, nachdem sie Makemo verlassen hatten, setzte stürmisches Wetter ein. Wind und Wellen stießen das Boot durch die Wellen und brachten es von seinem Kurs ab. „Stellen Sie sich vor, wie bang mir wurde, als nach sechs Stunden noch immer kein Land in Sicht war”, sagt Präsident Baudin.
„Plötzlich stand Präsident Temanu auf und wies mit dem Finger in eine Richtung und sagte ruhig, daß die Insel in dieser Richtung läge. Fast im gleichen Augenblick legte sich der Sturm und beruhigte sich die See. Plötzlich tauchten aus dem Wasser vor dem Boot ein Dutzend Delphine auf, als ob sie uns begrüßen und uns durch die Riffe führen wollten.
Als ob das nicht genug gewesen wäre, sahen wir ungefähr 30 Meter neben uns die Spritzfontäne eines Wals, der gemächlich mit unserem Boot Schritt hielt.”

Die Elemente beruhigt, Wasser beschafft
Die Taenganer glauben, daß der Himmel die Elemente auf ihrer Insel beruhigt habe. In den vergangenen Jahren sind fünf schwere Zyklone über dieses Gebiet hinweggefegt. Die umliegenden Inseln waren
zwar schwer davon betroffen, aber Taenga wurde von keinem einzigen dieser vernichtenden Stürme berührt.
Ebenso weisen die Taenganer gern darauf hin, wie der Herr sie mit ausreichend Wasser für ihren Bedarf gesegnet hat. Da es auf den Tuamotu-Inseln keine Berge, Flüsse oder Quellen gibt, muß das gesamte Trinkwasser in Regentonnen und Wassertanks gesammelt werden.
Während der Trockenzeit leiden die meisten Inseln unter ständiger Wassernot und zeitweise unter strenger Rationierung. Die Taenganer jedoch kennen diese Schwierigkeiten nicht. In einem Aspekt des modernen Lebens können die Taenganer gegenüber Tahiti, das noch nicht überall mit Strom versorgt ist, ironischerweise einen höheren Lebensstandard aufweisen. In Taenga wird jeder Haushalt durch Sonnenenergie mit Strom versorgt.

Das Paradies auf Erden
Mehrere Führer der Kirche aus Tahiti, die Taenga vor kurzem besuchten, sind von dem ausgeprägten Gefühl der Geborgenheit auf der Insel und der überwältigenden geistigen Gesinnung in der gesamten Bevölkerung beeindruckt. „Das ist das Paradies”, sagte Georges Bonnet, der Verwaltungsdirektor der Region.
Eines Morgens wurde Bruder Bonnet von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Als er aufstand und aus dem Fenster blickte, sah er die Schwestern von der FHV die Blätter fegen, die in der Nacht auf die Dorfstraße gefallen waren. „Ich habe noch nie so eine Sauberkeit gesehen”, sagte er. „Das ganze Dorf ist m makellos, und es ist offensichtlich, daß die Leute auf ihre Insel sehr stolz sind.”
Präsident C. Wayne Mack und Präsident C. Jay Larson, die Nachfolger Präsident Baudins als Missionspräsident, sind mit der Insel sehr verbunden. Beide haben während ihrer ersten Mission auf Taenga gedient. Präsident Larson, der im Juli 1984 von Tahiti zurückkehrte, sagt: „Taenga habe ich immer als die vielleicht geistig stärkste und am meisten einige Gemeinde der Mission empfunden.
Das war so, als ich vor vierunddreißig Jahren auf der Insel diente, und es ist auch heute so.
Yves und Kathleen Perrin, Februar 1987

19:07 - 8.03.2008


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