Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Frankreich

Jedes Jahr zieht das Evangelium Jesu Christi weitere Kreise, weil die Mitglieder in Frankreich zunehmend größere Kraft finden und ernten, was ihr Glaube gesät hat.
Fast überall in Frankreich, das eine Fläche von 550000 Quadratkilometern bedeckt, bringt die dunkle Erde eine reiche Pflanzenwelt hervor. In den Alpentälern und in den Pyrenäen blühen Wildblumen, und die Berghänge sind von leuchtendrotem Klatschmohn übersät. Die Lavendelfelder schwängern die Luft mit ihrem Duft.
In Frankreich, diesem großen Garten, leben fast 60 Millionen Menschen. Ungefähr 20 Prozent davon wohnen in einer Stadtwohnung in Paris. Und wo wohnen die Franzosen sonst noch? Die Palette reicht von den efeubedeckten Steinhäusern in der Normandie und den Fischerhütten an der Küste zu den Lehmziegelhäusern mir roten Dächern an der Riviera und den Schlössern der Alpen. Überall im ländlichen Frankreich stehen jahrhundertealte Schlösser und erinnern an die bewegte Geschichte des Landes, die bis weit vor Christi Geburt zurückreicht.
So wie die Blumen jedes Jahr aufs neue erblühen, so richten die Mitglieder hier bereitwillig das Evangelium auf und bewahren es. Die meisten Führer der Kirche, die sich in den sechziger Jahren der Kirche angeschlossen haben, sind die erste Mitgliedergeneration hier. Sie sind tief im Evangelium verwurzelt. Und daraus erwachsen heute die Mitglieder der zweiten und dritten Generation.
Anhand der Verbindungen zwischen drei Familien, die zur ersten Mitgliedergeneration gehören, wird deutlich, wie die Mitglieder in Frankreich miteinander verwoben sind. Die Familien Simonet, Babin und Causse haben sich vor 25 beziehungsweise 30 Jahren in Nancy, Paris und Bordeaux der Kirche angeschlossen. Eine Generation später ist ihr Einfluß schon in mehr als zwölf Städten zu spüren.
Als Jacquie Simonet in Nancy eines Abends im Jahre 1969 nach Hause kam, fand er seine Frau Marie in Tränen aufgelöst. Sie hatte eine Ausgabe des L'Etoile, der französischen Zeitschrift der Kirche, in der Hand. Leise sagte sie zu ihm: „Hier steht etwas über die ewige Ehe. Aber diese Segnung kann uns nur dann zuteil werden, wenn du dich taufen läßt.”
Jacquie Simonet war vier Jahre lang mit seiner Frau zur Kirche gegangen und hatte sich auch zweimal von den Missionaren im Evangelium unterweisen lassen. Er erzählt: „Aber weil ich rauchte, hatte ich mich nicht taufen lassen. Als dann meine Frau an jenem bewußten Abend mit mir sprach, wurde mir das Herz erweicht, und mir wurde bewußt, daß das Evangelium wahr ist und daß ich das bereits gewußt hatte. Ich liebe meine Frau und möchte in alle Ewigkeit mit ihr zusammen sein. Deshalb warf ich meine Zigaretten fort und habe seitdem nie wieder geraucht.” Jacquie Simonet ließ sich taufen, und im Jahr darauf wurden er und seine Frau im Tempel in der Schweiz aneinander gesiegelt. Heute ist Bruder Simonet Präsident des Pfahls Bordeaux.
Die Simonets haben neben ihren fünf eigenen Söhnen noch eine Nichte und einen Neffen großgezogen. Die Kinder leben heute weit verstreut – in Paris, in Thoiry, in Bordeaux und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Fast alle ziehen inzwischen die dritte Mitglieder-Generation heran. Christian Soulé, der Neffe der Simonets, dient als Ratgeber in der Präsidentschaft des Pfahls Paris.
1977 taufte Bruder Simonet in Nancy eine Freundin der Familie namens Francine Babin und deren Kinder. Jean-Albert, ihr Mann, ließ sich sechs Monate später taufen. Bruder Simonet erzählt: „Als Francine das Buch Mormon las, war ihr, als sei die Sonne für sie aufgegangen. Eigent ich ist sie ziemlich wortkarg, aber nachdem die Missionare sie im Evangelium unterwiesen hatten, konnte sie gar nicht mehr aufhören, über das Evangelium zu reden.”
So wie die Kinder der Simonets sind auch die fünf Kinder der Babins ein Beispiel dafür, wieviel Kraft die zweite Mitglieder-Generation in die Kirche einbringt. Sie unterweisen wiederum ihre Kinder im Evangelium und haben Führungspositionen in der Kirche in Paris, Versailles und Mantes-la-Jolie inne.
Wenn Angehörige zweier aktiver Mitgliederfamilien heiraten, wird die Grundlage des Evangeliums noch fester. Valerie Babin beispielsweise ist mit Gerald Causse verheiratet, der in Bordeaux wohnt und in zweiter Generation zur Kirche gehört. Er dient als Ratgeber im Pfahl Paris. Jean und Marie Causse, seine Eltern, haben sich 1963 taufen lassen, und Jean Causse ist derzeit Bischof der Gemeinde Eysines.
Und so pflanzt sich der Einfluß des Evangeliums von Familie zu Familie fort und verknüpft die Mitgliederfamilien in Frankreich miteinander.

Der Same wird gesät
Seit Elder John Taylor am 18. Juni 1850 die erste Mission in Frankreich gründete, säen die Missionare den Samen des Evangeliums. Inzwischen hat dieser Same Wurzeln geschlagen und Blüten hervorgebracht. Die Mission in Frankreich wurde als sechste Mission der Kirche gegründet, aber aufgrund von Einschränkungen, die der Staat der Kirche auferlegte, blieb sie 57 Jahre lang geschlossen. Auch die beiden Weltkriege verhinderten die Verbreitung des Evangeliums. Die Kirche hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber sie ging nicht unter.
„Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten glaubenstreuen Mitglieder ältere alleinstehende Frauen”, erzählt Richard M. Oveson, Präsident der Mission Bordeaux. „Dann bekehrten sich neue Mitglieder, die wahrscheinlich genauso viele Opfer bringen mußten wie die Pioniere in der Anfangszeit der Kirche in Amerika. Weil sich die Mitglieder damals noch in Zion sammeln sollten, wanderten viele neue Mitglieder nach Amerika aus.”
Zu denen, die in Frankreich blieben, gehörten Louis und Marie Gaston aus Nizza. Louis Gaston suchte 1950 systematisch nach der Kirche Christi und besuchte dazu alle Gemeinden in der Stadt. Aber erst seine Frau erzählte ihm von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, von der sie auf dem Markt von einer Freundin erfahren hatte. Marie war beeindruckt, als sie „Kirche Christi” hörte. Das hörte sich gut an, denn sie hatte ihren Mann oft sagen hören, daß die Kirche Jesu Christi irgendwo auf der Erde sein müsse. Am darauffolgenden Sonntag gingen die Gastons zur Kirche. Die Versammlung fand in einem kleinen Raum statt. Außer ihnen und den Missionaren waren nur noch zwei Mitglieder anwesend. Louis Gaston war tief beeindruckt, als er die Mitglieder von Jesus Christus Zeugnis gehen hörte. Als die Versammlung vorüber war und die Familie wieder auf der Straße stand, sagte er tiefbewegt: „Dies Jesu ist die wahre Kirche Jesu Christi.”
Am 22. Dezember 1950 wurde die ganze Familie im türkischen Bad in Nizza getauft. Acht Monate später wurde Bruder Gaston zum Ältesten ordiniert und im Herbst 1951 zum Zweigpräsidenten berufen. Er sprach mit allen Kunden, die in seine Waagen-Werkstatt kamen, über das Evangelium. Seine Frau kümmerte sich unter dessen um die Alten, Einsamen und Kranken. Ihr liebevoller Dienst trug auch dazu bei, daß sich das Evangelium verbreitete. Nach zwei Jahren besuchten mehr als 100 Menschen die Versammlungen des Zweigs Nizza.
Nach der Weihung des Tempels in der Schweiz im Jahre 1955 und des London-Tempels im Jahre 1958 blieben immer mehr neue Mitglieder in Frankreich, statt nach Amerika auszuwandern. Darunter waren auch viele Studenten und junge Leute, die sich nach und nach zum Rückgrat der Kirche in Frankreich entwickelten und dafür sorgten, daß das Evangelium dort Fuß faßte. 1961 wurde die Mission Frankreich-Ost gegründet, und 1962 wurde in Nantes das erste Gemeindehaus der Kirche in Frankreich geweiht.
1970 und 1974 wurden die Missionen Frankreich, Frankreich-Ost und Frankreich-Belgien neu organisiert, und es wurden sieben Missionen geschaffen. Am 16. November 1975 – damals gab es in Frankreich etwa 10.000 Mitglieder — wurde der Pfahl Paris gegründet.
Heute ist der Großraum Paris noch immer ein wichtiges Zentrum der Kirche in Frankreich, denn dort wohnen etwa 4.000 der 26.000 Mitglieder in Frankreich. Aber auch außerhalb von Paris hat das Evangelium Wurzeln geschlagen. Das langsame aber stetige Wachstum hat inzwischen in ganz Frankreich sieben Pfähle und sieben Distrikte entstehen lassen. Drei Missionen verkünden das Evangelium aus schließlich in Frankreich; zwei weitere Missionen schließen Teile Frankreichs mit ein.
Das Wachstum der Kirche in Frankreich ist auf unablässige Missionsarbeit zurückzuführen. Die Missionare haben festgestellt, daß den Franzosen ihre Privatsphäre sehr wichtig ist und es daher einige Zeit in Anspruch nimmt, das Vertrauen ihrer Untersucher zu gewinnen. Wenn dieses Vertrauen aber erst einmal vorhanden ist und der Untersucher sich taufen läßt, bleibt er dem Evangelium treu verhaftet.
Ein gutes Beispiel dafür ist Robert Sorhaitz. Er ist in den Pyrenäen an der spanischen Grenze aufgewachsen und stolz auf seine baskische Herkunft. Aber die Traditionen haben es ihm schwergemacht, sich ein Zeugnis zu erarbeiten. „Es ist mir nicht leichtgefallen, ein Zeugnis zu erlangen”, erzählt er. „Als meine Frau sich taufen ließ, habe ich ihr zwar einen Blumenstrauß geschenkt, wollte aber selbst nicht viel vom Evangelium wissen. Wir gingen dennoch drei Jahre zusammen zur Kirche und beteten gemeinsam. Dann besuchten wir eines Tages den Taufgottesdienst für einen jungen Mann. Ich hatte mich bereitgemacht, und nun wurde mir klar, daß ich mich gern taufen lassen wollte. Weil ich meine Frau damit überraschen wollte, ging ich heimlich zum Bischof. Er führte eine Unterredung mit mir, und dann zog ich die nassen Kleider an, die eben noch der junge Mann getragen hatte, der getauft worden war. Dann stieg ich ins Taufbecken. Als meine Frau sah, daß ich im Wasser stand, begann sie, vor Freude zu weinen." Seitdem steht Bruder Sorhaitz treu zum Evangelium und war schon dreimal Präsident des Zweigs Bayonne.
Die Franzosen arbeiten viel, genießen aber auch gerne ihre Freizeit, sind gerne mit Freunden zusammen und schützen ihr Privatleben. Für sie ist eine gute Ausbildung sehr wichtig, was dazu führt, daß Frankreich die geringste Analphabetenrate auf der ganzen Welt hat. Die Kinder gehen schon mit drei Jahren in den Kindergarten, und später gehen sie fünf Tage in der Woche von 8 Uhr bis 17 Uhr zur Schule. Die Erwachsenen pflegen die Konversation mit ihren Freunden im Straßencafé oder beim gemeinsamen Nachtmahl, das sich oft über fünf Gänge erstreckt; dazu gibt es Obst, Käse und frisches Brot. Auch Intellektualität und Kultur sind gefragt, außerdem Selbständigkeit. Normalerweise gilt es nicht als opportun, sich ganz einer bestimmten Religion hinzugeben, und Gespräche über religiöse Themen werden vorzugsweise in der Privatsphäre geführt. Aber wenn ein Franzose den Geist spürt, nimmt er das Evangelium voller Begeisterung und Hingabe an.
Eines Tages klopften beispielsweise zwei Missionare in Nimes an die Tür von Jacques Faudin. Jacques war damals achtzehn Jahre alt und Student. An Religion war er überhaupt nicht interessiert – er war überzeugter Marxist-Leninist und Atheist. „Ich habe die Missionare nur deshalb hereingebeten, weil ich mit ihnen diskutieren und sie zum Atheismus bekehren wollte”, erzählt Bruder Faudin. „Aber nach zwei Lektionen geriet meine Weltanschauung ins Wanken. Die beiden Missionare besaßen eine Kraft, die ich mir nicht erklären konnte. Deshalb hörte ich auf, mit ihnen zu diskutieren, und begann, an meiner atheistischen Einstellung zu zweifeln.”
Das war der Wendepunkt in seinem Leben. Jetzt wollte Jacques Faudin herausfinden, ob es einen Gott gibt. Weil er aber noch immer skeptisch war, als die Missionare ihm das Buch Mormon gaben, nahm er sich vor, ihnen zu beweisen, daß das Buch falsch war. Aber nach zweiwöchigem intensiven Lesen hatte er noch nichts Falsches gefunden.
„Ich wünschte mir ein geistiges Zeugnis”, erzählt Bruder Faudin. „Deshalb schloß ich einen Bund mit dem Herrn: Wenn er mein Beten erhörte, wollte ich ihm mein Leben weihen. Kurz danach erfuhr ich, daß Howard W. Hunter, der damals noch dem Kollegium der Zwölf Apostel angehörte, nach Marseille kam, um das dortige Gemeindehaus zu weihen. Ehe ich zu der Versammlung ging, fastete ich. Als die Missionare mich dann Elder Hunter vorstellten, gab ich ihm mein Programmheft und bat ihn, etwas für mich hineinzuschreiben. Er schaute mir tief in die Augen und schrieb dann: ,Sie werden ein Zeugnis erlangen, wenn Sie Glauben üben und beten.' Ich nahm das Programmheft mit nach Hause und las seine Worte immer wieder. Außerdem übte ich weiter Glauben und betete. Dann wurde mir eines Nachts, nachdem ich gefastet hatte, die Antwort zuteil. Ich wußte jetzt ohne jeden Zweifel, daß Joseph Smith ein Prophet war und das Buch Mormon wahr ist. Zwei Tage später, am 27. Juni 1968, ließ ich mich taufen.”
Wie Bruder Faudin es dem Herrn gelobt hatte, hat er ihm sein Leben geweiht und viele wichtige Führungspositionen bekleidet.
So wie in den sechziger Jahren schließen sich auch heute viele junge Männer und Frauen der Kirche an. und immer mehr junge Franzosen gehen auf Mission. Wenn ein Franzose 19 Jahre alt geworden ist, muß er ein Jahr lang Militärdienst leisten, und wer zu studieren beginnt, kann sein Studium meist nicht unterbrechen. Dennoch nehmen viele junge Männer und Frauen bereit willig alle nötigen Opfer auf sich, um auf Mission gehen zu können.
Frederic Babin und seine Frau Franoise haben sich 1979 kennengelernt, als beide noch zu den jungen Erwachsenen gehörten, und zwar während einer Kirchenaktivität in den Alpen. Die beiden stellten ein Sechs-Jahres-Programm auf, um Frederics Militärdienst, sein Studium und eine Mission für beide unterzubringen. Erst danach wollten sie heiraten. Die meisten jungen Paare planen zwar nicht so weit in die Zukunft, aber ihr Lebenslauf sieht trotzdem oft nicht viel anders aus: Häufig wird die Heirat aufgeschoben, bis die Brautleute 25 bis 30 Jahre alt sind.
Patric Paoletti gehört zur zweiten Mitgliedergeneration und dient derzeit als Präsident des Zweigs Montpellier. Er hat keine Mission erfüllt. „Später ist mir aber bewußt geworden, wie wichtig eine Mission ist, und deshalb fordere ich alle jungen Leute in meinem Zweig auf, auf Mission zu gehen.” Präsident Paoletti hält in der Abendmahlsversammlung eindrucksvolle Ansprachen zu diesem Thema und erzählt dabei oft auch mit Tränen in den Augen von sich selbst. „Es tut mir so leid, daß ich nicht auf Mission gegangen bin”, sagt er. „Ich möchte, daß die jungen Leute meines Zweigs in den Genuß der Segnungen kommen, auf die ich verzichtet habe.” Derzeit erfüllen aus seinem Zweig, der 200 Mitglieder zählt, neun Mitglieder eine Mission.
Aber auch die Mitglieder-Missionsarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zum Wachstum der Kirche. Aufrichtige Freundschaft und das gute Beispiel sind dabei wichtige Hilfsmittel. „Die stärksten neuen Mitglieder sind diejenigen, die durch ihre Freunde das Evangelium kennengelernt haben", meint Galen S. Wooley, Präsident der Mission Marseille.
Die Taufen in Salon bei Marseille machen ganz deutlich, inwiefern Erfolg bei der Missionsarbeit auf echte Freundschaft zurückzuführen ist. Jacques und Mireille Roth wohnen am Ende einer kurvigen Bergstraße in einem großen Haus, von dem aus man einen Blick über das weite Tal hat. Immer wenn im Verlauf der letzten zehn Jahre neue Nachbarn zugezogen sind, haben die beiden alles getan, um sich mit den Neuankömmlingen anzufreunden. Das hat dazu geführt, daß sich mehrere Familien— insgesamt 57 Menschen — der Kirche angeschlossen haben. „Als Präsident Spencer W. Kimball uns aufgefordert hat, mit unseren Nachbarn über das Evangelium zu sprechen, habe ich diesen Auftrag ganz wörtlich genommen”, sagt Bruder Roth. „Wir haben ungemein nette Nachbarn, die wir sehr mögen. Da ist es doch nur natürlich, daß wir mit ihnen über das Evangelium sprechen.”

Die Gärten bestellen
Zusätzlich zur Missionsarbeit hat auch die Gründung der Pfähle dazu beigetragen, daß das Evangelium in Frankreich Wurzeln geschlagen hat. Die Mitglieder entwickeln Führungseigenschaften, indem sie dienen. Die Mitglieder in den einzelnen Zweigen und Gemeinden sind so verschieden voneinander wie die Blumen und das Gemüse in einem Bauerngarten und die Blumenstöcke in einer Stadtwohnung. Wenn man im Großraum Paris die alteingesessene Gemeinde in Versailles und den vor Leben pulsierenden Zweig in Clichy besucht, kann man sich gut vorstellen, wie groß die Unterschiede zwischen anderen Gemeinden und Zweigen in Frankreich sind. In ländlichen Gebieten ist die Kirche eher klein wie beispielsweise in Montauban, wo es einen Zweig gibt.
Versailles. Jean-Luc Magre, der bei IBM arbeitet, ist Bischof der Gemeinde Versailles. Er und seine Frau Beatrice haben vier Kinder. Die Gemeinde Versailles gehört zu den ältesten Gemeinden in Frankreich und besitzt ein Gemeindehaus aus rotem Backstein, das auch als Pfahlzentrum des Pfahles Paris dient. Von den 260 eingetragenen Mitgliedern, zu denen auch japanische und amerikanische Führungskräfte gehören, die mit ihrer Familie vorübergehend in Frankreich wohnen, kommen die meisten zu den Versammlungen. Viele Führer im Pfahl Paris kommen aus der Gemeinde Versailles.
„Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, festzulegen, was wir heute tun können, um morgen Fortschritt zu machen”, erklärt Bischof Magre. ,Wir sind dankbar dafür, daß Mitglieder aus anderen Ländern vorübergehend frische Kraft in unsere Gemeinde bringen, aber die Zukunft der Kirche hängt davon ab, oh es uns gelingt, den Franzosen Kraft zu schenken." Um die Schwierigkeiten zu meistern, denen seine Gemeinde ausgesetzt ist, nutzt Bischof Magre seine Fähigkeiten als visionärer und höchst kreativer Mensch. So hat er beispielsweise örtliche Priestertumsträger als „Hirten” für kleinere Gruppen innerhalb des großen Einzugsgebietes der Gemeinde eingeteilt. Das festigt das Band zwischen den einzelnen Mitgliedern und stärkt dadurch, daß ihnen das Evangelium gebracht wird, ihr Zeugnis.
,Wir können heute nicht genauso vorgehen wie vor zwanzig Jahren", sagt Bischof Magre. „Wir haben hier beispielsweise große Verkehrsprobleme, was dazu führt, daß die Mitglieder oft nicht vor 19 Uhr nach Hause kommen. Deshalb versuchen wir, mehrere Versammlungen miteinander zu kombinieren, um Zeit zu sparen. Wir tun unser Bestes und vertrauen darauf, daß der Herr das Übrige tut.”
Cecile Pelous, die Pfahl-FHV-Lehrerin, ist derselben Ansicht. ,,Selbst hier, wo die Kirche alteingesessen ist, haben viele Mitglieder mehrere Berufungen inne. Deshalb müssen wir kreativ sein und unsere Berufungen miteinander koordinieren. Zu den Zielen unserer FHV gehört es beispielsweise, den Frauen durch die Besuchslehrarbeit Kraft zu schenken. Die gemeinsamen Bemühungen der FHV-Mitglieder sind ein wichtiger Faktor hei der Ausbreitung des Evangeliums."
Clichy. Bis vor kurzem war Christian Soulé Präsident des Zweigs Clichy. Dann wurde er in die Präsidentschaft des Pfahls Paris berufen. Als er und seine Ratgeber in die Zweigpräsidentschaft berufen wurden, waren alle drei noch unverheiratet. Aber inzwischen sind sie alle verheiratet, und zwei haben schon Kinder. Der Zweig Vichy strotzt vor Jugend, Energie und geistiger Gesinnung. Die Versammlungsräume der Mitglieder liegen in den obersten Stockwerken eines frisch renovierten Gebäudes im Industriegebiet der Stadt. Mindestens acht verschiedene Sprachen sind dort zu hören, denn die Mitglieder kommen aus Wales, aus Westindien, aus den Vereinigten Staaten, aus Schweden, aus Deutschland, aus Trinidad, aus Südamerika und so weiter. Im letzten Jahr hat sich die Anwesenheitszahl in der Abendmahlsversammlung verdoppelt. „Ich glaube, der Herr hat mit uns etwas Besonderes vor; deshalb wachsen wir so rasch”, meint Präsident Soulé. „Uns ist bewußt geworden, daß der Herr uns sagt, was wir tun sollen, wenn wir gehorsam sind. Wir spüren seine Liebe und erfüllen seinen Willen. Einmal war ich zu einer geschäftlichen Besprechung eingeladen. Natürlich trank ich keinen Alkohol. Da sagte einer unserer potentiellen Kunden zu mir: Wenn Sie nichts trinken, dann machen wir auch keine Geschäfte mit Ihnen.' Ich dachte kurz nach und entgegnete dann: ,Vielleicht mache ich auch keine Geschäfte mit Leuten, denen das, was sich in meinem Glas befindet, wichtiger ist als das, was ich für sie tun könnte.' Ich dachte, ich hätte ihn erzürnt, aber am nächsten Tag rief er mich an und sagte, er wolle nur mit mir Geschäfte machen, und zwar deshalb, weil ich keine Angst hätte, für das einzutreten, woran ich glaube. Wenn wir etwas als richtig erkannt haben, dann müssen wir auch entsprechend handeln, was immer uns das auch kosten mag."
Marie Sillon, die FHV-Leiterin, fügt an: „Wir sind eins. Trotz der weiten Strecken wird unsere Heimlehr- und Besuchslehrarbeit immer besser. Die Mitglieder helfen einander spontan, ohne erst groß dazu aufgefordert wer den zu müssen.”
Montauban. Das malerische Dorf Montauban liegt südlich von Paris an der Garonne, über die sich hoch gewölbte Brücken spannen.
Der Zweig dort ist nur klein, aber voller Leben. Etwa 35 aktive Mitglieder und vier Vollzeitmissionare gehören ihm an. Die Versammlungen finden in einem neuen Gebäude an der Hauptstraße des Dorfes statt. Wie in fast allen kleinen Zweigen bilden mehrere starke Familien das Rückgrat. In Montauban ist das unter anderem die Familie VanTonder. Basil VanTonder aus Springs in Südafrika lernte die Französin Paulette auf einer Schlittschuhparty des Pfahles Johannesburg kennen. Zwei Monate später heirateten die beiden.
Jetzt haben sie sieben Kinder und wohnen abwechselnd in Südafrika und in Frankreich. Sie lassen ihre Mitmenschen in reichem Maße am Geist teilhaben. Basil VanTonder ist Zweigpräsident; er und seine Familie backen gemeinsam Brot, verköstigen die Missionare, kümmern sich um die älteren Brüder und Schwestern und laden über die Ferien Besucher ein. Ihr Einfühlungsvermögen und ihre geistige Gesinnung wirken sich auch auf die Versammlungen der Kirche aus. Die Dorfbewohner kommen gerne zu den Aktivitäten der Kirche und haben die Familie VanTonder 1992 mit der Auszeichnung „Beste Familie” geehrt.
Die neunzehnjährige Mireille VanTonder ist FHV-Leiterin des Zweigs. Sie sagte: „Ich habe soviel zu tun, daß meine Freunde manchmal gar nicht verstehen können, warum ich behaupte, frei zu sein. Aber ich erkläre ihnen, daß ich alles, was ich tue, aus freien Stücken tue und nicht gezwungenermaßen.”
Aufgrund der Missionsarbeit haben sich der Kirche zwar viele neue Mitglieder angeschlossen, aber die Reaktivierung nimmt bei Mitgliedern und Missionaren einen gleich hohen Stellenwert ein. Claude Gaston wurde während seiner Zeit in der Armee weniger aktiv in der Kirche. Obwohl er ein Mitglied heiratete, ging er nur selten zur Kirche. „Nach der Geburt unseres zweiten Kindes begann ich, meine Schwester genauer zu beobachten. Dabei wurde mir klar, wie segensreich das Evangelium für ihre Familie war. Meine Frau, meine Kinder, mein Vater und auch der Zweigpräsident machten mir Mut. Ich glaube, es lag vor allem an meinem Stolz, daß ich nicht wieder zur Kirche gehen wollte.” Doch nach nunmehr neun Jahren begann Claude Gaston wieder, zur Kirche zu gehen. Eineinhalb Jahre später fuhr er mit seiner Familie zum Tempel in der Schweiz, wo sie aneinander gesiegelt wurden.
„Weil ich nach dem Evangelium lebe, habe ich Harmonie und Stabilität gefunden”, sagt Bruder Gaston, der jetzt Bischof der Gemeinde Vitrolles ist. „In meiner Familie herrscht Liebe, und das macht uns alle sehr glücklich. Ich bin fest davon überzeugt, daß meine Familie auseinandergebrochen wäre, wenn ich nicht wieder in der Kirche aktiv geworden wäre.”

Wurzeln schlagen
Die französischen Familien haben beträchtliche Schwierigkeiten zu bewältigen. In Paris und auch in anderen Städten sind die Mieten so hoch, dass die Mütter arbeiten gehen müssen und ein Ehepaar selten mehr als zwei Kinder hat. Die Familien in der Kirche haben die gleichen Schwierigkeiten zu bewältigen wie alle anderen und müssen große Opfer bringen, wenn die Mutter zu Hause bleibt, um ihre vier, fünf Kinder großzuziehen.
Jean-Aimc Durand ist Präsident des Pfahles Nizza. Er und seine Frau Chantal sehen es als großen Segen an, Kinder zu haben. Präsident Durand erzählt: „Nach unserer Taufe haben wir uns entschlossen, weitere Kinder zu bekommen. Für diese Entscheidung sind wir sehr dankbar. Das Lesen in den heiligen Schriften, das persönliche Gebet und das Familiengebet, der Familienabend sowie der gemeinsame Kirchenbesuch sind für die Kinder wie ein Schild des Glaubens. Und weil sie die Wahrheit kennen, fangen sie auch nicht an zu zweifeln, wenn sie mir falschen Lehren konfrontiert werden.”
Schwester Durand kann da nur zustimmen: „Die Segnungen des Priestertums können uns und unseren Kindern Schutz geben”, fügt sie an. „Das Evangelium hat die Art und Weise, wie ich meine Kinder sehe, von Grund auf verändert. Mir ist heute nämlich bewußt, daß sie Kinder des himmlischen Vaters sind. Daher empfinde ich mehr Achtung für sie und nehme ihre Gedanken ernster.”
Dennoch sind die Kinder zahlreichen Versuchungen ausgesetzt. Der zehnjährige Guillaume Lafargue aus Angoulème sagt: „Ich tue nichts Schlechtes, weil ich es bei der Taufe so versprochen habe. Ich weiß es nämlich besser.” Wie viele andere Kinder in der Kirche findet auch Guillaume Kraft im Evangelium und den dazugehörigen Programmen. Der Patriarchalische Segen, das Seminar und die Aktivitäten der Kirche machen den Kindern Mut.
Präsident Soule erklärt: „Wir beten für unsere Kinder. Wir hoffen für sie. Bei einer unserer Jugendaktivitäten haben wir belegte Brötchen gemacht und in der Metro an Hungrige verschenkt. Unsere jungen Leute sprechen heute noch davon, wie sehr die Augen der Beschenkten gestrahlt haben.”

Erblühen
Der Tempelbesuch ist den Mitgliedern in Frankreich sehr wichtig. Wer in Paris beziehungsweise Nordfrankreich wohnt, fährt zum Frankfurt-Tempel; die übrigen Franzosen fahren zum Tempel in der Schweiz. Entfernung, Reisekosten und Zeitaufwand sind Probleme, die gelöst werden müssen, und doch fahren die Mitglieder in Frankreich dreimal jährlich zum Tempel. Wer näher am Tempel wohnt, fährt sogar noch öfter hin.
„Der Tempel ist wie der Himmel auf Erden – es gibt nichts Erhabeneres”, meint Micheline David aus der Gemeinde Eysincs. „Wenn man anfängt, gemeinsam Genealogie zu betreiben und in den Tempel zu gehen, webt man dadurch ein festes Band der Liebe.”
Manche Mitglieder arbeiten während einer Pfahl-Tempelfahrt auch als Tempelarbeiter. Andre und Alice Lafargue aus der Gemeinde Angoulème beispielsweise sind schon seit vielen Jahren Tempelarbeiter und begeisterte Genealogen. „Wenn man Genealogie betreibt, merkt man, wie dünn der Schleier eigentlich ist”, sagt Schwester Lafargue. „Ich bete um Hilfe, wenn ich die Namen und Lebensdaten meiner Vorfahren sammle, und wenn ich für sie die heiligen Handlungen im Tempel vollziehe, spüre ich, daß sie dabei sind.”
Die Mitglieder in Frankreich haben guten Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken, denn die Mitgliederzahl nimmt stetig zu, und es erwachsen starke örtliche Führer „Ich hin fest davon überzeugt, daß die Kirche in meinem Land eine Zukunft hat”, sagt Jacques Faudin. „Ich sehe den Fortschritt. Und selbst wenn es manchmal Schwierigkeiten gibt – alles regelt sich wieder, weil das Evangelium wahr ist. In fünf bis zehn Jahren gibt es viele Mitglieder in der dritten und sogar vierten Generation. Außerdem sind dann viele Familien durch Heiraten miteinander verbunden. Und wenn es erst drei Mitgliedergenerationen gibt, ist das Evangelium fest verwurzelt.”
Die Zweige und Gemeinden in Frankreich blühen wie ein gut gepflegter Bauerngarten. Die örtlichen Führer sowie die Vollzeitmissionare kümmern sich liebevoll um ihr Gebiet, so wie ein Gärtner seine Pflanzen pflegt und Unkraut jätet. Die Mitglieder in Frankreich, die fest im Evangelium verwurzelt sind, sind wie Blumen, die Sommerhitze und frühe Nachtfröste überstanden haben und selbst Ende Oktober noch im Licht der untergehenden Sonne erstrahlen. Sie stehen fest im Evangelium, denn sie wissen, daß eine neue Morgendämmerung, ein neuer Frühling, eine neue Zeit des Wachsens vor ihnen liegt.
LaRene Gaun, Mai 1996

01:42 - 15.04.2008


Vorherige Seite Nächste Seite
Beschreibung
Hier veröffentliche ich Berichte aus alten Kirchenzeitschriften über das Evangelium in anderen Ländern
Home
Profil
Archiv
Freunde
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Mormonwiki
Fairmormon
FAIR
Jesus
Das Buch Mormon überzeugt
mehr zum Buch Mormon
besondere Erlebnisse
Bekehrungsgeschichten
Berichte der Pioniere
Abenteuer der Mormonen
Geschichte der Mormonen (außer funktion)
Propheten
Joseph Smith
Offenbarungen
Der Geist des Elija
Genealogie
Tempel und Tempelarbeit
Missionsarbeit
Die Gebote
Gedenke des Sabbats
Gesetz der Keuschheit
Der Zehnte
Wort der Weisheit
Fasten
Kontroversen
Der Glaube der Mormonen
Letzte Einträge
- Zwischenfall in einem samoanischen Dorf
- Eine Tasse Tee
- Japan - Das Land des aufgehenden Lichts
- Nächstenliebe auf Hawaiianisch
- Mexiko
- Haiti
- Sowjetunion
- Brooklyn
- Dominikanische Republik
- Singapur
- Tonga
- Mistolar -- eine geistige Oase
- Afrika
- Ghana
- Chile
- Ungarn
- Die Australier -- ein interssantes Volk
- Indien
- Estland
- Tahiti
- Puerto Rico
- Belfast -- Die Mauern fallen
- Frankreich
- Eine gemeinsame Sprache in Papua-Neuguinea
- Samoa
- Bahamas
- Island -- Land aus Feuer und Eis
- Das Evangelium faßt Fuß in Kambodscha
- Das Evangelium in den Anden
- Die Mitglieder in Tschechien
- Das Evagelum kommt nach Kapverde
- Hongkong -- ein Traum wird wahr
- Tudo Bern in Brasilien
- Eine mächtige Wandlung in der Mongolei
- Die verlorene Insel
- Pioniere In Paraguay
- Equador
- die Heiligen in Portugal
- Erde; Meer und Seelen in Dänemark
- Korea -- Land der Morgenfrische
- Fidschi -- Inseln des Glaubens
- Ein Weihnachtsgeschenk für Ungarn
- In Mikronesien wird ein neuer Kurs gesteuert
- Die Heiligen in Indonesien
- Pioniere an der Elfenbeinküste
- Argentiniens heller froher Tag
- Gläubig, gut, tugenhaft, treu -- Pioniere auf den Phillippinen
- Wie das Evangelium in Osteuropa fußfaßt
- Vermächtnis des Glaubens in Rußland
- Sowetos helle Zukunft
- Die Seevögel von Kiribati
- Bolivien -- Segnungen im Überfluss
- Spanien -- Glaubenshorizonte erforschen
- Noch ein Bericht von HLTs aus der Ukraine
- Ukraine
- Honduras
- Taiwan - vier Jahrzahnte des Glaubens
- Neukaledonien