Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Tahiti

Das Gesicht des Missionars ist tränennaß, als er zuschaut, wie die Menschen, die er belehrt hat, nach der Taufe aus dem Wasser kommen. Das Herz will ihm fast zerspringen, als er hört, wie sie, die ja jetzt der Kirche angehören, dem himmlischen Vater dafür danken, daß er ihn nach Tahiti gesandt hat, damit sie im Evangelium unterwiesen werden können. Alle Opfer, die er bringen mußte, um seine Heimat zu verlassen und in ein weit entferntes Land auf Mission zu gehen, sind vergessen, denn sie sind wirklich der Mühe wert.
Eine andere Taufe. Ein vierzehnjähriges Mädchen umarmt die Missionarin, die es im Evangelium unterwiesen hat. Und obwohl die Missionarin ihr Zuhause verlassen hat und viele tausend Kilometer zurücklegen mußte, um auf Mission zu gehen, hat sie doch das Gefühl, daß es sich gelohnt hat.
Beide Geschichten erzählen von den gleichen Empfindungen und den gleichen Opfern, die die Missionare bringen mußten. Aber ist es nicht vielleicht interessant, daß zwischen beiden Ereignissen 150 Jahre und das weite Meer liegen? Der Missionar aus der ersten Geschichte war Addison Pratt, der 1844 die ersten Mitglieder im Pazifik taufte, nicht weit von Tahiti entfernt. Bei der Missionarin in der zweiten Geschichte handelt es sich um Barbara Nauta, eine geborene Tahitianerin, die 1993 ihre Heimatinsel verließ und nach Kanada auf Mission ging.
So lange es die Kirche gibt, so lange haben Missionare Opfer gebracht, um das Evangelium in entlegenen Gebieten wie etwa Tahiti zu verkünden. Gerade in Tahiti hat sich jetzt der Kreis der Missionsarbeit geschlossen. Heute verlassen junge Inselbewohner ihre Heimat und erfüllen eine Mission — entweder auf einer anderen Insel oder irgendwo anders auf der Welt.

Die erste fremdsprachige Mission
Vor etwas mehr als 150 Jahren begannen die ersten Missionare, die in eine fremdsprachige Mission gesandt wurden, ihre Aufgabe im heutigen Französisch-Polynesien. Die bekannteste Insel dieses Archipels ist wohl Tahiti. Die Missionsberufung sprach der Prophet Joseph Smith damals noch selbst aus.
Damals war es nicht einfach, nach Tahiti und auf die nahegelegenen Inseln zu gelangen. Die Reise dorthin dauerte fast ein Jahr. Die ersten Missionare – Addison Pratt, Benjamin E. Grouard, Noah Rogers und Knowlton F. Hanks – mußten buchstäblich eine Weltreise machen, um dorthin zu kommen. Zuerst reisten sie auf dem Landweg von Nauvoo in Illinois an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Dort suchten sie sich ein Walfängerschiff, das in den Südpazifik fuhr. Zuerst überquerten sie den Atlantik, wo Elder Hanks starb, mit dessen Gesundheit es nicht zum besten stand. Er erhielt eine Bestattung auf hoher See. Dann umrundeten sie das Kap der Guten Hoffnung, überquerten den Indischen Ozean, passierten die südostasiatischen Inseln und legten zum ersten Mal wieder in Tubuai, südlich von Tahiti, an. Inzwischen war seit ihrer Abreise aus Nauvoo fast ein Jahr vergangen. Die Inselbewohner hießen sie freundlich willkommen. Elder Pratt verschaffte sich gleich große Beliebtheit, weil er nämlich schon vor einigen Jahren als Seemann nach Hawaii gesegelt war und dort etwas Hawaiianisch gelernt hatte. Die Bewohner Tubuais konnten ihn verstehen.
Ein paar Jahre später gab es auf den Inseln, unter anderem auch auf Tahiti, schon mehrere hundert Mitglieder der Kirche.

Was ist seitdem geschehen?
Nach acht Jahren verwies die Regierung die Missionare des Landes. Etwa 40 Jahre lang blieb die Mission geschlossen, aber einige Mitglieder blieben dem Glauben treu. Als die Missionsarbeit dann wieder aufgenommen wurde, begann das Wachstum der Kirche auf den Inseln im Südpazifik erneut. Zuerst ging es nur langsam voran, aber dann immer schneller. Heute gibt es auf Tahiti und den Nachbarinseln vier Pfähle, einen Tempel, ein Dutzend Gemeindehäuser und viele junge Leute, die eine Mission erfüllen. Und noch mehr junge Menschen bereiten sich darauf vor, auf Mission zu gehen, sobald sie das notwendige Alter erreicht haben.
So wie die Missionare vor 150 Jahren, so blicken auch die jungen Tahitianer auf den Herrn und lassen sich von ihm führen. Schwester Barbara Nauta beispielsweise, die in Tahiti aufgewachsen ist, hat in der Kanada-Mission Toronto eine Mission erfüllt. Sie erzählt, daß die Untersucher in Kanada sehr überrascht gewesen seien, daß sie ihre warme Heimatinsel im Pazifik verlassen hatte, um eine fremde Sprache zu erlernen (Schwester Nauta spricht Französisch und Tahitisch; Englisch mußte sie erst lernen) und Kälte und Schnee zu ertragen. Sie fragten sie auch, warum sie das getan habe. „Ich erklärte ihnen, daß der Herr mich hierher gesandt hat”, erzählt sie.

Ganz besondere Missionare
Die Namen der ersten Missionare, die vor 150 Jahren ins Land kamen, sind den Bewohnern Französisch-Polynesiens heute noch geläufig. Sie halten auch die Namen der anderen Missionare in Ehren, die ihr Volk seitdem im Evangelium unterwiesen haben – vor allem aber die Namen der Missionare, die ihnen als erste das Evangelium gebracht haben.
Die siebzehnjährigen Zwillinge Titaina und Titaua Germain aus dem Zweig Haumi auf der Insel Moorea finden, daß Bruder Nelson und Bruder Snowden ganz besondere Missionare sind. Die Zwillinge, die alles gemeinsam machen und sich verblüffend ähnlich sehen, meinen: „Als die Missionare uns die Grundsätze des Evangeliums erklärt haben, waren wir gleich ziemlich erstaunt. Uns war nämlich, als hätten wir schon immer davon geträumt, Menschen kennenzulernen, die auf diese Art leben, und eine Kirche, die so und nicht anders wirkt.”
Die Zwillinge müssen mit der Taufe zwar bis zu ihrem 18. Geburtstag warten, aber sie gehen eifrig zur Kirche und zum Institutsunterricht. „Gleich als Bruder Nelson und Bruder Snowden uns etwas vom Evangelium erzählt haben, waren wir beide hochinteressiert”, erzählt Titaina. Oder war es Titaua? „Wir denken und empfinden gleich.”

Seit mehreren Genarationen in der Kirche
Es gibt auch heute noch Pioniere in Französisch-Polynesien. Lianna Tarahu, 14 Jahre alt, aus Hapiti muß gar nicht weit suchen, um welche zu finden, denn ihre Großeltern haben sich schon vor vielen Jahren der Kirche angeschlossen und erinnern sich noch gut und gerne an John Furiman, der sie im Evangelium unterwiesen hatte.
Lianna ist heute die dritte Generation, die in der Kirche aktiv ist. Aber wie jedes andere Mitglied mußte auch sie sich ein Zeugnis selbst erarbeiten.
„Natürlich bin ich sehr gesegnet, daß ich in der Kirche aufwachsen durfte. Meine Eltern haben mich von klein auf in den Grundsätzen des Evangeliums unterwiesen. Und wir haben gemeinsam in der heiligen Schrift studiert. Es gab eigentlich kein besonderes Ereignis, durch das ich ein Zeugnis erlangt hätte; es ist vielmehr im Laufe der Jahre allmählich gewachsen. Jetzt gehe ich zum Seminarunterricht und lerne viel über das Evangelium. Wenn ich dann auf Mission gehe, bin ich viel besser vorbereitet, weil ich am Seminarprogramm teilgenommen habe.”
Es ist Lianna ernst damit, auf Mission zu gehen. Ihre Lieblingsschriftstelle ist 1 Nephi 3:7, wo Nephi sagt, daß er alles tun werde, was der Herr ihm gebietet. Lianna sagt: „Das verspreche auch ich dem Herrn.” Wenn man sie fragt, was sie tun wird, wenn sie in ein weit entferntes Land berufen wird, zögert sie. Sie ist das älteste Kind ihrer Eltern und hat noch elf Geschwister. Ganz bestimmt wird sie ihre Familie vermissen, und ihre Familie wird sie vermissen. Aber dann sagt sie: „Darauf kommt es nicht an. Ob der Herr mich nach Amerika, nach London oder nach Bora Bora beruft – ich werde ihm dienen.”
Vorne in ihre heilige Schrift hat Lianna die Broschüre „Für eine starke Jugend” geklebt, natürlich in französischer Sprache. „Soyez Fort” – „Seid stark” heißt es da. Lianna schaut oft auf diesen Satz.
Fällt es ihr schwer, die Verhaltensrichtlinien der Kirche zu befolgen? Lianna erzählt uns ein Beispiel: „Es ist sehr heiß hier, aber wir sollen uns ja sittsam kleiden und Kleider oder Blusen mit Ärmeln tragen. Manchmal ist das nicht einfach, aber diese Richtlinien sind gut und schützen uns. Wir lernen viel, was wir wissen müssen, um gute Mitglieder zu sein.”

Wie die Menschen sich verändern
Stelio Mauahiti wohnt gleich neben einem schönen Gebäude in Paea auf Tahiti. Man hatte ihm zwar gesagt, daß es sich um eine Kirche handle, aber er wußte nicht, um welche Kirche. Das Gelände war immer sauber und gepflegt, und fast jeden Tag gingen Leute zu irgendwelchen Aktivitäten in die Kirche. Sonntags konnte er sie singen hören, denn Türen und Fenster standen immer offen. An anderen Tagen sah er, wie Jungen in seinem Alter auf dem Kirchengelände Basketball spielten. Zwei junge Männer mit weißem Hemd und dunkler Hose fielen ihm besonders auf.
Es dauerte gar nicht lange, bis Stelio mit ihnen Basketball spielte. Und dann fing er an, ihnen zuzuhören. Er und seine Mutter ließen sich im Evangelium unterweisen. Als sie getauft wurden, nahm Stelio sich fest vor, eines Tages auch selbst auf Mission zu gehen.
Heute ist es soweit. Stelio Mauahiti ist in die Mission Französisch-Polynesien berufen worden. Zu seinen ersten Arbeitsgebieten gehörte das Dorf Uturoa auf der Insel Raiatea. Das Missionsleben ist so ganz anders als das, was er gewohnt war. Jetzt ist er ein junger Mann mit weißem Hemd und dunkler Hose. Jetzt spielt er mit jungen Leuten, die mehr über die Kirche wissen wollen, Basketball auf dem Kirchengelände. Jetzt unterweist er sie im Evangelium.
Aber am schönsten ist, daß Bruder Mauahiti dasselbe erlebt wie Addison Pratt vor 150 Jahren. Er sieht nämlich, wie Menschen sich zum Guten ändern. „Ich kenne den Unterschied zwischen einer Familie innerhalb der Kirche und einer Familie außerhalb”, sagt er. „Ich habe gesehen, wie Menschen sich geändert haben, und ich weiß, daß das nicht an mir liegt, sondern am Geist des Herrn, der durch seine Missionare wirkt.”
Heute erfüllen viele junge Bewohner Französisch-Polynesiens eine Mission. Nehmen wir einmal Alona Losamkieou. Sie hat ihre wunderschöne Heimatinsel Raiatea im Südpazifik verlassen und sich auf die weite Reise nach Salt Lake City gemacht, um den Besuchern auf dem Tempelplatz das Evangelium näherzubringen. Schwester Losamkieou ist nur eine von den vielen jungen Polynesiern, die dem Beispiel nacheifern, das ihnen die ersten Missionare im pazifischen Raum vor 150 Jahren gegeben haben. Der Kreis der Missionsarbeit hat sich geschlossen.
Janet Thomas, März 1995

19:22 - 16.04.2008


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