Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Mistolar -- eine geistige Oase

Im trockenen Gran Chaco in Paraguay liegt das kleine Dorf Mistolar. Alle Bewohner sind Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Es sind einfache Menschen indianischer Herkunft, und sie leben zwar weitab von der Hauptstadt Asunción, wo sich auch der Hauptsitz der Kirche für Paraguay befindet, aber sie halten sich an die Programme und Grundsätze des wiederhergestellten Evangeliums und sind der Welt ein Vorbild an Treue.
Mistolar besteht seit 1977. Damals sah Merle Bair, der Missionspräsident von Paraguay, in einem Fernsehprogramm in Asunción Walter Flores, einen Mann aus dem Gran Chaco von Paraguay. Präsident Bair fühlte sich gedrängt, diesen Mann zu suchen und ihm vom Evangelium zu erzählen. 1980 fanden die Missionare Walter Flores. Er fühlte sich sofort angesprochen und ließ sich bald taufen. Er war so erfüllt von seinem Zeugnis, daß er wußte, er mußte seinen indianischen Freunden und Verwandten vom Evangelium erzählen. Mehrere hundert schlossen sich daraufhin der Kirche an.
Eine Gruppe von über zweihundert Mitgliedern, die dem Stamm der Nivacle (früher Chulupi) angehörten, wollte sich den Einflüssen der Welt entziehen und besiedelte ein großes Stück Land in einer unbewohnten, abgelegenen Gegend von Paraguay. Sie nannten ihre Siedlung Mistolar. Zunächst konnten sie sich mit dem, was sie anbauten und was Jagd und Fischfang ihnen einbrachten, selbst versorgen und hatten wenig Kontakt zur Außenwelt.
Aber der Pilcomayo, der große Fluß zwischen Mistolar und der Nordgrenze Argentiniens, wurde zur Bedrohung für ihre Selbständigkeit und ihren Glauben.
In einem Jahr, als der Schnee in den Anden schmolz, trat der Pilcomayo über die Ufer und überschwemmte Mistolar. Die Mitglieder waren gezwungen, sich anderswo anzusiedeln, und sie ließen sich zehn Kilometer vom Fluß entfernt nieder. Aber auch dort waren sie nicht sicher. Eine erneute verheerende Flut überschwemmte ihr Land, so daß es einen Monat lang in knietiefem Wasser versank. Sie verloren das schöne Gemeindehaus, das sie sich gebaut hatten, ihre Gärten, ihre Kleidung, ja, fast alles, was sie besaßen. Aber ich habe selbst gesehen, daß ihnen der Glaube geblieben war.
Am 15. Juni 1987 flog ich als Mitglied der Gebietspräsidentschaft, die ihren Sitz in Buenos Aires hat, nach Asunción, wo ich mit ,lohn J. Whetten, dem Präsidenten der Mission Asunción, zusammentraf. Mit noch ein paar Brüdern beluden wir zwei kleine Lastwagen mit einer Tret-Nähmaschine, Stoff für Hemden und Kleider, Reis, Bohnen, Salz und noch einigem mehr. Außerdem nahmen wir ein Exemplar des Buches Grundbegriffe des Evangeliums mit, das gerade in die Sprache der Nivacle-Indianer übersetzt worden war. (Die Nivacle sprechen nicht die Hauptsprachen Paraguays, Spanisch und Guarani. sondern ihren eigenen Dialekt.)
Von Asunción aus fuhren wir fast fünfhundert Kilometer bis nach Filadelfia; die Straße war gut ausgebaut. Und so dauerte die Fahrt etwa sieben Stunden. Am nächsten Tag fuhren wir die zweihundertfünfzig Kilometer nach Mistolar und schafften auf der extrem holprigen Straße etwa fünfzehn bis fünfundzwanzig Kilometer in der Stunde. Wenn es auch nur ein bißchen geregnet hätte, hätte sich die Straße in Schlamm verwandelt, und wir wären niemals angekommen. Dieser kürzere Teil der Reise nahm fast neun Stunden in Anspruch.
Als wir in Mistolar ankamen, wurden wir herzlich begrüßt, und zwar hauptsächlich von den Frauen und Kindern. Ich erkundigte mich nach den Männern und erfuhr, sie befänden sich auf der Jagd. Als ich fragte, was sie jagten, sagten die Schwestern: „Alles.” (Manche Männer gehen die zehn Kilometer bis zu dem Fluß. wo sie fischen, zu Fuß.) Die Nutztiere des Ortes, die überlebt hatten, umfaßten drei Schafe, ein paar Hühner und Ziegen und einen mageren Hund. Die Mitglieder, die wegen der Überschwemmung kaum etwas Nahrhaftes zu essen und auch nicht viel anzuziehen hatten, zitterten in der Winterkälte (zwanzig Grad Celsius). Nachts boten ihnen ihre Behelfshütten aus Lehm und Stroh kaum Schutz, wenn die Temperatur auf null bis fünf Grad absank. Die übrigen elf Monate des Jahres sind extrem heiß; manchmal steigt die Temperatur auf über achtundvierzig Grad.
Aber trotz aller Unbill, die die Mitglieder von Mistolar hatten ertragen müssen, klagten sie nicht. Ich sah nicht ein einziges trauriges Gesicht. Ich sah sie immer nur lächeln.
Sie boten uns an, eins der Schafe zu schlachten und es uns am Nachmittag zu servieren, aber das lehnten wir höflich ab. Sie bestanden allerdings darauf. Wir aßen nicht viel von dem Fleisch, da wir wußten, daß sie alles, was wir übrigließen, aufessen würden.
Ich fragte de. jungen Zweigpräsideuten von Mistolar: „Haben Sie unter Ihren Mitgliedern Kranke?” (Die Menschen sterben dort sehr jung. Laut den Statistiken sterben von hundert Nivacle nur elf an Altersschwäche; die anderen sterben an irgendeiner Krankheit.) Er schaute mich an, dachte kurz nach und sagte: „Ich glaube nicht, aber ich frage mal die anderen Brüder.” Er sprach mit zwei der Brüder und sagte dann: „Meine Brüder haben gesagt: ,Natürlich haben wir keine Kranken.' " Als Erklärung fügte er hinzu: „Neununddreißig von uns tragen das Melchisedekische Priestertum. Wir wachen über unsere Leute und segnen sie.” Ich fragte: „Haben Sie irgendwelche Mitglieder, die nicht so aktiv sind wie die anderen?” Er antwortete: „Elder Brewerton, natürlich nicht. Wir haben den Herrn durch die Taufe angenommen. Wir sind alle wahre Heilige und in unserer Gottesverehrung ganz und gar aktiv.”
Ich bat den Zweigpräsidenten, für die Abendversammlung ein paar Mitglieder zum Beten aufzufordern. Eine Schwester wandte sich auf sehr persönliche Weise an den Herrn und sagte: „Vater, wir haben unser schönes Gemeindehaus verloren, wir haben unsere Kleidung verloren, wir haben keine Häuser mehr, wir haben nichts zu essen, wir haben kein Baumaterial, wir müssen zehn Kilometer weit laufen, um schmutziges Flußwasser trinken zu können, und wir haben keinen Eimer. Aber wir möchten dir sagen, daß wir dankbar sind für unsere Gesundheit, dafür, daß wir glücklich sind und der Kirche angehören. Vater, du sollst wissen: wir werden den Bündnissen, die wir bei der Taufe mit dir geschlossen haben, unter allen Umständen ganz und gar treu bleiben.”
Der beispielhafte Glaube dieser Mitglieder stimmte uns sehr demütig. In der Versammlung weihten wir ihr Land dem Herrn. Wir besuchten das Grundstück jeder Familie und sahen uns an, wo sie ihren Garten anlegen wollten, wenn der Regen kam.
Etwas später, ich war schon wieder in Buenos Aires, erfuhr ich, daß es nicht, wie erwartet, geregnet hatte, daß die treuen Mitglieder in Mistolar aber trotzdem ihre Gärten angelegt hatten und daß die Feuchtigkeit, die noch von der ‚Überschwemmung her in der Erde steckte, erst einmal ausgereicht hatte. Es hatte dann auch noch geregnet, und sie hatten eine reiche Ernte eingebracht. Außerdem hatten sie berichtet, sie hätten das ganze Jahr reichlich fischen können.
1988 machte ich mir Sorgen um die Mitglieder in Mistolar, als der Schnee in den Anden, der doppelt so hochgelegen hatte wie sonst, zu schmelzen begann. Wahrscheinlich gab es am Pilcomayo wieder eine Überschwemmung. Aber ich erfuhr, daß die Mitglieder gesagt hatten: „Macht euch keine Sorgen, dieses Jahr werden wir nicht überschwemmt; unser Land ist doch geweiht worden.” Zweimal trat der Fluß gewaltig über die Ufer. aber das Wasser ging zurück, ehe es Mistolar erreichte.
Der Glaube der Mitglieder dort äußerte sich auch in ihrem Verlangen, den Zehnten zu zahlen. Sie hatten kein Geld und kaum etwas anderes, aber sie stellten aus Baumrinde Fasern her und fertigten daraus Schultertaschen und Handtaschen an. Die Taschen färbten und verkauften sie, um Geld für den Zehnten zu bekommen.
Ich staunte damals, und ich staune noch heute über das Beispiel dieser treuen Mitglieder. Sie sind der Welt wirklich ein Lieht! Glaubenstreue wie die ihre entspringt gewiß dem brennenden Zeugnis vom wiederhergestellten Evangelium. Ich bin sicher, daß der himmlische Vater die Mitglieder in Mistolar aufgrund ihres Glaubens an den Erretter und ihrer Liebe zum Evangelium weiterhin segnen wird.

Ted E. Brewerton, September 1990

12:49 - 2.05.2008


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