Mormonen - Das Evangelium in aller Welt

Eine Tasse Tee

Eine wahre Geschichte der Kirche aus den Nachkriegsjahren

Als im August 1945 der große Krieg auch für die Japaner zu Ende war, gab es in dem kleinen japanischen Dorf Narumi keine Siegesfeiern. Es gab nur Hunger und tiefe Niedergeschlagenheit. Einige Menschen hörten die Rundfunkansprache des erers an das japanische Volk, aber nur wenige verstanden, was der Kaiser mit den Worten meinte: „Wir müssen das Unerträgliche ertragen." Niemand im Dorf wußte so recht, was er jetzt eigentlich tun sollte, und so ging jedermann wie bisher seiner Beschäftigung im Laden oder auf dem Felde nach, wie es die Dorfbewohner seit Jahrhunderten gewohnt waren.

Tatsui Sato und seine Frau Tschijo nahmen mit Dankbarkeit die Nachricht auf, daß von jetzt ab keine Luftangriffe mehr auf die benachbarten Fabriken und Eisenbahnanlagen erfolgen würden. Es schien seltsam, daß nun plötzlich Frieden sein sollte und daß niemals mehr die großen amerikanischen Bomber über die kleinen Häuser fliegen würden. Es gab nun zwar keine Bomben mehr, aber der Hunger war geblieben. Die Regierung schränkte die tägliche Reisration pro Familie noch mehr ein. Lange Zeit hatten sie schon von Fröschen, Wurzeln und kleinen süßen Kartoffeln gelebt. Sato San und seine Frau gaben fast ihre ganze Nahrung ihren beiden kleinen Kindern Yasuo und Atsuko, die friedlich unter ihren Steppdecken auf den Strohmatten lagen.

Am zweiten Tag des August gab es für die Familie Sato zwei große Veränderungen. Einmal erfuhr sie, daß an diesem Tage die militärischen Führer Japans auf einem großen amerikanischen Schlachtschiff in der Bucht von Tokio formell kapituliert hatten, und zum anderen entschlief ihre hübsche kleine Tochter Atsuko friedlich an Unterernährung und Ruhr. Medizin für nur wenige Pfennige hätte sie vielleicht retten können, meinte Sato San später. Aber es war eben keine Medizin aufzutreiben.

Als die ersten Lastwagen mit amerikanischen Soldaten durch die engen Straßen von Narumi rumpelten, saßen viele Einwohner des Dorfes angstvoll hinter verschlossenen Türen und warteten. Durch die Fensterläden sahen sie die müden Gesichter der jungen Soldaten, die es fertiggebracht hatten, die große militärische Macht der Japaner auf die Knie zu zwingen. Jahrhundertelang waren japanische Kaiser, Krieger, Kaufleute und Pilger mit bunten Bannern und unter Glockengeläut durch das Dorf gezogen. Seit uralten Zeiten war Narumi ein berühmter Halteplatz auf der Tokaido- Straße zwischen Kyoto und Tokio. Nun erschien zum erstenmal nach all diesen Jahrhunderten ein ausländischer Feind und Sieger auf dieser staubigen Straße.

In Furcht und Grauen fragten sich die Dorfbewohner von Narumi, welche unaussprechlichen Dinge nun wohl geschehen würden. Die Kinder waren es, die zuerst die wahre Natur der blonden Eindringlinge erkannten. Mit dem ganzen Mut der Jugend wagten sie sich auf die Straßen, um dort zu erleben, daß die Amerikaner ihnen zuwinkten und ihnen Süßigkeiten von den Lastwagen herab zuwarfen. Da war der Bann gebrochen.

Später kamen die fremden Soldaten in das Dorf, um Lebensmittel gegen Seide und Andenkenartikel zu tauschen. Die Kenntnis der englischen Sprache wurde plötzlich zu einem wertvollen Besitz in dem hungernden Dorf, und die Kaufleute erinnerten sich eines Mannes, der diese seltsame Sprache zu sprechen verstand. Früher hatte man wohl über den stillen, gelehrten Mann gelächelt und sich über seinen starken Glauben an die Bibel sogar heimlich lustig gemacht. Jetzt aber wurde Tatsui Sato zum Sprecher der ganzen Dorfgemeinschaft.

Es war an einem stillen und kalten Novembertag, als Sato San in einem Teehaus in der Nähe der Nordbrücke wieder einmal mit den Dorfbewohnern über die harten Zeiten sprach. Es war fast dunkel, als jemand bemerkte, daß drei amerikanische Soldaten draußen auf der verlassenen Straße standen. Sie schienen auf ein Fahrzeug zu warten, das sie in irgendein militärisches Lager mitnehmen sollte. Durch die Fenster des Teehauses konnte man deutlich sehen, daß sich die Fremden auf der hartgefrorenen Straße die Füße vertraten, um sich warm zu halten. In der frostigen Luft sah man den Hauch ihres Atems. Einige der Anwesenden schlugen vor, die Soldaten aufzufordern, sich im Laden aufzuwärmen. Aber nur Sato San konnte Englisch sprechen.

Die drei fremden Soldaten blickten verwundert auf, als der würdige Japaner sie auf Englisch fragte, ob sie nicht hereinkommen wollten, um sich aufzuwärmen und drinnen zu warten. Sato San erkannte in einem von ihnen Mel Arnold, der schon einmal in seinen Seiden- und Andenkenladen gekommen war. Die anderen beiden stellten sich als Ray Hanks und Reed Davis vor.

Im Laden bedankten sich die Amerikaner dann für die Gastfreundschaft, während sie ihre Hände über dem schwachen Holzkohlenfeuer warmrieben. Als Zeichen echt japanischer Gastfreundschaft überreichte der Hausherr den Gästen je ein frisch gekochtes Hühnerei, damit sie sich auch den Magen wärmen könnten. Als schließlich eine alte Japanerin drei Tassen mit dampfendem Tee brachte, von der besten grünen Sorte, dankten die Amerikaner zum Erstaunen der Anwesenden für diese Gabe, die sie höflich, aber bestimmt zurückwiesen. „Vielen Dank", sagten sie, „aber wir trinken weder Tee noch andere anregenden Getränke. Unsere Kirche lehrt uns, daß unser Körper eine heilige Gabe Gottes ist und daß wir deshalb auf seine Gesunderhaltung besonders zu achten haben."

„Das ist eine sehr merkwürdige Lehre", meinte Sato San. „Noch nie habe ich von ihr gehört, obwohl ich doch die Bibel studiert habe."

Die Besucher erläuterten dann den Anwesenden eine Offenbarung Gottes, das „Wort der Weisheit", und legten ihnen außerdem dar, daß die Mitglieder ihrer Kirche nach einem heiligen Buch, das nach alten Berichten aufgezeichnet wurde, Mormonen genannt würden.

Sato San bat um ein Exemplar dieses Buches Mormon, und einer der Amerikaner versprach, bei nächster Gelegenheit eines mitzubringen. Als die drei Amerikaner schließlich das Haus wieder verließen und auf einen großen Lastwagen aufstiegen, sagte einer der Japaner: „Was für merkwürdige Menschen diese Amerikaner doch sind! Ich finde, man kann sie kaum als gewöhnliche Menschen ansehen!" Wie versprochen, kehrten Mel Arnold und Ray Hanks eines Tages mit einem Buch Mormon nach Narumi zurück und begannen, der Familie Satos Unterricht zu erteilen. Gemeinsam studierten sie das Buch Mormon und Tatsui Sato las das Buch sorgfältig Seite für Seite. Dann las er es noch einmal, studierte es in allen Einzelheiten und begann zu beten. Andere Soldaten, die ebenfalls Mitglieder der Kirche waren, besuchten nun auch die Familie Tatsuis in ihrem kleinen Häuschen, und eines Tages begannen Tatsui Sato und seine Frau, eine kleine Sonntagschule für die Nachbarskinder abzuhalten.

Nach einiger Zeit lud die Familie japanische Freunde ein, an den wöchentlichen Unterrichtsklassen teilzunehmen. Bei schwerem Schneesturm erschien an einem Abend im Januar des Jahres 1946 ein junger Mormonenpriester namens Norton Nelson, um dem Studium des Evangeliums beizuwohnen. Als an diesem Abend das Schlußgebet gesprochen wurde, brach gerade der Vollmond durch die Wolken und beleuchtete gespenstisch die weite, tiefverschneite Landschaft. Jeglicher Verkehr war durch den schweren Sturm lahmgelegt. Nelson und seine Freunde mußten im Mondlicht die ganze Nacht durch den tiefen Schnee stapfen, bis sie endlich am nächsten Morgen ihr Depot bei der Stadt Okazaki erreichten, 45 km von Narumi entfernt.

Immer noch herrschte Krankheit unter den Mitgliedern der Sato-Familie, aber ihre neuen Freunde brachten ihnen Lebensmittel aus dem fernen, fremden Land. Zum erstenmal in seinem Leben kostete der kleine Yasuo die seltsamen Früchte und Fleischgerichte aus Amerika. Ein anderer Mormonen- Soldat, dessen Name unbekannt geblieben ist, hat vielleicht einigen Bewohnern von Narumi in jener von Hunger erfüllten ersten Nachkriegszeit das Leben gerettet. Einige Monate lang hielt er jeden Tag mit seinem großen Armee-Lastwagen an der Nordbrücke, gerade lang genug, um einige Brote abzuwerfen, die noch warm waren von der Militärbäckerei. Viele Gebete folgten ihm jedes Mal, wenn er mit seinem Wagen auf der staubigen Straße schon wieder davonbrauste.

Um die Zeit, da der Sommerregen auch über das Dorf Narumi kam, waren Tatsui Sato und seine Frau Tschijo von der Wahrheit des Buches Mormon überzeugt. Ihre Lebensweise hatte sich stark verändert, seit die Mormonensoldaten an jenem Abend zum erstenmal dankend die Tasse Tee zurückgewiesen und von ihrem Glauben erzählt hatten. Am 7. Juli 1946 wurde Tatsui Sato im Schwimmbad der Kansai-Universität in Osaka von C. Elliot Richards getauft. Am gleichen Tag wurden auch seine gläubige Frau Tschijo sowie der Sohn Yasuo durch die Taufe in die Kirche aufgenommen. Dies war die erste Taufe von Heiligen in Japan seit mehr als zwanzig Jahren und der Beginn einer neuen Ära der Kirche Jesu Christi im Fernen Osten.

Anfang 1948 kam der Leiter der Kirche in Honolulu, Edward L. Clissold, herüber, um die Japanische Mission von neuem zu eröffnen. Im Juli des gleichen Jahres trafen die ersten fünf Missionare in Tokio ein. Alle diese Ältesten waren Teilnehmer des pazifischen Krieges gegen Japan gewesen.

Zu denen, die an der Ausbreitung des Missionswerkes unter den neunzig Millionen Japanern in der Nachkriegszeit tätigen Anteil nahmen, gehörten auch Bruder und Schwester Tatsui Sato, neben vielen anderen, die ebenfalls den Weg bereiten halfen. Manche späteren Mitglieder der Kirche in Japan hörten die inspirierende Geschichte Joseph Smiths zum erstenmal in dem kleinen Haus Tatsuis, in dem sie dichtgedrängt auf Strohmatten sitzend der Botschaft zuhörten. Im Laufe der Jahre brachte Bruder Sato es fertig, immer mehr nette Älteste aus Amerika mit den Schwierigkeiten der japanischen Sprache vertraut zu machen. Schwester Sato stopfte die Strümpfe der Missionare und beschenkte sie mit kleinen Broten, die sie auf einem echt japanischen Holzkohlenfeuer gebacken hatte. Der Sohn Yasuo, der vor seiner Taufe immer krank gewesen war, erholte sich vollkommen und wuchs schließlich noch zum größten Jungen in seiner Klasse heran.

Am 12. Juni 1949 setzte Ältester Matthew Cowley, der damals die Japanische Mission bereiste, Bruder Tatsui Sato als Ältesten ein. Das war die erste Ordination zum Melchizedekischen Priestertum in Japan seit mehreren Jahrzehnten. Durch eine besondere Segnung wurde Bruder Sato gleichzeitig als amtlicher Dolmetscher und Übersetzer der neuen Japanischen Mission bestimmt.

Eine große und vordringliche Aufgabe stand dem neuen Übersetzer bevor. In der wachsenden Japanischen Mission wurde das Bedürfnis nach kirchlichen Schriften, Handbüchern und einer Neuübersetzung des Buches Mormon ins Japanische immer größer. In den vierzig Jahren, seit Ältester Alma O. Taylor zum erstenmal in mühsamer Arbeit eine Übersetzung des Buches Mormon angefertigt hatte, war die japanische Sprache und Schrift zahlreichen Veränderungen und einer grundlegenden Modernisierung unterworfen. Dabei waren Lehre und Bündnisse sowie die Köstliche Perle überhaupt noch nicht ins Japanische übertragen worden. Bruder Sato zog mit seiner Familie aus dem Dorf seiner Vorfahren nach Tokio und begann hier das große Werk.

Tag für Tag nahm die Zahl der mit den japanischen Schriftzügen bedeckten Bogen zu. Aber Jahre sorgfältigen Studiums, der Beratung und des Abwägens eines jeden Wortes waren notwendig, bevor die endgültige moderne und inspirierte Übertragung des Buches Mormon in die japanische Sprache in Druck gehen konnte. Lehre und Bündnisse sowie die Köstliche Perle wurden so ebenfalls in die leichter lesbare Kanji-Schrift übertragen. Nach neun Jahren geduldiger Arbeit war die endgültige Übersetzung der Standardwerke der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ins Japanische vollendet. Die große Botschaft des wiederhergestellten Evangeliums konnte nun in der Muttersprache an die fast hundert Millionen Japaner hinausgehen. In Korea, auf der Insel Okinawa, in China, überall, wo japanische Schriftzeichen verstanden wurden, konnten die Menschen die Schriften der Kirche erhalten und studieren. Der Weg für das große Werk der Kirche in Asien war in umfassender Weise geöffnet worden. An jedem Wochentag setzt Bruder Tatsui sein großes Werk in einem kleinen, sonnendurchfluteten Raum auf kirchlichem Boden in der japanischen Hauptstadt fort. Immer mehr Schriften und Aufgaben in japanischer Sprache werden in der wachsenden Mission verlangt. Tatsuis treue Lebensgefährtin Tschijo starb im Jahre 1959. Der inzwischen erwachsene Sohn Yasuo studiert gegenwärtig Technik an der Universität Tokio. Bruder Tatsui hat als erster Bekehrter in Asien seinen eigenen Sohn zum Melchizedekischen Priestertum ordiniert.

Wenn wir auf dieses ganze Geschehen zurückblicken, das das Leben so vieler Menschen in Japan von Grund auf geändert hat und noch beeinflussen wird, so müssen wir staunen, wie es dazu kam, daß dieser Mann zum erstenmal die Evangeliumsbotschaft hörte. Wir können uns in unserer Phantasie deutlich jene kalte Nacht vor fünfzehn Jahren ins Gedächtnis rufen, das kleine Dorf Narumi in Japan, in dem die unbekannten amerikanischen Soldaten den kleinen Laden Tatsuis betraten. Und wir fragen uns, wie die Dinge sich wohl entwickelt hätten, wenn die Fremden einfach den Tee getrunken hätten und wieder in der dunklen Nacht verschwunden wären.

Es gibt noch mehr Menschen in der Welt, die wie Bruder Tatsui auf die große Botschaft warten. Vielleicht sind Sie selbst es, der einen solchen Menschen treffen wird . . .
Harrison T. Price – Der Stern Juli 1962

 

17:38 - 4.11.2012


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