südamerika, ein nur vorrübergehender abschied...

13:40, 27.02.2008. Von lika

während ich mir gedanken über ein resümee der vergangenen sechs monate machte, fiel mir auf, dass es dazu eigentlich garnichts zu sagen gibt. zumindest nicht mit worten. ich denke, viele dinge, die ich so erlebt habe, habe ich selbst noch nicht so richtig kapiert und wieder andere sind einfach nicht dafür gemacht um ausgesprochen zu werden. das einzige, was ich vielleicht sagen kann ist, dass es eine der richtigsten entscheidungen war, die ich getroffen habe, da ich hier nicht nur einen teil meines weges, sondern auch menschen gefunden habe, die ich einfach treffen musste.

ich habe mir daher eine andere art einer zusammenfassung überlegt:

gründe um in südamerika zu bleiben:

  • die liebe
  • besondere menschen
  • spanisch ist (neben deutsch) die schönste sprache der welt
  • kolumbianischer salsa - der einfach beste
  • die bolivianische seite des titicaca see
  • peruanisches essen
  • trampen auf pick-ups mit panoramablick in den ecuadorianischen anden
  • sonnenuntergänge in der wüste
  • freiheit in montañita
  • menschen, die noch die fähigkeit zum improvisieren haben
  • echte bananen, mangos, ananas, melonen und co.

gründe um nach deutschland zurückzukehren:

  • besondere menschen
  • deutsch ist (neben spanisch) die schönste sprache der welt
  • "mein flügel" - meine musik
  • "unser bach, unser rilke" und andere vorzüge der deutschen kultur
  • mein bett - ohne schlafsack
  • jahreszeiten, schnee und der duft des frühlings
  • die mecklenburgische seenplatte und die ostsee
  • apfelschorle
  • fahrradfahren
  • frische erdbeeren und frischer spargel
  • omis gulasch

wie aber ja schon die überschrift andeutet, wird der abschied nur vorrübergehend sein. vielleicht kann ich an dieser stelle schon mal einen kleinen ausblick wagen, wie meine nächsten pläne so aussehen. wenn alles gut geht, werde ich im wintersemester in deutschland anfangen soziologie zu studieren. werde allerdings versuchen, ein auslandsjahr in kolumbien machen zu können. überhaupt zieht es mich sehr in diese richtung, ich habe da ein paar gedanken und ideen - es ist allerdings noch nicht die zeit, diese schon auszusprechen.

jetzt hoffe ich einfach, dass wir uns gesund und munter in deutschland wiedersehen!

alles liebe - zum (vorerst) letzten mal aus kolumbien,

angelika

roadtrip - einmal peru, bolivien und wieder zurück...

18:20, 9.01.2008. Von lika

als ich das letzte mal aus cuenca schrieb, hatte ich ein bisschen die hoffnung, dass wir dort kurz ein bisschen durchatmen können würden. aber nix da. wer wenig zeit hat, muss die feste feiern wie sie kommen und wer trampen will, muss früh raus. so packten wir wie noch so oft im morgengrauen unsere sachen und auf ging´s richtung machala, von wo aus wir dann nach huaquillas an die peruanische grenze weiter wollten. es begann schon recht kurios - unser fahrer nach machala, ein student aus cuenca, überlegte es sich dann gleich, uns aus purer freundlichkeit von machala die zwei stunden an die grenze weiterzufahren. nach einem kurzen zwischenstopp, in dem wir noch seinen vater kennenlernten, der uns einbläute, den jungen nicht die grenze überqueren zu lassen, weil er uns wohl sonst noch direkt zum titicacasee gefahren hätte, luden wir seine freundin ein und erreichten bald darauf huaquillas. diese grenzstadt ist einfach nur unangenehm. man muss verdammt auf seine sachen aufpassen und die ganze energie ist irgendwie negativ, gierig. andere mögen das anders erleben, aber für mich war´s ein bisschen kulturschock von den freundlichen, freigiebigen ecuadorianern zu den etwas verschlossenen peruanern zu kommen, die uns als europäer in nahezu jeder situation versuchten abzuzocken. wir hatten zwar ausreichend erfahrung, um nicht darauf reinzufallen, aber mich machte die haltung irgendwie traurig, weil die menschen dadurch sehr ihre würde verlieren. insofern waren wir dann froh, unbeschadet die aus- und einreisestempel im pass zu haben, um diesen ort verlassen zu können. nächstes ziel war máncora, ein strandort im norden perus, den wir dann abends nach langer fahrt von cuenca erreichten, und wo wir ein paar tage bleiben wollten. in máncora erwischte mich dann doch noch final eine latino-bakterieninfektion 3. grades, was mich zum weihnachtlichen verzehr von antibiotika zwang und mein gepäck um 5 liter giftig-roten rehydrationsgesöffs vermehrte, wo nicky dann schon bemerkte, der arzt müsse wohl gedacht haben, ein pferd rehydrieren zu müssen. nun ja, ich verfiel ini eine wahre hass-liebe gegenüber diesem getränk, aber am ende hat es geholfen...

trujillo stand als nächstes auf der liste, eine von inca-ruinen umgebene stadt. weihnachten nahte und wir waren in der wüste, genauer gesagt chan chan - einer der inca-ruinen bei trujillo. dieser ganze tag war einfach surreal, nachdem ja schon vorher kaum weihnachtliche stimmung herrschte kamen noch interkulturelle differenzen hinzu: emma wollte aufgrund negativer erfahrungen garnicht weihnachten feiern, für mich war´s der 24. und für nicky und helen der 25. am 24. morgens also chan chan, von wo aus wir in die berge nach huaraz weiter wollten, um da die feiertage zu verbringen. aber wie so oft kam alles anders. die 200km nach huaraz ziehen sich nämlich über weniger strassen, mehr sandwege durch die berge, sodass wir ca. 10 stunden brauchten um dann nachts um 1 anzukommen und so weihnachten auf einem maistransporter verbrachten. die aussicht war allerdings phänomenal - die peruanischen landschaften, ob berge, meer, wüste, wälder sind einfach nur unglaublich weit. die farben sind sehr strahlend und der freie raum sehr wohltuend. ich hörte also, an euch denkend, weihnachtsoratorium bis die baterien alle waren, nutzte die letzten sonnenstrahlen um meine geschenke zu verteilen und dann kuschelten wir uns auf maissäcken in unsere schlafsäcke. wenig später wurden wir von einem heftigen berggewitter überrascht - zum glück fanden wir eine plane um sie über uns und die ladung zu spannen und so trocken huaraz zu erreichen. am 25. kamen wir doch noch zu unserem schnee - zumindest aus der ferne - als wir eine lagune im nationalpark bei huaraz besuchten. es war ein ort mit sehr viel energie, in dem die luft noch sauber, das wasser noch klar und die natur unzerstört war.

am nächsten tag erwartete uns eine wahre mammutstrecke - wir wollten von huaraz über lima bis nach arequipa - weshalb wir ausnahmsweise mal den bus nahmen. unterwegs fiel uns auf, dass wir uns in der ganzen zeit, trotz extremer nähe - stundenlang in trucks zusammengezwängt, oft zu viert in einem zimmer schlafend, etc. - noch nicht einmal wirklich gezofft hatten. wir stellten fest, dass das geheimnis im respektieren der individuellen macken der anderen liegt. nicky z.b. darf man morgens nicht ansprechen, bevor sie ihren kaffee gekriegt hat, emma, als echte engländerin, braucht in den unpassendsten situationen ihren tee (als uns z.b. der student aus cuenca mitnahm, ging mitten in den anden sein auto kaputt und während er versuchte hilfe zu holen, bat ich bei der indígena frau in ihrer hütte am strassenrand um heisses wasser, damit emma sich ihren tee machen konnte...), für helen müssen wir immer mal ein bier finden und ich brauch zwischen den ganzen vegetariern/veganern hin und wieder ein hühnchen.

in arequipa verabschiedeten wir erst mal emma, die sich da mit einer freundin treffen wollte und fuhren zu dritt gleich weiter, um endlich an den titicacasee zu kommen. eine nacht mussten wir noch in juliaca zwichenstoppen und dann war es mit der überquerung der bolibianischen grenze vollbracht: in ca. einer woche einmal ganz peru zu durchqueren.

sehr schade, dass wir für bolivien nur wenige tage zeit hatten - man kann sich dort nicht nur alpaca-pullover für 4.50€ kaufen, wir wurden auch noch von wirklich freundlichen und offenen menschen begrüsst. und der titicaca-see hat mich sowieso umgehauen. da muss die farbe blau noch mal neu definiert werden. wir liessen uns also ein paar tage in copacabana, einer stadt direkt am see nieder und fuhren von dort aus auf die isla del sol - die insel der sonne - die wir in einer durchaus meditativen wanderung zu fuss überquerten. strahlende wärme - die insel macht ihrem namen alle ehre - das einzige geräusch: der wind in den ohren, und überreste einer kultur, die noch älter als die der inca ist...

auf dieser reise wurde mir übrigens der name "el bebé" - "das baby" verpasst; das hat man dann davon, wenn man mit zarten 21 in einer gruppe von endzwanzigern, bzw. mittdreissigern unterwegs ist. helen hat heute das erste graue haar bei sich entdeckt - selbst schuld.

kurz vorm neuen jahr mussten wir nun leider nicky verabschieden, die von bolivien über paraguay nach brasilien weiterfahren wollte, wo sie einen yoga-meisterkurs hat. manche abschiede sind leicht, dieser hat mich definitiv sehr traurig gemacht - ohne diesen rothaarigen wirbelwind weiterzufahren wird einfach nicht das selbe sein und wir werden uns wohl erst in zwei jahren wiedersehen...

mit helen ging´s dann zurück nach peru, wo wir uns in arequipa wieder mit emma treffen wollten, um gemeinsam sylvester zu verbringen. ich war wild entschlossen, den peruanern noch eine chance zu geben mich nach nahezu rassistischer behandlung (wir=blond=gringas=geld= abzocken) und absolut korrupter polizei (die sehen schon korrupt aus und machen nix anderes als entweder künstlerische veranstaltungen zu räumen, an der landstrasse zu pennen, oder arme autofahrer anzuhalten und ihnen für die sinnlosesten sachen geld abzunehmen. haben da viele unschöne geschichten über die willkür des peruanischen regierungsapparates gehört...) vom gegenteil zu überzeugen. in arequipa gab´s dann gleich die gelegenheit dazu. der couchsurfer, bei dem wir in trujillo gewohnt hatten, hatte uns die mailadresse einer freundin, ana-maria, aus arequipa gegeben, bei der wir evtl. wohnen könnten. wir schrieben also ana-maria und sie meinte, "ich bin zwar in cuzco über neujahr, lasse aber meinen schlüssel bei freunden und ihr könnt in meiner wohnung wohnen, kein problem". in arequipa angekommen riefen wir nun den freund an, der erst mal 5 minuten brauchte um sich zu erinnern, wer seine freundin ana-maria ist. er war auch nicht da, sondern am strand, hatte keinen schlüssel und war wohl schon etwas besoffen... aber vielleicht weiss mama was. wir riefen also bei mama an, sprachen mit dem bruder, "wer ist ana-maria?", kein schlüssel... "versucht es noch mal bei nora". ich rief nora an (ana-maria selber war nicht zu erreichen...). nach ca. 4 minuten spanischen erklärens der situation stellte ich fest, dass sie irgendwie eine ähnliche satzstruktur verwendet und nach geziehlter nachfrage: "wo kommst du eigentlich her?", erklärte ich alles noch mal auf deutsch. sie riet uns, direkt bei mama (sie wohnte da als gasttochter) vorbei zu fahren, vielleicht ist der schlüssel ja inzwischen aufgetaucht. wir also hin. man erinnerte sich nun auch an ana-maria, aber sie hatte nie einen schlüssel abgegeben. aber da sohn, also der freund ana-marias, nicht da ist - "wollt ihr nicht vielleicht in seinem zimmer übernachten?". so landeten wir uneingeladen bei der familie des freundes, einer freundin, eines bekannten. es wirkte so furchtbar normal-surreal und mama bedankte sich am schluss sogar für unser kommen. so kann es auch gehen in peru. aber damit noch nicht genug. von emmas freundin wurden wir zu einer sylvester-feier eingeladen und zwar - ich hätte nicht gedacht, dieses wort mal im lebendigen zusammenhang zu verwenden - aber bei der burgoisie, der quasi high-society von arequipa. ein bisschen dekadent und versucht, alles andere, nur nicht normal zu wirken. es war sehr lustig wie wir da in unseren reiseklamotten zwischen schickimicki filmemachern, designern, regierungsmitgliedern und psychologen auftauchten. wir gingen dann doch, bevor man nach mitternacht gemeinschaftlich in den swimmingpool steigen wollte - wir hatten am nächsten tag schliesslich eine lange reise vor uns.

wenn wir gewusst hätten, dass wir nun 4, 5 tage mit kaum schlaf vor uns haben, hätten wir vielleicht versucht, etwas eher ins bett zu kommen... wir nahmen also den nachtbus für die ca. 1000 km bis lima, wo wir früh nach durchwachter nacht (der bus war dermassen unbequem...) ankamen um gleich nach trujillo weiterzutrampen. das trampen in peru ist nun so eine sache, es gibt kaum privatwagen, man ist eher auf trucks angewiesen, die wesentlich langsamer sind, wird ständig von echt penetranten taxifahrern genervt (irgendwann antworteten wir auf ihre "wo wollt ihr hin"-fragen nur noch " ecuador", wo sie dann nach kurzem überlegen meinten, das wäre ihnen zu weit. haha - logisch...), oder aber jeder x-beliebige typ an der strassenecke wollte uns zeigen wo die busstation ist, weil "aha, ihr trampt also, da wird euch hier aber keiner mitnehmen!". es hat uns immer jemand mitgenommen... so kamen wir dann auch nach trujillo, allerdings zugegeben ziemlich eingequetscht zu dritt samt gepäck auf plätzen für 2 und mit einem fahrer, der unterwegs noch zwei mal stundenlang anhielt um leute mit tonnenweise kartoffeln aufzuladen und sich so was dazu zu verdienen. emma hatte dann nach ca. 7 stunden fahrt die grösse uns mit ihrer brittischen art zu fragen, ob´s uns gut geht, was wir nur mit einem fragend-ungläubigen blick und chorischem "¡no!" beantworten konnten. sie schlug dann biscuits und schokolade vor (keinen tee diesmal, zu kompliziert...). der markt in trujillo, wo wir nachts aufgrund der kartoffel-leute landeten, ist natürlich iin einem der unsichersten viertel trujillos, wo wir dann noch drauf hingewiesen wurden (sehr toll, danke, sonst noch was?). wir fanden aber ein taxi, insofern alles gut. nach wenigen stunden schlaf wieder raus und ab nach huanchaco an den strand, wo wir uns noch mal mit chalex, unserem couchsurfer aus huaraz treffen wollten. nach durchquatschter nacht nächstes ziel: máncora und von da über die grenze zurück nach ecuador. nach mehreren anderen, landeten wir aber zu guter letzt in einem truck, der direkt bis an die grenze weiterfahren wollte. wir entschieden also zu sehen, wann wir in máncora sind und gegebenenfalls gleich bis an die grenze weiterzufahren. aus all dem wurde aber nicht mal annähernd was. wir hatten es nämlich mit zwei typen zu tun, von denen der fahrer schon knapp 50 stunden fahrt ohne schlaf hinter sich hatte und der andere immer irgendwas von gott faselte, wenn man ihn fragte, wann wir denn in etwa wo sein werden. er meinte dann immer so in etwa, wir werden ankommen, wann gott will, weil alles in seiner macht steht. damit hat er ja vielleicht nicht unrecht, aber man kann ja trotzdem etwas planen. gegen 12 nchts mussten wir unserem fahrer dann eine pause gönnen, weil er sonst wohl eingepennt wäre, obwohl immer einer mit ihm geredet hat, um ihn wach zu halten. ein paar stunden unruhigen schlafs bis um 4 mit vier leuten in einem cockpit... der gott-typ schlief auf der ladung, weil es wohl echt piraten gibt, die selbst in fahrt an die ladung ranfahren und alles runterklauen, was der fahrer dann bezahlen muss. irgendwann am 5. mittags kamen wir dann in einme ort, ca. 50 km von der grenze an. wir entschieden dann, die stundenlange abladeprozedur nicht abzuwarten, sondern den rest mit dem bus weiterzufahren. in ecuador angekommen war das trampen auch kein problem mehr, sodass wir schnell bis machala kamen, wo wir die letzte nacht verbringen wollten. der trip am 6. von machala direkt nach quito verlief auch völlig problemlos - so eine strecke von 500 km hätten sich in peru wohl ziemlich gezogen, aber in ecuador mit seinen unzähligen pick-ups kommt man einfach schneller vorwärts. wir kamen als nach einem recht ungewöhnlichen trip pünktlich in quito an (die beiden mädels mussten am 7. wieder arbeiten), endlos erschöpft, aber mit vielen kuriosen, interessanten, abenteuerlichen oder einfach schönen erlebnissen. unterwegs war es recht interessant, dass eigentlich alle, die uns mitgenommen haben immer irgendwie ein bisschen durchgeknallt waren - also jetzt nicht im sinne von geisteskrank, sondern einfach positiv ungewöhnlich. so z.b. der fahrer, der extra bei freunden vorbeifuhr um uns pisco (peruanischen schnaps) zu schenken, weil er meinte, man ist nicht wirklich in peru gewesen, wenn man keinen pisco probiert hat, oder ein anderer, der nur englisch reden wollte, oder ein nichtrauchender mitarbeiter der zigarettenindustrie, oder der gott-typ und noch ein zugestiegener ablader, der dann anfing aus der bibel zu zitieren. viele wollten irgendwie ein stück ihrer kultur mit uns teilen, man schenkte uns cds oder lud uns zum essen ein. am strassenrand kann man ausserdem eigentlich überall bananen oder zuckerrohr-stücke kaufen, aus denen man dann das zuckerwaser rauskaut. eine andere, recht verbreitete sach ist das kauen auf coca-blättern. keine sorge, dass hat mit kokain nur so viel zu tun, dass es von der selben pflanze ist. das kauen auf den blättern soll gut für den magen und dei einstellung auf höhe sein, ausserdem wach halten.

und in diesem ganzen zirkel wir. in den stundenlangen wartezeiten z.t. barfuss auf der panamericana - der grossen, durch ganz südamerika führenden landstrasse - tanzend. oder nach wüstenfahrten auf offenen schleppern, wie beduine eingewickelt, völlig verstaubt. wir waren so unglaublich dreckig, als wir in machala eintrafen - ein gemisch aus staub, sonnencreme, salz, etc. - in solchen momenten kann man die spannung gut halten, wenn man sich gut genug auf die nächste dusche konzentriert.

und jetzt wieder in quito -"zuhause". das tut gut, mich und meine sachen zu ordnen. ich verbringe meinen tag mit wäsche waschen, endlich wieder gute nahrungsmittel einkaufen, einfach längst überfällige sachen zu organisieren, tee trinken und überhaupt meinem körper klar machen, dass er wieder normal funktionieren darf - den schlafrhythmus normalisieren. es ist gut, dinge ohne zeitdruck machen zu können. un ich denke an kolumbien, wohin ich bald zurückkehren werde. das macht mich froh, weil ich "meine leute" wiedersehen werde, macht mich aber auch traurig, weil ich dann hier in ecuador wieder liebe menschen zurücklassen muss. und es ist irgendwie der anfang vom ende. meine pläne haben sich acuh etwas geändert, chile habe ich für diese reise aufgrund seiner unendlichen grösse ausgelassen un gewissermassen in venezuela umgetauscht. ich habe ja vor in kolumbien noch an die karibikküste hochzufahren und da ist venezuela nicht weit. insofern lieber stressfrei so rum, dann kenn ich abgesehen von brasilien den ganzen norden südamerikas und kann mir irgendwann mit mehr zeit noch mal den süden vornehmen. die zeit rennt nun. in zwei monaten werde ich schon wieder in deutschland sein und dieser kontinent hier gefällt mir einfach zu gut, um dem nicht mit ein bisschen wehmut entgegenzusehen.

aber daran sollte ich jetzt einfach noch nicht denken, insofern wünsche ich wieder alles liebe - wieder aus ecuador,

angelika

 

kreuz und quer...

22:59, 20.12.2007. Von lika

jetzt wird es langsam kompliziert und so ein bisschen zur gedächtnisübung das, was in letzter zeit so passiert ist, gedanklich zu rekonstruieren. das letzte mal schrieb ich aus quito, wo alles noch irgendwie in geregelten bahnen verlief - seitdem bin ich durch tena, puyo und baños im amazonasgebiet gefahren, dann quer rüber nach montañita an die ecuadorianische pazifikküste und von dort dann weiter in den süden nach cuenca, wo ich jetzt gerade bin, bevor´s uns dann nach peru weitertreibt.

aber noch mal ganz von vorne. von quito trampte ich also mit helen nach tena - und das trampen in ecuador ist der reinste naturgenuss. man macht das hier nicht um geld zu sparen - die busse kosten einen dollar pro stunde, sodass du für 10 dollar einmal quer durch´s land fahren kannst - also das geld ist es nicht, sondern der atemberaubende panoramablick, den man von der ladefläche eines pick-ups aus hat... in tena angekommen wurde mir die hitze dann doch etwas zu viel - tena ist eine kleine dschungelstadt an amazonasausläufern, d.h. hohe luftfeuchtigkeit und sehr schwül. wie es der zufall wollte, lief mir im hostel gleich halbnackt waira, ein indígena über den weg (in den hostels gibt es öfters plötzlich mal kein wasser, weshalb man seine dusche von einem zum anderen moment unterbrechen muss...), der uns später ein bisschen mit in den dschungel nahm, flussbadestellen zeigte, erklärte, welche pflanzen welche wirkung haben können, aus unscheinbarsten hüllen die süssesten früchte hervor zauberte und uns überhaupt ein echtes erlebnis fernab der geführten touri-dschungel-touren ermöglichte.

der dschungel hier, "la selva" genannt, ist, so lange man in bewegung ist, ein unglaublich ruhiger ort - trotz der ganzen geräusche. wenn man sich allerdings mal irgendwo hinsetzt, hat´s die malaria-paranoide europäerin etwas schwer sich zu entspannen, weil jedes insekt zur bedrohung wird; da muss man sich erst etwas dran gewöhnen. ich empfand die stimmung allerdings auch als etwas drückend. es ist mir mehr ein bedürnis, den freien wind um meine ohren wehen zu spüren, sodass mich dieses undurchdringliche blätterdach im dschungel etwas beunruhigt, trotz der unendlichen weiten, über die es sich zieht.

helen ist dann wieder nach quito zurück und ich nach puyo weiter - zum ersten mal in 3,5 monaten wirklich alleine nun. daran musste ich mich auch erst gewöhnen, zumal mich in puyo eine sehr komische stimmung empfing. irgendwie eine mischung aus surrealem horrorfilm - schwer zu beschreiben, aber die menschen wirkten irgendwie etwas wie voodoo-puppen und das gepaart mit dschungelstimmung ist schon etwas gruselig, zumal auch mein hostel eher eine absteige war, wo cih mich aus dem wassereimer waschen musste und im nachbarzimmer prostituierte am werk waren... eines morgens um 5 oder 6 hörte ich eine prozession durch die strassen ziehen mit einer vorsängerin, die eine irgendwie sehr diabolische melodie sang, später begleitet von einigen furchtbar unsauberen blasinstrumenten - also in etwa so, wie in einem horrorfilm, kurz bevor was passiert. als ich dann später frühstücken ging, fragte ich eine frau, was das denn gewesen sei. sie sagte mir dann, das ist eine katholische gruppe, die das einmal pro woche macht um die sünden zu vertreiben... nun ja, ich zwang mich auf jeden fall die von mir vorgenommenen zwei nächte zu bleiben, in der hoffnung, dass sich die komische stimmung verzieht, aber dem war nicht so, obwohl ich noch in einem botanischen park mit sekundärwald war, wo ich mit einem indígena vom stamme der shuar sprach - das ist eines der 9 amazonasstämme. er erklärte mir etwas mehr über diese kulturen - die shuar z.b. haben früher ihre feinde skalpiert und schrumpfköpfe daraus hergestellt, was sie jetzt noch mit den erlegten tieren machen, um diesen brauch nicht zu verlieren. trotz dieser auch interessanten begegnungen war ich dann froh im bus nach baños zu sitzen, weil zu allem überfluss noch ein heftiger tropenregen einsetzte...

in baños befand ich mich dann erst mal im paradies. diese stadt liegt so ziemlich an der grenze zwischen dschungel und anden, sodass man ein bisschen von allem hat: flüsse, wasserfälle, berge, vulkane, termalquellen - einfach herrlich. am ersten abend nahm mich mein "couchsurfing-papa" gleich mit zu einer art stierkampf im rahmen der 63-jahr-feier der stadt. es war ein stierkampf der besonderen art, jeder konnte in die arena und torero spielen und die stiere wurden am ende nicht getötet. am nächsten tag habe ich dann barfuss eine runde über den ganzen berg gedreht mit blick auf den vulkan und das war eine sehr schöne stimmung für mich - ich habe die einsamkeit sehr genossen. in der nähe von baños liegt auch ein mächtiger wasserfall, "el pailon del diablo" - das becken des teufels, ein sehr energetischer ort, den ich dann auch durch die anden radelnd erreichte. einem verbotenen weg folgend, gelante ich an den fluss, in den ich mich eva im paradiese gleich stürzte. die energie dieses ortes hat mir sehr gut getan. ein anderer wasserfall am rande der stadt speist in baños ein termalbad, das nachts geöffnet ist, und ich dachte mir, diesen luxus haben meine müden muskeln jetzt eindeutig mal verdient. man bedenke ja auch, dass ich die ganze zeit meinen 16 kilo haushalt mit mir rumschleppe (manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger - je nachdem, ob mein shampo schon fast alle oder ganz neu ist. man glaubt es nicht, aber das macht echt viel aus!).

nun gut. ich hatte dann ja eigentlich vor, quer rüber in einem bogen an die küste zu trampen um guayaquil zu umgehen - eine stadt, die mir aus ganz subjektiven gründen misshagte, allerdings der dreh und angelpunkt ist, wenn man an die küste will. im endeffekt wäre das aber ein absolutes mammutprogramm geworden und ausserdem entdeckte ich einen nachtbus, der mich in einer nacht direkt an die küste bringen würde. diese nacht würde ich trotzdem ungern wiederholen... ich kam dann nach durchwachter nacht, hungrig, kaum zur konzentration fähig in montañita an (leo: vielen, vielen dank für diese empfehlung, der himmel auf erden..!) und meine letzten müden schritte führten mich an den strand, an dem ich das wohl lustigste, durchgeknallteste hostel ecuadors fand, gleich ganz praktisch "el centro del mundo" - "das zentrum der welt" genannt. dort schleppte ich mich grad noch ans bett und verschlief dann erst mal den halben tag, was dort aber garnicht stört, weil man in montañita sowieso 24 stunden am tag lebt. ein wirklich unglaublich angenehmer kleiner strandort zum wellenreiten, mit menschen aus allen himmelsrichtungen, die meistens reisende wie ich sind. mir ist spätestens an den menschen in montañita klar geworden, dass ein gefühl für gleichheit mit weltoffenheit zusammenhängt. auf jeden fall sassen wir da in gruppen aus menschen fast aller länder südamerikas, sowie italiener, spanier, amerikaner und deutscher zusammen - und niemand hatte das bedürfnis, sich irgendwie mit seinen erfahrungen über die anderen zu stellen. jeder war ganz einfach experte für den eigenen weg und fernweh musste man sowieso nicht erklären.

zum surfen bin ich dann aufgrund einer kleinen grippe, die mich doch etwas schwächte, leider nicht gekommen - obwohl mir gabriel, mein lieblingsitaliener, den ich mit meinen physiotherapeutischen fähigkeiten von steifem hals und verspannter schulter befreit hatte, eine surfstunde geben wollte, aber ein bisschen am strand entspannen war mir nach der doch auch anstrengenden reisezeit bisher ein echtes bedürfnis. so bin ich dann auch nicht weiter ins nächste dorf, wie eigentlich nach 3 nächten geplant, sondern schlicht und ergreifend da geblieben um das leben und die interessanten menschen zu geniessen. so z.b. david und andres aus dem süden chiles - schon fast in der antarktis wohnend - die mich dahin einluden, und ich werde ihrer einladung eines tages mit sicherheit nachkommen. oder jorge aus kolumbien und wiebke aus deutschland, die mir in einem etwas schwierigen moment echt zur seiten standen. oder alfons, ein rocker-buddist, im prinzip wirklich weltbürger, der mir z.t. mal wieder sehr die augen geöffnet hat. oder auch flora aus venezuela, jose aus spanien, kate aus washington... mit denen ich einfach eine gute zeit hatte.

nach einer woche war es dann doch zeit abschied zu nehmen, um mich mit helen, nicky und emma in cuenca zu treffen, von wo aus wir nun morgen nach peru weiterreisen werden.

ich versuche euch nun von ganzem herzen frohe weihnachten - einfach eine schöne, stille zeit zu wünschen, obwohl ich mir dabei etwas heuchlerisch vorkomme, weil es mir selber einfach nicht gelingt mich weihnachtlich zu fühlen. ich habe zwar sogar bereits das weihnachtsoratorium mehrmals gehört und mitgesungen, aber wenn man dabei in einer hängematte am strand liegt, dann sind derlei bemühungen etwas für die katz...

trotzdem euch alles liebe - ich denke an euch und wünsche auch einen guten start ins neue jahr - ich melde mich dann 2008 wieder..!

alles liebe, zum vorerst letzten mal aus ecuador,

angelika

quito - ecuador

18:59, 4.12.2007. Von lika

nach anderthalb wochen verabschiede ich mich schon wieder von quito um mich im wahrsten sinne des wortes etwas in die büsche zu schlagen - meine weitere reise wird mich durch die städte tena, puyo und baños im amazonasgebiet im osten ecuadors führen,  bevors dann rüber an die westküste, auf leos empfehlung nach montañita, über salinas nach machala geht.

aber zunächst mal ein paar worte zu quito. quito ist die hauptstadt ecuadors und auf 3000 m liegend die zweithöchste stadt - zumindest südamerikas. trotz der höhe wirkt die sonne weniger agressiv - meine nase schleppt sich nicht mehr von einem sonnenbrand zum nächsten, sondern ich bräune mich - und die temperaturen sind mit 22 - 28º auch wesentlich angenehmer als in bogotá, wo´s mit meistens 18º doch recht frisch wurde auf dauer.

30 km lang und 5 km breit schlängelt sich quito durch ein andenbergtal und wenn man frisch aus der 8 millionen stadt bogotá angereist ist, so ist quito mit seinen 1,2 einfach nur gemütlich. das stadtbild ist wesentlich mehr durch die präsenz der indígenas, also sozusagen ureinwohner geprägt, macht aber im vergleich zu bogotá einen wesentlich wohlhabenderen eindruck. das historische stadtzentrum wird von spanischer kolonial-architektur mit unmengen neogothischer kirchen, kathedralen, basiliken bestimmt, die grösstenteils zum weltkulturerbe erklärt wurden. quito ist umgeben von z.t. noch aktiven vulkanen, so zb. im westen pichincha auf ca. 4500 m und im süden sehe ich gerade von meiner hängematte auf der terasse von nicky und helen aus den schneebedeckten gipfel des cotopaxi.

bei nicky und helen, zwei nach ecuador ausgewanderten engländerinnen bin ich über couchsurfing.com gelandet. couchsurfing ist ein netzwerk von menschen überall auf der welt, die rumreisenden für eine weile eine heimstatt anbieten und erfahrungen austauschen. helen ist englischlehrerin und nicky war für eine weile in indien, hat dort eine yoga-ausbildung gemacht und ist jetzt yoga-lehrerin und masseurin. die beiden haben 5 jahre in kenia für eine österreichische organisation mit strassenkindern gearbeitet, sodass wir wirklich ziemlich auf einer wellenlänge liegen. in diesem haus herrscht ein unglaublicher frieden, toleranz, ein kommen und gehen von couchsurfern und menschen der verschiedensten kulturkreise. ich fühle mich sehr wohl hier - insbesondere nach der doch etwas stressigen zeit in kolumbien - und in der kurzen zeit sind wir uns bereits sehr wichtig geworden. es ist schon ein bisschen eine verrückte kommune (man könnte auch sagen: genau mein ding nach drei monaten "klosterleben" bei meinen nonnen...) und ich mag die prozessionen zähneputzender menschen durch die wohnung, verpennt im schlafanzug auf dem fussboden sitzend kaffee schlürfen, vereint die reliquien der letzten feierlichkeiten zu beseitigen und mit trommel, gitarre und gesang auf der terasse zu improvisieren - einfach leben und leben lassen. hier stört es mich nicht mal (weil bei sonnenschein im bikini...) den 4. monat meine sachen mit der hand zu waschen (gesegnet ist, wer eine waschmaschine hat..!)

neulich hatten wir eine kleine piña colada feier - eine flasche echt kubanischer rum war anlass genug - wir waren eine gruppe von kanadieren, amerikanern, engländern, kolumbianern, ecuadorianern und eben ich, und so sass ich dann mit franklin, einem kolumbianer, auf der terasse, martialisch kokusnüsse zerknackend, ananas schälend und in erinnerungen/heimweh zum nachbarland schwelgend. eine ziemliche sauerei, aber sehr lecker. franklin ist aus cali, spielt gaita - ein flötenartiges instrument der indïgenas - und hat mich etwas in die welt der cumba, einer musikrichtung der kolumbianischen ureinwohner, eingeführt. im haus haben wir ein bisschen ein ungeschriebenes spanisch-sprech-edikt erlassen - immerhin sind wir ja in ecuador und da sollte man sich auch entsprechend benehmen...

vor ein paar tagen war ich mit helen auf dem pichincha (zugegeben nicht ganz oben, aber doch immerhin auf 4200 m...) und es war herrlich. der tag war zwar nicht besonders klar, sodass wir meistens mitten in den wolken steckten, aber es war eine unglaubliche stille, nur unterbrochen vom zwitschern einiger vögel und dem rauschen von wasserfällen. manchmal haben sich die wolken etwas verzogen und den blick auf die umliegenden, herrlich grünen berghänge freigegeben.

in quito ist grad für eine woche sozusagen stadtfest - man feiert zwar gewissermassen das falsche, nämlich im wesentlichen die abhängigkeit von den spanischen kolonialherren und da werden dann gar stierkämpfer aus spanien angekarrt um ecuadorianische stier zu morden. aber der angenehme teil ist, dass in so ziemlich allen parks der stadt open air konzerte stattfinden.

nun ja, morgen geht´s dann mit helen auf nach tena, sie fährt dann wieder zurück und ich alleine weiter. mitte/ende dezember werde ich mich dann wieder mit nicky, helen und emma in machala, im süden ecuadors treffen um gemeinsam die peruanische grenze zu überqueren und uns einen gemütlichen strand für weihnachten zu suchen. ich werde also definitiv nicht für die feiertage nach kolumbien zurückkehren, das wäre unter den gegebenen umständen einfach weder klug noch sinnvoll. man hört schon so einige schauermärchen von der peruanischen grenze und es ist in jedem falle besser, diese querung nicht ganz allein zu machen. ich bin zwar wirklich nicht von schlechten eltern (mama, papa: das war ein kompliment..!), aber ich merke immer mehr, wie wichtig es für mich ist, dass ein ort zumindest tendentiell positive energien hat. man gewöhnt sich zwar an alles (siehe bogotá mit ausgesprochen agressiver und getriebener energie), ich fühle mich aber einfach etwas wohler, wenn sich die menschen wenigstens ein bisschen lieb haben. und die menschen in ecuador sind unglaublich freundlich; nicht ganz so hübsch wie in kolumbien, aber um längen freundlicher und entspannter, was seinen traurigen ursprung wohl z.t. auch darin hat, dass kolumbien wesentlich ärmer ist als ecuador. nicht unbedingt als land und potential, aber duch die korruption (d.h. noch korrupter als ecuador...)

nun verabschiede ich mich wieder - ich bin zwar noch viel zu entspannt um voll tatendrang zu sein, aber zur not kann ich mir ja auch in tena eine hängematte zwischen zwei urwaldbäume hängen...

alles liebe aus ecuador,

angelika

 

vorgefühl

16:42, 19.11.2007. Von lika

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

 

R. M. Rilke

 

für mich geht jetzt die erste phase meiner südamerika-zeit vorbei. zeit für mich, ein bisschen zu resümieren und abschied zu nehmen. in den letzten tagen ist mir wieder verstärkt klar geworden, wie sehr sich diese beiden lebenssituationen unterscheiden: an einem ort mit verpflichtungen, aber auch stabilerem sozialen netz zu sein, oder auf reisen, ohne sicherheiten, aber auch mit mehr entscheidungsfreiheit – bleibe ich noch einen tag länger, oder hab ich keine lust mehr und fahre weiter. vom gefühl her ist ersteres einfacher – es gibt einfach mehr sicherheit.

ich habe das rilke-gedicht vorangestellt, weil ich die seite, die das gedicht ausdrückt, auch sehr in mir spüre. und trotzdem kostet es mich jedes mal überwindung, die sicherheit aufzugeben.

kolumbien ist ein schwieriges land für europäer. Nicht etwa, weil es mehr armut, korruption, gewalt, überschwemmungen mit 1.5 millionen betroffenen menschen oder missstände überhaupt gibt – daran gewöhnt man sich schnell, man gewöhnt sich an alles: viel zu schnell. die schwierigkeit liegt mehr im ungesagten. angefangen mit bogotá, einer stadt mit einer latenten konstant-agressiven, getriebenen atmosphäre. das ist sehr schwer zu beschreiben – ich bin in den drei monaten nicht einmal überfallen worden, hatte auch nie das gefühl in einer wirklich gefährlichen situation gewesen zu sein: nachdem die anfangsparanoia überwunden war habe ich mich in „meinem viertel“, in das nachts kein taxi mehr fahren will, sogar sicherer und besser gefühlt, als an manchen orten im reicheren zentrum. man lernt einfach die zeichen zu lesen und sich von dem gefühl des ortes leiten zu lassen.

das wirklich schwierige in kolumbien für europäer ist es, dass sich hier alle sietzen. das muss ich wohl noch etwas näher erläutern. wenn selbst der absolut ungebildetste seinen besten freund von gegenüber sietzt, besagt das u.a. folgendes: es gibt hier sehr viel „gute erziehung“, wenig wird wirklich von herzen getan und weil man es will, sondern mehr, weil es von einem erwartet wird. ich will niemandem unrecht tun, ich habe auch menschen kennengelernt, die überhaupt nicht so sind, aber die tendenz geht einfach sehr in diese richtung. man unterwirft sich sinnlosen kontrollmechanismen in den familiären strukturen. die richtung des respekts geht einseitig nach oben in der nahrungskette. man ist mehr am leben der nachbarn interessiert, als am eigenen. jeder interpretiert in alles irgendwas hinein. jungs haben auf der strasse fussball zu spielen und mädchen in der küche zu helfen. gleichheit ist ein grosses wort und nichts weiter. um´s mal zusammenzufassen: kolumbien ist ein sehr schönes land, mit unglaublicher natur, interessanten, unglaublich gastfreundlichen menschen und vielseitigen bräuchen – aber unglaublich konservativ und nach wie vor von den folgen der conquista gezeichnet, bzw. nach wie vor unter derem joch.

wieder einmal ist mir klar geworden, dass man eben nicht allen helfen kann und das existentielle veränderungen zeit und geduld über generationen fordern. sich dieser machtlosigkeit mehr oder weniger ungeschützt auszusetzen ist nicht ganz leicht, aber eine wichtige erfahrung für mich.

ich fühle mich noch nicht bereit wieder weiterzugehen – aber das ist man wohl nie so richtig: bereit. ich habe es aber akzeptiert, mich mal wieder ins kalte wasser zu werfen, und ein bisschen mehr wärme als auf 2600m kann wohl auch nicht schaden.

ich bin sehr dankbar diesen teil der welt und auch diese seite der menschlichen existenz etwas mehr kennengelernt zu haben.

ich bin sehr dankbar, menschen wie patricia, angie, gonzalo, leidi, alexandra, wilson und auch schwester mechthild kennengelernt zu haben. ich nehme an, auch dafür musste ich diese weite reise machen, um diesen menschen zu begegnen. wir werden uns wiedersehen in ein paar monaten, wenn ich eine runde durch halb südamerika gedreht habe und nach kolumbien zurückkomme...

jetzt grüsse ich auch meine wichtigen menschen in europa – ich denke an euch – zum vorerst letzten mal aus kolumbien,

eure angelika

zwischenzeit

14:07, 17.11.2007. Von lika

ich habe lange nichts von mir hören lassen – was in erster linie den grund hatte, dass ich mich einfach uninspiriert gefühlt habe und jetzt am ende des schuljahres hier ziemlich viel zu tun hatte. das jahr wurde mit den schon angekündigten festivals ausgeleitet – tanz, musik und sport – ausserdem war abifeier. das tanzfestival war sehr schön, weil das können sie hier wirklich. von salsa über rock´n´roll bis mambo war alles dabei und es hat spass gemacht, dabei die besten herauszusuchen. der musik-, bzw. gesangswettbewerb hingegen war die hölle für meine ohren – so viel lärm und unsauberkeit für 3 - 4 stunden am stück ertragen zu müssen hat mich am schluss fast zum heulen gebracht, und ich sollte das auf noch bewerten – in einer kathegorie haben wir uns schlicht und einfach geweigert, einen preis zu vergeben... die proben für die schüler-lehrer-band, die wir gegründet hatten, waren allerdings ziemlich spassig – jeder hatte so seine macken, musikalische wie menschliche und so mussten wir z.b. des öfteren mit vereinten kräften „nelson“ schreien, um den infomatik-lehrer an der e-gitarre darauf aufmerksam zu machen, dass wir mal was besprechen müssen, weil der klimperte ständig versonnen vor sich hin. oder den philosophielehrer am mikro mit kollektiv eingeschobenen tanzeinlagen dazu bewegen, mal ein bisschen aus sich raus zu gehen. die schlagzeugerin aus der 11. klasse vergass immer die baladigen stellen und plautzte mit voller gewalt weiter, während die stimmen lieblich säuselten und die instrumente gebrochene akkorde spielten. claudia, die musiklehrerin, hat sich mit mir immer über´s mikro unterhalten, weil wir uns sonst nicht verstanden hätten, und ich habe die rocker im raum mit meinen eingeschobenen bach-weisen auf dem keyboard wohl latent in den wahnsinn getrieben. aber am ende hat die halle getobt, wir haben goldmedallien gekriegt, insofern hat´s wohl gefallen.

im sportfestival haben wir ein lehrer gegen schüler basketball- und volleyballturnier veranstaltet, was insofern erwähnenswert ist, weil wir (die lehrer) beide gewonnen haben – und wer schon mal eine nonne im vollen gewande hat volleyball spielen sehen, der weiss was ich meine, wenn ich von „einem hauch göttlichkeit“ auf unserer seite spreche. ich konnte sie zwar leider nicht zum schmettern bewegen, trotzdem war´s ein bild für den herrn...

die intercolegialen sportturniere sind auch voll am laufen, die spiele finden immer auf irgendwelchen sportplätzen mitten im nirgendwo statt und weil ich lieb bin, begleitete ich die sportlehrerin jaqueline – liebevoll auch jackie chan genannt – weil es schon nicht ganz ohne ist, einen haufen kolumbianischer racker sicher von einem ort zum anderen zu bringen. ich meine, lateinamerikanische kinder haben grundsätzlich wohl einen ziemlich ausgeprägten überlebensinstinkt – so joggten wir meistens (regelmässig etwas zu spät...), eine staubwolke hinter uns herziehend und von hundegebell begleitet (die strassen sind mehr sandwege als strassen und jeder hat mind. einen hund, der dann auf dem dach, im fenster, auf der mauer, etc. hockt...), im slalom bussen ausweichend: ohne das uns auch nur ein haar gekrümmt wurde. aber wer denkt, meine tage sind von spiel und spass gefüllt, der irrt. meine kurse liefen weiter und mussten zum ende hin alle benotet werden. so ist nun auch „mein projekt“ zuende gegangen – zufrieden bin ich nicht wirklich gewesen, hoffe aber, vielleicht irgendwas berührt zu haben. últimamente ist meine hauptbeschäftigung allerdings an die 150 weihnachtsbriefe von internatsmädchen an ihre paten in deutschland zu übersetzen... damit hätte ich gleich die überleitung zu den schwestern und ihrer arbeit. in der letzten zeit hat mich da nämlich eine gewisse doppelmoral etwas enttäuscht. ich dachte hier – an den echten problemen – wäre das anders, aber wohl doch nicht. die goldene ausnahme ist da meine lieblingsnonne schwester mechthild, die mich mit ihren konstanten neurotischen ausfällen regelmässig zum heulen bringt: vor lachen. aber die anderen... ich habe mich jetzt inzwischen mehr mit den anderen arbeitern auseinandersetzen können, und was die so erzählen tut echt weh und macht mich sehr traurig. ich will jetzt nicht mehr ins detail gehen, aber das fängt schon beim essen an. für mich ist es eine interessante erfahrung einmal zu erleben, wie es sich anfühlt hunger zu haben. oder wenn man für ein croissant mit butter schon fast zum töten bereit ist. ich ertappe mich des öfteren beim rumfantasieren über omis gulasch oder lachs-sahne-gratin mit gemüse und pasta. alles, nur bitte kein reis! ich habe neulich übrigens herz gegessen. meistens ist es besser, nicht zu fragen um was es sich handelt – aber neulich wurde dann im internat fröhlich geplaudert, welchen teil der kuh wir jetzt schon alles gegessen haben. fragt nicht. alexandra und gonzalo – meine „reichen“ freunde (wohnen richtung norden...) laden mich dann hin und wieder aus mitleid zum mittagessen ein und alexandras mama packte mir noch einen riesenschinken für´s frühstück ein, mit dem ich gleich noch die familien von nelly und yolanda, meinen beiden kückenmamas im instituto, ernähren konnte. ich bitte aber, sich jetzt keine sorgen zu machen – ich setze mich dieser erfahrung bewusst aus, es ist kein problem im wirklichen ernstfall ein paar schritte zu laufen und mir für ca. 1 - 2 € ein fettes mittagessen zu kaufen...

sprung. themawechsel. vorurteilsbestätigung: wenn sich eine gruppe kolumbianer an einem ort vereint und musik ertönt, wird tatsächlich salsa und co. getanzt. das ist unglaublich – man kann hingehen wo man will: jeder kann es! mit unbeholfenem gehopse gibt man sich hier nicht zufrieden...

kommen wir zur politik. in deutschland ist vielleicht auch der nun berühmte ausspruch des spanischen königs juan carlos gegen den venezulanischen präsidenten hugo chavez „¿por qué no te callas?“ – was in dieser situation mit dem gesichtsausdruck (also des königs) so viel wie „warum hältst du nicht einfach die klappe?“ bedeutet, durch die nachrichten gegangen. die konferenz, auf der dies geschah, beschäftigte sich mit kolonialisierungsfragen und chavez sprach lediglich aus, was durchaus realität ist: nämlich das eigentlich alle südamerikanischen staaten, obwohl inzwischen längst „unabhängig“, immer noch unter dem joch der kolonialisierung durch die spanier stehen. chavez ist, nun ja, ziemlich links und lehnt sich grad ziemlich weit aus dem fenster mit seinen guerilla-verhandlungen, aber die armen (d.h. fast alle..) lieben ihn, da sich seine politik mit der „umverteilung des reichtums“ beschäftigt. d.h. wenn ein grossgrundbesitzer von seinen 500 hektar land „nur“ 250 hektar bewirtschaften kann, warum sollen wir den rest dann nicht an bedürftige aufteilen? ich muss mich in diesem zusammenhang auch korrigieren. der kolumbianische präsident úribe gehört einer der wenigen reichen familien des landes an. die meinung der meisten menschen hier ist, dass er sich vor allem dem erhalt des reichtums der reichen widmet und weniger der beseitigung der armut. er macht viel her, dieser präsident, hält rethorische ziemlich perfekte reden, aber die meinung der meisten kolumbianer ist, dass er seinen worten recht wenige taten folgen lässt. vor kurzem waren wahlen. an einem tag wurden in ganz kolumbien sämtliche bürgermeister, ministerpräsidenten, stadträte, etc. gewählt – eigentlich alles ausser dem präsidenten. im vorfeld dieser wahlen wurden 20 kandidaten von den farc oder paramilitärs ermordet, ca. 50 kandidaten standen unter ständigem polizeischutz, aus ca. 150 parteien wurde gewählt, der präsident rief dazu auf, die auf den farc-webseiten unterstützten kandidaten nicht zu wählen und zwei tage vorher griff das „ley seca“ = trockenes gesetz, d.h. alkoholverbot. es war wohl eine wichtige wahl für kolumbien – am wahltag fühlte sich alles irgendwie wie ruhe vor dem sturm an, vom zentrum hat man sich grundsätzlich lieber ferngehalten – gott sei dank ist aber nichts wirklich schlimmes passiert, abgesehen von ein paar wenigen krawallen. hoffen wir, dass die nun gewählten ihre aufgabe für die nächsten vier jahre etwas ernster nehmen.

aber das war nicht die einzige wahl: in cartagena (karibik) wurde die señorita colombia, also die miss kolumbien gewählt. normalerweise ist mir so was ziemlich egal, was ich in diesem fall aber bemerkenswert fand war, dass es sich hierbei nicht um irgendwelche blondchen gehandelt hat (nun ja, blondchen sind hier schon aus natürlichen gründen eher selten...), sondern um fast durchweg studentinnen – und zwar medizin, informatik, mathe oder ähnliches..!

meine zeit hier in kolumbien geht nun auch mit riesenschritten zuende und aufbruchstimmung mischt sich mit wehmut. in den drei monaten hier habe ich einige menschen kennengelernt, die mir sehr wichtig geworden sind und, nun ja, auch die liebe hält mich etwas hier – alles ist auf zeit. sin embargo – trotzdem weiss ich, dass ich diesen nächsten schritt jetzt machen muss, da er mir auch angst macht – und solcherlei situationen scheinen mich ja magisch anzuziehen...

ich wünsche nun alles liebe und grüsse noch einmal aus kolumbien,

angelika

bogotá - ein paar facetten

08:27, 10.10.2007. Von lika

es ist nun wohl an der zeit, mal ein bisschen über bogotá zu berichten, nachdem ich meine ferienwoche effektief/vst (?!) der erkundung selbiger stadt genutzt habe. zunächst einmal musste ich lernen, echte von unechten gefahren zu unterscheiden. nachdem mir nämlich jeder hier zu so ziemlich jedem ort mit weit aufgerissenen augen sagte "¡das ist GEFÄHRLICH!" und gleichzeitig jeder sagte, wie schön kolumbien ist und das die ganzen vorurteile nicht stimmen und es garnicht gefährlich ist, wurde ich doch langsam stutzig und begann mir anzugewöhnen zu fragen, WARUM es denn da oder dort gefährlich sei. es stellte sich nämlich heraus, dass man sich in ca. 95% der fälle einfach sorgen machte, ich könnte mich verlaufen - was in einer stadt, in der die strassen durchnummeriert sind, nicht wirklich ein problem ist... man ist es hier nur einfach nicht gewöhnt, dass frauen heim und herd verlassen, neue dinge kennenlernen, ohne dabei völlig hilflos zu sein. ich glaube, ich kenne bogotá inzwischen besser als viele, die bereits seit mind. 30 jahren hier leben. eigentlich möchte ich diesen sarkastischen unterton garnicht haben, aber die hier noch vorherrschenden strukturen auszuhalten und dabei zu wissen, dass ich daran im prinzip nicht das geringste ändern kann, ist sehr anstrengend.

aber eigentlich wollte ich ja über bogotá schreiben. fangen wir mit den bussen an. die einfachste, schnellste, sicherste aber auch teuerste variante ist der transmilenio, eine art schnellbus, mit eigener strasse. zu den grösseren busbahnhöfen kommen von überall aus den vierteln (so auch aus meinem) zubringer (kostenlose), die die scharen dem eigentlichen bus zuführen. woran ich mich erst gewöhnen musste war dabei die ausgeprägte ellenbogen-mentalität. es wird sofort losgedrängelt, nichts mit erst aussteigen, dann einsteigen, usw. an den haltestellen stehen zwar überall polizisten, trotzdem trägt man rucksäcke tendenziell vorne... dann rauscht man an häusern, baracken, menschenmengen, autos, pferdegespannen, handkarren,... vorbei. nachdem ich eine weile die stimmung abgespürt habe, habe ich mich dann auch getraut, meinen mp3-player mitzunehmen, und diese fahrt mit bach, toccata c-moll, gespielt von martha argerich, ist echt ein erlebnis. auf der rückfahrt neulich, nach einem schönen tag, hatte sich am horizont ein wolkengebirge gebildet, dass nahezu überirdisch von der sonne bestrahlt wurde...

da die routen des transmilenio aber begrenzt sind, muss hin und wieder auf die unzähligen kleinbusse zurückgegriffen werden. das sind so grössere omnibusse, die im fenster vorne ein schild stehen haben, wo dann z.b. untereinander "c. 68, salitre, bosa libertad/independencia" steht. d.h. der bus fährt zur 68. strasse, an der stelle, wo der salitre park ist, ausserdem in das viertel bosa und zwar den teil libertad und independencia. das muss man jetzt am fahrenden bus entziffern, sich daraus überlegen, wie die route sein müsste, dann den bus einfach ranwinken, beim fahrer bezahlen, an der ecke, wo man raus will einfach abspringen, oder dem fahrer deutlich mache, dass man raus will. vielleicht ist meiner beschreibung schon zu entnehmen, dass diese art der fortbewegung nicht nur wesentlich abenteuerlicher ist, sondern auch bessere ortskenntnis, geschicklichkeit und vor allem eine prise zutiefst lateinamerikanischen temperaments erfordert. ich geb´s ganz ehrlich zu: mit diesen bussen bin ich (bisher) noch nie alleine gefahren...

die ersten eindrücke dann hier aus dem viertel raus, gen zentrum, waren überwältigend. mörderisch. viel. laut. unvorstellbar. dresden

was in bogotá auch spitze ist, sind die unzähligen kostenlosen kulturveranstaltungen. hab mir jetzt vorgenommen, da jedes freie wochenende zu nutzen. es gibt nur ein problemchen und das ist die schon erwähnte ca. 18 uhr einsetzende dunkelheit und das damit verbundene schliessen des tores im instituto gegen 17.30 uhr. d.h., wenn ich später komme, komm ich nicht mehr rein. jetzt war ich neulich bei einem total interessanten "festival de cuenteros"= erzähler-festival, mit erzählern aus eigentlich dem gesamten spanischsprachigen kulturkreis, das zum glück schon vormittags losging. vor der rückfahrt musste ich allerdings noch geld abheben - nur der automat wollte mir zunächst kein geld ausspucken und so stand ich mit 450 pesos da - das sind etwas mehr als 10 ct., was nicht mal für den bus gereicht hätte - und so langsam war es höchste eisenbahn. glückskind wie ich bin, fand ich dann aber doch noch einen willigen automaten und so ging´s, zwar verspätet, aber doch richtung heimat. ein unglück kommt ja selten allein, sodass mich der zubringer-bus jetzt so ziemlich am entgegengesetzten ende des viertels rausliess. ich hatte keine ahnung wo ich war, wusste nur in etwa die richtung und es begann bereits zu dämmern. die inzwischen 200.000 pesos (ca. 70 euro), sowie die kreditkarte in meiner tasche sagten mir, ich solle das unterfangen "gesamtes-armenviertel-bei-dämmerung-durchqueren" schnellstmöglich hinter mich bringen. natürlich liess mich mein orientierungssinn nicht im stich und da ich mich ja auch nur noch äusserlich vom rest der bevölkerung absetze, kam ich sicher, allerdins zu spát am instituto an. des einen leid war nun meine freude - eines der mädchen war nämlich immer noch nicht abgeholt wurden, sodass das tor noch offen war...

ausserdem habe ich mal wieder an einem "familienausflug" (hermana maria janette musste nach monteredondo...) teilgenommen. monteredondo ist ein kleines dorf mitten in den bergen, was direkt im ehemaligen guerilla-gebiet liegt. wir fuhren nun also los, auch mit einer anderen deutschen schwester, die früher 40 jahre in der schule von monteredondo gearbeitet hatte und uns auf der fahrt locker-flockig mit ihren ganzen guerilla-geschichten unterhielt. monteredondo selber ist herrlich: alles grün, mitten in den bergen, wärmeres gebiet, d.h. es geht auf die 28ºc zu,... ich habe zum ersten mal einer kaffee-pflanze auge in auge gegenübergestanden (bilder...). nun ist es dem lateinamerikanischen temperament im prinzip unmöglich, mal nicht zu reden. sodass mich zwischendurch das brennende verlangen überkam, mir meinen schlafsack und etwas zu essen einzupacken und mich in die umliegenden berge zu verziehen. auf jeden fall war ich abends fix und fertig, obwohl wir fast den ganzen tag nur im auto gesessen haben...

ich lerne hier übrigens grade mambo - wie es der zufall will, ist die eurythmie einer katholischen lateinamerikanischen mädchenschule nämlich zu lernen, wie man 1a mit dem hintern wackelt. da wir ja nun quasi kolleginnen sind, lud mich die tanzlehrerin marta ein teilzunehmen, sodass ich´s mir kurzerhand überlegte und mich dann für gesagt getan entschied. ausserdem wird es hier demnächst ein tanzfestival/-wettbewerb und auch einen gesangswettbewerb geben. und wer wurde in die jury von beiden berufen? richtig. ich! ich freu mich irgendwie schon drauf, das wird bestimmt eine tolle sache - bei solchen aktionen hängen sich alle immer ziemlich rein.

ein weiteres detail darf ich auch nicht unerwähnt lassen: hatte mich neulich fast zu jeden sonntag messe verpflichtet. das finale der frauenfussballweltmeisterschaft zwischen deutschland und brasilien wurde nämlich auch hier übertragen - nachts um 1. nun wollte ich schwester mechthild um jeden preis zu etwas patriotismus überreden und das spiel mit ihr gucken. aber sie liess sich einfach nicht erweichen - sodass ich schon echt scharfe geschütze auffuhr und versprach, jeden sonntag in die messe zu gehen. ihr äusserst trockener kommentar dazu war, sie würde jetzt beten gehen und gott um ein beständiges herz gegenüber meinen hartnäckigen versuchen bitten. nun ja, gott hat wohl gewonnen, ich musste alleine fussball gucken ("wir" haben gewonnen!) und bin nach wie vor messe-befreit..!

noch ein bisschen zeitgeschichte: hier wurde gerade ein aufruf gestartet, dass alle menschen, die in irgendeiner form opfer der gewalt durch die farc (guerilla) geworden sind, davon berichten sollen. in den nachrichten werden diese reportagen jetzt immer eingefügt. der präsident, uribe, hat den anfang gemacht - sein vater wurde von den farc getötet - und jetzt sollen alle folgen. ich finde das eine gute sache. man hat das gefühl, die menschen können sich dadurch echt erleichtern und mal mit nachdruck klar machen, wie satt sie die ganze gewalt haben. wie satt kolumbien die ganze gewalt hat. es ist unvorstellbar, was für viele hier völlig normal ist, weil sie es nicht anders kennen.

für mich bricht jetzt nach einem monat die zeit an, in der ich etwas ruhe brauche um die ganzen eindrücke sacken zu lassen. es war eine sehr intensive zeit bis jetzt, die mich durchaus auch erschöpft hat. im grossen ganzen geht es mir aber gut, und so wünsche ich wieder alles liebe, immer noch aus kolumbien!

angelika

es ist sehr anders - die kleinen aber feinen unterschiede...

16:47, 26.09.2007. Von lika

hallo, hallo, die dritte woche ist vergangen und es wird mal wieder zeit, ein wenig zu berichten. ich weiss nicht, in wie weit man sprachlich-und-intellekt-stress-bedingte-kopfschmerzen nachempfinden kann, aber ja, so ist es! diese phase hat nun wieder begonnen, die der dauerkopfschmerzen und manchmal blockiert sich das dann so in meinem kopf, dass ich einfach keine lust mehr habe spanisch zu reden oder gar zu denken. aber, gott sei dank (ja, in solchen sätzen bewege ich mich...) vergehen diese blockaden auch immer wieder und machen das hirn frei für neuerliche vokabularien. (ich hoffe, es entgeht niemandem, wie sehr ich auch an der deutschen sprache und ihren kombinationsmöglichkeiten hänge.!) nun gut, wie aber schon angedeutet, wollte ich ein paar unterschiede erläutern.

beginnen wir mit kreditkarten. als ich damit das erste mal einkaufen war, bekam ich es etwas mit der angst zu tun, aufgrund der damit verbundenen prozedur. zunächst wurde beim betreten des supermarktes mein rucksack von einem wachmann kontrolliert. das verstehe ich ja noch (zumindest hier). dann, als es an´s bezahlen ging, zückte ich also die kreditkarte und den reisepass. dieser schien allerdings nicht zu gefallen, sodass es mich erst wahre überzeugungskunst und apellieren an die vernunft (ich: europäerin, daher deutscher reisepass und nicht kolumbianischer personalausweis...) gekostet hat, bis man ihn doch akzeptierte. nun ist das in kolumbien aber mit schnödem unterschreiben nicht einfach getan, man füge bitte noch ausweis- und telefonnummer hinzu. ach ja, und dann wird beim rausgehen der bong noch von selbigem wachmann gegengezeichnet, der mir erst den rucksack durchwühlt hat. und dabei wollte ich doch nur eine bodylotion kaufen, weil das wasser hier die haut so austrocknet (und wer weiss, was noch so alles...)! aber man gewöhnt sich ja an alles und so beherrsche ich dieses spiel inzwischen perfekt.

punkt 2 bezieht sich auf den strassenverkehr. ich wurde nämlich neulich eingeladen mit in eine andere schule in ein dorf ausserhalb bogotás, genannt faca, zu fahren, in dem eine der schwestern eine besprechung hatte. solcherlei unternehmungen arten nun scheinbar gewissermassen in familienausflüge aus. so kam die schwester der schwester (was für ein wortspiel...) mit der omi und zwei der (garantiert unzähligen) neffen und nichten an, wir wurden ins auto gepackt und los ging´s. ich meine, schon das überqueren von strassen ist hier mit einem gewissen erhöhten adrenalinspiegel verbunden - so locken dann überholmanöver in rechtskurven und slalom zwischen lastern und pferdegespannen auch niemanden mehr hinter dem ofen hervor. nun ja, ich untertreibe etwas, aber ich hatte einfach das vertrauen, dass die schwester der schwester das schon im griff hatte (mit gottes hilfe). und so war es auch. im übrigen hatte schwester maria janette bei fahrtbeginn tatsächlich ein gebet gesprochen. und so verbrachten wir dann einen durchaus spassigen tag mit interkulturellen debatten zum besseren verständnis einer europäerin (also ich), die die einvernehmlichkeit von riskantestem fahrstil in nicht mehr durch deutschen tüv gekommenen auto einerseits, mit übervorsichtiger angstbehafteter verhätschelung des nachwuchses andererseits, nicht ganz nachvollziehen konnte.

so werde ich hier des öfteren gross angeguckt, wenn ich erzähle, dass ich hier tatsächlich alleine, fern von familie und vaterland, unterwegs bin um der welt ein bisschen näher zu sein. der sachverhalt, dass deutsche, oder sagen wir europäische jugendliche nicht bei den eltern wohnen, bis sie verheiratet sind (oder gar darübe hinaus), sondern schon eher räumliche distanz suchen, löst auch regelmässig erstaunen aus. so konnte ich es mir dann auch nicht verkneifen, auf die option des fkk-badens hinzuweisen...

was mich hier absolut begeistert, sind die wolken, milch und früchte. da wir hier wie gesagt recht hoch liegen und zu dem noch auf einer von bergen umgebenen hochebene, ballen sich die wolken zu den tollsten formen auf und man hat fast das gefühl, sie anfassen zu können - so nah sind sie. die beleuchtung der stadt hat dann nachts ein bisschen den sonne-mond-effekt, sodass die wolken dann richtig leuchten und am himmel unglaubliche farben erzeugt werden.

zu den früchten: es gibt einfach unzählige und vor allem unzählige, von denen wir in deutschland noch nie was gehört haben. das kuriose ist, dass man im laden im prinzip keinen saft kriegt. das was in deutschland die saft-regale sind, sind hier die gefärbtes-zuckerwasser-regale... aber zum glück gibt´s im instituto einen mixer! an das frühstück musst ich mich erst etwas gewöhnen, bzw. es umgestallten, weil ich kann morgens einfach noch nicht arepas (gebratene maisfladen) mit kartoffelsuppe essen. so war es dann ein unvergleichlicher festschmaus, als ich mir mein erstes müsli gekauft habe. yolanda und nelly - meine beiden küchen-mamas (in deren zusammenhang ich das wort "consentir" - "verhätscheln" lernen musste...) gehen aber immer gutmütig auf meine eigenarten ein und ansonsten bin ich ja auch artig und esse, was auf den tisch kommt. das ist in der regel sehr einfach und trocken. ich glaub, die schwestern kriegen manchmal eine extrabehandlung, aber da ich mit den internats-mädchen oder den bediensteten esse, gibt es eigentlich immer reis - zwei mal am tag. mal reis mit kartoffeln und möhren, mal reis mit yuka (eine ziemlich mehlige wurzel) und etwas fleisch, mal reis mit erbsen und etwas hühnerfleisch, mal reis... vorher gibt´s immer eine suppe mit dem, was der garten so hergibt - was eigentlich ziemlich spitze ist. abends werden die reste vom mittag noch mal aufgewärmt. insofern habe ich mich bei meinem ersten ausflug ins zentrum erstmal über ein hähnchen hergemacht, um meinen fetthaushalt mal wieder ins gleichgewicht zu bringen.

aber die milch! hier gibt es ein paar kühe mit auf dem gelände, sodass wir immer frische milch haben, was bei dem sonst sehr mit zusatzstoffen versetzten nahrungsmitteln eine wahre wonne ist. wie gut, dass don carlos und don pablo jeden morgen um 4 aufstehen um die kühe zu melken..!

letzte woche habe ich auch endlich (nach einigen organisationsschwierigkeiten) mit meinem projekt hier begonnen. man hat mir tatsächlich aus den klassen 4 - 9 jeweils gruppen mit den schüchternsten mädchen zusammengestellt (mir war am anfang garnicht aufgefallen, dass es hier so was überhaupt gibt...), sodass ich jetzt einen ganz schönen stundenplan (18 stunden) zusätzlich zu der arbeit nachmittags im internat habe. das ist insofern durchaus anstrengend, weil dann jeweils zwei stunden am stück ganzer körpereinsatz gefragt ist, was - man glaubt es erst, wenn man´s selbst erlebt hat - auf 2600m nicht ganz ohne ist. es ist aber toll, wie sich die mädels nach anfänglichen unsicherheiten drauf eingelassen haben und auch anfangen zu vertrauen. wir machen wahrnehmungsübungen der individualdistanz und des körpers, haltungsübungen und körperskulpturen. die geplante choreographie werde ich in der kurzen zeit jetzt zwar wohl nicht verwirklichen können - dieses ergebnis scheint mir in anbetracht dessen, was hier sonst so entsteht auch nicht mehr so wichtig - wir arbeiten trotzdem etwas daran.

ein anderes ereignis darf ich auch nicht unerwähnt lassen: den tag der wissenschaft, bzw. día de la ciencia. solche veranstaltungen nehmen hier meistens etwas propagandacharakter an, werden mit nationalhymne (die kolumbianische ist übrigens durchaus sehr schön), hymne der schule, flaggentragen und gemeinsamem beten u.a. eingeleitet. an diesem tag hatte jede klasse (von der 1. bis zur 11.) die aufgabe, ihren klassenraum themenspeziefisch zu gestalten und den jeweiligen besuchern dann die einzelheiten zu erläutern. so gab es dschungel, wüste, chemielabor, tierreservate, eben verschiedenste ökosysteme und auch detailliertere erklärungen z.b. des verdauungssystems. die mädels waren dann jeweils als ein bestimmtes organ verkleidet und haben dessen funktion erläutert. weggehauen hat´s mich etwas, als sich nun am schluss das mädchen vorstellte: "yo soy el ano." - "ich bin der after.". ich kam nicht drumrum, das auf einem foto festzuhalten... 

kommen wir zu ernsteren dingen. eine der putzfrauen hier, genannt heidi (das ist kein witz...) hatte mich zu ihrer familie nachhause eingeladen. sie wohnt zwei querstrassen vom instituto entfernt und schon ist man in einer anderen welt. als das instituto gebaut wurde, war ringsum noch weites, unbebautes land, bzw. eine müllhalde. jetzt ist hier eines der ärmsten, dicht mit provisorischen (so würden wir sagen) häusern aus ziegeln und brettern bebautes viertel bogotás, genannt bosa. als die müllhalde nämlich geschlossen wurde, machten viele menschen von ihrem recht gebrauch, freies land zu besetzen und sich innerhalb von 24h zu eigen zu machen. in eines dieser daraus entstandenen häuser wurde ich nun eingeladen, was mich sehr gefreut hat. was wehtat war die armut und das sich heidi dafür auch noch ständig entschuldigt hat. sie wohnt dort auf schärzungsweise 12 - 16 quadratmetern mit mann, schwiegermutter - die keine beine mehr hat und den ganzen tag im bett liegen muss - und 6 kindern. sie selbst hat ca. 6 geschwister und jeder davon noch mal ebenso viele kinder. das ist hier ein echtes problem und ein wichtiger teil der aufklärungsarbeit. es gibt einen fernseher, mit freiliegenden elektrokabeln direkt über dem bett, mehrere neben- oder übereinanderliegende betten, einen kleinen herd, ein behelfsmässiges bad und das war´s. obwohl ich mich wie gesagt eigentlich sehr geehrt gefühlt habe durch die einladung, hatte ich irgendwie ein ungutes gefühl in mir - ich war einfach nicht wirklich souverän in dieser situation. die menschen hier wollen immer sehr viel wissen, über europa, wie die menschen dort leben und ich weiss dann immer nicht so richtig, was ich sagen soll, wenn man bedenke, dass schon allein mein flug an die 3.300.000 pesos gekostet hat... man wird dem sachverhalt zwar auf beiden seiten nicht gerecht, wenn man anfängt zahlen zu vergleichen, aber es macht etwas sprachlos. es lässt sich einfach nicht leugnen, dass hier noch immer eine ausgeprägte klassen-gesellschaft vorherrscht und die diskrepanz zwischen sehr arm und sehr reich, sehr gross ist.

ansonsten geht es mir eigentlich sehr gut. ich fühle mich wohl und kann mit dem umgehen, was schwierig ist. es ist richtig, dass ich hier bin.

alles liebe aus kolumbien,

angelika

erste eindrücke

18:15, 8.09.2007. Von lika

gleich mal ein wink mit dem zaunspfahl am anfang: es sind bereits die ersten fotos im fotoalbum..!

jetzt bin ich kaum eine woche hier und trotzdem ist schon so viel passiert, dass ich garnich so richtig weiss, wo ich anfangen soll. vielleicht ja damit, dass wir hier doch nicht nur auf 1500, sondern auf 2600m liegen, sodass ich mir gleich am ersten tag fast einen fetten sonnenbrand geholt habe und jetzt immer mit 30-sonnencreme rumrenne (was ich nich mal bei einer woche knalliger sonne in italien musste..!) trotzdem weht hier eigentlich fast immer ein konstant starker wind, sodass es durchaus auch ziemlich kalt werden kann - vor allem abends. das ist insofern erwähnenswert, weil es im haus keine heizung gibt und auch kaum warmes wasser, sodass ich doch mein ganzes naturburschen-tum hervorkramen muss, um mich damit wohl zu fühlen. und trotzdem gleicht diese schule hier eigentlich einer oase inmitten der elendsviertel. das instituto clara fey beherbergt 11 schulklassen, einen kindergarten und das internat für die besonders armen mädchen, bzw. aus den besonders zerstörten familien. es ist im prinzip unglaublich, was die schwestern hier aufgebaut haben, ich meine, wenn man hier reinkommt, wirkt alles eigentlich ziemlich gut situiert - es gibt wunderschön angelegte gartenanlagen mit herrlich farbintensiven blumen, im garten des hauses für die novizinnenanwärterinnen ist sogar ein teich, an dem man abends immer die frösche quaken hört - und erst später fällt an details auf, wie hart das alles erkämpft ist. ich lerne hier auf jeden fall, dass armut nicht bedeutet, dass man nicht trotzdem das beste draus machen kann. auffallend sind natürlich die unzähligen sicherheitsvorkehrungen: so wird das ganze grundstück von einer mit stacheldraht bestückten mauer umgeben, alle fenster sind vergittert, das torhäuschen ist immer besetzt und ohne weiteres kommt man hier nicht rein. nachts werden im schulgarten sogar hunde freigelassen. das mag für das europäische ohr krass klingen, hier gehört es aber zur fast schon langweiligen normalität.

vom flughafen abgeholt wurde ich von hermana mechthild - sie ist deutsche, wie der name schon erahnen lässt (obwohl das eigentlich nix heissen muss, gestern sprach ich erst mit einem mädchen, die heidi heisst, weil ihre familie nach dem 2. weltkrieg von deutschland nach kolumbien ausgewandert ist, aber sie kann ihren eigenen namen nicht richtig aussprechen..;-) auf jeden fall muss ich sagen, nötigt mir schwester mechthild also von tag zu tag mehr respekt ab. man mag ja beim ersten eindruck denken was man will, aber dahinter steckt ein unglaublich wissender, verständnisvoller und gütiger mensch. es ist wirklich beeindruckend, wie die hier die balance finden, den kindern auf der einen seite eine grenze zu setzen und sie nahezu nach altdeutschen verhältnissen zu erziehen und ihnen auf der anderen seite aber trotzdem zuzugestehen, dass sie eben kinder sind und das tun, was kinder tun.

aber um noch mal zu jesus zurückzukehren: er hängt also nich nur über meinem bett sondern auch sonst so ziemlich überall wo man sich das nur vorstellen kann. am ersten morgen wurde ich von chorischem beten geweckt (ich übernacht in der clausura, da, wo also auch die ganzen nonnen schlafen). neulich habe ich mich auch mit ein paar novizinnen unterhalten - um sie zu fragen, wie man denn dazu kommt, nonne werden zu wollen. und ich muss sagen, es hat schon etwas beängstigendes, wenn dir dann mädchen, die grade mal 17 jahre alt sind, mit leuchtenden augen erzählen, dass sie sich in jesus verliebt haben. ich möchte jetzt nicht irgendwie einen falschen eindruck vermitteln, ich respektiere das total, nur irgendwie mache ich mir grad gezwungenermassen viel gedanken über religion und hier fehlt für mich eine nuance - die ich noch nicht so richtig erklären kann.

ein problemchen für mich ist im moment, dass ich, je kleiner die kinder sind, desto schwerer verstehe ich sie. und die sind sich ja nicht im geringsten im klaren, warum das denn so ist. ich werde hier tatsächlich des öfteren gefragt, ob ich deutsch kann - es wissen alle, dass ich aus deutschland komme und trotzdem können manche den bezug noch garnicht herstellen. ich war dann neulich mit in der 2. klasse, die im übrigen an die 40 mädchen umfasst und die lehrerin war verhindert aufgrund schwangerschaft. ich bin fast wahnsinnig geworden! da stehen dann 40 mädels um mich rum, sodass ich mich garnich mehr bewegen kann, gucken mich mit ihren 40 tiefschwarzen augenpaaren an und geben nicht eher ruhe, als bis ich ihnen allen ein autogramm gegeben habe. frag mich mal einer warum.

meine aufgabe konzentriert sich grade vor allem auf das internado. auf den ersten blick scheinen das alles furchtbar fröhliche und herzliche kinder zu sein - man sieht ihnen zumindest das leid nur selten an, dass sie in ihren jungen jahren schon durchlebt haben. es macht mir ziemlich zu schaffen und mich ausserdem wahnsinnig wütend, wenn mir diese mädchen sagen, sie wollen nicht mehr darüber reden, weil sie würden dann erinnern und das würde tränen bringen. und sie wollen doch, dass es aufört, das weinen. das macht mich sehr machtlos und sprachlos. weil, was soll ich ihnen, als behütete europäerin schon erzählen? ich kann im moment nur versuchen, dass auszuhalten und ihnen die liebe zu geben, die sie verdienen. man kann sich das einfach nicht vorstellen, wenn mir da so eine kaum 12-jährige völlig unsentimental erzählt, dass ihr bruder bei der guerilla ist. nun wollte ich erst mal nix dazu sagen, wer weiss, vielleicht haben ja bestimmte bevölkerungsschichte unterschiedliche meinungen dazu. später dann habe ich vorsichtig angefragt, ob sie denn meint, dass das wirklich gut ist, was er da tut. und da kam dann zutage, dass ihr bruder sich angeboten hat, weil die guerilla gedroht haben, sonst die ganze familie zu töten.

guerilla und paramilitärs waren überhaupt immer mal wieder ein thema. mit einigen schwestern habe ich des öfteren darüber gesprochen. man sagt, sie sind beide aus dem volk entstanden, haben sich dann immer mehr in richtung kriminalität entwickelt und so führte dann das eine zum anderen. hier geht grad auch der fall einer holländerin durch die presse, deren videotagebuch nach einer razzia gefunden wurde, bei der sie getötet wurde. sie war ursprünglich voll von idealen hergekommen, hatte sich der guerilla angeschlossen, weil sie meinte, für die richtige sache zu kämpfen, aber dann musste sie feststellen, dass sie sich da gewaltig geirrt hatte. nun konnte sie aber eben nicht mehr zurück. der neue präsident álvaro uribe vélez, sagt man auch, soll schon viel verändert haben. gerade was korruption betrifft. auch beginnen immer mehr paramilitärs sich zu stellen, weil sie merken, dass es nun nicht weitergeht. kolumbien scheint also einen schritt vorwärts zu tun.

apropos politik: neulich war auch die obernonne der provinz hier da und ich musste vorstellig werden. das ist schon durchaus lustig, wenn dann so ein haufen schwarzgekleideter nonnen in einem nagelneuen weissen pick-up vorfahren. an manchen tagen kommen auch andere glaubensgemeinschaften, z.b. waren samstag sogenannte katequisten da - was genau das ist, hab ich bisher noch nicht so richtig verstanden, aber sei´s drum. auf jeden fall war da auch ein priester dabei, der quasi jeden, der ihm über den weg lief, gesegnet hat. so auch mich. wie er da so ein kreuz über mir schlug, war mein erster impuls, das kurios und lustig zu finden, als ich´s mir dann aber richtig überlegte, hat es mich eigentlich geehrt, diese schöne, gutgemeinte geste. überhaupt ist es eigentlich das, was als stärkster eindruck hängen bleibt: die offenheit und aufgeschlossenheit der menschen hier. habe selten so freundliche und warmherzige menschen erlebt.

im grossen ganzen geht es mir also eigentlich sehr gut. ich merke, dass ich so langsam wieder auf meinem weg ankomme.

alles liebe aus kolumbien,

angelika

bin gut angekommen!

11:22, 5.09.2007. Von lika

so, jetzt melde ich mich also schon aus kolumbien, genauer gesagt bogotá - der hauptstadt. bin gestern angekommen, nachdem ich eine mehr oder minder schreckliche nacht auf dem pariser flughafen charles de gaulle verbracht hatte. nich nur das die klimaanlage die ganze zeit seehr, seehr laut war, sie war auch seehr, seehr eiskalt. trotz allem hab ich mich irgendwie wohl gefühlt. vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass alles, was von weitem riesengross wirkt, beim näherkommen immer kleiner und normaler wird.

bin ja noch nie mit so einem riesenflugzeug geflogen - ist schon ein völlig anderes gefühl, man merkt, das es ein bisschen mehr braucht, um den hintern hochzukriegen. an den flughäfen gab´s keine der befürchteten probleme - sogar mein gepäck war gleich da! und um die restunsicherheit zu beseitigen haben sich auch sonia und emmanuel - meine "flugzeugnachbarn" wirklich rührend um mich gekümmert. soviel also mal wieder zum thema die richtigen menschen zur richtigen zeit.

ich merke auch, dass sich das kolumbianische spanisch wesentlich angenehmer aussprechen lässt, man muss seine zunge nich so bemühen, ich kann mich also quasi ungeniert meiner verbal-faulheit hingeben.

von jetlag merke ich eigentlich nicht wirklich viel, die zeitumstellung macht mir etwas zu schaffen, aber da es hier sowieso schon gegen 18 uhr dunkel zu werden scheint, ist das alles relativ.

soviel als erstes lebenszeichen. jetzt werde ich mich wieder dem sammeln von eindrücken zuwenden!

 

vorläufige reiseroute

12:21, 27.08.2007. Von lika


  1. - am 3. september über paris nach bogotá, dort ankunft am 4. september
  2. - bis 23. november bleib ich in kolumbien und werde dort im colegio clara fey arbeiten
  3. - dann nach quito, bzw. allgemeines rumreisen in ecuador - evtl schaff ich´s auf die galapagos-inseln
  4. - am 16. dezember rückkehr nach kolumbien um die feiertage zu verbringen
  5. - im neuen jahr ein monat peru
  6. - februar = letzer monat: chile, so weit, wie ich eben komme
  7. - am 3. märz 2008 rückflug von bogotá über paris nach berlin, dort ankunft am 4. märz