Ein Weihnachts-"Märchen" Teil 1 (Teil 2 unten)

12:00, 25.12.2007. Von Thowe



Ein Weihnachts-“Märchen“


Manche Krümel sind gar einen Krumen wert! Gewidmet einem Brot!


 


Die Gasse war eng, es erschien ihm, als würde sie von Tag zu Tag enger und höher werden. Die abendlichen Schatten hatten etwas Bedrohliches, etwas Feindseliges, das ganz im Gegensatz zum anstehenden Weihnachtsfest stand. Er wünschte, es würde schneien, doch das tat es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Der Schnee würde den Dreck unter sich begraben, der für die Gegend so bezeichnend war und die Welt friedwärtiger erscheinen lassen. Doch es gab weder Schnee, noch gab es Geschenke für die Kinder. Zum ersten Mal, so musste er sich eingestehen, hatte er sich nichts für die Kinder leisten können, nichts, was er ihnen hätte schenken können und morgen würden sie ihn mit großen Augen anschauen und er muss sie enttäuschen. Der Gedanke versetzte ihn einen heftigen Stich im Herzen und wie so oft musste er daran denken, dass er hätte sterben sollen und nicht sie, seine Welt, sein Traum und sein Leben. Im Grunde war er zusammen mit ihr gestorben, alles, was ihm am Leben hielt, dass waren seine Töchter und sein Sohn. Er fürchtete nichts mehr als den Tag, wo auch sie ihn verlassen würden, doch das waren noch ein paar Jahre hin. Die Jüngste war gerade erst 9, seine Löwin, die sich ohne Mühe gegen die anderen 4 Geschwister behauptete. Die Älteste war 16, an einem Tag ganz Dame, am nächsten wieder seine kleine Tochter, deren Anblick ihn vor so vielen Jahren das Herz stahl und er sich schwor, alles zu tun, um ihr ein guter Vater zu sein, der beste Vater von allen. Er spürte, wie ihn die Tränen kamen, wie in der letzten Zeit so häufig, doch er konnte, er durfte sie nicht zeigen. Nachts liefen sie oftmals über sein Gesicht, wenn er sich unter der Bettdecke versteckte, wie es auch ein ängstliches Kind tat, er fürchtete nichts mehr, als wenn seine Kinder ihn weinen sehen würden. Er dachte häufig an seine Frau, seine starke Frau, die über 2 Jahre gegen die Krankheit ankämpfte und niemals eine Schwäche zeigte. Doch diese Stärke hatte er nicht, er spielte sie nur und lebte ständig in der Angst, sie eines Tages nicht mehr spielen zu können. Am Morgen war das Gesicht und die Bettdecke wieder trocken, wie jedes Mal und wie jedes Mal fand er die Kraft erneut aus dem Bett zu steigen, nur um sie erneut zu verlieren. Jeder Schritt schmerzte, jeder Atemzug wurde zur Qual, er brauchte alle Kraft um den Schlüssel ins Schloss zu stecken und er fand keine weitere, um diesen umzudrehen.


Ein altes Gedicht kam ihn in den Sinn, er hatte es vor anscheinend endlos vielen Jahren irgendwo einmal aufgeschnappt und es war seit dem zu seinem Lebensmotto geworden. Er wusste nur zu gut, wie wahr dieses war und so sagte er es sich gedanklich vor, wie so oft, wenn er meinte, keine Kraft mehr zu finden.

“Kleine Füße, die friedvoll tapsen,
kurze Schritte, sie tragen weit.

Schnelle Hände, die nach allem greifen,
ewige Neugier, nie von ihr befreit.

Ein Gesicht, gefüllt mit einem Lachen,
Tränen, die schnell vergessen sind.

So erkennst du den Wert der Kinder,
vor allem, wenn es ist, dein eigen' Kind!”

Irgendwie schmerzte es nicht mehr so sehr weiter zu machen, immer und immer wieder gab es ihn die Kraft, um noch einen Schritt zu tun, noch einen Atemzug zu wagen. So schloss er die Tür auf, nur um wenig später einen kleinen Schatten durch den Flur in seine Armen huschen zu sehen. Manuela, seine kleinste Tochter flog ihn förmlich zu und er vergas alles, die Welt bestand für einen Moment nur aus Sonne und alle Schatten waren vergessen. Er konnte die Liebe zu seinen Kindern und vor allem die zu ihr niemals in Worte fassen, hatte sie doch so viel von seiner verstorbenen Frau. Etwas, dass tröstlich war und auch gleichzeitig schmerzlich an seinen Verlust erinnerte. Doch die kleinen Ärmchen, die ihn zu umarmen versuchten, waren alles, was von Bedeutung ist und er spürte, wie er wieder atmen konnte. Er schaute sich um, von den anderen war aber nichts zu sehen. Jule, seine älteste Tochter würde sicherlich wieder in ihrem Zimmer hocken und viele Neuigkeiten über Jungen wissen, über irgendeine Freundin lästern und sicherlich Wichtigeres zu tun haben, als ihren Vater zu begrüßen. Dabei war es gar nicht so lange her, wo er der einzige Mann in ihrem Leben war, doch er war froh, dass es so ist, wie es ist. Tobin, sein Sohn und nur 1 Jahr jünger als Jule, er würde vorm PC hocken und schauen, welche Welt heute gerettet werden muss, wenn auch nur virtuell und somit unblutiger, als die Realität es in den letzten Jahren oftmals war. Die Welt war in den vergangenen Jahren brutaler geworden, als er diese in der Jugend noch kannte. Egoismus, so erschien es ihn, war im Grunde das Einzige, was noch zählte und Anstand und Zusammenhalt, nur eine Erinnerung, eher glich es noch einer Fabel. Er fand es gut, dass sein Sohn für das Gute kämpfte, wenn auch in einer Welt, wo man das Böse wirklich noch erkennen konnte, in dieser war es unlängst schwieriger und oftmals nahezu unmöglich. Doch er war kein Politiker, er war nicht einmal gebildet und wissend genug, um überhaupt die Realität beurteilen zu können.

Marie, er war sich sicher, sie würde in ihrer Fantasie gerade eine ganz andere Welt entdecken, Abenteuer bestehen und ihr Umfeld mit ihren Augen sehen, die andere Augen nur mit hochgezogenen Augenbrauen trauten. Sie hatte ihren ganz eigenen Kopf, ein kluger, ohne jeden Zweifel und ihre Neugier war oftmals ansteckend. Es interessierte ihn wenig, ob ihre Welt nun real war oder nicht, er wusste nur, dass diese für sie real ist und das machte sie genau so real, wie die bekannte Welt. Wenn sie schwärmte, dann konnte er nicht anders als innerlich zu lächeln, er liebte sie dafür, nicht mehr als die anderen, denn das entsprach nicht seiner Art, aber er liebte jedes seiner Kinder für das, was sie eben waren und jedes liebte er eben ein wenig anders. Auch wenn sie Geschwister waren, sie waren doch auf ihre Art alle ganz unterschiedlich und ähnlich zu gleich, etwas, worüber er ausgesprochen froh war. Wenn Marie auch ab und an die anderen für dumm erklärte, aber nur leicht dumm, weil sie ihr Mal wieder nicht folgen konnten oder wie die Große, die sie lieber spielend verspottete, nicht weil sie ihr nicht glaubte, nur um sie zu ärgern. Doch dafür war Marie zu klug, sie ignorierte den Spott und trieb somit die Große manchmal zur Weißglut, was seit einiger Zeit nicht besonders schwer war. Ein schwieriges Alter, welches die Jule da gerade erreicht hatte und er hoffte, dass es sich schnell legen würde und er nicht mehr in ihren Augen, gerade vor den Freunden peinlich ist. Er wusste auch keinen Grund, warum er das sein sollte, er kam auch mit allen klar, doch sie fand ihn peinlich und sei es nur, weil er mal wieder keine farblich zur Hose passenden Socken trug.

Nicole war auf ihre spezielle Art ganz anders als die anderen. Sie konnte stundenlang schweigen und nur die Umgebung um sie herum beobachten und im nächsten Moment losquasseln, wie ein Wasserfall. Im Grunde hatte sie etwas Geheimnisvolles, sie schien so normal, wie es eben nur geht und doch, manchmal hatte man das Gefühl, irgendwie von ihr erwischt zu werden. Sie saß vorm Fernseher und schaute irgendetwas, ohne das sie wirklich davon Notiz nahm, viel mehr starrte sie nur in die Richtung und träumte oder dachte etwas ganz anderes. Es wunderte ihn deshalb wenig, dass sie nicht einmal sofort bemerkte, wie er das Wohnzimmer betrat. Fragte man sie nach ihrem Alter, so sagte sie stets: “Ich bin 2 Jahre alt” und freute sich darüber, dass nicht jeder die Antwort verstand. Sie wollte auch gar nicht von allen verstanden werden, obwohl es eigentlich sogar leicht war, ihre direkte Art garantierte es, wenn diese auch oftmals eher schnippisch war. Sie mochte viele Dinge, aber eben anders als die anderen, so fand sie die Schule toll, nur halt den Unterricht nicht. Manchmal war dann links gleich rechts, und bevor sie zugab, sich vielleicht geirrt zu haben, lies sie lieber ihre Fantasie spielen und davon hatte sie reichlich. Hinterher tat es ihr dann irgendwie Leid und sie entschuldigte sich auch, aber nie direkt, dass lag ihr dann doch nicht. Sie erschrak leicht, als ihr Vater ihr die Hand auf die Schulter legte, drehte sich um lächelte knapp und ließ ein Hallo hören, nur um sofort wieder fasziniert von anderen Dingen zu sein. Glücklicherweise war sie nicht immer so, sie konnte auch aufdringlich und voller Wärme sein, aber das war weniger eine Frage der Absicht, als eine der Laune, genauer, ob in ihren Kopf gerade andere Gedanken passten. Es gab Tage, da musste er einfach an Wednesday denken, die aus der Adams Family, immer dann, wenn sie einen gewissen Gesichtsausdruck zur Schau trug. Immerhin tat sie auch gerne etwas auffressen, wenn auch nicht bösartig und zum Glück wollte sie nicht ihren Bruder töten. Das wäre auch eher etwas für Jule gewesen.

Rasch brachte er die kleine Manuela zu Bett, auch wenn längst Ferien waren, er wollte nicht, dass sie aus ihrem Schlafrhythmus kommt, es reichte schon, wenn Tobin und Jule fast die ganze Nacht wach blieben. Er spielte mit Freunden, immerhin ließen sich Drachen mit 60 Mann viel einfacher besiegen und sie chattete, quatschte mit den Freundinnen, mit denen sie eh den ganzen Tag schon telefonierte, sie traf und eigentlich jedes Detail von ihnen wusste. Immer dann, wenn sie rasch die Tür schloss, war ihm klar, dass da auch ein eher männliches Wesen am anderen Ende saß. Oh ja, er kannte sie zu genau, sie stand auf den Typ “Kerl”, auf denen Frauen in ihren Alter immer standen. Leicht verrückt musste er sein, natürlich süß und irgendeine Freundin musste ihn wenigstens toll finden, besser noch lieben, damit sie mit ihm angeben konnte. Die Jungen, die versprachen etwas in Leben zu werden, waren somit automatisch langweilig. Keine Frau in ihrem Alter will den Kapitän der Royal Navy oder gar den Schiffskoch, sie wollen viel lieber den Piraten, wollen Abenteuer und somit alles, außer eben Langeweile. Er hoffte nur, dass sich das legte und das bitte schnell. Sie war nun einmal bildhübsch und somit für den Piraten, das passende Opfer, die, die er für besser geeignet für seine Tochter hielt, würden diese sicherlich nicht einmal ansprechen. Ändern konnte er daran so oder so nichts, jede von ihnen hatte einen ausgesprochenen Dickkopf und sie unterschieden sich nur darin, wer sich traute, die dickste Wand mit diesem einzurennen. Am heftigsten war es dann, wenn sie stritten und in solchen Momenten konnte man häufig meinen, der dritte Weltkrieg hätte begonnen. Die Waffen? Schrille Frauenstimmen, die auf Nerven wie der Bogen auf einer Geige spielten. Oh, er liebte Geigenmusik, er wusste aber auch, die erste Geige spielt nur einer oder eben Eine. In solchen Momenten zog er sich zurück, zu schlichten war dann so oder so zwecklos und gegen die Meute anzukommen, nein, dass wollte er lieber nicht einmal versuchen. Gewinnen tat keine von ihnen, irgendwann hörte der Streit einfach auf und war meistens noch schneller vergessen, als er begonnen hatte. Er konnte nicht anders, als die Ruhe, die dann einkehrte, intensiv zu genießen.

Langsam spürte er den Tag in den Knochen, die Arbeit war wie immer hart und stressig gewesen, er wusste, dass sein Lohn nur ein Bruchteil dessen war, was er verdient hätte. Aber der Job versprach, dass er erhalten blieb und darum ging es in der heutigen Zeit. So schlecht das Gehalt auch war, es war besser als ein etwaiges Arbeitslosengeld und dieses reichte eben nicht für ihn und die Familie. Er hoffte, dass Jule bald die Schule abschloss, doch er wusste auch, dass dies noch 3 Jahre dauern würde, sofern sie nicht noch anfing zu studieren. Doch darüber mochte er lieber nicht nachdenken, er würde sich nur fragen, wie er ihr das ermöglichen könnte, und wusste auch, dass es niemals gehen würde. Sie müsste ihr Studium selbst finanzieren und die Sorgen dahinter schmerzten ihn empfindlich. Tobin wird sicherlich lange vor Jule sein eigenes Geld verdienen, so schoss es ihm durch den Kopf, denn immerhin glich er eher ihm als seiner Schwester und so hatte er auf Schule nur so viel Lust, wie es für die Versetzung nötig war. Auch nicht perfekt, aber er konnte ihm nicht böse darum sein, auch wenn er wusste, dass er ihn besser fördern sollte, er wusste nur nicht wie und Jule hatte keinerlei Interesse daran. Immerhin war ihr Bruder ja jemand, der so ganz anders als sie war und vor allem, er fand Nadine toll, was schon einmal gar nicht ging. Gott sei Dank gingen sie nicht zur gleichen Schule, es wäre ihr peinlich gewesen und somit musste sie nur Marie ertragen, die aber in einen ganz anderen Teil der Schule hockte und eigentlich eh noch Kind war und somit nicht zählte. Noch nicht, immerhin trennten sie ja nur 3 Jahre und sie begann langsam erwachsen zu werden. Das störte sie, denn sie mochte keine Konkurrenz, schon gar nicht aus den eigenen Reihen. Sie würde Marie niemals mit in die Disco nehmen, nachher würde sich noch jemand in ihre kleine Schwester und nicht in sie verlieben.

Die kleine Manuela im Bett, war sein nächstes Ziel Nicole, die immer noch vor dem Fernseher hockte, mit der gleichem Mine und sicherlich immer noch gar nichts mitbekam. Er setzte sich neben sie und sie schaute auf, erst auf ihren Vater, dann auf die Wohnzimmeruhr und dann auf den Fernseher. Sie grinste frech, hob den Kopf in seine Richtung, gab ihn zu seiner Überraschung einen Kuss und verschwand schneller als er erhofft hätte. Kam wieder, machte den Fernseher aus, wünschte eine gute Nacht, verschwand erneut, nur um wieder erneut zu erscheinen. Sie nahm ihr Glas und die Flasche vom Tisch und huschte endlich die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Er hörte die Tür knallen, ein Aua, dann eine Verwünschung und wusste, sie war mal wieder irgendwie breiter als die Tür und ihr Rahmen. Er achtete sorgfältig auf das nächste Geräusch, immerhin hatte sie noch nicht die Zähne geputzt und wurde zum Glück nicht enttäuscht. Ein paar Minuten später war seine 2. Mission erledigt und Marie stand auf dem Plan. Sie war längst auf ihrem Zimmer, verschlang gerade ein Buch, das er nicht einmal ansatzweise verstand und er sich fragte, ob das überhaupt seine Tochter wäre. Doch ihr Lächeln bestätigte das jedoch viel zu gerne. Sie wünschte ihm eine gute Nacht und ihm war klar, dass dieses gute Nacht bedeutete: “Paps, du musst ins Bett, du bist müde. Ich bin es nicht, ich bleibe noch auf und lese ein wenig. Ich weiß ja, du hast nichts dagegen!”, stolz darauf ihre Tonlagen so einfach interpretieren zu können, machte er sich auf den Weg ins Badezimmer. Auf den Weg, endlich selbst sich seiner Klamotten entledigen zu können und seine Zähne zu pflegen. Minuten später schleppte er sich noch zu Jule und Tobin, wünschte beiden eine gute Nacht, wurde wie so oft kaum zu Notiz genommen und war froh, die beiden endlich nicht mehr zu stören. Er legte sich hin und war Sekunden später eingeschlafen, der Tag hatte ihn seiner Kräfte beraubt, er wusste nicht einmal, ob es 8 Uhr, 9 Uhr oder noch später war, er wusste nur, er war müde. Es musste nach 10 Uhr sein, er kam ja erst um 9 Uhr von der Arbeit und brauchte auch einiges an Zeit für den nach Hause Weg.

*

Sie lauschte an der Tür, nichts war zu hören. Vorsichtig schlich sie auf den Flur, nur aus Tobins Zimmer war noch Licht zu sehen, die anderen schliefen längst. Er saß bestimmt wieder mit Kopfhörern vorm Computer und würde sie daher eher als Letztes bemerken. Er war so oder so süchtig nach seinem Spiel und vor 6 Uhr würde er keinen Weg ins Bett finden. Sie hatte einen Zettel geschrieben, auf diesem nur: “Ich komme wieder.”, und sie hoffte, dass die anderen sich keine Sorgen machen würden. Mehr konnte sie nicht schreiben, mehr durfte sie nicht schreiben, es sollte doch eine Überraschung werden. Ein paar Tragetaschen hatte sie eingesteckt, das sollte reichen, um die vielen Geschenke nach Hause zu bekommen. Sie wusste schon seit einiger Zeit, dass ihr Vater kein Geld für größere Geschenke hatte und sie wusste auch, dass er sich deswegen schämen würde. Sie hatte ihn schon in der Nacht weinen gehört, doch sie mochte ihn nicht trösten, sie fürchtete, er würde ihr böse sein, obwohl er eigentlich nie böse ist. Er wäre viel zu Stolz dazu das zu tun, was sie nun vorhatte. Sie hatte im Fernsehen gesehen, dass in der nahen Großstadt gesammelte Geschenke an die verteilt werden sollten, die kein Geld hatten. Sie hatte keines, ihr Vater auch nicht. So merkte sie sich nur, wo das war, wie sie dahin kam und das sie dahin wollte. Sie lauschte viel, sie war halt neugierig, so bekam sie auch das Gespräch zwischen ihrem Vater und seinem Freund mit, als er ihm erzählte, dass dieses Jahr Weihnachten ausfallen müsste. Ab und zu konnte sie nachts nicht schlafen, sie schlich früher immer zu ihm ins Bett, doch das konnte sie nun nicht mehr, nicht mehr, seitdem sie ihn hatte weinen gehört.

Sie musste gähnen, sie hatte nicht viel geschlafen, weil sie zu viel Angst davor hatte, nicht rechtzeitig um 5 Uhr wach zu sein. Das war um so schlimmer, weil sie ansonsten sehr viel schlief und trotzdem oft noch müde war. Jule sagte immer, ihr Vater wäre eine Tsetsefliege gewesen, das war aber Blödsinn, wusste sie, sie hatten doch den gleichen Vater. Draußen regnete es in Strömen, deswegen hatte sie sich ihre Gummistiefel angezogen, sie passten mit ihrem auffälligen bunten grünen Muster gar nicht zu ihren anderen Sachen, aber das störte sie nicht, sie war auf einer Mission. Außerdem waren die viel wärmer als ihre Turnschuhe und in den anderen konnte sie nicht gehen. So griff sie sich ihre Jacke und der Regenjacke dazu, es war zwar nicht so kalt, dass es frieren würde, aber gerade morgens fühlte sich das Wetter draußen immer sehr kalt an und sie mochte nicht frieren, sie fror oft genug auf den Weg zur Schule und der Weg war bei Weitem nicht so weit wie der, der nun vor ihr lag. Sanft zog sie die Haustür hinter sich ins Schloss und machte sich auf dem Weg zum Bahnhof. Sie war noch nicht oft mit dem Zug gefahren, aber Zug fahren machte ihr Spaß, außer, irgendeine alte Frau wollte sie wieder betatschen, das mochte sie gar nicht, sie hasste es, sie war kein kleines Kind mehr.

Es war windig, doch ihre Regenjacke hielt dem Wetter stand, nach 20 Minuten erreichte sie den Bahnhof, viel zu früh, doch sie hatte Angst davor, den Zug zu verpassen. Wenn alles gut ging, wusste sie, würde niemanden vor den Mittagessen ihr fehlen bemerken und somit gar nicht. Sie wusste nur noch nicht, wie sie die Geschenke ins Haus schaffen sollte. Doch sie freute sich schon darauf, diese am Heiligen Abend der Familie zu zeigen, ihren Vater ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Sie wäre die Heldin, seine Heldin und sie liebte ihn doch so sehr. Wie konnte sie es da erlauben, dass er traurig war? Nur mit viel Mühe konnte sie das Geld in den Fahrkartenautomaten werfen, sie ärgerte sich darüber und schwor sich, wenn sie groß ist und etwas zu sagen hatte, wird sie dafür sorgen, dass die Automaten auch von kleinen Leuten zu erreichen sind. Sie wollte ja eh Bundeskanzlerin werden, die 3. Kanzlerin in Deutschland, aber die, die wirklich etwas verändern wird. Sie hielt die Erwachsenen für blöd, sie kümmerten sich um so viel, aber um nichts, was wichtig ist. Das verstand sie nicht, wenn sie es wusste, wieso bemerkten es die anderen denn nicht? Doch das war jetzt nicht wichtig. Sie entnahm den Automaten ihre Fahrkarte und setzte sich ans Gleis, viel zu viel Angst davor den Zug zu verpassen. In der Wärme bleiben wollte sie auch gar nicht, die machte nur müde und sie durfte nicht einschlafen, schlafen konnte sie in der Nacht oder am Nachmittag, am besten gleich nach dem Essen. Sie würde einfach sagen, dass sie sich nicht ganz wohl fühlt und sich hinlegen. Nein, lieber nur, dass sie müde ist, ihr Vater machte sich sonst noch mehr Sorgen, sie wollte nicht, dass er sich sorgt. Es tat ihr weh.

Sie erschrak von der Ansage, denn sie war doch eingeschlafen und nun war ihr kalt. Doch der Zug ist ja gleich da, schoss es ihr durch den Kopf, und in diesem ist es sicherlich warm drin. Viele hatten schon Urlaub, deswegen war der 6:14 Uhr Zug nicht so voll wie sonst und neben ihr warteten nur noch knappe 10 Leute am Bahnsteig auf diesen. Sie hatte gar nicht mitbekommen, als diese kamen, schnell huschte sie zur Tür, dass Glück war mit ihr, so konnte sie sich einen Platz ganz in der Nähe dieser suchen. Sie wollte ja nicht ihre Station verpassen. Schön warm war es, doch sie zog lieber nicht die Jacke aus, sie versuchte der Heizung so nah wie möglich zu kommen und biss sich auf die Unterlippe, gerade so fest, dass sie es merkte. Sie musste sich jetzt wach halten, sie durfte nicht einschlafen. 3 Stationen noch, schließlich hatte sie sich den Fahrplan genausten eingeprägt, dann wäre sie da. 3 Stationen bedeuteten, 19 Minuten, dass würde sie aushalten. Es wurde ihr zu warm, weswegen sie sich so weit wie möglich von der Heizung entfernte und aus dieser Position konnte sie viel besser in den Zug blicken. Doch die meisten schliefen, schauten aus den Fenster oder starten ins Nichts. Die 2. Station war schnell erreicht, bei der nächsten musste sie raus oder war es die Übernächste, sie war sich nicht mehr sicher, weswegen sie konzentriert auf die Ansage im Zug lauschte. Jetzt! Schnell sprang sie auf und eilte zur Tür. Häuser flogen vorbei, doch nur durch die Weihnachtsbeleuchtung zu erkennen, ansonsten war es noch dunkel um diese Zeit.

Sie sprang auf den Bahnsteig und schaute sich um. Überall waren Leute, sie wusste gar nicht, wohin sie musste, sie versperrten ihren Blick. So folgte sie ihnen einfach, sie mussten ja auch aus den Bahnhof wollen, oder nicht? Sie machte sich nur Sorgen darüber, dass sie von ihnen zertrampelt wird. So rannte sie fast schon, damit sie den langen Beinen entkam. Draußen, vor dem Bahnhof, hatte sie endlich den nötigen Platz sich zu orientieren. Sie hatte sich den Stadtplan gut gemerkt, doch alles wirkte so viel größer, als es das auf dem Plan tat. Sie schaute auf die Straßennamen, fand die richtige Straße und machte sich auf den Weg. Sie wusste, dass sie durch die Innenstadt und die Fußgängerzone kommen würde. Darauf war sie gespannt, sie war zwar vor einiger Zeit schon mal hier gewesen, aber das mussten sie zum Arzt, das zählte nicht, sie bekam damals nicht so viel mit und musste auch nur ihren Vater folgen, der sie sicher aus den Bahnhof und zum Arzt brachte.

Es war nun kurz nach 7 Uhr, viel zu früh, so war ihr klar. Die Aufregung schlug ihr zwar auf den Magen, aber sie hatte auch Hunger. Da war ein Bäcker, doch sie wollte nicht noch mehr von den wenigen Geld ausgeben, sie konnte sich ja kaum die Fahrkarte leisten und den Rest brauchte sie vielleicht für Notfälle. Eigentlich war das Geld dafür gedacht gewesen, etwas für die anderen für Weihnachten zu kaufen, doch sie fand, so war es besser angelegt, da sie ja nun viel wertvollere Geschenke mitbringen würde. Beeilen musste sie sich nicht, sie hatte noch viel Zeit, um 8 Uhr machten sie erst auf, auf einen Hinterhof, sie wusste wo und auch, dass es von hier nicht mehr weit dort hin war. So schaute sie in die vielen Schaufester, sie waren alle wunderschön für Weihnachten dekoriert und sie konnte kaum fassen, wie viele tolle Sachen es doch zu verschenken gab. Da war so viel, was sie hätte gerne haben und verschenken wollen, doch sie wusste, mit den wenigen Geld, dass sie hatte, würde sie sich kein einziges Geschenk leisten können. Es betrübte sie zwar, aber da waren ja noch die Geschenke, die sie so bekommen würde. Vielleicht nicht ganz so schöne, aber sie hatten dann etwas für Weihnachten, etwas, worüber sich alle dann doch noch freuen könnten. Deshalb machte sie sich auf den Weg zu dem Haus, eigentlich ein Lager, wo sie diese bekommen würde. Sie wollte die Erste dort sein, die wollte die Chance haben, noch welche von den schönsten Geschenken zu bekommen. Nicht die Schönsten, die konnten ruhig andere haben, aber eben noch welche, die Freude bereiten. Sie schaute sich um, noch war niemand da, es brannte auch noch kein Licht, aber es waren ja auch noch 30 Minuten bis dahin. Sie hüpfte ein wenig, das machte die Füße wärmer, irgendwie war es doch kalt, aber auch das würde sie überstehen.

*

Er erwachte, keine Ahnung darüber, ob es ein Traum war oder nur sein Zeitgefühl. Doch er fühlte sich gehetzt, was aber vermutlich daran lag, dass er in der letzten Zeit so viel Stress hatte. Wie jedes Jahr bedeutete der Dezember eben nur Stress, Hetze und jede Menge nörgelnder Leute, die nicht schnell genug das bekamen, was sie wollten. Er hasste diese Jahreszeit, sie nervte und sie brachte nichts außer einer Menge an Ausgaben. Geschenke waren ja nur ein Teil davon, im Frühjahr kamen ganz andere noch auf ihn zu und das Geld, was er noch auf dem Konto hatte, reichte zwar bequem aus um diese Kosten zu decken, aber mehr blieb kaum über, es sei denn, er wollte hungern. Es würde es zwar tun, aber seiner Familie würde er das niemals aufbürden. Er überlegte sich schon, dass er vielleicht gleich einkaufen gehen sollte, bevor der Stress in den Straßen losging. Die Stadt erwachte zwar langsam, aber sobald ein Großteil der Bewohner wach war, waren sie auch auf der Straße, wenn auch nur aus Angst, über die Feiertage zu verhungern. Frühstück brauchte er nicht, zumindest nicht viel und so beschloss er, gleich nach diesem seinen Rucksack und die Taschen zu schnappen, damit er in Ruhe einkaufen gehen könne. Wenn er auch keine Geschenke hatte, bis vielleicht auf ein paar Süßigkeiten, so wollte er wenigstens etwas sehr Gutes zu Essen bieten können. Das konnte er sich noch bequem leisten, ohne Angst zu haben, dass er die Ausgaben bereuen würde. Schulden konnte er nicht gebrauchen, er wusste nur zu gut, dass die Zinsen ihm das Genick brechen würden. Banken waren für arme Menschen wie ihm nichts weiter, als ein Scharfrichter, der einen den Fallstrick um den Hals legt. Man suchte sich diesen zwar selbst aus, aber zum Sprung und somit dem Festziehen der Schlinge, wurde man förmlich gezwungen. Er fand den Vergleich passend, rieb sich den Hals und war froh, dass es ihnen alle zwar nicht so gut wie vielen anderen ging, aber eben doch gut genug um durchs Leben zu kommen.

Er schaute auf das Außenthermometer vor dem Küchenfenster und fröstelte leicht. Die 4 Grad und den Regen würde er noch zu spüren bekommen, seine Knochen machten ihm in den letzten Jahren immer mehr Probleme und so wünschte er sich, es wäre bald wieder Sommer oder zumindest Frühling. In Gedanken schon beim Einkaufen, goss er sich einen Tee auf, Earl Grey, er liebte den leichten Zitrusgeschmack und genoss den Duft, der langsam begann die Küche zu füllen. Noch besser war der Tee mit indischem Sesamgebäck, doch davon hatte er nicht mehr viel und wollte es sich lieber für den Nachmittag aufheben. Der Kühlschrank war fast leer geräumt und er musste unweigerlich an ein Vogelnest denken, in denen kleine Küken nach Essen piepsten und die Vogelmutter nicht wusste, wie sie derart viel herbeiholen sollte. Ein schiefes Lächeln umspielte seine Lippen und er beschloss, den Rucksack doch nicht mitzunehmen, er würde sich für den Transport der Waren nach Hause ein Taxi rufen, warum das ganze Zeug schleppen, das wenige Geld für die Fahrt, hätte er dann sicherlich noch über. Schnell trank er den Tee aus und überlegte, ob er vielleicht doch Jule oder Tobin fragen sollte, ob sie ihnen beim Tragen helfen, verwarf die Idee aber sofort, sie würden eh nur todmüde, nörgelig und sauer auf ihn sein, wenn er es tat. Er stellte die Tasche ab und ging zum Flur.

Er erschreckte beim Anblick der Garderobe, denn Manuelas Jacke fehlte. Er war sich sicher, dass sie gestern Abend noch neben seiner Jacke hing. Schnell schob er allen Jacken zur Seite und suchte weiter, doch weder ihre Winterjacke, noch die Regenjacke war zu sehen. Wo waren die? Hatte sie diese mit auf ihr Zimmer genommen? Das wäre doch unsinnig! Er versuchte möglichst leise und doch schnell die Treppe hinauf zu kommen, öffnete eher unsanft die Tür von Manuelas Zimmer und fand dieses verlassen vor. Nur auf dem Bett lag ein großer Zettel mit wenig Inhalt, er solle sich keine Sorgen machen. Verdammt! Er machte sich Sorgen! Er musste förmlich gegen die Panik ankämpfen, die sich in ihn nach oben kämpfte. Schnell warf er noch Blicke ins Bad, dem Wohnzimmer und Keller, doch sie blieb verschwunden. Was sollte er nur tun? Seine Brust schien sich zusammenzuschnüren. Er ging wieder nach oben, betrat das verlassene Zimmer und setzte sich auf ihr Bett. Wo könnte sie nur hin wollen, fragte er sich. Abhauen? Nein, dass glaubte er nicht, er wüsste nicht, warum sie das tun sollte. Er wusste, dass sie ihn und ihre Geschwister liebte und so begann er sich den Kopf zu zermartern.

*

Es erschien ihr als würde jemand rufen, nur unwillig wollte sie den Traum aufgeben, wo sie endlich doch einmal von ihm träumte und das sonst sicherlich nie tat. Mühsam öffnete sie ein Auge, blinzelte und erblickte ihren Vater in der Tür. War es schon so spät? Gab es schon Mittagessen? Sie drehte sich so, dass sie ihren Wecker erblicken konnte: Es war erst kurz vor 8 Uhr, was sollte das? Sie schlief Höchsten erst seit 5 Stunden, wenn überhaupt. Am liebsten würde sie sich umdrehen und weiterschlafen, doch stattdessen entrutschte ihr ein: “Was willst du?”, das klang nicht nett, doch sie war sauer und müde. Er faselte etwas davon, dass ihre kleine Schwester weg wäre, es lag ihr ein “Na und?” auf der Zunge, doch sie wusste auch, dass das falsch wäre und so stand sie auf, rieb sich die Augen und entgegnete statt dessen: “Ehrlich? Seit wann?” und wusste gleichzeitig darum, wie blöd die Frage war. Natürlich wusste er es nicht, sie sollte die anderen wecken und so langsam ergriff die Panik in seiner Stimme auch sie. Schlagartig wach ging sie zu den Zimmern der restlichen Geschwister. Ihr Bruder reagierte kaum, aber das war ihr klar, sie kniff ihn und schon sprang er auf. Marie und Nicole zu wecken war leicht, sie hatte eh längt ausgeschlafen und folgten ihr, zusammen mit dem Bruder, nach unten. Ihr Vater wartete, bereits seine Jacke angezogen und trug ihr auf, mit Tobin auf die Suche zu gehen, vielleicht bei ihrer Schule? Einer Freundin? Woher sollte sie wissen, mit wem Manuela ihre Freizeit verbrachte, es war ihr auch vollkommen egal. Die anderen Beiden sollten zu Hause bleiben, vielleicht telefonieren, aber Hauptsache auf ihre Schwester warten, und wenn sie wiederkommt, ihn sofort auf dem Handy anrufen. Schon schloss die Tür hinter ihm und sie beschloss, seine Anweisungen umzusetzen.

Tobin war derweil längst schon nach oben, sich anziehen. So sehr sie ihn auch verabscheute, manchmal, wenn es um wichtige Dinge ging, reagierte er immer augenblicklich. Es wurmte sie, denn sie erwischte sich immer dabei, wie es sie nervte, aber irgendwie nervte eh alles und das nervte sie besonders. Böse über sich selbst rannte sie die Treppe nach oben, schaute, was sie anziehen sollte und entschied sich für die Klamotten vom vorherigen Tag, so etwas mochte sie zwar nicht, aber in diesem Fall war es ihr egal. Zu einem, war die Suche wohl wichtiger, zum anderen, um diese Zeit lief ihr sicherlich niemand über den Weg, den sie kannte. Sie roch an sich selbst, fand, dass sie fürchterlich stank und zog sich zu Ende an. Ihr Bruder wartete längst unten, seine Jacke angezogen hielt er ihre bereits in seinen Händen. Kleine Hände, richtig schöne Hände. Sie war neidisch darüber, denn ihre Hände waren unförmig, er hatte viel schönere und das als Junge. Aber sie fand eh, dass sie gegenüber den anderen benachteiligt war, denn Marie hatte wunderschöne Haare, Nicole wunderschöne Augen und Manuela ein richtig süßes Gesicht. Was hatte sie? Sie war zwar schön, ja, aber sie hatte auch nichts Besonderes. Ihr Po war besser als bei den anderen, aber die entwickelten sich ja noch, sie hoffte, dass sie sich fett essen würden. Nein, dass würde niemals passieren, ihr Vater achtete von je her darauf, dass sie alle nur “gesunde” Sachen zu Essen bekamen. Für Süßigkeiten fehlte eh meist das Geld und so musste sie lächeln, eine gute Sache hatte ihre Armut somit ja schon. Wobei, sie hatte auch schöne Zähne, keine Süßigkeiten bedeuteten auch keine Löcher und rauchen würde sie eh nicht.

Im Moment fand sie sich aber hässlich, deswegen zog sie die Kapuze so weit über den Kopf, wie es eben nur ging. Schnürte sie fest, etwas, was sie sonst eher nicht tat, sie wollte ja, dass sie auffiel und folgte ihren Bruder nach draußen. Sie fand, er watschelte, irgendwie ging er immer so komisch, manchmal musste sie über ihn lachen, am meisten aber dann, wenn er vor irgendeinem Mädchen stand und sich so peinlich, wie nur irgendwie möglich benahm. In solchen Momenten hatte sie schon fast Mitleid mit ihm, immerhin war er ja dann doch ihr Bruder und er hatte auch gute Seiten, z. B. dann, wenn er für sie einkaufen ging. Naja, nett war er ja auch und unglaublich fair zu allen, was sie störte, war aber, dass er, wenn er Partei ergriff, immer die für Marie ergriff und nie für sie. Dabei hatte sie jahrelang den Babysitter für ihn spielen dürfen, o. k., ganz richtig war das zwar nicht, aber sie war eben doch die Älteste und hatte somit ja auch wohl mehr zu sagen, als es die anderen hätten. Es regnete recht heftig, deswegen war sie froh, heute mal nicht ein hübsches Gesicht zeigen zu müssen. Mairegen soll ja schön machen, nur dumm, dass Heiligabend ist, sie fand sich witzig und ihre Laune besserte sich ein wenig, so merkte sie langsam, in welche Richtung sie überhaupt gingen. Tobin hatte die Führung übernommen, es nervte sie, weswegen sie ihn fragte, was der Schwachsinn denn sollte zu Manuelas Schule zu gehen, es wäre sicherlich das Letzte, wo sie hingehen würde.

*

War ja klar, was sollte sie auch anderes sagen. Sie sagte immer genau das Gegenteil von dessen, was andere machen oder sagten. Glaubte sie eine Rebellin zu sein? Vielleicht sollte er ihr Mal sein geliebtes Spiel geben, dann wüsste sie, wie sich Rebellen benehmen, alles, nur nicht dämlich. Er hatte keine Lust auf Streit, der lag ihm eh nicht und er war immer froh seine Kopfhörer aufsetzen zu können, wenn die 4 Schwestern sich gegenseitig in Grund und Boden stritten. Nur selten blieb er dann in ihrer Nähe, höchstens um Marie zu unterstützen, die war wenigstens nicht engstirnig wie der Rest. Man konnte sie eh gut ertragen, meistens war sie sehr ruhig und vor allem quiekte sie nicht los wie Jule, wenn mal wieder irgendetwas nicht passte und das war oft der Fall. Er hielt aber auch Nicole und Manuela für klüger, die eine stritt ab und an aus Spaß, die andere um sich zu behaupten, aber wenigstens nicht um sich aufzuspielen. Was wollte Jule eigentlich, sie war nur wenige Monate älter als er, und bis vor 2 Jahren, als sie 14 wurde, konnte man noch gut mit ihr auskommen. Früher hatte sie ihn immer ihren Lieblingsbruder genannt, heute kam außer ein du nervst, ohne dass er überhaupt etwas gesagt hätte, eh nicht viel von ihr. Dass sie vielleicht die anderen alle nervte, kahm ihr sicherlich nicht mal in den Sinn, er hatte das Gefühl, das sie eh meist nicht dachte. Egal wie klug sie auch tat und mit ihren Zeugnissen angab. Sollte sie doch ihr Abi mit 1,0 machen, es war ihm egal, er wollte nie zum Gymnasium, niemals sein halbes Leben in der Schule verbringen und nein, er wollte auch nicht zu der Schule gehen, wo Manuela in der 3. Klasse war. Doch ihr Vater hatte es gesagt und irgendwo mussten sie ja anfangen zu suchen.

Genau das lies er sie auch wissen, sie schaute nur kurz grimmig, wollte etwas erwidern und schwieg zu seiner Verwunderung. Sie gingen weiter nebeneinander her, etwas, was sie seit Jahren nicht mehr taten und er fühlte sich unwohl dabei. Er fühlte sich so oder so nicht besonders wohl in ihrer Nähe, vor anderen machte sie ihn immer schlecht und er wusste nicht warum, er hatte ihr absolut nichts getan. So ging er ihr lieber aus dem Weg, als das er das über sich ergehen lies. Wenigstens waren die anderen Schwestern immer lieb zu ihm und er hoffte, dass würde auch so bleiben, noch mehr Zicken wollte er nicht ertragen müssen. Er musste aber feststellen, dass Jule trotzdem sie ungeschmickt war, immer noch verdammt gut aussah. Er hatte nichts dagegen, wenn irgendwer sie für seine Freundin hielt, glaubte aber nicht daran, dass das jemand tun würde. Jeder würde vermutlich auf Geschwister tippen, und wenn es seine Freundin wäre, hätte er sie längst verlassen. Er wusste aber, dass dies nicht so wäre, er liebte sie und würde sie immer genau so behalten wollen, wie sie ist, es sei denn, sie ändert sich zum besseren, hoffentlich tat sie das auch Mal. So gingen sie weiter, erreichten die Schule und schauten sich um. Von Manuela war nichts zu entdecken, aber das war ihm so oder so klar.

Er einigte sich mit Jule darauf, in die Stadt zu gehen. Besser gesagt, er fragte sie, ob sie es für eine gute Idee hielt in die Innenstadt zu gehen und zu schauen, ob ihre Schwester da vielleicht etwas kaufen wollte oder was auch immer. Sie nickte, sagte „komm“ und sie gingen weiter in die nahe gelegenen Innenstadt. Um diese Zeit war noch nicht so viel los, zwar hatte der ein oder andere Lebensmittelmarkt schon auf, aber die wenigen Fachgeschäfte, die es noch gab, waren fest verschlossen. Er verstand eh nicht, wie diese überleben konnten, er könnte Stunden in diesen verbringen, ohne überhaupt etwas zu finden. Er war nur froh, dass er seine wenigen Weihnachtsgeschenke für die Schwestern schon hatte, nichts Wertvolles. Jule bekam etwas zum Schminken, er hatte einfach in ihren Zimmer geschaut, was sie da so nutzte. Für Nicole hatte er eine CD mit einem Hörbuch gekauft und Manuela bekam so ein seltsames Plüschtier. Das war niedlich und er wusste, sie mochte derartigen Kitsch. Marie war einfach, sie bekam ein Buch über eine ausgestorbene Kultur. Das war auch das teuerste Geschenk von allen, aber das mussten die anderen ja nicht wissen. Wenn Jule fragen sollte, würde er einfach sagen, er hätte es im Internet ersteigert oder gekauft. Sie wird so oder so wieder eifersüchtig auf die anderen sein, er fand es lustig, immerhin war sie ja die Königin im Haus, wenn sie sich auch eher wie die verwöhnte Prinzessin benahm.

Er wusste auch, was Jule ihn und den anderen schenken würde. Sie hatte ein paar Süßigkeiten eingepackt und für jeden einen netten Brief geschrieben, der so gar nicht nach ihr klang. Er hatte sie alle gelesen und hasste sich für seine Neugier. Sie konnte immer noch richtig nett sein, wenn sie denn wollte und sie konnte vom Inhalt her richtig gut schreiben und hatte dazu noch eine wunderschöne Schrift. Er war froh, wenn er für einen Aufsatz mal kein mangelhaft bekam, meistens konnte er nicht einmal seine eigene Schrift lesen, so musste er sich mit etwas Fantasie denken, was er denn damals überhaupt geschrieben hatte. Seine Lehrerin nannte ihn im Unterricht einmal einen Schmierfink, irgendwo auch zu Recht, wusste er, aber er wusste nicht, wie er das hätte ändern wollen. Er war eben nicht Jule, nicht so perfekt wie sie, er war nur froh, wenn er in der Schule auch nur einigermaßen mitkam. Er wusste, von seinen Geschwistern war er der schlechteste Schüler, nur Nicole war vielleicht ähnlich schlecht. Die anderen waren ihn überlegen, bei Marie störte ihn das nicht so, sie ließ ihn ihre Überlegenheit auch nie spüren. Bei Manuela war es ja nicht so wild, sie war ja immerhin 6 Jahre jünger als er.

*

Sie hatte nun all die Nummern angerufen, die ihr in den Sinn kamen und sofern sie diese denn überhaupt herausfinden konnte. Sie kannte zwar ein paar der Freundinnen von Manuela, aber bei Weitem nicht alle mit ihren Nachnamen. Die meisten schliefen um diese Zeit auch noch und somit durfte sie sich leider auch ein paar ruppige Worte anhören, doch das störte sie erstaunlicherweise wenig, wusste sie doch, dass ihr Anruf trotzdem wichtig war. Sie schaute Nicole an, ohne wirklich etwas von ihr zu wollen, sie überlegte halt nur, ob ihr noch jemand einfallen würde. Doch das tat es nicht. Ihr Blick schweifte zum Fenster, es war ein dunkler Morgen und so war sie froh darüber, nicht nach draußen zu müssen. Sie mochte die Natur, sie liebte diese und manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie mit ihr sprechen würde, der Wind leise alte Geschichten in ihre Ohren säuselte und Bäume sich wie zum Gruß vor ihr verneigten. Die meisten Menschen gingen achtlos durch Wälder und über Wiesen und sie verstand nicht, wie man einfach diese unbeschreibliche Schönheit übersehen konnte. Am Anfang stand eben nicht das Nichts, am Anfang stand die Natur und diese überlebte alles, auch den Menschen. Es war ihr jedoch eh lieber, wenn Menschen dem Wald fernblieben, vor allem die, die ihn nicht verstanden. Jedenfalls verstand sie ihn und sie wünschte sich, sie könnte dies auch von Jule und den anderen behaupten. Nicht, dass sie ihre Taten nicht nachvollziehen konnte, es ergab eher oftmals wenig Sinn in ihren Augen. Sie schaute erneut auf Nicole, die dabei war noch einmal die Nummern im Telefon durchzuschauen, doch auch diese schien nichts mehr zu finden. So blickte sie wieder aus dem Fenster, sie machte sich auch keine großen Sorgen um ihre kleine Schwester, sie war sich sicher, dass diese schon wieder auftauchen würde.

Sie dachte über die Geschenke nach, den sie den anderen besorgt hatte. Am Leichtesten erschien ihr das für Tobin, für ihn hatte sie ein Duschgel gekauft, eines, dass für ihre Nase richtig gut roch. Das, was er ansonsten benutzte, stank eher und sie wollte einfach, dass er eines hatte, das besser zu ihm passte. Jule war so oder so kein Problem, alles, was sie interessierte war, ihr Aussehen und somit hatte sie im gleichen Atemzug mit Tobins Geschenk auch ihr etwas gekauft. Sie hatte irgendwo mal gelesen gehabt, dass sich Frauen im Mittelalter, ihre Gesichtshaut mit Bleiweiß einen sehr hellen Teint gegeben hatten, was dann zu Abszessen führte. Es gab Tage, da wünschte sie Jule diese auch, aber das war töricht, gestand sie sich ein. So hatte sie einfach ein normales Make-up für sie besorgt, aber eines, dass ihren echten Hautton eher entsprach, als das viel zu dunkle, was sie ansonsten oftmals nutzte. Für Nicole hatte sie diverse Sachen zum Basteln organisiert, wusste sie doch, wie sehr sie das liebte. Manuela bekam ein Freundschaftsband und für ihren Vater hatte sie einen Gutschein über “Haushaltshilfe auf Abruf”, was Besseres fiel ihr nicht ein, er wollte ja auch nie etwas haben. Somit war sie recht komplett, was ihre Geschenke anging. Sie hoffte nur, dass ihre kleine Schwester doch schnell wieder auftauchte, Sorgen machte sie sich dennoch, doch sie hatte auch keine Idee, was sie von hier aus unternehmen sollte, um diese zu finden.

Allerdings, sie wusste auch, das Manuela sehr aufgeweckt für ihr Alter war und auf der anderen Seite recht ängstlich, sodass sie sicherlich Gefährliches unternahm. Da war eher etwas anderes, es konnte eigentlich nur damit zusammenhängen, dass sie etwas für Weihnachten besorgen wollte. Aber warum hatte sie nicht sie, Jule oder Tobin gefragt, dass war das offene Rätsel an der Geschichte. Es konnte also Höchsten sein, dass sie etwas besorgen wollte, dass keiner sehen darf, wenn es eine Überraschung bleiben soll. Vielleicht ein Geschenk für alle? Aber das erschien ihr auch unsinnig, sie hätte ja dann Vater mitnehmen können. Es war zwecklos, weiterhin darüber nachzudenken, sie sollte irgendetwas Nützliches tun. Sie könnte vielleicht abwaschen? Heute Abend gab es wie jedes Jahr zum Heiligen Abend einiges zu essen und somit viel schmutziges Geschirr. Aber irgendwie erschien ihr der Gedanke doch als unsinnig, heute Mittag gab es auch noch einiges an zusätzlichen Abwasch, da machte sie lieber den mit den anderen zusammen. Nach oben gehen und etwas zu lesen holen? Doch den Gedanken verwarf sie auch, irgendwie wusste sie, sie konnte sich nicht wirklich darauf konzentrieren, es zu tun. So blieb fast nur die unsinnigste Idee von allen über, der Weihnachtsbaum. Sie hielt nicht viel davon, aber ihr Vater tat es den Kindern zuliebe und zumindest sie, ihren Vater, was die anderen dachten, dass wusste sie allerdings auch nicht.

Sie sagte Nicole, was sie vorhatte und ging zusammen mit ihr auf den Dachboden, um den Weihnachtsschmuck zu holen. Der Dachboden war immer ein Erlebnis für sich, er war riesig, fast genau so groß wie die eigentliche Wohnung und er war im Winter immer sehr kalt, im Sommer dafür viel zu heiß. Sie mochte ihn nicht, vor allem roch er nach totem Holz, nach Staub und er erinnerte sie daran, wie alt die Wohnung war. Auch wenn sie wenig Miete bezahlten, vor allem für die Größe, das Haus war schon lange nicht mehr im Schuss. Das Licht war spärlich, die 2 Neonröhren vermochten den riesigen Raum nicht auszuleuchten und durch das Regenwetter, viel auch kaum Licht durch die Dachfenster, sie konnte den Regen klopfen hören, unaufhörlich, fast so, als würde er hereingelassen werden wollen. Sie war froh darüber, Nicole mitgenommen zu haben, alleine schon, damit sie von ihrer Fantasie abgelenkt ist. Sie schnappten sich alles, was sie brauchten, und machten sich wieder auf den Weg nach unten, ins Wohnzimmer, um mit dem Schmücken zu beginnen. Der Baum war bereits aufgestellt, dass hatte ihr Vater bereits am Wochenende getan, so mussten sie sich nur noch um den Rest kümmern, auch wenn das vielleicht schwerer war, als man meinen sollte. Wenn alle um den Baum standen, gab das oftmals ganz unterschiedliche Meinungen, wie dieser denn zu schmücken wäre. Jule würde ihn am liebsten Überladen, sie viel lieber so gut wie gar nicht schmücken. Tobin fand das Licht wichtig, Manuela irgendwie nur rote Kugeln und Nicole alles, was sie selbst gebastelt hatte. Deshalb wunderte es sie auch wenig, als diese plötzlich verschwand, noch etwas zu holen.

*

Sie hatte noch einiges an Weihnachtsschmuck gebastelt, den, den sie hatten, der gefiel ihr so ganz und gar nicht und sie fand, ihrer war viel schöner und sie bastelte halt gerne. So hatte sie aus Glanzpapier, Tonpapier und Wolle ein paar Engel gemacht und aus Filzplatten andere Motive. Da sie Strohsterne mochte, hatte sie ein paar von ihnen gebastelt und dazu 2 aus goldenen Tonpapier, die ihr besonders gut gelungen waren. Stolz auf sich selbst holte sie die Werke aus ihrem Zimmer und stürmte wieder nach unten zu ihrer Schwester und sie hoffte, dass ihre Bastelarbeiten den anderen auch gefallen werden. Sie mochte Lob, für Tadel gab sie auch eher selten Grund. Was sie nicht mochte, war es, wenn so niemand an dem was sie tat gefallen findet. Doch sie wusste auch nur zu gut, wie sie die nötige Aufmerksamkeit erreichte, und nutzte dies nur zu gerne. Deshalb präsentierte sie ihrer Schwester ihre Arbeit und freute sich über das Lächeln. Nur zu schnell war der Baum immer voller und wirkte schon überladen, was Marie natürlich gar nicht und ihr wenig gefiel. Irgendetwas musste weg, doch sie wollte natürlich nichts von ihren neuen Stücken runternehmen, es gab ja noch genügend, was alt, gekauft und oft schon am Baum gewesen ist. So entfernte sie ein paar der Kugeln, begutachtete ihr Werk aus der Weite und war zufrieden. Marie schien auch nichts mehr gegen ihr Werk einwenden zu wollen, deswegen waren sie fertig, in einer Rekordzeit, viel schneller, als dann, wenn die anderen halfen.

Doch was sollten sie jetzt tun? Ihr war unbehaglich, das Schmücken des Baumes hatte sie abgelenkt und nun musste sie wieder an ihre kleine Schwester denken und sie hatte Angst um sie. Sie liebte sie, sie liebte alle aus ihrer Familie, doch sie konnte es ihnen nicht so wirklich sagen, sie zeigte solche Dinge viel lieber. Deswegen bekam auch jeder von ihnen ein gebasteltes Geschenk, das zu ihm passt und nicht einfach etwas Gekauftes. Für Jule hatte sie einen Lippenstifthalter gebaut, so was gab es ansonsten gar nicht, zumindestens wusste sie nicht, dass es so was geben würde und Jule hatte da einen echten Tick mit. Sie schminkte sich die Lippen oftmals auch nach Laune, hatte sie eine gewisse Rotfarbe drauf, war es besser, man ging ihr aus den Weg. Jule war so oder so immer sehr emotional, ganz anders als sie, vor allem wusste man auch nie, was Jule denn gerade wollte und auch nie, welche Laune sie in 10 Minuten haben würde. So oder so war es einfach ihr die Laune zu verderben und unmöglich sie zu bessern, fast unmöglich, ihr Lippenstifthalter würde das natürlich tun. Tobin bekam einen Wecker, einen, den sie aus einem Uhrwerk und einer lackierten Konservendose gebastelt hatte, sie hatte ihn kleine Füße angeklebt und das gab ihm fast etwas Lebendiges. Marie bekam ein Windlicht, dieses hatte sie aus spezieller Folie, Holz und Motivservietten gefertigt, im Innern hatte sie ein normales Glas und ein Teelicht gestellt, sie fand, es sah wunderschön aus. Manuela bekam ein paar ganz spezielle und ganz eigene Kopfhörer, ihre Bisherigen hatte sie zerbrochen gehabt und deswegen gab es nun welche mit Motiven aus Filz an der Außenseite der Muscheln, mit einem angemalten Kabel, stoffumwickelten Bügel und ganz weichen Ohrpolstern aus Samt. Sie waren unglaublich und sie war sich sicher, damit alle beeindrucken zu können.

*

Sie erzählte jetzt ihre Geschichte schon zum dritten Mal und hoffte, dass sie ihr nun Geschenke gaben, deswegen war sie ja hier. Die Frau vor ihr schaute sie freundlich an, aber auf die Frage, ob sie wirklich nichts ihren Eltern gesagt habe und einfach so den Weg auf sich genommen hatte, konnte sie nur mit einem Ja antworten. Sie spürte, wie sie sorgenvoll und strafend zugleich angeschaut wurde und nun regte sich ihr Gewissen: Vielleicht hätte sie doch einen der anderen Fragen sollen, ob sie sie begleiten. Wäre Jule oder Tobin mitgekommen, hätte sich sicher niemand Sorgen gemacht. Doch das ging ja auch nicht und sie würden ja auch nichts bemerken, in spätesten 2 Stunden wäre sie ja wieder zu Hause und niemand würde wissen, dass sie weg war, oder doch? Der Gedanke nagte an ihr, sie sagte etwas zu der Mitarbeiterin und wusste nicht genau, was sie sagte, sie hatte wieder einmal einfach drauf losgeredet, dass passierte ihr häufig. Wie alt waren denn deine Geschwister, wollten sie wissen und sie sagte es ihr, beschrieb sie auch so gut, wie sie konnte. Was sollte sie auch groß sagen, es waren einfach ihre Geschwister.

„Warte hier“, sagte die Frau und ging dann mit einem Kollegen in den hinteren Bereich. Manuela tat wie geheißen und hoffte, sie könnte bald gehen. Sie sah, wie die beiden im hinteren Teil des Lagers miteinander sprachen, sah die Frau wild gestikulieren und wie er alles ganz ruhig anhörte und nur ganz knapp etwas sagte. Danach kamen sie wieder auf sie zu und sie hoffte, sie bekäme nun die ersehnten Geschenke für ihre Geschwister. „Das ist Frank“, so stellte die Frau einen noch sehr jungen Mann vor. „Er wird dich begleiten, zuerst ein paar Geschenke aussuchen, danach fährt er dich heim. Wir wollen ja nicht, dass den Geschenken etwas passiert und so leicht sind sie ja auch nicht.“ Manuela war erfreut, sie fand Frank sympathisch, er war jung und lächelte auf besondere Art, sie fühlte sich zu ihm hingezogen und die leichte Angst, die sie gerade noch hatte, schien auf einmal zu verschwinden. Frank schaute sie an, lächelte etwas breiter und sagte: „Komm, wollen wir doch mal schauen, ob wir nicht etwas für deine Geschwister finden.“ und so zogen sie in den hinteren Teil des Lagers, der gefüllt war mit vielen Geschenken. Manuela staunte, der Raum war riesig und überall stapelten sich Geschenke, schöne Spielsachen, teilweise schon etwas abgenutzt, aber das meiste wirkte wie neu. Sie wusste aber, dass diese aus Sammlungen stammen, es Geschenke waren, die andere einst mal bekamen und nicht mehr brauchten. Sie verstand nicht, warum man derart schöne Dinge einfach weggab. Sie wusste auch nicht, wer sie die denn noch alle abholen wolle und so fragte sie ihren Begleiter. „Weißt du“, antwortete er, „die meisten dieser Geschenke sind bereits zugeteilt, sie gehen weiter an Kindergärten in Armenvierteln, an Waisenhäusern und ein paar andere Einrichtungen, wo sie verteilt werden. Wir wollen eben, dass jedes Kind, egal wie arm es auch sein mag, etwas zu Weihnachten bekommt. Weil Kinder eben Geschenke lieben und weil Geschenke eben etwas Wertvolles sind, sie sagen etwas aus, sie sagen: Du bist Wert!“


Manuela konnte es zwar nicht ganz verstehen, aber sie wusste schon, dass eben ein Geschenk ihr Freunde bereitet und bei anderen wird es ebenso sein. Sie schaute sich um und auf einmal musste sie daran denken, dass viele dieser Geschenke eben Kinder glücklich machen sollten und es gab von Kleinigkeiten, bis zum Wertvollen hier alles, was das Herz begehren mag. So schaute sie sich um, wählte ein paar aus, wo sie meinte, sie könnten denjenigen erfreuen, für die sie gedacht sind. Frank schaute ihr zu, lächelte, als er sah, was sie wählte und nickte zustimmend. Danach frage er sie, ob sie nun fahren wollten. Manuela war froh, nicht wieder durch die Kälte zu müssen, sie ging mit Frank wieder nach vorne, verabschiedete sich von allen und wünschte frohe Weihnachten. Danach gingen die beiden nach draußen, stiegen in ein älteres Auto und fuhren los. Sie war glücklich und sie war müde, ihr vielen die Augen zu und sie erwachte erst, als Frank sie fragte, ob sie hier richtig wären. Sie schaute auf, rieb sich die Augen und sie standen nahezu perfekt vor der kleinen Gasse, die zu ihrer Haustür führte. Frank gab ihr die Tragetasche mit den Geschenken und sie verabschiedeten sich. Sie war froh, wieder daheim zu sein und so ging sie zur Tür, steckte ihr Schlüssel in das Schlüsselloch und erschrak, als die Tür sich plötzlich öffnete.

*

Ein Weihnachts-"Märchen" Teil 2

12:00, 25.12.2007. Von Thowe



Ein Weihnachts-“Märchen“

Teil 2

 

Marie schaute aus dem Fenster, sie hatte irgendwie das Gefühl, das Manuela gleich wiederkommen würde, eine Ahnung. Es verwunderte sich deshalb auch nicht, als sie fast nur einen kurzen Augenblick später ihre Schwester in die Gasse einbiegen sah. Sie trug eine Tragetasche bei sich und so war es Marie klar, dass sie tatsächlich Geschenke besorgt hatte. Schnell lief sie zur Tür, öffnete diese und zog Manuela, die förmlich mit ihrem Schlüssel an der Tür hing, ins Haus. Drückte sie kurz, schüttelte den Kopf und war nur froh, dass die kleine Schwester wieder gesund da war. Am liebsten hätte sie etwas gesagt, aber sie wusste auch nicht genau, was. Stattdessen ging sie zum Telefon und rief ihren Vater an und die beiden älteren Geschwister, dass sie nach Hause kommen könnten. Wenig später waren sie wieder alle daheim, ihr Vater sagte nichts, schaute nur auf Manuela, die mit einem schlechten Gewissen scheinbar am liebsten in den Boden versunken wäre, und zog sie in seine Arme. Er drückte sie fest, fast so, als würde er sie zerbrechen wollen und hob sie auf den Arm, sagte nur: „Mach das nie wieder!“ und setzte sie ab. Danach schaute er auf Jule und Tobin, die beide lächelnd und froh neben den anderen Geschwistern standen und fragte sie, ob sie Lust hätten mit ihm einkaufen zu gehen. Sie stimmten beide zu und gingen gemeinsam los.

Es dauerte fast 3 Stunden, bis sie heimkehrten und so war es bereits späten Mittag, als sie Zeit zum Essen fanden. Es gab nur eine Kleinigkeit, denn am Abend würde es wieder etwas zu Essen geben, etwas, das reichhaltig und lecker war. Die folgenden Stunden zogen sich in die Länge, der Fernseher versuchte vergeblich die gerade jüngeren der Geschwister von den Geschenken, die sie bekommen würden, abzulenken und so hatte die Stimmung etwas Gequältes. Doch die Zeit verging, das nächste Essen stand an. Den Festtisch hatten sie bereits geschmückt. Eine rote Tischdecke mit weißem Tischläufer zierte den alten Tisch. Auf dem Tischläufer hatten sie in der Mitte den Adventskranz gestellt, dazu ein paar Teelichter und Tannenzweige und auf die Tischdecke die weißen Porzellanteller und die leicht grün schimmernden Gläser, die sehr fein zur Tischdekoration passten.

In der Küche wurde derweil noch gebraten, gebacken und gekocht. Es gab zuerst Lauchcrèmesuppe, danach Truthahnsteaks, mit Ananas, Birne und Pfirsichen. Als dritten Gang Lachsröllchen, die mit Senf und Honig bestrichen und mit Salatblättern aufgerollt wurden und zum Nachtisch gab es gefüllte Bratäpfel. Diese hatte eine Füllung aus Walnüssen, Marzipan und Rosinen, geschmacklich mit Rumaroma abgerundet und Jule hatte noch Amaretto-Bällchen für den späteren Abend gemacht, diese waren aber nichts für Nicole und Manuela, dafür war dann doch etwas zu viel Amaretto in diese geflossen. Für die beiden hatten sie deshalb noch schnell Schoko Crispis gemacht und so konnte das Festessen beginnen.

Der Abend zog sich in die Länge, es wurde viel gelacht und alle schienen glücklich zu sein. Manuela musste ihre Geschichte erzählen, was sie, nachdem ihr Gewissen beruhigt war, nahezu genoss und auch wenn jeder nun wusste, dass ihr Vater keine Geschenke haben würde, so schien es dennoch niemanden zu stören. Es dauerte nicht lange und es schien, als wenn der Tag vergessen war. Fast so, als wäre er längt weit in die Vergangenheit gerutscht. Es war bereits nach 21 Uhr, als sie endlich zur Bescherung kamen, die Geschwister tauschten die Geschenke untereinander aus, ihr Vater hatte für jeden dennoch eine Kleinigkeit besorgt, eben nichts Weltbewegendes und so unpassend es ihm noch vor einen Tag erschien, so passend erschien es heute. Manuela? Sie hatte nur recht unwertvolle Geschenke ausgesucht, weil sie eben niemanden etwas wegnehmen wollte und die Besten anderen gönnte. Niemand zeigte auch nur eine Spur der Enttäuschung, nur die Wärme, die eine Familie zeigen konnte, war zu spüren. Ein schönes Gefühl, das nur zu oft im Alltag unterging und wenn auch vielleicht nicht bewusst, so wussten sie doch unterbewusst dieses Gefühl zu schätzen. Einfach darüber glücklich zu sein, dass es sie gab und das sie füreinander da waren.

So schaute ihr Vater auf seine Kinder, auf die wunderschöne Jule, deren Augen glänzten und das oftmals durch Zickigkeit entstellte Gesicht einem weichen Lächeln gewichen war. Auf Tobin, der nicht an seinen PC hockte, der einfach zwischen den anderen sass und glücklich schien. Auf Marie, die nicht in irgendwelchen Büchern stöberte, nicht fasziniert von Dingen war, wo andere im besten Fall den Kopf schüttelten. Auf Nicole, die zwischen den anderen sass und viel lachte, was zwar nicht ungewöhnlich für sie war, aber eher selten mit den Geschwistern. Zuletzt schaute er auf Manuela, deren Müdigkeit förmlich spürbar war, aber eine leichte Röte zeigte sich auf ihre Backen und so wusste er, sie würde so schnell nicht ins Bett wollen. Sie sollte auch so lange aufbleiben, wie sie es wollte, es war heute egal, alles, was wichtig war, dass hatte er vor sich sitzen und er fühlte sich so frei, wie schon lange nicht mehr. Frei vom Alltag, frei von Sorgen, frei vom nächsten Tag, nur Glücklichkeit in einem Moment, der zwar bald enden würde, aber bis dahin ein wärmendes Gefühl und eines von Freiheit spendet.

Er war glücklich, nicht zuletzt deshalb, weil er seit so vielen Jahren endlich wieder verstand, was Weihnachten bedeutet. Nicht die Geschenke waren wichtig, wichtig war nur, dass man an die dachte, die einen lieb und teuer waren. Er verabscheute das, was der Kommerz daraus gemacht hatte, weil er genau dieses Gefühl durch ein falsches Geschenk nur zu schnell rauben könnte. Er verfluchte die Hektik, die diese Jahreszeit im Vorfeld schon all ihren Glanz nehmen konnte und wenn das Weihnachtsfest nun das Fest der Besinnung war, so fragte er sich, auf was man sich denn besinnen sollte. Auch wenn ihm im nächsten Moment die Antwort als klar erschien, es war das Fest der Liebe, vielleicht reichte es schon, sich einfach auf die Liebe zu den anderen und deren zu Einen selbst zu besinnen. Das Jahr zu vergessen, die Streitigkeiten zu vergessen, über den eigenen Schatten zu springen und dennoch, er wusste nur zu gut, dass genau das die meisten Menschen nicht hinbekommen würden. Es gleicht am Ende einen Schauspiel, weil es nach Weihnachten wieder vergessen wäre. Aber wie konnte es dann sein, dass es bei Kindern, bei seinen Kindern, es sich tatsächlich ehrlich anfühlte? Es nicht so erschien, als würden sie etwas vorspielen. Er grübelte ein paar Minuten darüber nach, vielleicht lag es einfach nur daran, dass jeder Mensch nur eine gewisse Menge an negativen Situationen verarbeitet und verzeihen konnte? Er wusste es nicht, dennoch, eines wurde ihn in diesem Moment sonnenklar, es spielte auch keine Rolle, ob er darauf kommen würde, alles, was eine Bedeutung dabei hatte, war es, dass jeder Einzelne dies für sich ergründen musste. So schaute er auf seine Kinder, überlegte, was er ändern konnte und doch, er wollte es nicht einmal. Es war ihm klar, dass diese Harmonie niemals ein Jahr überdauern konnte und die wenigen Momente eben ihren Wert nur unterstreichen.

Bald war wieder Sylvester, der Tag, an denen man sich Veränderungen versprach, gute Vorsätze planen und niemals nach diesen Leben würde. Weil sich selbst zu ändern, eben einen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner glich und man nicht aufgab, man kämpfte meistens nicht einmal erst. Vielleicht reichte es auch aus, sich an Weihnachten darauf zu besinnen, wer man denn selbst war, sich dessen bewusst wurde, wie einen die anderen sahen und sich eben selbst zu hinterfragen und sich darüber klar zu werden, was man wirklich ändern könnte. Am Ende nur den ersten Schritt zu planen, den man Sylvester gehen wollte und sich nur auf diesen einen Schritt konzentrierte und ganz vielleicht verlernte man so niemals den Wert und die Chance, die Weihnachten bedeuten konnte. Mit etwas Glück, so dachte er, würde man sich dann auch wieder auf Weihnachten ehrlich freuen können, es verlernen die Hektik zu beachten und wieder das zu sehen, was ehrlich glänzt.


*

Für ihn glänzte nichts mehr als seine Kinder, ihre Macken hin oder her. So unterschiedlich sie auch waren, sie waren alles, was je von Bedeutung ist. Niemand würde seinen Weihnachtsbaum mit nur einer Farbe, einer Form oder einer Art von Schmuck behängen. Gerade das Unterschiedliche, das sich am Ende doch kombinierte, machten seinen echten Glanz aus. Man musste nur darauf achten, was sich wirklich ergänzte und aus der Ferne erschien das durchaus leicht. Nur einen Schritt zurück gehen und schauen, es war doch so leicht. In dieser Nacht weinte er wieder, doch diesmal waren es keine Tränen der Qual.


 

Begegnungen

10:46, 10.10.2007. Von Thowe

Genau diese waren für dieses Jahr vorgesehen und, kaum zu Glauben, viele von den geplanten ließen sich gar realisieren. Die Arbeit lockerte die Fesseln, die oftmals kaum Möglichkeiten zulassen und somit stand allem nichts im Wege, selbst der Urlaub von Kollegen, der oftmals Treffen unmöglich macht.


16. Juni – Familien-Treffen

Alle Jahre wieder? Von wegen! Meistens werden es dann doch eher sehr viele Jahre, bevor man einen guten Teil der Verwandtschaft wieder unter einen Hut bekommt und somit auch zu Gesicht. In diesem Fall war es das 50 Jährige Jubiläum einer Tante von mir, das dafür sorgte, wieder einmal auf viele altbekannte Gesichter und ein paar neue zu treffen. Die meisten Gesichter ändern sich kaum, Onkel und Tanten werden zwar älter, doch genau genommen ändert sich nicht viel. Ihre Art bleibt, ihre Gespräche ähneln denen, die sie auch vor zig Jahren bereits begonnen hatten und meistens addieren sich nur Krankheiten, die sie damals noch nicht hatten. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht dennoch freut, wieder einmal diese Gesichter zu sehen und bei einigen ist es wohl leider fraglich, wie oft noch oder ob man sie jemals wiedersieht. Man meint zwar selbst, dass man seit dem letzten Treffen kaum gealtert ist, doch die neuen Gesichter und vor allem die, die plötzlich fast schon erwachsen wirken, strafen einen Lügen. Cousins und Cousinen erscheinen genau wie immer, nur hier und da vielleicht eine Falte mehr, doch ihre Kinder, die man lange Zeit nicht oder noch niemals zuvor sah, zeigen einem doch deutlich auf, dass viel Zeit ins Land gezogen ist. So trifft man dann auf Cousins 2. Grades,  von denen man kaum wusste, sich nur dunkel erinnerte, dass es diese gab und eben auf eine Cousine 2. Grades, die man zuletzt als kleines Mädchen unter Tischen hat tollen gesehen und einen nun nahezu direkt in die Augen schauen kann, ein kleines Kind, dass anscheinend in ein paar Momenten zu einer hübschen Jugendlichen heran gewachsen ist.

Was bleibt, dass sind ein paar Informationsfragmente und somit ein paar Erinnerungen mehr, eine Idee davon, dass die Zeit doch vergeht und die Hoffnung, eben doch einige Treffen noch erleben zu dürfen, bevor altbekannte Gesichter entschwinden. Irgendwie doch sehr schade, sich derart selten zu sehen und somit von ein paar entfernt Bekannten oftmals mehr zu wissen, als von der eigenen Verwandtschaft.
 

14. Juli – Klassentreffen

Alte Sünden, wie herrlich, aber genau diese scheinen eben das Damokles-Schwert zu sein, dass so furchtbar über Klassentreffen schwebt. Weißt du noch, damals ... und nach 22 Jahren sollte man meinen, man hätte es vergessen, aber nein, man weiß es doch noch sehr genau. Es ist fast so, als könnte man sich wieder ins Klassenzimmer setzen und genau da weiter machen, wo man vor so langer Zeit aufhörte. Dummerweise kamen nicht einmal die Hälfte der ehemaligen Klassenkameraden zum Treffen und doch war es ausgesprochen schön, diejenigen wieder zu sehen, die man im Grunde längst vergessen hat, aber irgendwie dann doch nicht. Verändert? Nach so langer Zeit? Klar, aber man erkennt die Person dahinter immer noch, sie ist nicht anders geworden, etwas reifer, etwas älter, aber im Grunde ein Ebenbild der damaligen. So oft man auch darüber streiten mag, ob sich Menschen ändern, die Wahrheit ist, sie tun es nur sehr bedingt. Sie passen sich eher dem an, was erforderlich wird, sie mögen Fehler erkennen, aber ihr Kern ist genau der, der er bereits immer war. Gene, die die Bahnen definieren und das Leben mag diese wohl nur formen und eher selten neu lenken.

Die Schule ist somit die Zeit, in der wir unsere Grundprogrammierung erhalten, eine Zeit, die meistens sehr unbekümmert beginnt, mit der Pubertät einer Wandlung erfährt und uns mit viel Wissen, eher wenig Erfahrung und viel Irrglauben ins Leben ausspuckt. Der Eine zieht einen Nutzen aus dieser Programmierung, der andere nicht, doch die Erfahrung, gemeinsam mit anderen diesen Weg gegangen zu sein, ist eine wertvolle. Nicht jeden Menschen möchte man wiedersehen, einige hat man geliebt, andere gehasst und man fragt sich trotzdem, was aus ihnen geworden ist. Sarkasmus am Rande: Die Person, wo sich jeder fragte, was aus ihm geworden ist, konnte nicht mehr zum Treffen erscheinen. 8 Tage vor dem Treffen unterhielt ich mich noch mit einen Freund über die besagte Person und er ging wie ich fast davon aus, dass er sich längst zu Tode getrunken hätte. Am Tag darauf stand seine Todesanzeige in der Zeitung. Nicht nur der Pietät zu Liebe, möge er nun bitte jemand sein, den jeder wegen seinen Werten schätzen mag.
 

20. Juli – Moderatoren-Treffen

Manches ist sehr seltsam: Man unterscheidet das Internet so sehr vom Real Life, dass man sich manchmal fragt, wer ist die Person hinter dem Alias, hinter dem Avatar und hinter den oftmals klugen Worten. Die Person, mit der man viel geleistet hat, innerhalb von mehr als einem halben Jahrzehnt eines der größten Foren Deutschlands aus den Boden stampfte, es lenkte, es formte und am Ende zu dem machte, was es heute ist. Man kennt sich, hat sich aber niemals gesehen und genau dieses beschnüffeln wollen, weckt die Idee, auf ein Treffen. Zugegeben, von der Idee bis zur Tat kann es mal Tage, mal Wochen oder Monate und manchmal eben Jahre dauern. Nach, anscheinend, Äonen, hatten wir es tatsächlich geschafft: Ein Treffen der Moderatoren. Wenn auch mit 11 Stück nicht mal wirklich die Hälfte erscheinen konnte, so waren es doch genügend um ein interessantes Treffen in Regensburg zu gestallten. Die, die man seit so langer Zeit kennt, eben auf einer anderen Ebene kennen zu lernen und am Ende zu merken, dass man sich eigentlich wirklich längst kennt, nicht wirklich vom anderen überrascht ist und am Tag der Abreise einen leichten Stich verspürt und den Wunsch, bald doch mal wieder ein Treffen erleben zu dürfen.

So unterschiedlich die Truppe auch in Bildung, Alter und Herkunft ist, so sehr entdeckt man doch echte Parallelen. Menschen, mit denen man vermutlich auf der Straße nie ein Wort gewechselt hätte, sind eben Menschen, die für einen plötzlich eine echte Persönlichkeit haben. Man sah nicht zuerst ihren Kopf, sondern eben das, was sie in diesem haben und merkt doch schnell, dass Vorurteile doch reine Kopffragen sind. Wir schauen auf Menschen und scheuen es nicht, sie sofort in eine Schublade zu stecken, nehmen sie nur selten heraus und sind nur zu blind gegenüber unserer ureigenen Ungerechtigkeit. Das Internet, mit all dessen Anonymität mag zwar eine Menge Gefahren bergen, aber eben auch viele Überraschungen und einiges, was man eben doch fürs Leben lernt.


24. August – Games Convention

Spielkind. Tja, in Anbetracht dessen, dass ich sogar schon Game-Reviews schrieb, muss ich mir eine derartige Aussage wohl gefallen lassen. Stimmen tut es nicht mehr wirklich, aber zu einem guten Teil dann doch noch. Wenn es auch nur noch wenige Stunden im Monat sind, so ist es dennoch immer noch ein Hobby von mir, dass eben nicht gerade als billig durchgehen mag. Die Hardware ist teuer, die Spiele kosten nur einen Bruchteil, aber die Menge macht es auch hier. Genau das merkt man nur zu genau auf der Games Convention, denn Spiele sind einer der wichtigsten Märkte der Zukunft. Killerspiele, sie stellen nur einen kleinen Teil und so regieren dann auch Größen wie World of Warcraft eher den Markt, als die oftmals grafisch sehr gelungenen First-Person-Shooter. Doch auch andere Spiele generieren eine unglaubliche Anziehungskraft und so erscheint es stimmig, dass an Die Sims keiner vorbei kommen konnte und die Singstar Tribüne nahtlos belagert war. Spiele, sie sind längst keine Domäne der pickligen, zu dicken Einzelgänger mehr. So wundert es auch nicht, dass das Besucherbild sehr durchwachsen war. Alte Leute, junge Leute, doch die meisten eher zwischen 20-40 Jahre und, so sehr es die Männer auch pikieren mag, jede Menge Frauen. Einige, wenn man ihr Gesichtsausdruck richtig deutet, waren sicherlich mitgeschleppt ohne es zu wollen, doch der Großteil freiwillig da und unter ihnen nicht wenige in Kostümen. Elfen, Druidinnen und Kriegerinnen, sie erregten Aufmerksamkeit und vielen in den Massen auf.

Neben Spiele gab es andere Attraktionen, wie Autoscooter, eine große Halfpipe mit cooler Show, Performance-Theater und nicht zu vergessen, eine wirklich beeindruckende Anzahl hübscher Hostessen. Deren Aufgabe es oftmals leider nur war, gut auszusehen, im besten Fall noch Prospekte zu verteilen und eben nett zu lächeln. Ein paar Lichtblicke waren dabei, Frauen, die eben auch beraten sollten, doch die meisten warteten förmlich nur auf die Frage der männlichen Besucher, sie fotografieren zu dürfen. So müssen sie sich oftmals gefallen lassen, ein hübsches Lächeln ohne Inhalt zu bieten, aber eine Silvia Sommerlath mag doch in vielen geschlummert haben.

Die Games Convention war in der Liste eher ein Kann und ist kein Muss, hätte ich sie verpasst, wäre dies kein Beinbruch gewesen. Im Grunde war das Beste an ihr so oder so die Personen, mit denen ich die Zeit während der Messe verbrachte. Das Klassentreffen war sicherlich ein Muss, genau wie das Familientreffen auch, birgt es nette, neue, alte Erinnerungen. Unterm Strich an wertvollsten war aber definitiv das Treffen mit den Moderatoren, einfach schon, weil man sich seit Jahren darauf freute. Wie dem auch sei, keine dieser Begegnungen möchte ich missen.

Wie funktioniert eigentlich ein Chatraum

09:57, 3.10.2007. Von Thowe

(Überarbeitete Version einer Geschichte, die ich mal vor langer Zeit in einem Forum schrieb auf die Frage, worum es hier überhaupt geht (Das Thema hieß: "Frauen richtig im Chat ansprechen") )

Also, ich fang dann mal am Anfang an ...

Am Anfang war das Nichts und es explodierte, frei nach Terry Pratchett.

Tjo, danach gab's ne Menge Schlamm, ne Menge Biobrei und irgendwann entwickelten sich die Einzeller. Manche von ihnen leben noch heute als Gehirn von George W. Bush weiter, andere haben sich evolutionär entwickelt und wurden zu höheren Wesen. Ok, der Quastenflosser lebte zwar eher tief, aber naja, irgendwann krabbelte er an Land und da er keine Luft bekam, dachte er sich: "Hey, wie wäre es mit Flügel?" Daraufhin musste er leider ersticken, dumm gelaufen, aber ein Exemplar schaffte es dann doch noch sich die nötigen Lungen zu wünschen. Da Gott wohl zu diesem Zeitpunkt mal wieder volltrunken war, wurde so aus dem Flosser eine Maus. Auch der Grund, dass Elefanten und Frauen Mäuse fürchten, denn in ihnen steckt Gott drin! Elefanten, wegen ihrem Rüssel und mal ehrlich, was hat sich Gott dabei gedacht, ihnen eine längeren Rüssel denn Glied zu geben? Frauen wissen nur zu gut, was mit der armen Europa passierte. Während Männer nach Jahren der Ehe und reichlichem Genuss von Betäubungsmittel wieder weiße Mäuse sehen, aber fürchten tun sie sie nicht, muss wohl der Adamkomplex sein.

Spulen wir jetzt die Uhr einfach mal ein paar Jahre vor und landen somit in der Steinzeit. Schauen wir in eine Höhle in der sich ein weibliches Exemplar der Gattung Mensch aufhält und sich ihr Essen bereitet. Der Duft von frischer Nahrung liegt in der Luft, denn das Parfüm kann es nicht sein, da es noch keine schwulen Männer gibt die dieses designen, lockt einen männlichen Draufgänger an und dieser betritt mit forschem Schritt die Höhle der Verführungen. Als dann erblickt er das Essen, stürzt sich auf dieses, tritt ein paar Schädel durch die Gegend, die als religiöse Verzierung dienten und schnappt sich seinen Knüppel und drescht diesen auf den Kopf des Weibchen. Danach schleift er sie aus die Höhle, nicht ohne vorher noch zu Ende gegessen zu haben und freut sich über die erfolgreiche Jagd.

Ok, irgendwie wollen Männer zwar immer noch in irgendwelche fremde Höhlen eindringen und die Sache mit dem "Knüppel angeben" hat sich auch nicht großartig geändert. Aber aus den Schädeln ist immerhin Fußball geworden und das Essen hat eine andere Rangordnung bekommen. Durch kulturelle Einflüsse wurden die Männer leider über die Jahrtausende hinweg dazu gezwungen, nicht mehr Frauen zu rauben, sondern diese zu gewinnen ...

Das mit dem gewinnen ist so eine Sache für sich, also damals erlegte man einfach irgendein Tier, nahm das Fell und das Fleisch und schmiss es der Angebetete vor die Füße. Heute sähe es etwas seltsam aus, wenn jemand im Supermarkt sein frisch erworbenes Hackfleisch einer Holden vor die hochhackigen Schuhe werfen würde, weswegen Männer es dann doch so halten, sich selbst vor ihre Füße zu werfen, manche nehmen die Schuhe in den Mund, andere reden lieber gekonnte Worte oder besser gesagt, stammel einige Laute die kaum anders klingen wie die zu Urzeiten. So ist der Unterschied zu heute dann doch nicht so riesig, denn Mann gehört ihr anschließend auch mit Haut und Haar.

Aber bis er sich vor ihre Füße werfen darf, anstatt dem Tier lieber einen Ring anschleppt und etwas zusammenstammelt was er furchtbar peinlich und sie furchtbar süß findet, vergehen noch ein paar Tage. An dieser Stelle spulen wir die Zeit eine wenig zurück und beobachten den Tag, wo er seine Zukünftige kennen lernt.

"Hallo", ein Hall von unglaublicher Stärke dringt durch den überfüllten Chatraum und trifft auf keinerlei Widerstand, genau wie auf keinerlei Beachtung. Irgendwie fühlt sich das Hallo an, wie ein Atom auf seiner Reise durchs Weltall. Doch da passiert etwas, mit einer Wahrscheinlichkeit die nahezu gleich derer ist, dass es auf den Planeten Erde Leben gibt, antwortet ein weibliches Exemplar und schreibt ein hoffnungsvolles, ja gar durch und durch bedeutsames "Hallo" ihrerseits. Völlig verschreckt von der nicht erwarteten Antwort, fängt Mann wie üblich an zu stammeln: "Na du, bist du öfter hier?" und Frau erkennt wie bei allen 100.000 Typen zuvor auch: Hey, ein Mann auf Partnersuche.

Da ihr gerade langweilig ist, im Fernsehen auch nur spannendes wie "Deutschland sucht den Super-Alki" läuft denkt sie sich, ach, spiele ich ein wenig mit ihm. Mit einem kleinen Lächeln, was nur fies aussieht, aber gar nicht so ist, antwortet sie nahezu unheilsschwanger: "Ja" und setzt ihren vielleicht Zukünftigen sämtliche Qualen der Hölle aus, sie weiß nur zu genau, er wird nun dort zu Hause sitzen, auf seinem Stuhl und zittern. Lange Zeit vergeht, irgendwer labert zwischendurch von Chicas und Ficken, aber endlich kommt von ihm, den besagten, eine Antwort: "Das freut mich!"

Wow, dieser Ausdruck der Verwunderung muss dem Autor an dieser Stelle gestattet sein, einfach, weil diese Perfektion der Eloquenz ein Paradebeispiel einer gekonnten Anmache ist. Doch zurück zum Thema: Irgendwo im Nirgendwo schwebt Hermes vorbei, gerade dabei irgendeinem Gott eine Nachricht von unglaublicher Wichtigkeit zu überbringen, vermutlich das Aphrodite entdeckt hat, das Eva einst ihren Apfel klaute. So schön Aphrodite auch ist, so trennt nur ihre Haarfarbe sie vor den Vorurteilen, die man so gerne über Blondinen zu pflegen weiß. Ach ja, Hermes sieht per Zufall was dort unten im Chatraum passiert und still und leise lächelt er in sich hinein, fliegt weiter um seine lebensrettende Botschaft zu überbringen und trifft auf den Weg dorthin auf seinen Vetter. Er weiß zwar nicht wirklich ob es sein Vetter ist, aber bei Göttern ist das auch wohl nicht so wichtig, denn der Olymp besteht so oder so nur aus Inzest, Orgien und Vetternwirtschaft. "Hallo Amor", so ruft Hermes durch den sternenerleuchteten Raum und schon schwebt sein Vetter an. Hermes erzählt ihn vom Leiden des besagten Mannes und Amor denkt sich, dort muss ich helfen.

Amor weiß nur zu gut, dass die verfluchte Pandora damals unter anderem einen Fluch der Hera in ihrer Büchse hatte. Dieser Fluch, Hera mochte noch nie Männer, aber der Begriff Lesbe ist Göttern nun einmal fremd, da sie eigentlich eh nie wirklich wissen, ob sie männlich oder weiblich sind und somit wurde erst viele Jahre später dieser Begriff durch eine Göttin des Tennis salonfähig. Wie gehabt, Hera dachte sich, die Folter die Männer erleiden sollen wenn sie Frauen ansprechen, soll ihnen die Hölle als Himmel erscheinen lassen. Aber das alles interessiert Amor nicht, er fliegt so schnell er nur kann zu der Frau, die sich gerade im Chat befindet und verschießt einen Pfeil. Ok, vom Alter gebeutelt trifft der erste Pfeil die Mutter der Holden, die daraufhin mit dem Gärtner durchbrennt, aber der zweite sitzt perfekt, nahezu zumindestens. Vielleicht ist dies auch der Grund, dass Frauen häufig nicht wirklich wissen ob sie ihren Freund oder Mann wirklich lieben, aber wir wollen den armen Amor nicht nun auch noch diesen schwarzen Peter unterschieben, den hat ja eh meist Hera und kaum jemand weiß noch heute, dass Peter der Große (der Erste) eigentlich ein Karthager war, der mit einem gewissen Körperteil sprach, dass ihn seinen Namen bescherte. Doch wer Hera verehrt kann nur untergehen oder eben flüchten oder beides, vermutlich beides, eher sicher beides.

Wie vom Blitz getroffen, sie ist Blond, die kennt den Unterschied zwischen Blitz und Pfeil nicht, denkt sich das Weibchen: "Boah, vielleicht ist er ja nett, wie er wohl aussieht" ... Stunden später, man ist längst in einem privaten Chatraum, tauschen die beiden ihre ersten Bilder aus. "Hmmm, etwas krumme Nase", so denkt er sich, "aber ansonsten nicht schlecht." "Der ist doch ganz süß!", so schießt es ihr durch den Kopf und es passiert, was passieren musste.

Nach einigen Treffen, mal hier, mal dort, mal mittig beschließen die beiden, dass sie sehr gut zusammenpassen. Während er noch vom Motorrad träumt, träumt sie bereits von vier Rädern, einem Korb und einem Gestell, das den Kinderwagen einst Form geben wird. Die Zeit vergeht, das Motorrad ist ja eh zu gefährlich, das Wetter in Deutschland zu schlecht und wozu brauche ich einen neuen Computer, so wandert die Pille zurück in die Schublade, das Lächeln auf ihr Gesicht nach dem Antrag und ein Finanzminister ärgert sich über weniger Steuereinnahmen.

Ursprungsversion: http://macuser.de/forum/showthread.php?t=98031&page=29

Und so ging es weiter: http://www.macuser.de/forum/showthread.php?t=100396 (und der Thread eben speziell für die, die meinen, ich würde Gedichte klauen)

Daten-GAU

07:46, 1.11.2006. Von Thowe

oder auch, wohl dem, der eine Sicherung hat. Aus leidiger Erfahrung seit mehr als 15 Jahren in der Datenverarbeitungsbranche weiß ich, wie unzuverlässig Datensicherungen sind. Streamer trau ich so weit, wie ich sie werfen kann und anderen Geräten nicht viel mehr. Eine DVD ist zu klein und nur sicher wenn der Brenner die nötige Brennstrategie kannte und was bleibt ist eine Sicherung auf Festplatten und zwar doppelt und mit Verify. Das ist so ziemlich die höchste Sicherheit die man erlangen kann, aber eine, die zu einem nicht die günstigste Lösung ist und nur bei kleinen Datenbeständen einen Sinn ergibt.

Auch wenn das ein wenig nach Vorwurf klingen mag, es ist keiner. Höchstens ein Appell an alle ihre Daten auch lokal zu sichern, denn 100% gibt es nicht, nur eine Maximierung der Sicherheit und wer seine Daten liebt, der sollte auch daran mitarbeiten.

So bleibt für viele wohl doch ein Neuanfang und den kann man auch als Chance sehen, das man diesmal doch alles besser macht und vor allem, vielleicht auch mal wieder etwas an seinem Blog arbeitet. Letzteres sollte ich mir auch mal vornehmen, bei Zeiten, das leidige Problem vielbeschäftigter, die nur mal Zeit haben, wenn sie wie jetzt, schlicht weg krank sind.

Auf ein Neues!

Götterkunde

06:51, 8.08.2006. Von Thowe

Am Himmel weit droben,
da wollen sie toben,
die Götter in ihrer Pracht,
gar nach Mitternacht!

Doch hier unten liegen,
die Bayern und Friesen,
die schlafen wollen
und sich nicht grollen.

Doch die Götter, dreist!
Stört das selten, meist!
So müssen wir es ertragen,
was die Götter uns gaben.

Sei es der Regen der fällt,
der Donner, so furchbar grell.
Sei es auch nur die Dunkelheit,
aber das läßt die Götter kalt.

Deshalb wollen wir uns rächen!
Rufen, ihr Götter, ihr werdet blechen!
In die Nacht schreien wir ganz laut,
doch dumm nur, die Götter sind taub!

Partnerschaft

06:50, 7.08.2006. Von Thowe

Für Sonja und Vinc!


Immer wenn ich am Boden liege,
du bist da und rettest mich!
Immer wenn ich nichts mehr fühle,
du bist da und kümmerst dich!

Immer wenn ich lustlos schaue,
du bist da und erheiterst mich!
Immer wenn ich Frust anstaue,
du bist da und kümmerst dich!

Immer wenn ich schlaflos wache,
du bist da und wiegst mich sanft!
Immer wenn ich ganz erschlaffe,
du bist da und kümmerst dich!

Doch wer kümmert sich um dich?

Immer wenn du am Boden liegst,
ich bin da und rette dich!
Immer wenn du nichts mehr fühlst,
ich bin da und kümmer mich!

Immer wenn du lustlos schaust,
ich bin da und erheiter dich!
Immer wenn du Frust anstaust,
ich bin da und kümmer mich!

Immer wenn du schlaflos wachst,
ich bin da und wiege dich sanft!
Immer wenn du ganz erschlaffst,
ich bin da und kümmer mich!

So gehen wir gemeinsam,
überwinden jedes Hindernis!
Wollen nie mehr alleine sein,
ganz ohne mich und dich!

Jeder Schritt trägt uns weiter,
alles neu und so wunderbar!
Jeder Tag ist auch mal heiter,
wenn auch nicht immer sonnenklar!

Gemeinsam wollen wir uns erleben,
denn das ist was ein Partner schafft.
Nie mehr alleine sein ist unser Streben,
in unserer langen Partnerschaft.

Der letzte Zug

06:49, 27.07.2006. Von Thowe

Der letzte Zug

Warten, wie jeden und jeden Morgen,
auf den Schulbus, schreiend lautes Ding.
Er kommt, diese gottverdammten Tage und
Wer mag finden, den, der noch um Freude ringt?

Aufgeben, diese nutzlose Schule fürs Leben,
nichts dort, was je für die Zukunft taugt.
Wem nützt all dieses freudlose Wissen,
Wen niemand mehr, der darauf baut?

Lachen, welch herzloser Ton trifft auf taube Ohren,
ungern gehört und nun auf ewig verflucht.
Doch sie taten es, taten es immer wieder -
Verstanden sie nicht, dass er nur Ruhe ersucht?

Rennen, flüchten und niemals mehr gehen,
doch wohin, wenn man sich verlassen findet.
Niemand folgt, im Stich gelassen wieder -
Verstanden sie nicht, das ihn nichts mehr bindet?

Gedroht, das Leben sich zu nehmen,
doch was wertvolles nehmen, wenn ohne Wert.
Niemand will es, dieses beständige Pochen -
Verstanden sie nicht, den Kummer der an ihm zerrt?

Geflüchtet, in die Weiten des Waldes,
Einsamkeit, die der eigenen gleicht.
Niemand hat dich gesehen, so wie immer -
Verstanden sie nicht, deine Hoffnung weicht?

Einsamer Wanderer, so pocht dein Herz ungehört,
niemand dort, der nimmt dir deinen Schmerz.
Zweige brechen, so leicht wie Hoffnungen
und gäbe es die, wenn du nur zu Hause wärst?

Einsame Seele, wie leer mag dein Herz gewesen,
als du versuchtest, eine Zukunft für dich zu finden.
Umhergeirrt, gestolpert und im Kreis bist du gelaufen,
doch keine Hoffnung, tat dich an diesem Tage binden.

Einsames Kind, dachtest du an deine Eltern,
wie sie am Abend zuvor dir davon erzählten,
sich zu trennen, die Scheidung schon beschlossen
und im Gezänk hörten sie dein Herz nicht pochen!

Einsames Herz, sage mir, war er schlimm, der Schmerz?
Jeden Abend ihr Geschrei zu hören, Worte ohne Bedeutung,
das Hassen des anderen und ihrer selbst, mit jeder Sekunde,
keine Flucht und keine Hoffnung für dich, zu dieser Stunde.

Einsamer Sohn, magst du uns nicht davon berichten?
Wie du versuchtest, dich zu verstecken, da ihre Liebe zerbrach!
Doch wo wolltest du auch schon hin, mit deinen 15 Jahren
und wer wenn nicht sie, sollte dich in die Zukunft tragen.

Einsam' Wanderer, war es der Wald wo es brach, dein Herz?
Oder war es der Abend zuvor, die Nacht oder der Tag?
Sage mir, sahst du dich da schon in einem Sarg?
Oder kam er erst hier, dein tödlicher Schmerz?

So irrtest du weiter, auf der Suche nach Frieden.
So flüchtest du weiter, auf der Suche nach Hoffnung.
Hattest du sie gefunden? Als du sie sahst?
Darf ich mit dir fühlen, deine letzte Qual?

Licht in der Dunkelheit,
Schmerz, der sich dem Ende neigt.
Schatten der Vergangenheit,
Leben, das zu gehen bereit.

Gleise der Zielstrebigkeit,
kaltes Stahl, im Gras sanft schimmert.
Weichen der Endlichkeit,
ein Weg, der auserwählt, den Schmerz mindert.

War das kalte Stahl auf deiner Stirn,
nicht wie die Hand deiner Mutter,
die Kühle barg, als Krankheit dich geißelte?

War das kalte Stahl auf deiner Brust,
nicht wie der gnadenlose Speer,
der dein Herz durchdrang, an diesem Tag?

Was wog mehr, welche Angst war stärker?
Die Hand der Mutter zu verlieren
oder den Speer im Herzen zu ertragen?

Versprach dir die Kühle, ein tiefes Betäuben?
Versprach sie dir, ein Ende des Träumens?
Ein Ende, der zahlreich durchwachten Nächte?

Hörtest du den rasenden Zug kommen?
Hattest du sein Bremsen noch vernommen?
War sie schlimm, deine kurze Agonie des Lebens?
Oder barg sie Heilung, die Krönung des Nehmens?

Einsames Herz, am Ende deines schmerzvollen Weges,
mögest du endlich einen langen Frieden finden.



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Aus einer sehr alten Idee heraus für jemanden, der sich vor rund 2 Jahre das Leben nahm, nicht viel mehr als eine Zahl in der Statistik, ich kannte ihn nicht einmal. Doch hinter jeder Zahl ist auch eine Geschichte, diese hier, über das, was mir bekannt und gefüllt mit dem, was zu vermuten steht. Bekannt ist, das er morgens an der Bushaltestelle äußerte sich das Leben zu nehmen, weil er am Abend zuvor erfuhr, das seine Eltern sich scheiden lassen wollten. Niemand nahm ihn ernst, sie spotteten gar über ihn und so rannte er davon und starb als einer der vielen Personenschäden, wie es so üblich bei der Bahn & Co. heißt.

Das kleine Lächeln

06:45, 16.06.2006. Von Thowe

Für Anna


Das kleine Lächeln fühlte sich verloren und genau das war es auch. Es wusste nicht wie es passieren konnte, doch es war nicht mehr dort, wo es doch eigentlich hingehörte. So fand es sich selbst sehr einsam und verlassen vor und deshalb zog es aus um den Ort zu finden, an dem es sich doch immer geborgen gefühlt hatte.

"Wer bist du“, fragte das Lächeln den Fremden und dieser antwortete mit freundlicher Stimme: "Ich? Ich bin der, der von dir gefangen ist und deshalb freue ich mich, dass du nicht nur sehr schön, sondern auch sehr ehrlich bist!“, dass betörte unser kleines Lächeln, es mochte Komplimente, denn diese ließen es immer wachsen. Derart beflügelt viel es ihm leicht, seinen Weg weiter zu gehen und so dachte es sich: "Wenn ich freundlich bin, dann begegnet man mir auch mit Freundlichkeit und wenn ich gar ehrlich gegeben bin, dann versuchen andere mir auch dies zu entlohnen.“ Ja, dieser Umstand machte unser kleines Lächeln sehr glücklich, denn es verstand nun, wie wertvoll es doch war.

So verging etwas Zeit des Glücks und es zog weiter über das Land, der Tag wich beständig der Nacht und kehrte am Morgen wieder hoffnungsvoll zurück. Nach einiger Zeit begegnete es einem Mann, der recht finster schaute und das kleine Lächeln fragte ihn: "Was schaust du so finster?“ und er antwortete grimmig: "Heute ist ein Tag, an dem alles daneben geht. Auf der Arbeit lief rein gar nichts wie es sollte, ich habe meinen Kollegen beleidigt und am Ende mich gar noch mit meinem Chef gestritten. Aber damit nicht genug! Zu Hause wusste ich auch nichts besseres zu tun, als meine Frau in sinnlose Streitereien zu verwickeln.“ Da schaute das kleine Lächeln traurig und antwortete: "Hättest du dich nicht auf der Arbeit gestritten, dann hättest du dich auch vermutlich nicht mit deiner Frau gestritten und obwohl dich das nicht glücklich macht, hast du es dennoch getan?“ Der Fremde schaute das kleine Lächeln an und sein eben noch finsterer Blick wich einer Leere, die wenig Hoffnung und scheinbar nur Demut kannte. Er senkte den Kopf und erwiderte: "Ja, ich habe es getan und das obwohl ich wusste, dass es keinerlei Sinn ergibt. Ich weiß selbst nicht warum, denn nicht immer tun wir Menschen das, was eigentlich das Beste für uns ist! Doch so sehr ich auch wünschte, dass ich es nicht getan hätte, ich kann es leider nicht mehr ändern.“ Dies machte das Lächeln sehr traurig und es fühlte sich regelrecht winzig und ihm wurde ganz kalt. Es verstand nicht, warum es Menschen gab, die derart handelten, wenn es ihnen am Ende doch nur selbst schaden zufügt.

So ging das kleine Lächeln weiter und doch, etwas war anders als noch kurz zuvor. Es wusste nicht was anders war, es wusste nur, dass es so ist und es hoffte, es würde bald verstehen warum. So fragte es die Menschen die ihm entgegen kamen über die Begegnung mit dem grimmigen Mann und es hoffte darauf, dass es eine Antwort bekommen würde: "Kannst du mir sagen warum Menschen sich streiten?“, der Fremde schüttelte nur den Kopf und ging weiter. So wendete sich das Lächeln an den nächsten: "Kannst du mir sagen, warum Menschen sich streiten, wenn es sie doch nicht glücklich macht?“ und auch dieser Fremde ging weiter. So fragte das Lächeln noch viele weitere Menschen denen es an diesem Tag begegnete und doch, niemand wusste eine Antwort außer der, dass es eben so ist.

Am Abend erreichte das kleine Lächeln einen Gasthof. Es fühlte sich sehr müde und doch konnte es nicht von den Gedanken loslassen, welche es so sehr bewegte. Die Frage mit den sinnlosen Streitereien, es wollte eine Antwort auf diese finden und so betrat es den Schankraum und setzte sich freudlos in die äußerste Ecke, weit entfernt von den anderen Gästen. Es grübelte und starrte, ohne überhaupt etwas anzuschauen, in den Raum und so verging Minute um Minute und Stunde um Stunde. Langsam verließ ein Gast nach den anderen die Gaststätte und das zuvor noch mit Lärm und Fröhlichkeit gefüllte Lokal, leerte sich zusehend. Doch von alledem bekam unser kleines Lächeln nichts mit. Als nur noch es und der Wirt im Raum war, kam dieser auf es zu und fragte: "Hallo liebes Lächeln, jeder Gast ist bereits gegangen und nur du bist noch an diesem Ort, mir scheint, als würden dich deine Gedanken hier gefangen halten.“  

Langsam hob das kleine Lächeln den Kopf und schaute den Wirt an, nur mühsam gelang es ihm, diesen leicht anzulächeln. Doch es gab sich Mühe und sprach zu ihm: "Lieber Wirt, ja, ich suche eine Antwort und ich kann sie einfach nicht finden. Vor kurzem begegnete ich einen Mann, der sich zuerst auf der Arbeit gestritten hatte und danach auch noch zu Hause mit seiner Frau. Er wusste, dass ihn das nicht glücklich macht und doch tat er es und das ist es, was ich nicht verstehen kann.“ Der Wirt setzte sich vorsichtig zu den Lächeln und sprach sehr milde zu ihm: "Weißt du, ich habe hier täglich Gäste die lachen, andere die einfach nur schweigsam da sitzen und ihr Bier trinken. Oftmals auch welche, die sich über Politik, Glauben, Arbeit oder was auch immer ihnen als Grund in den Sinn kommen mag, streiten. Am liebsten sind mir die, die lachen, denn sie sind fröhlich und trinken viel und damit verdiene ich ja schließlich mein Geld. Auch die, die schweigsam am Tresen sitzen, sie lassen gutes Geld da. Nur die, die streiten, sie reden und reden und doch trinken sie nur wenig, somit lassen sie kaum Geld da und verbreiten dazu auch noch üble Laune. Doch würde ich sie rauswerfen, dann hätte ich bald nur noch die als Gäste, die schweigsam hier ihr Bier trinken. Mal sind Menschen wütend und unzufrieden und lassen dies andere merken, dass ist nicht richtig und ganz sicher auch nicht fair und doch passiert es. Ein anderes mal sind sie fröhlich und lachen viel, aber auch das ist etwas, was andere Menschen um sie herum mitbekommen und letztendlich ist dies genau so ansteckend, wie die schlechte Laune. Gefühle gehören zum Mensch sein dazu, mal ist es die Wut die uns bewegt, mal ist es die Freude und oftmals ist es die Liebe. Somit können die, die sich gestern noch stritten morgen schon wieder lachen und die, die heute lachen, sie streiten sich vielleicht morgen.“ Das kleine Lächeln schaute auf und wollte wissen: "Aber was ist mit denen, die schweigsam hier sitzen?“

"Oh, dass ist schwierig“, antwortete der Wirt und fuhr fort: "Wenn Menschen zu sehr über ihre Gefühle nachdenken, dann verlernen sie es immer mehr zu lachen, sie verlernen es immer mehr sich zu streiten und irgendwann sind sie so ruhig, dass es fast so erscheint, als würden sie kaum noch leben. Sie kommen mich hier besuchen, bestellen ihr Bier und grübeln. Ab und an versucht jemand mit ihnen zu reden und dennoch, oftmals geben sie es schon nach kurzer Zeit auf.“, der Wirt hob traurig den Kopf und lächelte gequält, "Wirklich schlimm ist es, dass sie dann plötzlich nicht mehr wiederkommen. Sie verschwinden, spurlos und ohne je wirklich aufgefallen zu sein. Man denkt noch kurz darüber nach und doch, es dauert nicht lange und sie sind vollends vergessen. Das Gesicht das man gestern noch kannte, es verblasst einfach Zusehens und so sehr man sich auch bemüht es zu erhalten, es ist einfach nichts da, was sie ausgemacht hat. Nichts da, was man sich hätte merken können.“

"Heißt das, wenn ich hier sitze und sitze, dann verlerne ich es immer mehr fröhlich zu sein, verlerne es ganz zu lächeln?“, der Wirt schüttelte den Kopf, "Nein, nur wenn du vergisst was dein Wert ist, liebes Lächeln, nur dann droht dir die Gefahr einer von ihnen zu werden.“ und das Lächeln begann zu verstehen, was der Wirt meinte. Es erhob sich, nicht mehr betrübt und begab sich wieder auf Wanderschaft. Viele Menschen begegnete es und die einen wirkten beschäftig, die anderen lachten, wieder andere weinten und alles erschien so normal, weil es nun besser verstand, warum es so ist. Dennoch, es fragte sich, warum lernten die Menschen es nicht, ihre Gefühle zu kontrollieren, war das denn nicht möglich? Dann können sie doch für immer glücklich sein. Der Gedanke lies unser kleines Lächeln nicht los und doch, es wusste, es selbst könnte diese Frage nicht beantworten und so begann es wieder zu fragen: "Hallo, kannst du deine Gefühle kontrollieren?“ und der bärtige Mann entgegnete: "Ja sicher, manchmal muss ich das. Ich will ja niemanden einfach so verletzen und deshalb unterdrücke ich dann dieses Gefühl.“ Gelingt das denn immer, wollte das Lächeln wissen. "Nun, immer sicher nicht, aber doch sehr häufig. Schwierig ist es nur, wenn mich starke Gefühle bewegen.“ Das leuchtete dem Lächeln ein und es bedanke sich.

Es verstand, Menschen müssen Gefühle haben, weil diese sie motivieren. Es verstand auch, dass Menschen nicht immer diese starken Gefühle kontrollieren konnten und deshalb auch häufig etwas tun, was sie gar nicht tun wollen. Also müssen sie es doch einfach nur lernen, diese Gefühle nicht so stark werden zu lassen, dieser Gedanke lies unser Lächeln nicht los und deshalb wendete es sich an eine alte Frau, die einfach nur auf einer Bank saß und mit geschlossenen Augen sich die Sonne ins faltige Gesicht schienen lies. "Hallo, kannst du mir sagen, ob Menschen starke Gefühle schwächen können?“, die Frau begann zu lachen, "Manchmal wünschte ich, ich hätte das in meinem langen Leben gekonnt. Denn dann wäre vieles sehr viel einfacher geworden, doch Gefühle kann man weder abschwächen, noch kann man sie unterdrücken. Man kann es nur lernen sie zu nutzen und in die Richtung zu lenken, in denen sie einen dienlich sind und auch das ist sehr schwierig. Als mein Mann noch lebte, liebte ich nichts mehr als mich mit ihn zu streiten, nicht bösartig, einfach nur über Kleinigkeiten. Er erzürnte sich manchmal, ab und an aber schaute er mich einfach nur an und lächelte. Oh, dass brachte mich auf die Palme und dann nahm er mich einfach in den Arm, drückte mich und ich fühlte mich nicht mehr zornig und seine Wärme spürte ich dann durch und durch. Er verstand mich nicht immer, aber er verzieh mir immer und oft konnte ich das nicht verstehen und ich fühlte mich schlecht, weil er soviel besser war als ich selbst. Das waren die Tage, wo ich ihn doch ein wenig hasste und ich verstand dieses Gefühl nicht, warum hasste ich ihn dafür, wo er mich doch so sehr liebte?“, mit Tränen in den Augen fuhr sie fort: "Er verstarb und ich war sauer auf ihn, weil er mich in Stich gelassen hat. Ich war traurig, weil er mich nie mehr in der Arm nehmen würde und ich fühlte mich sehr einsam. So einsam, wie sich nur jemand fühlen kann, der alles von Bedeutung verloren hat. Ich hätte ihn so gerne gesagt, dass ich ihn liebe, so gerne noch wissen lassen, dass mir die Streitereien mit ihm leid taten. Doch, ich konnte es nicht mehr und ich weinte und weinte. Ich wurde griesgrämig, maulte alle an und dachte den ganzen Tag an meinen lieben Mann und dem, was ich ihn früher antat. Ich schaute alte Fotos an und ich fand eines, aufgenommen an einen Tag, wo ich mich mit meiner Mutter gestritten hatte und ich Abends in seinem Arm lag und mich wohl fühlte. Es hatte damals gesagt, es ist nicht wichtig, ob man sich gestritten hat, es ist nur wichtig, dass man es verzeiht. Das war der Moment wo mir klar wurde, warum er mir immer verzieh, warum er mich immer wieder in seine Arme schloss und es wurde mir klar, dass ich nie wirklich verziehen habe. Ich habe diese Gefühle nur abklingen lassen, sozusagen vergessen und somit nie wirklich abgelegt. Ich hatte also nicht ihn verziehen, ich hatte nie meiner Mutter verziehen und vor allem, ich hatte nie mir selbst verziehen. So fing ich an ihn zu verzeihen, meiner Mutter und am Ende mir selbst und das war der Moment, wo ich aufhörte mich schlecht zu fühlen. Ich verstand meine Gefühle, ich verstand die der anderen und ich fühlte mich plötzlich sehr leicht, fast so, als wäre ein Stein der auf mir lastete verschwunden. Meine alte Unzufriedenheit verschwand und ich begann endlich, nach so vielen Jahren, positiver und freier zu fühlen. Ich lächelte wieder und ich begegnete den Menschen wesentlich freundlicher und dadurch fühlte ich mich viel besser, als es je vorher der Fall war.“, sie begann wieder zu weinen und doch, ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. "Weißt du liebes Lächeln, ich wünschte mir nichts mehr, als das ich nur einmal die Chance hätte meinen Mann zu sehen, ihn zu zeigen, dass ich es verstanden habe und zu was für einen Menschen mich das gemacht hat und doch weiß ich, dass mir die Erkenntnis zu spät gekommen ist. Jedoch wird mir dann klar, er wusste von Anfang an, dass dieser Mensch in mir ist und das er schon immer diesen Menschen geliebt hat. Doch es beschämt mich nicht mehr, vielmehr macht es mich glücklich, dass er mir soviel Liebe schenkte und mit diesem guten Gefühl, trage ich seine Liebe in mir.“ 

Dem kleinen Lächeln wurde sehr warm ums Herz, nun verstand es, was die Menschen antrieb. Es verstand die Gefühle. Es verstand Streit und Freude. Vor allem verstand es aber, dass es nicht so wichtig ist über Gefühle nachzudenken, sondern viel mehr, dass Menschen es verstehen, mit guten Gefühlen im eigenen Herzen anderen Menschen zu begegnen. Denn nur so lassen sich Gefühle konzentrieren und somit lenken, jemand der lacht, der wird nicht schnell streiten wollen und jemand der zornig ist, der wird es sicher tun. Denn glücklich oder unglücklich sein liegt in unsere Macht. Mit diesen Wissen machte es ich wieder auf den Rückweg, dorthin, wo es hingehörte.

Endlich war das kleine Lächeln wieder zu Hause, daheim. Da, wo es sein wollte und wo es sich immer sehr wohl fühlte. Es erstrahlte von neuem auf dem Gesicht, dass es immer so herrlich zu schmücken vermochte und es wusste, wenn immer es noch einmal verloren gehen würde, so würde es dennoch den Weg zurückfinden. Denn es verstand nun das helle Wesen des glücklich und das dunkle Wesen des unglücklich sein und mit diesem Wissen, konnte es immer helfen wieder das Glück zu finden. Es hoffte, dass es eines Tages ein großes Lächeln werden würde und auch niemals mehr seinen eingestandenem Platz verlassen müsse, denn dies war der einzige Wunsch von Bedeutung.



Für Aman

06:37, 13.06.2006. Von Thowe

Folgende Kurzgeschichte fand ich heute beim aufräumen auf meiner Festplatte wieder. Geschrieben habe ich sie vor einigen Jahren, für eine besondere Person, Aman, der so sehr diese Art von Geschichten mag. Hoffe, dass es ihn gut geht und das er immer wieder zu sich zurückfinden vermag. Die Geschichte ist nicht mehr ganz das ursprüngliche Original, aber jetzt dafür etwas "entrümpelt“ und sprachlich gesäubert und dennoch bleibt die Widmung:

Für Aman

Wohlan, so will ich euch die Geschichte des Propheten erzählen und wisse, wer gesehen werden will, der muss auch bereit sein in das Licht zu treten.

Und es begab sich, dass der dunkle Geselle seine Verzweiflung über das Land säte und die Menschen fortan in Angst lebten. Kein Licht vermochten sie zu sehen und keinen Schatten zu durchdringen. In ihrer Not schickten die Stadtobersten ihre treusten und besten Streiter aus, damit diese Antworten auf die Frage finden mögen, wie sie der Dunkelheit entgehen können. Doch waren diese Recken auch jene, die mit am verzweifelten waren, mussten sie doch die Sicherheit ihres eigenen Hauses verlassen.

Dennoch, sie zogen durch das Land und hörten nur die Stimmen des dunklen Gesellen und sie kannten keinen Weg, dieser Last zu entgehen. Am Abend kauerten sie sich zum Schutz zusammen und vermehrten ihre Ängste, so das sie keinen Schritt mehr gehen, keiner Gefahr mehr trotzen und am morgen heimkehren wollten. Als die Dunkelheit drohte sie völlig zu verschlingen, da kam ein junger und froh gelaunter Streiter des Weges und sprach zu ihnen: "Freunde, warum verkriecht ihr euch in dunkle Löcher, wenn eure Lieben euch doch zurückerwarten, in der Hoffnung, dass ihr die Stärke beweist Antworten zu finden um diesen dunklen Tagen zu trotzen?“, verwundert schauten sie ihn an, vermochten sie es doch nicht zu glauben, dass jemand der Verzweiflung zu trotzen vermag. So hoben sie den Kopf und fragten: "Herr, wie kommt es, dass ihr diesen dunklen Weg geht ohne das euch die Stimmen zu verführen vermögen?“ Schallendes Gelächter durchbrauch die Dunkelheit und erhellte diese, seine Antwort war da einfach und doch voller Weisheit. "Freunde, wie könnte ich verzweifeln, wo ich doch weiß, dass es Menschen wie meine Brüder und Schwestern gibt die mich lieben? Ist es nicht die Liebe zu ihnen die mein Herz erleuchtet?"

Da hoben sie ihre Köpfe und versuchten den Streiter zu sehen, jedoch konnten sie die Dunkelheit um sie herum nicht durchdringen und sein Gesicht blieb im Schatten verborgen. "Was sollen wir tun", fragten sie ihn, er reichte ihnen seine Hände, half ihnen auf und antwortete: "Aus der Richtung, aus der ich kam, da mündet dieser Weg in drei weitere Wege. Der eine ist am längsten und es vermag Jahre zu dauern, um ihn zu beschreiten. Der andere ist kurz aber auf diesem ist die Verzweiflung am größten. Der letzte Weg, dass ist der, der weder lang noch kurz ist und der auch nicht von großer Verzweiflung geprägt ist.“ Sie schauten ihn mit mehr Hoffnung in den Augen an und fragten ihn: "Welcher der drei Wege ist der, der weder lang noch von hoher Verzweiflung ist?“ Doch die Antwort des Fremden klang traurig: "Ich bin nur einen dieser Wege gegangen, so vermag ich nicht zu wissen, welcher der richtige Weg für euch ist, aber wisse, jeder dieser Wege führt auf einen Berg und dort wirst du einen Propheten finden und die Antworten, die du da brauchen magst."

Sie erhoben sich, streiften den Staub von ihren Rüstungen und gingen in die Richtung, aus der der Fremde gekommen war. Sie schauten sich noch einmal kurz um, um den Fremden zum Abschied zu winken, doch dieser war nicht mehr zu sehen. Nach wenigen Stunden erreichten sie die Weggabelung, doch sie vermochten es nicht einen der Wege zu wählen und verfielen wieder der Verzweiflung. Da setzten sie sich nieder und hofften auf Antworten, doch die Tage vergingen und der Grad der Verzweiflung stieg stetig. An einen der üblich grauen Morgen wurden sie von einer hellen Stimme geweckt. Ein kleines Mädchen war an ihren Rastplatz getreten und ihre glockenhelle Stimme durchbrach den tristen Morgen: "Warum sitzt ihr hier, wenn doch der Weg lang ist? Warum wählt ihr nicht einen und geht diesen? Ist es nicht egal, welcher von denen ans Ziel führt, wenn sie es da alle tun?“ Sie schauten die Kleine an und fragten ihrerseits: "Wir möchten aber nicht den längsten und auch nicht den kürzesten Weg wählen, sondern den, der weder zu lang noch voller Verzweiflung ist!“ Sie lachte kurz auf und ein Lächeln umspielte ihr bildhübsches Gesicht. "Ihr wollt nicht den Weg gehen, der die höchste Verzweiflung birgt und doch sitzt ihr hier und seid am verzweifeln. Ihr möchtet nicht den längsten Weg gehen und doch sitzt ihr hier und vergeudet eure Zeit. Keinen Weg zu wählen, dass ist immer der, der euch in die Dunkelheit stürzt.“

Sie ging und nach wenigen Schritten hatte der Nebel sie verschlungen und mit neuer Kraft erhoben sich die Recken und wählten den Weg, der in der Mitte lag. In der Hoffnung, dass dieser es ist, den sie sich ersehnten. Nach wenigen Schritten erreichten sie eine Anhöhe und auf dieser Stand ein kleiner, verwilderter Tempel. Sie öffneten das Tor und traten ein und sofort wich alle Verzweiflung von ihnen, mehr noch, auch alle Ängste waren fort. Da sahen sie den Propheten und sprachen zu ihm: "Weiser, was sollen wir tun, um unsere Verzweiflung zu besiegen?" Doch er antwortete ihnen nicht und so sprachen sie erneut: "Weiser, wie können wir unser Licht in die Dunkelheit tragen?", keine Antwort wurde ihnen gegeben und so sprachen sie ein drittes mal: "Weiser, warum antwortest du nicht?" und wiederum schwieg er. Da ließen sie sich nieder und begannen zu weinen, denn alle Hoffnungen waren verflogen und nur die Zweifel und ihre Wut blieben.

Wie als würde er von ihren Tränen geweckt werden, trat der Prophet vor ihnen und sprach: "So habt ihr euch selbst die Antwort gegeben. Ihr kamt mit Hoffnung im Herzen zu mir, dafür gab ich euch die Verzweiflung und ihr habt sie angenommen.“ Sie blickten ihn verständnislos an und er lies sich zu ihnen nieder: "Hört meine Freunde, denn ich will es euch erklären. Ihr sucht bei mir Hoffnung, doch die Hoffnung tragt ihr nur im eigenen Herzen und genau dort, wo die Hoffnung ist, dort ist auch die Verzweiflung. Egal was ich euch sagen werde, sei es Wahrheit oder sei es Lüge, ihr werdet immer Zweifel haben und doch gibt es genau dort die Antwort die ihr braucht. Ihr versteht es euch Liebe und somit die Helligkeit ins Herz zu setzen und ihr versteht es euch den Hass und somit die Dunkelheit dort einzupflanzen. So ist es auch mit der Hoffnung und der Verzweiflung, nehme das eine und ersetze es durch das andere. Wenn du glücklich bist, dann verstehe es zu verzweifeln und wenn du verzweifelt bist, dann verstehe es zu hoffen um wieder glücklich sein zu können. Für jeden Tag, wo du dies zu tun vermagst, wirst du einen Schritt weitergehen und irgendwann in der Mitte des Weges zu verstehen wissen, beides zu ertragen."

Dann erhob er sich und trat zurück und sie blickten auf und fragten: "Weiser, wirst du uns in Zukunft antworten?“ Er schaute sie an und sprach: "Freunde, ich werde immer dann antworten, wenn euch die Verzweiflung zu verschlingen droht. Doch ich werde nicht immer antworten können, denn es sind derer viele die zu mir pilgern.“ In diesem Moment wurde ihnen klar, dass er auch der Streiter und auch das kleine Mädchen war und so fragten sie ihn, warum er das tat. "Freunde, hätte ich auch als Streiter zu mir getragen, so hättet ihr den Weg nicht zurück gefunden und auch niemals wieder hierher. Hätte ich euch als kleines Mädchen die Antwort auf den Weg gegeben, so wäret ihr schon abhängig von mir. Ich will euch gerne eine Raststätte bieten, doch möchte ich auch weder gefangen setzen noch möchte ich euch abhängig von mir machen".

So verließen sie ihn, drehten sich am Fuß der Anhöhe noch einmal um und dort, wo der Prophet zuletzt stand, da stand ein kleines, lachendes Mädchen und ihnen wurde klar, dass auch sie bereits die Antwort gegeben hatte.