Das kleine Lächeln

06:45, 16.06.2006. Von Thowe

Für Anna


Das kleine Lächeln fühlte sich verloren und genau das war es auch. Es wusste nicht wie es passieren konnte, doch es war nicht mehr dort, wo es doch eigentlich hingehörte. So fand es sich selbst sehr einsam und verlassen vor und deshalb zog es aus um den Ort zu finden, an dem es sich doch immer geborgen gefühlt hatte.

"Wer bist du“, fragte das Lächeln den Fremden und dieser antwortete mit freundlicher Stimme: "Ich? Ich bin der, der von dir gefangen ist und deshalb freue ich mich, dass du nicht nur sehr schön, sondern auch sehr ehrlich bist!“, dass betörte unser kleines Lächeln, es mochte Komplimente, denn diese ließen es immer wachsen. Derart beflügelt viel es ihm leicht, seinen Weg weiter zu gehen und so dachte es sich: "Wenn ich freundlich bin, dann begegnet man mir auch mit Freundlichkeit und wenn ich gar ehrlich gegeben bin, dann versuchen andere mir auch dies zu entlohnen.“ Ja, dieser Umstand machte unser kleines Lächeln sehr glücklich, denn es verstand nun, wie wertvoll es doch war.

So verging etwas Zeit des Glücks und es zog weiter über das Land, der Tag wich beständig der Nacht und kehrte am Morgen wieder hoffnungsvoll zurück. Nach einiger Zeit begegnete es einem Mann, der recht finster schaute und das kleine Lächeln fragte ihn: "Was schaust du so finster?“ und er antwortete grimmig: "Heute ist ein Tag, an dem alles daneben geht. Auf der Arbeit lief rein gar nichts wie es sollte, ich habe meinen Kollegen beleidigt und am Ende mich gar noch mit meinem Chef gestritten. Aber damit nicht genug! Zu Hause wusste ich auch nichts besseres zu tun, als meine Frau in sinnlose Streitereien zu verwickeln.“ Da schaute das kleine Lächeln traurig und antwortete: "Hättest du dich nicht auf der Arbeit gestritten, dann hättest du dich auch vermutlich nicht mit deiner Frau gestritten und obwohl dich das nicht glücklich macht, hast du es dennoch getan?“ Der Fremde schaute das kleine Lächeln an und sein eben noch finsterer Blick wich einer Leere, die wenig Hoffnung und scheinbar nur Demut kannte. Er senkte den Kopf und erwiderte: "Ja, ich habe es getan und das obwohl ich wusste, dass es keinerlei Sinn ergibt. Ich weiß selbst nicht warum, denn nicht immer tun wir Menschen das, was eigentlich das Beste für uns ist! Doch so sehr ich auch wünschte, dass ich es nicht getan hätte, ich kann es leider nicht mehr ändern.“ Dies machte das Lächeln sehr traurig und es fühlte sich regelrecht winzig und ihm wurde ganz kalt. Es verstand nicht, warum es Menschen gab, die derart handelten, wenn es ihnen am Ende doch nur selbst schaden zufügt.

So ging das kleine Lächeln weiter und doch, etwas war anders als noch kurz zuvor. Es wusste nicht was anders war, es wusste nur, dass es so ist und es hoffte, es würde bald verstehen warum. So fragte es die Menschen die ihm entgegen kamen über die Begegnung mit dem grimmigen Mann und es hoffte darauf, dass es eine Antwort bekommen würde: "Kannst du mir sagen warum Menschen sich streiten?“, der Fremde schüttelte nur den Kopf und ging weiter. So wendete sich das Lächeln an den nächsten: "Kannst du mir sagen, warum Menschen sich streiten, wenn es sie doch nicht glücklich macht?“ und auch dieser Fremde ging weiter. So fragte das Lächeln noch viele weitere Menschen denen es an diesem Tag begegnete und doch, niemand wusste eine Antwort außer der, dass es eben so ist.

Am Abend erreichte das kleine Lächeln einen Gasthof. Es fühlte sich sehr müde und doch konnte es nicht von den Gedanken loslassen, welche es so sehr bewegte. Die Frage mit den sinnlosen Streitereien, es wollte eine Antwort auf diese finden und so betrat es den Schankraum und setzte sich freudlos in die äußerste Ecke, weit entfernt von den anderen Gästen. Es grübelte und starrte, ohne überhaupt etwas anzuschauen, in den Raum und so verging Minute um Minute und Stunde um Stunde. Langsam verließ ein Gast nach den anderen die Gaststätte und das zuvor noch mit Lärm und Fröhlichkeit gefüllte Lokal, leerte sich zusehend. Doch von alledem bekam unser kleines Lächeln nichts mit. Als nur noch es und der Wirt im Raum war, kam dieser auf es zu und fragte: "Hallo liebes Lächeln, jeder Gast ist bereits gegangen und nur du bist noch an diesem Ort, mir scheint, als würden dich deine Gedanken hier gefangen halten.“  

Langsam hob das kleine Lächeln den Kopf und schaute den Wirt an, nur mühsam gelang es ihm, diesen leicht anzulächeln. Doch es gab sich Mühe und sprach zu ihm: "Lieber Wirt, ja, ich suche eine Antwort und ich kann sie einfach nicht finden. Vor kurzem begegnete ich einen Mann, der sich zuerst auf der Arbeit gestritten hatte und danach auch noch zu Hause mit seiner Frau. Er wusste, dass ihn das nicht glücklich macht und doch tat er es und das ist es, was ich nicht verstehen kann.“ Der Wirt setzte sich vorsichtig zu den Lächeln und sprach sehr milde zu ihm: "Weißt du, ich habe hier täglich Gäste die lachen, andere die einfach nur schweigsam da sitzen und ihr Bier trinken. Oftmals auch welche, die sich über Politik, Glauben, Arbeit oder was auch immer ihnen als Grund in den Sinn kommen mag, streiten. Am liebsten sind mir die, die lachen, denn sie sind fröhlich und trinken viel und damit verdiene ich ja schließlich mein Geld. Auch die, die schweigsam am Tresen sitzen, sie lassen gutes Geld da. Nur die, die streiten, sie reden und reden und doch trinken sie nur wenig, somit lassen sie kaum Geld da und verbreiten dazu auch noch üble Laune. Doch würde ich sie rauswerfen, dann hätte ich bald nur noch die als Gäste, die schweigsam hier ihr Bier trinken. Mal sind Menschen wütend und unzufrieden und lassen dies andere merken, dass ist nicht richtig und ganz sicher auch nicht fair und doch passiert es. Ein anderes mal sind sie fröhlich und lachen viel, aber auch das ist etwas, was andere Menschen um sie herum mitbekommen und letztendlich ist dies genau so ansteckend, wie die schlechte Laune. Gefühle gehören zum Mensch sein dazu, mal ist es die Wut die uns bewegt, mal ist es die Freude und oftmals ist es die Liebe. Somit können die, die sich gestern noch stritten morgen schon wieder lachen und die, die heute lachen, sie streiten sich vielleicht morgen.“ Das kleine Lächeln schaute auf und wollte wissen: "Aber was ist mit denen, die schweigsam hier sitzen?“

"Oh, dass ist schwierig“, antwortete der Wirt und fuhr fort: "Wenn Menschen zu sehr über ihre Gefühle nachdenken, dann verlernen sie es immer mehr zu lachen, sie verlernen es immer mehr sich zu streiten und irgendwann sind sie so ruhig, dass es fast so erscheint, als würden sie kaum noch leben. Sie kommen mich hier besuchen, bestellen ihr Bier und grübeln. Ab und an versucht jemand mit ihnen zu reden und dennoch, oftmals geben sie es schon nach kurzer Zeit auf.“, der Wirt hob traurig den Kopf und lächelte gequält, "Wirklich schlimm ist es, dass sie dann plötzlich nicht mehr wiederkommen. Sie verschwinden, spurlos und ohne je wirklich aufgefallen zu sein. Man denkt noch kurz darüber nach und doch, es dauert nicht lange und sie sind vollends vergessen. Das Gesicht das man gestern noch kannte, es verblasst einfach Zusehens und so sehr man sich auch bemüht es zu erhalten, es ist einfach nichts da, was sie ausgemacht hat. Nichts da, was man sich hätte merken können.“

"Heißt das, wenn ich hier sitze und sitze, dann verlerne ich es immer mehr fröhlich zu sein, verlerne es ganz zu lächeln?“, der Wirt schüttelte den Kopf, "Nein, nur wenn du vergisst was dein Wert ist, liebes Lächeln, nur dann droht dir die Gefahr einer von ihnen zu werden.“ und das Lächeln begann zu verstehen, was der Wirt meinte. Es erhob sich, nicht mehr betrübt und begab sich wieder auf Wanderschaft. Viele Menschen begegnete es und die einen wirkten beschäftig, die anderen lachten, wieder andere weinten und alles erschien so normal, weil es nun besser verstand, warum es so ist. Dennoch, es fragte sich, warum lernten die Menschen es nicht, ihre Gefühle zu kontrollieren, war das denn nicht möglich? Dann können sie doch für immer glücklich sein. Der Gedanke lies unser kleines Lächeln nicht los und doch, es wusste, es selbst könnte diese Frage nicht beantworten und so begann es wieder zu fragen: "Hallo, kannst du deine Gefühle kontrollieren?“ und der bärtige Mann entgegnete: "Ja sicher, manchmal muss ich das. Ich will ja niemanden einfach so verletzen und deshalb unterdrücke ich dann dieses Gefühl.“ Gelingt das denn immer, wollte das Lächeln wissen. "Nun, immer sicher nicht, aber doch sehr häufig. Schwierig ist es nur, wenn mich starke Gefühle bewegen.“ Das leuchtete dem Lächeln ein und es bedanke sich.

Es verstand, Menschen müssen Gefühle haben, weil diese sie motivieren. Es verstand auch, dass Menschen nicht immer diese starken Gefühle kontrollieren konnten und deshalb auch häufig etwas tun, was sie gar nicht tun wollen. Also müssen sie es doch einfach nur lernen, diese Gefühle nicht so stark werden zu lassen, dieser Gedanke lies unser Lächeln nicht los und deshalb wendete es sich an eine alte Frau, die einfach nur auf einer Bank saß und mit geschlossenen Augen sich die Sonne ins faltige Gesicht schienen lies. "Hallo, kannst du mir sagen, ob Menschen starke Gefühle schwächen können?“, die Frau begann zu lachen, "Manchmal wünschte ich, ich hätte das in meinem langen Leben gekonnt. Denn dann wäre vieles sehr viel einfacher geworden, doch Gefühle kann man weder abschwächen, noch kann man sie unterdrücken. Man kann es nur lernen sie zu nutzen und in die Richtung zu lenken, in denen sie einen dienlich sind und auch das ist sehr schwierig. Als mein Mann noch lebte, liebte ich nichts mehr als mich mit ihn zu streiten, nicht bösartig, einfach nur über Kleinigkeiten. Er erzürnte sich manchmal, ab und an aber schaute er mich einfach nur an und lächelte. Oh, dass brachte mich auf die Palme und dann nahm er mich einfach in den Arm, drückte mich und ich fühlte mich nicht mehr zornig und seine Wärme spürte ich dann durch und durch. Er verstand mich nicht immer, aber er verzieh mir immer und oft konnte ich das nicht verstehen und ich fühlte mich schlecht, weil er soviel besser war als ich selbst. Das waren die Tage, wo ich ihn doch ein wenig hasste und ich verstand dieses Gefühl nicht, warum hasste ich ihn dafür, wo er mich doch so sehr liebte?“, mit Tränen in den Augen fuhr sie fort: "Er verstarb und ich war sauer auf ihn, weil er mich in Stich gelassen hat. Ich war traurig, weil er mich nie mehr in der Arm nehmen würde und ich fühlte mich sehr einsam. So einsam, wie sich nur jemand fühlen kann, der alles von Bedeutung verloren hat. Ich hätte ihn so gerne gesagt, dass ich ihn liebe, so gerne noch wissen lassen, dass mir die Streitereien mit ihm leid taten. Doch, ich konnte es nicht mehr und ich weinte und weinte. Ich wurde griesgrämig, maulte alle an und dachte den ganzen Tag an meinen lieben Mann und dem, was ich ihn früher antat. Ich schaute alte Fotos an und ich fand eines, aufgenommen an einen Tag, wo ich mich mit meiner Mutter gestritten hatte und ich Abends in seinem Arm lag und mich wohl fühlte. Es hatte damals gesagt, es ist nicht wichtig, ob man sich gestritten hat, es ist nur wichtig, dass man es verzeiht. Das war der Moment wo mir klar wurde, warum er mir immer verzieh, warum er mich immer wieder in seine Arme schloss und es wurde mir klar, dass ich nie wirklich verziehen habe. Ich habe diese Gefühle nur abklingen lassen, sozusagen vergessen und somit nie wirklich abgelegt. Ich hatte also nicht ihn verziehen, ich hatte nie meiner Mutter verziehen und vor allem, ich hatte nie mir selbst verziehen. So fing ich an ihn zu verzeihen, meiner Mutter und am Ende mir selbst und das war der Moment, wo ich aufhörte mich schlecht zu fühlen. Ich verstand meine Gefühle, ich verstand die der anderen und ich fühlte mich plötzlich sehr leicht, fast so, als wäre ein Stein der auf mir lastete verschwunden. Meine alte Unzufriedenheit verschwand und ich begann endlich, nach so vielen Jahren, positiver und freier zu fühlen. Ich lächelte wieder und ich begegnete den Menschen wesentlich freundlicher und dadurch fühlte ich mich viel besser, als es je vorher der Fall war.“, sie begann wieder zu weinen und doch, ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. "Weißt du liebes Lächeln, ich wünschte mir nichts mehr, als das ich nur einmal die Chance hätte meinen Mann zu sehen, ihn zu zeigen, dass ich es verstanden habe und zu was für einen Menschen mich das gemacht hat und doch weiß ich, dass mir die Erkenntnis zu spät gekommen ist. Jedoch wird mir dann klar, er wusste von Anfang an, dass dieser Mensch in mir ist und das er schon immer diesen Menschen geliebt hat. Doch es beschämt mich nicht mehr, vielmehr macht es mich glücklich, dass er mir soviel Liebe schenkte und mit diesem guten Gefühl, trage ich seine Liebe in mir.“ 

Dem kleinen Lächeln wurde sehr warm ums Herz, nun verstand es, was die Menschen antrieb. Es verstand die Gefühle. Es verstand Streit und Freude. Vor allem verstand es aber, dass es nicht so wichtig ist über Gefühle nachzudenken, sondern viel mehr, dass Menschen es verstehen, mit guten Gefühlen im eigenen Herzen anderen Menschen zu begegnen. Denn nur so lassen sich Gefühle konzentrieren und somit lenken, jemand der lacht, der wird nicht schnell streiten wollen und jemand der zornig ist, der wird es sicher tun. Denn glücklich oder unglücklich sein liegt in unsere Macht. Mit diesen Wissen machte es ich wieder auf den Rückweg, dorthin, wo es hingehörte.

Endlich war das kleine Lächeln wieder zu Hause, daheim. Da, wo es sein wollte und wo es sich immer sehr wohl fühlte. Es erstrahlte von neuem auf dem Gesicht, dass es immer so herrlich zu schmücken vermochte und es wusste, wenn immer es noch einmal verloren gehen würde, so würde es dennoch den Weg zurückfinden. Denn es verstand nun das helle Wesen des glücklich und das dunkle Wesen des unglücklich sein und mit diesem Wissen, konnte es immer helfen wieder das Glück zu finden. Es hoffte, dass es eines Tages ein großes Lächeln werden würde und auch niemals mehr seinen eingestandenem Platz verlassen müsse, denn dies war der einzige Wunsch von Bedeutung.



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