Ein Weihnachts-"Märchen" Teil 2

12:00, 25.12.2007. Von Thowe



Ein Weihnachts-“Märchen“

Teil 2

 

Marie schaute aus dem Fenster, sie hatte irgendwie das Gefühl, das Manuela gleich wiederkommen würde, eine Ahnung. Es verwunderte sich deshalb auch nicht, als sie fast nur einen kurzen Augenblick später ihre Schwester in die Gasse einbiegen sah. Sie trug eine Tragetasche bei sich und so war es Marie klar, dass sie tatsächlich Geschenke besorgt hatte. Schnell lief sie zur Tür, öffnete diese und zog Manuela, die förmlich mit ihrem Schlüssel an der Tür hing, ins Haus. Drückte sie kurz, schüttelte den Kopf und war nur froh, dass die kleine Schwester wieder gesund da war. Am liebsten hätte sie etwas gesagt, aber sie wusste auch nicht genau, was. Stattdessen ging sie zum Telefon und rief ihren Vater an und die beiden älteren Geschwister, dass sie nach Hause kommen könnten. Wenig später waren sie wieder alle daheim, ihr Vater sagte nichts, schaute nur auf Manuela, die mit einem schlechten Gewissen scheinbar am liebsten in den Boden versunken wäre, und zog sie in seine Arme. Er drückte sie fest, fast so, als würde er sie zerbrechen wollen und hob sie auf den Arm, sagte nur: „Mach das nie wieder!“ und setzte sie ab. Danach schaute er auf Jule und Tobin, die beide lächelnd und froh neben den anderen Geschwistern standen und fragte sie, ob sie Lust hätten mit ihm einkaufen zu gehen. Sie stimmten beide zu und gingen gemeinsam los.

Es dauerte fast 3 Stunden, bis sie heimkehrten und so war es bereits späten Mittag, als sie Zeit zum Essen fanden. Es gab nur eine Kleinigkeit, denn am Abend würde es wieder etwas zu Essen geben, etwas, das reichhaltig und lecker war. Die folgenden Stunden zogen sich in die Länge, der Fernseher versuchte vergeblich die gerade jüngeren der Geschwister von den Geschenken, die sie bekommen würden, abzulenken und so hatte die Stimmung etwas Gequältes. Doch die Zeit verging, das nächste Essen stand an. Den Festtisch hatten sie bereits geschmückt. Eine rote Tischdecke mit weißem Tischläufer zierte den alten Tisch. Auf dem Tischläufer hatten sie in der Mitte den Adventskranz gestellt, dazu ein paar Teelichter und Tannenzweige und auf die Tischdecke die weißen Porzellanteller und die leicht grün schimmernden Gläser, die sehr fein zur Tischdekoration passten.

In der Küche wurde derweil noch gebraten, gebacken und gekocht. Es gab zuerst Lauchcrèmesuppe, danach Truthahnsteaks, mit Ananas, Birne und Pfirsichen. Als dritten Gang Lachsröllchen, die mit Senf und Honig bestrichen und mit Salatblättern aufgerollt wurden und zum Nachtisch gab es gefüllte Bratäpfel. Diese hatte eine Füllung aus Walnüssen, Marzipan und Rosinen, geschmacklich mit Rumaroma abgerundet und Jule hatte noch Amaretto-Bällchen für den späteren Abend gemacht, diese waren aber nichts für Nicole und Manuela, dafür war dann doch etwas zu viel Amaretto in diese geflossen. Für die beiden hatten sie deshalb noch schnell Schoko Crispis gemacht und so konnte das Festessen beginnen.

Der Abend zog sich in die Länge, es wurde viel gelacht und alle schienen glücklich zu sein. Manuela musste ihre Geschichte erzählen, was sie, nachdem ihr Gewissen beruhigt war, nahezu genoss und auch wenn jeder nun wusste, dass ihr Vater keine Geschenke haben würde, so schien es dennoch niemanden zu stören. Es dauerte nicht lange und es schien, als wenn der Tag vergessen war. Fast so, als wäre er längt weit in die Vergangenheit gerutscht. Es war bereits nach 21 Uhr, als sie endlich zur Bescherung kamen, die Geschwister tauschten die Geschenke untereinander aus, ihr Vater hatte für jeden dennoch eine Kleinigkeit besorgt, eben nichts Weltbewegendes und so unpassend es ihm noch vor einen Tag erschien, so passend erschien es heute. Manuela? Sie hatte nur recht unwertvolle Geschenke ausgesucht, weil sie eben niemanden etwas wegnehmen wollte und die Besten anderen gönnte. Niemand zeigte auch nur eine Spur der Enttäuschung, nur die Wärme, die eine Familie zeigen konnte, war zu spüren. Ein schönes Gefühl, das nur zu oft im Alltag unterging und wenn auch vielleicht nicht bewusst, so wussten sie doch unterbewusst dieses Gefühl zu schätzen. Einfach darüber glücklich zu sein, dass es sie gab und das sie füreinander da waren.

So schaute ihr Vater auf seine Kinder, auf die wunderschöne Jule, deren Augen glänzten und das oftmals durch Zickigkeit entstellte Gesicht einem weichen Lächeln gewichen war. Auf Tobin, der nicht an seinen PC hockte, der einfach zwischen den anderen sass und glücklich schien. Auf Marie, die nicht in irgendwelchen Büchern stöberte, nicht fasziniert von Dingen war, wo andere im besten Fall den Kopf schüttelten. Auf Nicole, die zwischen den anderen sass und viel lachte, was zwar nicht ungewöhnlich für sie war, aber eher selten mit den Geschwistern. Zuletzt schaute er auf Manuela, deren Müdigkeit förmlich spürbar war, aber eine leichte Röte zeigte sich auf ihre Backen und so wusste er, sie würde so schnell nicht ins Bett wollen. Sie sollte auch so lange aufbleiben, wie sie es wollte, es war heute egal, alles, was wichtig war, dass hatte er vor sich sitzen und er fühlte sich so frei, wie schon lange nicht mehr. Frei vom Alltag, frei von Sorgen, frei vom nächsten Tag, nur Glücklichkeit in einem Moment, der zwar bald enden würde, aber bis dahin ein wärmendes Gefühl und eines von Freiheit spendet.

Er war glücklich, nicht zuletzt deshalb, weil er seit so vielen Jahren endlich wieder verstand, was Weihnachten bedeutet. Nicht die Geschenke waren wichtig, wichtig war nur, dass man an die dachte, die einen lieb und teuer waren. Er verabscheute das, was der Kommerz daraus gemacht hatte, weil er genau dieses Gefühl durch ein falsches Geschenk nur zu schnell rauben könnte. Er verfluchte die Hektik, die diese Jahreszeit im Vorfeld schon all ihren Glanz nehmen konnte und wenn das Weihnachtsfest nun das Fest der Besinnung war, so fragte er sich, auf was man sich denn besinnen sollte. Auch wenn ihm im nächsten Moment die Antwort als klar erschien, es war das Fest der Liebe, vielleicht reichte es schon, sich einfach auf die Liebe zu den anderen und deren zu Einen selbst zu besinnen. Das Jahr zu vergessen, die Streitigkeiten zu vergessen, über den eigenen Schatten zu springen und dennoch, er wusste nur zu gut, dass genau das die meisten Menschen nicht hinbekommen würden. Es gleicht am Ende einen Schauspiel, weil es nach Weihnachten wieder vergessen wäre. Aber wie konnte es dann sein, dass es bei Kindern, bei seinen Kindern, es sich tatsächlich ehrlich anfühlte? Es nicht so erschien, als würden sie etwas vorspielen. Er grübelte ein paar Minuten darüber nach, vielleicht lag es einfach nur daran, dass jeder Mensch nur eine gewisse Menge an negativen Situationen verarbeitet und verzeihen konnte? Er wusste es nicht, dennoch, eines wurde ihn in diesem Moment sonnenklar, es spielte auch keine Rolle, ob er darauf kommen würde, alles, was eine Bedeutung dabei hatte, war es, dass jeder Einzelne dies für sich ergründen musste. So schaute er auf seine Kinder, überlegte, was er ändern konnte und doch, er wollte es nicht einmal. Es war ihm klar, dass diese Harmonie niemals ein Jahr überdauern konnte und die wenigen Momente eben ihren Wert nur unterstreichen.

Bald war wieder Sylvester, der Tag, an denen man sich Veränderungen versprach, gute Vorsätze planen und niemals nach diesen Leben würde. Weil sich selbst zu ändern, eben einen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner glich und man nicht aufgab, man kämpfte meistens nicht einmal erst. Vielleicht reichte es auch aus, sich an Weihnachten darauf zu besinnen, wer man denn selbst war, sich dessen bewusst wurde, wie einen die anderen sahen und sich eben selbst zu hinterfragen und sich darüber klar zu werden, was man wirklich ändern könnte. Am Ende nur den ersten Schritt zu planen, den man Sylvester gehen wollte und sich nur auf diesen einen Schritt konzentrierte und ganz vielleicht verlernte man so niemals den Wert und die Chance, die Weihnachten bedeuten konnte. Mit etwas Glück, so dachte er, würde man sich dann auch wieder auf Weihnachten ehrlich freuen können, es verlernen die Hektik zu beachten und wieder das zu sehen, was ehrlich glänzt.


*

Für ihn glänzte nichts mehr als seine Kinder, ihre Macken hin oder her. So unterschiedlich sie auch waren, sie waren alles, was je von Bedeutung ist. Niemand würde seinen Weihnachtsbaum mit nur einer Farbe, einer Form oder einer Art von Schmuck behängen. Gerade das Unterschiedliche, das sich am Ende doch kombinierte, machten seinen echten Glanz aus. Man musste nur darauf achten, was sich wirklich ergänzte und aus der Ferne erschien das durchaus leicht. Nur einen Schritt zurück gehen und schauen, es war doch so leicht. In dieser Nacht weinte er wieder, doch diesmal waren es keine Tränen der Qual.


 

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