Ein Weihnachts-"Märchen" Teil 1 (Teil 2 unten)

12:00, 25.12.2007. Von Thowe



Ein Weihnachts-“Märchen“


Manche Krümel sind gar einen Krumen wert! Gewidmet einem Brot!


 


Die Gasse war eng, es erschien ihm, als würde sie von Tag zu Tag enger und höher werden. Die abendlichen Schatten hatten etwas Bedrohliches, etwas Feindseliges, das ganz im Gegensatz zum anstehenden Weihnachtsfest stand. Er wünschte, es würde schneien, doch das tat es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Der Schnee würde den Dreck unter sich begraben, der für die Gegend so bezeichnend war und die Welt friedwärtiger erscheinen lassen. Doch es gab weder Schnee, noch gab es Geschenke für die Kinder. Zum ersten Mal, so musste er sich eingestehen, hatte er sich nichts für die Kinder leisten können, nichts, was er ihnen hätte schenken können und morgen würden sie ihn mit großen Augen anschauen und er muss sie enttäuschen. Der Gedanke versetzte ihn einen heftigen Stich im Herzen und wie so oft musste er daran denken, dass er hätte sterben sollen und nicht sie, seine Welt, sein Traum und sein Leben. Im Grunde war er zusammen mit ihr gestorben, alles, was ihm am Leben hielt, dass waren seine Töchter und sein Sohn. Er fürchtete nichts mehr als den Tag, wo auch sie ihn verlassen würden, doch das waren noch ein paar Jahre hin. Die Jüngste war gerade erst 9, seine Löwin, die sich ohne Mühe gegen die anderen 4 Geschwister behauptete. Die Älteste war 16, an einem Tag ganz Dame, am nächsten wieder seine kleine Tochter, deren Anblick ihn vor so vielen Jahren das Herz stahl und er sich schwor, alles zu tun, um ihr ein guter Vater zu sein, der beste Vater von allen. Er spürte, wie ihn die Tränen kamen, wie in der letzten Zeit so häufig, doch er konnte, er durfte sie nicht zeigen. Nachts liefen sie oftmals über sein Gesicht, wenn er sich unter der Bettdecke versteckte, wie es auch ein ängstliches Kind tat, er fürchtete nichts mehr, als wenn seine Kinder ihn weinen sehen würden. Er dachte häufig an seine Frau, seine starke Frau, die über 2 Jahre gegen die Krankheit ankämpfte und niemals eine Schwäche zeigte. Doch diese Stärke hatte er nicht, er spielte sie nur und lebte ständig in der Angst, sie eines Tages nicht mehr spielen zu können. Am Morgen war das Gesicht und die Bettdecke wieder trocken, wie jedes Mal und wie jedes Mal fand er die Kraft erneut aus dem Bett zu steigen, nur um sie erneut zu verlieren. Jeder Schritt schmerzte, jeder Atemzug wurde zur Qual, er brauchte alle Kraft um den Schlüssel ins Schloss zu stecken und er fand keine weitere, um diesen umzudrehen.


Ein altes Gedicht kam ihn in den Sinn, er hatte es vor anscheinend endlos vielen Jahren irgendwo einmal aufgeschnappt und es war seit dem zu seinem Lebensmotto geworden. Er wusste nur zu gut, wie wahr dieses war und so sagte er es sich gedanklich vor, wie so oft, wenn er meinte, keine Kraft mehr zu finden.

“Kleine Füße, die friedvoll tapsen,
kurze Schritte, sie tragen weit.

Schnelle Hände, die nach allem greifen,
ewige Neugier, nie von ihr befreit.

Ein Gesicht, gefüllt mit einem Lachen,
Tränen, die schnell vergessen sind.

So erkennst du den Wert der Kinder,
vor allem, wenn es ist, dein eigen' Kind!”

Irgendwie schmerzte es nicht mehr so sehr weiter zu machen, immer und immer wieder gab es ihn die Kraft, um noch einen Schritt zu tun, noch einen Atemzug zu wagen. So schloss er die Tür auf, nur um wenig später einen kleinen Schatten durch den Flur in seine Armen huschen zu sehen. Manuela, seine kleinste Tochter flog ihn förmlich zu und er vergas alles, die Welt bestand für einen Moment nur aus Sonne und alle Schatten waren vergessen. Er konnte die Liebe zu seinen Kindern und vor allem die zu ihr niemals in Worte fassen, hatte sie doch so viel von seiner verstorbenen Frau. Etwas, dass tröstlich war und auch gleichzeitig schmerzlich an seinen Verlust erinnerte. Doch die kleinen Ärmchen, die ihn zu umarmen versuchten, waren alles, was von Bedeutung ist und er spürte, wie er wieder atmen konnte. Er schaute sich um, von den anderen war aber nichts zu sehen. Jule, seine älteste Tochter würde sicherlich wieder in ihrem Zimmer hocken und viele Neuigkeiten über Jungen wissen, über irgendeine Freundin lästern und sicherlich Wichtigeres zu tun haben, als ihren Vater zu begrüßen. Dabei war es gar nicht so lange her, wo er der einzige Mann in ihrem Leben war, doch er war froh, dass es so ist, wie es ist. Tobin, sein Sohn und nur 1 Jahr jünger als Jule, er würde vorm PC hocken und schauen, welche Welt heute gerettet werden muss, wenn auch nur virtuell und somit unblutiger, als die Realität es in den letzten Jahren oftmals war. Die Welt war in den vergangenen Jahren brutaler geworden, als er diese in der Jugend noch kannte. Egoismus, so erschien es ihn, war im Grunde das Einzige, was noch zählte und Anstand und Zusammenhalt, nur eine Erinnerung, eher glich es noch einer Fabel. Er fand es gut, dass sein Sohn für das Gute kämpfte, wenn auch in einer Welt, wo man das Böse wirklich noch erkennen konnte, in dieser war es unlängst schwieriger und oftmals nahezu unmöglich. Doch er war kein Politiker, er war nicht einmal gebildet und wissend genug, um überhaupt die Realität beurteilen zu können.

Marie, er war sich sicher, sie würde in ihrer Fantasie gerade eine ganz andere Welt entdecken, Abenteuer bestehen und ihr Umfeld mit ihren Augen sehen, die andere Augen nur mit hochgezogenen Augenbrauen trauten. Sie hatte ihren ganz eigenen Kopf, ein kluger, ohne jeden Zweifel und ihre Neugier war oftmals ansteckend. Es interessierte ihn wenig, ob ihre Welt nun real war oder nicht, er wusste nur, dass diese für sie real ist und das machte sie genau so real, wie die bekannte Welt. Wenn sie schwärmte, dann konnte er nicht anders als innerlich zu lächeln, er liebte sie dafür, nicht mehr als die anderen, denn das entsprach nicht seiner Art, aber er liebte jedes seiner Kinder für das, was sie eben waren und jedes liebte er eben ein wenig anders. Auch wenn sie Geschwister waren, sie waren doch auf ihre Art alle ganz unterschiedlich und ähnlich zu gleich, etwas, worüber er ausgesprochen froh war. Wenn Marie auch ab und an die anderen für dumm erklärte, aber nur leicht dumm, weil sie ihr Mal wieder nicht folgen konnten oder wie die Große, die sie lieber spielend verspottete, nicht weil sie ihr nicht glaubte, nur um sie zu ärgern. Doch dafür war Marie zu klug, sie ignorierte den Spott und trieb somit die Große manchmal zur Weißglut, was seit einiger Zeit nicht besonders schwer war. Ein schwieriges Alter, welches die Jule da gerade erreicht hatte und er hoffte, dass es sich schnell legen würde und er nicht mehr in ihren Augen, gerade vor den Freunden peinlich ist. Er wusste auch keinen Grund, warum er das sein sollte, er kam auch mit allen klar, doch sie fand ihn peinlich und sei es nur, weil er mal wieder keine farblich zur Hose passenden Socken trug.

Nicole war auf ihre spezielle Art ganz anders als die anderen. Sie konnte stundenlang schweigen und nur die Umgebung um sie herum beobachten und im nächsten Moment losquasseln, wie ein Wasserfall. Im Grunde hatte sie etwas Geheimnisvolles, sie schien so normal, wie es eben nur geht und doch, manchmal hatte man das Gefühl, irgendwie von ihr erwischt zu werden. Sie saß vorm Fernseher und schaute irgendetwas, ohne das sie wirklich davon Notiz nahm, viel mehr starrte sie nur in die Richtung und träumte oder dachte etwas ganz anderes. Es wunderte ihn deshalb wenig, dass sie nicht einmal sofort bemerkte, wie er das Wohnzimmer betrat. Fragte man sie nach ihrem Alter, so sagte sie stets: “Ich bin 2 Jahre alt” und freute sich darüber, dass nicht jeder die Antwort verstand. Sie wollte auch gar nicht von allen verstanden werden, obwohl es eigentlich sogar leicht war, ihre direkte Art garantierte es, wenn diese auch oftmals eher schnippisch war. Sie mochte viele Dinge, aber eben anders als die anderen, so fand sie die Schule toll, nur halt den Unterricht nicht. Manchmal war dann links gleich rechts, und bevor sie zugab, sich vielleicht geirrt zu haben, lies sie lieber ihre Fantasie spielen und davon hatte sie reichlich. Hinterher tat es ihr dann irgendwie Leid und sie entschuldigte sich auch, aber nie direkt, dass lag ihr dann doch nicht. Sie erschrak leicht, als ihr Vater ihr die Hand auf die Schulter legte, drehte sich um lächelte knapp und ließ ein Hallo hören, nur um sofort wieder fasziniert von anderen Dingen zu sein. Glücklicherweise war sie nicht immer so, sie konnte auch aufdringlich und voller Wärme sein, aber das war weniger eine Frage der Absicht, als eine der Laune, genauer, ob in ihren Kopf gerade andere Gedanken passten. Es gab Tage, da musste er einfach an Wednesday denken, die aus der Adams Family, immer dann, wenn sie einen gewissen Gesichtsausdruck zur Schau trug. Immerhin tat sie auch gerne etwas auffressen, wenn auch nicht bösartig und zum Glück wollte sie nicht ihren Bruder töten. Das wäre auch eher etwas für Jule gewesen.

Rasch brachte er die kleine Manuela zu Bett, auch wenn längst Ferien waren, er wollte nicht, dass sie aus ihrem Schlafrhythmus kommt, es reichte schon, wenn Tobin und Jule fast die ganze Nacht wach blieben. Er spielte mit Freunden, immerhin ließen sich Drachen mit 60 Mann viel einfacher besiegen und sie chattete, quatschte mit den Freundinnen, mit denen sie eh den ganzen Tag schon telefonierte, sie traf und eigentlich jedes Detail von ihnen wusste. Immer dann, wenn sie rasch die Tür schloss, war ihm klar, dass da auch ein eher männliches Wesen am anderen Ende saß. Oh ja, er kannte sie zu genau, sie stand auf den Typ “Kerl”, auf denen Frauen in ihren Alter immer standen. Leicht verrückt musste er sein, natürlich süß und irgendeine Freundin musste ihn wenigstens toll finden, besser noch lieben, damit sie mit ihm angeben konnte. Die Jungen, die versprachen etwas in Leben zu werden, waren somit automatisch langweilig. Keine Frau in ihrem Alter will den Kapitän der Royal Navy oder gar den Schiffskoch, sie wollen viel lieber den Piraten, wollen Abenteuer und somit alles, außer eben Langeweile. Er hoffte nur, dass sich das legte und das bitte schnell. Sie war nun einmal bildhübsch und somit für den Piraten, das passende Opfer, die, die er für besser geeignet für seine Tochter hielt, würden diese sicherlich nicht einmal ansprechen. Ändern konnte er daran so oder so nichts, jede von ihnen hatte einen ausgesprochenen Dickkopf und sie unterschieden sich nur darin, wer sich traute, die dickste Wand mit diesem einzurennen. Am heftigsten war es dann, wenn sie stritten und in solchen Momenten konnte man häufig meinen, der dritte Weltkrieg hätte begonnen. Die Waffen? Schrille Frauenstimmen, die auf Nerven wie der Bogen auf einer Geige spielten. Oh, er liebte Geigenmusik, er wusste aber auch, die erste Geige spielt nur einer oder eben Eine. In solchen Momenten zog er sich zurück, zu schlichten war dann so oder so zwecklos und gegen die Meute anzukommen, nein, dass wollte er lieber nicht einmal versuchen. Gewinnen tat keine von ihnen, irgendwann hörte der Streit einfach auf und war meistens noch schneller vergessen, als er begonnen hatte. Er konnte nicht anders, als die Ruhe, die dann einkehrte, intensiv zu genießen.

Langsam spürte er den Tag in den Knochen, die Arbeit war wie immer hart und stressig gewesen, er wusste, dass sein Lohn nur ein Bruchteil dessen war, was er verdient hätte. Aber der Job versprach, dass er erhalten blieb und darum ging es in der heutigen Zeit. So schlecht das Gehalt auch war, es war besser als ein etwaiges Arbeitslosengeld und dieses reichte eben nicht für ihn und die Familie. Er hoffte, dass Jule bald die Schule abschloss, doch er wusste auch, dass dies noch 3 Jahre dauern würde, sofern sie nicht noch anfing zu studieren. Doch darüber mochte er lieber nicht nachdenken, er würde sich nur fragen, wie er ihr das ermöglichen könnte, und wusste auch, dass es niemals gehen würde. Sie müsste ihr Studium selbst finanzieren und die Sorgen dahinter schmerzten ihn empfindlich. Tobin wird sicherlich lange vor Jule sein eigenes Geld verdienen, so schoss es ihm durch den Kopf, denn immerhin glich er eher ihm als seiner Schwester und so hatte er auf Schule nur so viel Lust, wie es für die Versetzung nötig war. Auch nicht perfekt, aber er konnte ihm nicht böse darum sein, auch wenn er wusste, dass er ihn besser fördern sollte, er wusste nur nicht wie und Jule hatte keinerlei Interesse daran. Immerhin war ihr Bruder ja jemand, der so ganz anders als sie war und vor allem, er fand Nadine toll, was schon einmal gar nicht ging. Gott sei Dank gingen sie nicht zur gleichen Schule, es wäre ihr peinlich gewesen und somit musste sie nur Marie ertragen, die aber in einen ganz anderen Teil der Schule hockte und eigentlich eh noch Kind war und somit nicht zählte. Noch nicht, immerhin trennten sie ja nur 3 Jahre und sie begann langsam erwachsen zu werden. Das störte sie, denn sie mochte keine Konkurrenz, schon gar nicht aus den eigenen Reihen. Sie würde Marie niemals mit in die Disco nehmen, nachher würde sich noch jemand in ihre kleine Schwester und nicht in sie verlieben.

Die kleine Manuela im Bett, war sein nächstes Ziel Nicole, die immer noch vor dem Fernseher hockte, mit der gleichem Mine und sicherlich immer noch gar nichts mitbekam. Er setzte sich neben sie und sie schaute auf, erst auf ihren Vater, dann auf die Wohnzimmeruhr und dann auf den Fernseher. Sie grinste frech, hob den Kopf in seine Richtung, gab ihn zu seiner Überraschung einen Kuss und verschwand schneller als er erhofft hätte. Kam wieder, machte den Fernseher aus, wünschte eine gute Nacht, verschwand erneut, nur um wieder erneut zu erscheinen. Sie nahm ihr Glas und die Flasche vom Tisch und huschte endlich die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Er hörte die Tür knallen, ein Aua, dann eine Verwünschung und wusste, sie war mal wieder irgendwie breiter als die Tür und ihr Rahmen. Er achtete sorgfältig auf das nächste Geräusch, immerhin hatte sie noch nicht die Zähne geputzt und wurde zum Glück nicht enttäuscht. Ein paar Minuten später war seine 2. Mission erledigt und Marie stand auf dem Plan. Sie war längst auf ihrem Zimmer, verschlang gerade ein Buch, das er nicht einmal ansatzweise verstand und er sich fragte, ob das überhaupt seine Tochter wäre. Doch ihr Lächeln bestätigte das jedoch viel zu gerne. Sie wünschte ihm eine gute Nacht und ihm war klar, dass dieses gute Nacht bedeutete: “Paps, du musst ins Bett, du bist müde. Ich bin es nicht, ich bleibe noch auf und lese ein wenig. Ich weiß ja, du hast nichts dagegen!”, stolz darauf ihre Tonlagen so einfach interpretieren zu können, machte er sich auf den Weg ins Badezimmer. Auf den Weg, endlich selbst sich seiner Klamotten entledigen zu können und seine Zähne zu pflegen. Minuten später schleppte er sich noch zu Jule und Tobin, wünschte beiden eine gute Nacht, wurde wie so oft kaum zu Notiz genommen und war froh, die beiden endlich nicht mehr zu stören. Er legte sich hin und war Sekunden später eingeschlafen, der Tag hatte ihn seiner Kräfte beraubt, er wusste nicht einmal, ob es 8 Uhr, 9 Uhr oder noch später war, er wusste nur, er war müde. Es musste nach 10 Uhr sein, er kam ja erst um 9 Uhr von der Arbeit und brauchte auch einiges an Zeit für den nach Hause Weg.

*

Sie lauschte an der Tür, nichts war zu hören. Vorsichtig schlich sie auf den Flur, nur aus Tobins Zimmer war noch Licht zu sehen, die anderen schliefen längst. Er saß bestimmt wieder mit Kopfhörern vorm Computer und würde sie daher eher als Letztes bemerken. Er war so oder so süchtig nach seinem Spiel und vor 6 Uhr würde er keinen Weg ins Bett finden. Sie hatte einen Zettel geschrieben, auf diesem nur: “Ich komme wieder.”, und sie hoffte, dass die anderen sich keine Sorgen machen würden. Mehr konnte sie nicht schreiben, mehr durfte sie nicht schreiben, es sollte doch eine Überraschung werden. Ein paar Tragetaschen hatte sie eingesteckt, das sollte reichen, um die vielen Geschenke nach Hause zu bekommen. Sie wusste schon seit einiger Zeit, dass ihr Vater kein Geld für größere Geschenke hatte und sie wusste auch, dass er sich deswegen schämen würde. Sie hatte ihn schon in der Nacht weinen gehört, doch sie mochte ihn nicht trösten, sie fürchtete, er würde ihr böse sein, obwohl er eigentlich nie böse ist. Er wäre viel zu Stolz dazu das zu tun, was sie nun vorhatte. Sie hatte im Fernsehen gesehen, dass in der nahen Großstadt gesammelte Geschenke an die verteilt werden sollten, die kein Geld hatten. Sie hatte keines, ihr Vater auch nicht. So merkte sie sich nur, wo das war, wie sie dahin kam und das sie dahin wollte. Sie lauschte viel, sie war halt neugierig, so bekam sie auch das Gespräch zwischen ihrem Vater und seinem Freund mit, als er ihm erzählte, dass dieses Jahr Weihnachten ausfallen müsste. Ab und zu konnte sie nachts nicht schlafen, sie schlich früher immer zu ihm ins Bett, doch das konnte sie nun nicht mehr, nicht mehr, seitdem sie ihn hatte weinen gehört.

Sie musste gähnen, sie hatte nicht viel geschlafen, weil sie zu viel Angst davor hatte, nicht rechtzeitig um 5 Uhr wach zu sein. Das war um so schlimmer, weil sie ansonsten sehr viel schlief und trotzdem oft noch müde war. Jule sagte immer, ihr Vater wäre eine Tsetsefliege gewesen, das war aber Blödsinn, wusste sie, sie hatten doch den gleichen Vater. Draußen regnete es in Strömen, deswegen hatte sie sich ihre Gummistiefel angezogen, sie passten mit ihrem auffälligen bunten grünen Muster gar nicht zu ihren anderen Sachen, aber das störte sie nicht, sie war auf einer Mission. Außerdem waren die viel wärmer als ihre Turnschuhe und in den anderen konnte sie nicht gehen. So griff sie sich ihre Jacke und der Regenjacke dazu, es war zwar nicht so kalt, dass es frieren würde, aber gerade morgens fühlte sich das Wetter draußen immer sehr kalt an und sie mochte nicht frieren, sie fror oft genug auf den Weg zur Schule und der Weg war bei Weitem nicht so weit wie der, der nun vor ihr lag. Sanft zog sie die Haustür hinter sich ins Schloss und machte sich auf dem Weg zum Bahnhof. Sie war noch nicht oft mit dem Zug gefahren, aber Zug fahren machte ihr Spaß, außer, irgendeine alte Frau wollte sie wieder betatschen, das mochte sie gar nicht, sie hasste es, sie war kein kleines Kind mehr.

Es war windig, doch ihre Regenjacke hielt dem Wetter stand, nach 20 Minuten erreichte sie den Bahnhof, viel zu früh, doch sie hatte Angst davor, den Zug zu verpassen. Wenn alles gut ging, wusste sie, würde niemanden vor den Mittagessen ihr fehlen bemerken und somit gar nicht. Sie wusste nur noch nicht, wie sie die Geschenke ins Haus schaffen sollte. Doch sie freute sich schon darauf, diese am Heiligen Abend der Familie zu zeigen, ihren Vater ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Sie wäre die Heldin, seine Heldin und sie liebte ihn doch so sehr. Wie konnte sie es da erlauben, dass er traurig war? Nur mit viel Mühe konnte sie das Geld in den Fahrkartenautomaten werfen, sie ärgerte sich darüber und schwor sich, wenn sie groß ist und etwas zu sagen hatte, wird sie dafür sorgen, dass die Automaten auch von kleinen Leuten zu erreichen sind. Sie wollte ja eh Bundeskanzlerin werden, die 3. Kanzlerin in Deutschland, aber die, die wirklich etwas verändern wird. Sie hielt die Erwachsenen für blöd, sie kümmerten sich um so viel, aber um nichts, was wichtig ist. Das verstand sie nicht, wenn sie es wusste, wieso bemerkten es die anderen denn nicht? Doch das war jetzt nicht wichtig. Sie entnahm den Automaten ihre Fahrkarte und setzte sich ans Gleis, viel zu viel Angst davor den Zug zu verpassen. In der Wärme bleiben wollte sie auch gar nicht, die machte nur müde und sie durfte nicht einschlafen, schlafen konnte sie in der Nacht oder am Nachmittag, am besten gleich nach dem Essen. Sie würde einfach sagen, dass sie sich nicht ganz wohl fühlt und sich hinlegen. Nein, lieber nur, dass sie müde ist, ihr Vater machte sich sonst noch mehr Sorgen, sie wollte nicht, dass er sich sorgt. Es tat ihr weh.

Sie erschrak von der Ansage, denn sie war doch eingeschlafen und nun war ihr kalt. Doch der Zug ist ja gleich da, schoss es ihr durch den Kopf, und in diesem ist es sicherlich warm drin. Viele hatten schon Urlaub, deswegen war der 6:14 Uhr Zug nicht so voll wie sonst und neben ihr warteten nur noch knappe 10 Leute am Bahnsteig auf diesen. Sie hatte gar nicht mitbekommen, als diese kamen, schnell huschte sie zur Tür, dass Glück war mit ihr, so konnte sie sich einen Platz ganz in der Nähe dieser suchen. Sie wollte ja nicht ihre Station verpassen. Schön warm war es, doch sie zog lieber nicht die Jacke aus, sie versuchte der Heizung so nah wie möglich zu kommen und biss sich auf die Unterlippe, gerade so fest, dass sie es merkte. Sie musste sich jetzt wach halten, sie durfte nicht einschlafen. 3 Stationen noch, schließlich hatte sie sich den Fahrplan genausten eingeprägt, dann wäre sie da. 3 Stationen bedeuteten, 19 Minuten, dass würde sie aushalten. Es wurde ihr zu warm, weswegen sie sich so weit wie möglich von der Heizung entfernte und aus dieser Position konnte sie viel besser in den Zug blicken. Doch die meisten schliefen, schauten aus den Fenster oder starten ins Nichts. Die 2. Station war schnell erreicht, bei der nächsten musste sie raus oder war es die Übernächste, sie war sich nicht mehr sicher, weswegen sie konzentriert auf die Ansage im Zug lauschte. Jetzt! Schnell sprang sie auf und eilte zur Tür. Häuser flogen vorbei, doch nur durch die Weihnachtsbeleuchtung zu erkennen, ansonsten war es noch dunkel um diese Zeit.

Sie sprang auf den Bahnsteig und schaute sich um. Überall waren Leute, sie wusste gar nicht, wohin sie musste, sie versperrten ihren Blick. So folgte sie ihnen einfach, sie mussten ja auch aus den Bahnhof wollen, oder nicht? Sie machte sich nur Sorgen darüber, dass sie von ihnen zertrampelt wird. So rannte sie fast schon, damit sie den langen Beinen entkam. Draußen, vor dem Bahnhof, hatte sie endlich den nötigen Platz sich zu orientieren. Sie hatte sich den Stadtplan gut gemerkt, doch alles wirkte so viel größer, als es das auf dem Plan tat. Sie schaute auf die Straßennamen, fand die richtige Straße und machte sich auf den Weg. Sie wusste, dass sie durch die Innenstadt und die Fußgängerzone kommen würde. Darauf war sie gespannt, sie war zwar vor einiger Zeit schon mal hier gewesen, aber das mussten sie zum Arzt, das zählte nicht, sie bekam damals nicht so viel mit und musste auch nur ihren Vater folgen, der sie sicher aus den Bahnhof und zum Arzt brachte.

Es war nun kurz nach 7 Uhr, viel zu früh, so war ihr klar. Die Aufregung schlug ihr zwar auf den Magen, aber sie hatte auch Hunger. Da war ein Bäcker, doch sie wollte nicht noch mehr von den wenigen Geld ausgeben, sie konnte sich ja kaum die Fahrkarte leisten und den Rest brauchte sie vielleicht für Notfälle. Eigentlich war das Geld dafür gedacht gewesen, etwas für die anderen für Weihnachten zu kaufen, doch sie fand, so war es besser angelegt, da sie ja nun viel wertvollere Geschenke mitbringen würde. Beeilen musste sie sich nicht, sie hatte noch viel Zeit, um 8 Uhr machten sie erst auf, auf einen Hinterhof, sie wusste wo und auch, dass es von hier nicht mehr weit dort hin war. So schaute sie in die vielen Schaufester, sie waren alle wunderschön für Weihnachten dekoriert und sie konnte kaum fassen, wie viele tolle Sachen es doch zu verschenken gab. Da war so viel, was sie hätte gerne haben und verschenken wollen, doch sie wusste, mit den wenigen Geld, dass sie hatte, würde sie sich kein einziges Geschenk leisten können. Es betrübte sie zwar, aber da waren ja noch die Geschenke, die sie so bekommen würde. Vielleicht nicht ganz so schöne, aber sie hatten dann etwas für Weihnachten, etwas, worüber sich alle dann doch noch freuen könnten. Deshalb machte sie sich auf den Weg zu dem Haus, eigentlich ein Lager, wo sie diese bekommen würde. Sie wollte die Erste dort sein, die wollte die Chance haben, noch welche von den schönsten Geschenken zu bekommen. Nicht die Schönsten, die konnten ruhig andere haben, aber eben noch welche, die Freude bereiten. Sie schaute sich um, noch war niemand da, es brannte auch noch kein Licht, aber es waren ja auch noch 30 Minuten bis dahin. Sie hüpfte ein wenig, das machte die Füße wärmer, irgendwie war es doch kalt, aber auch das würde sie überstehen.

*

Er erwachte, keine Ahnung darüber, ob es ein Traum war oder nur sein Zeitgefühl. Doch er fühlte sich gehetzt, was aber vermutlich daran lag, dass er in der letzten Zeit so viel Stress hatte. Wie jedes Jahr bedeutete der Dezember eben nur Stress, Hetze und jede Menge nörgelnder Leute, die nicht schnell genug das bekamen, was sie wollten. Er hasste diese Jahreszeit, sie nervte und sie brachte nichts außer einer Menge an Ausgaben. Geschenke waren ja nur ein Teil davon, im Frühjahr kamen ganz andere noch auf ihn zu und das Geld, was er noch auf dem Konto hatte, reichte zwar bequem aus um diese Kosten zu decken, aber mehr blieb kaum über, es sei denn, er wollte hungern. Es würde es zwar tun, aber seiner Familie würde er das niemals aufbürden. Er überlegte sich schon, dass er vielleicht gleich einkaufen gehen sollte, bevor der Stress in den Straßen losging. Die Stadt erwachte zwar langsam, aber sobald ein Großteil der Bewohner wach war, waren sie auch auf der Straße, wenn auch nur aus Angst, über die Feiertage zu verhungern. Frühstück brauchte er nicht, zumindest nicht viel und so beschloss er, gleich nach diesem seinen Rucksack und die Taschen zu schnappen, damit er in Ruhe einkaufen gehen könne. Wenn er auch keine Geschenke hatte, bis vielleicht auf ein paar Süßigkeiten, so wollte er wenigstens etwas sehr Gutes zu Essen bieten können. Das konnte er sich noch bequem leisten, ohne Angst zu haben, dass er die Ausgaben bereuen würde. Schulden konnte er nicht gebrauchen, er wusste nur zu gut, dass die Zinsen ihm das Genick brechen würden. Banken waren für arme Menschen wie ihm nichts weiter, als ein Scharfrichter, der einen den Fallstrick um den Hals legt. Man suchte sich diesen zwar selbst aus, aber zum Sprung und somit dem Festziehen der Schlinge, wurde man förmlich gezwungen. Er fand den Vergleich passend, rieb sich den Hals und war froh, dass es ihnen alle zwar nicht so gut wie vielen anderen ging, aber eben doch gut genug um durchs Leben zu kommen.

Er schaute auf das Außenthermometer vor dem Küchenfenster und fröstelte leicht. Die 4 Grad und den Regen würde er noch zu spüren bekommen, seine Knochen machten ihm in den letzten Jahren immer mehr Probleme und so wünschte er sich, es wäre bald wieder Sommer oder zumindest Frühling. In Gedanken schon beim Einkaufen, goss er sich einen Tee auf, Earl Grey, er liebte den leichten Zitrusgeschmack und genoss den Duft, der langsam begann die Küche zu füllen. Noch besser war der Tee mit indischem Sesamgebäck, doch davon hatte er nicht mehr viel und wollte es sich lieber für den Nachmittag aufheben. Der Kühlschrank war fast leer geräumt und er musste unweigerlich an ein Vogelnest denken, in denen kleine Küken nach Essen piepsten und die Vogelmutter nicht wusste, wie sie derart viel herbeiholen sollte. Ein schiefes Lächeln umspielte seine Lippen und er beschloss, den Rucksack doch nicht mitzunehmen, er würde sich für den Transport der Waren nach Hause ein Taxi rufen, warum das ganze Zeug schleppen, das wenige Geld für die Fahrt, hätte er dann sicherlich noch über. Schnell trank er den Tee aus und überlegte, ob er vielleicht doch Jule oder Tobin fragen sollte, ob sie ihnen beim Tragen helfen, verwarf die Idee aber sofort, sie würden eh nur todmüde, nörgelig und sauer auf ihn sein, wenn er es tat. Er stellte die Tasche ab und ging zum Flur.

Er erschreckte beim Anblick der Garderobe, denn Manuelas Jacke fehlte. Er war sich sicher, dass sie gestern Abend noch neben seiner Jacke hing. Schnell schob er allen Jacken zur Seite und suchte weiter, doch weder ihre Winterjacke, noch die Regenjacke war zu sehen. Wo waren die? Hatte sie diese mit auf ihr Zimmer genommen? Das wäre doch unsinnig! Er versuchte möglichst leise und doch schnell die Treppe hinauf zu kommen, öffnete eher unsanft die Tür von Manuelas Zimmer und fand dieses verlassen vor. Nur auf dem Bett lag ein großer Zettel mit wenig Inhalt, er solle sich keine Sorgen machen. Verdammt! Er machte sich Sorgen! Er musste förmlich gegen die Panik ankämpfen, die sich in ihn nach oben kämpfte. Schnell warf er noch Blicke ins Bad, dem Wohnzimmer und Keller, doch sie blieb verschwunden. Was sollte er nur tun? Seine Brust schien sich zusammenzuschnüren. Er ging wieder nach oben, betrat das verlassene Zimmer und setzte sich auf ihr Bett. Wo könnte sie nur hin wollen, fragte er sich. Abhauen? Nein, dass glaubte er nicht, er wüsste nicht, warum sie das tun sollte. Er wusste, dass sie ihn und ihre Geschwister liebte und so begann er sich den Kopf zu zermartern.

*

Es erschien ihr als würde jemand rufen, nur unwillig wollte sie den Traum aufgeben, wo sie endlich doch einmal von ihm träumte und das sonst sicherlich nie tat. Mühsam öffnete sie ein Auge, blinzelte und erblickte ihren Vater in der Tür. War es schon so spät? Gab es schon Mittagessen? Sie drehte sich so, dass sie ihren Wecker erblicken konnte: Es war erst kurz vor 8 Uhr, was sollte das? Sie schlief Höchsten erst seit 5 Stunden, wenn überhaupt. Am liebsten würde sie sich umdrehen und weiterschlafen, doch stattdessen entrutschte ihr ein: “Was willst du?”, das klang nicht nett, doch sie war sauer und müde. Er faselte etwas davon, dass ihre kleine Schwester weg wäre, es lag ihr ein “Na und?” auf der Zunge, doch sie wusste auch, dass das falsch wäre und so stand sie auf, rieb sich die Augen und entgegnete statt dessen: “Ehrlich? Seit wann?” und wusste gleichzeitig darum, wie blöd die Frage war. Natürlich wusste er es nicht, sie sollte die anderen wecken und so langsam ergriff die Panik in seiner Stimme auch sie. Schlagartig wach ging sie zu den Zimmern der restlichen Geschwister. Ihr Bruder reagierte kaum, aber das war ihr klar, sie kniff ihn und schon sprang er auf. Marie und Nicole zu wecken war leicht, sie hatte eh längt ausgeschlafen und folgten ihr, zusammen mit dem Bruder, nach unten. Ihr Vater wartete, bereits seine Jacke angezogen und trug ihr auf, mit Tobin auf die Suche zu gehen, vielleicht bei ihrer Schule? Einer Freundin? Woher sollte sie wissen, mit wem Manuela ihre Freizeit verbrachte, es war ihr auch vollkommen egal. Die anderen Beiden sollten zu Hause bleiben, vielleicht telefonieren, aber Hauptsache auf ihre Schwester warten, und wenn sie wiederkommt, ihn sofort auf dem Handy anrufen. Schon schloss die Tür hinter ihm und sie beschloss, seine Anweisungen umzusetzen.

Tobin war derweil längst schon nach oben, sich anziehen. So sehr sie ihn auch verabscheute, manchmal, wenn es um wichtige Dinge ging, reagierte er immer augenblicklich. Es wurmte sie, denn sie erwischte sich immer dabei, wie es sie nervte, aber irgendwie nervte eh alles und das nervte sie besonders. Böse über sich selbst rannte sie die Treppe nach oben, schaute, was sie anziehen sollte und entschied sich für die Klamotten vom vorherigen Tag, so etwas mochte sie zwar nicht, aber in diesem Fall war es ihr egal. Zu einem, war die Suche wohl wichtiger, zum anderen, um diese Zeit lief ihr sicherlich niemand über den Weg, den sie kannte. Sie roch an sich selbst, fand, dass sie fürchterlich stank und zog sich zu Ende an. Ihr Bruder wartete längst unten, seine Jacke angezogen hielt er ihre bereits in seinen Händen. Kleine Hände, richtig schöne Hände. Sie war neidisch darüber, denn ihre Hände waren unförmig, er hatte viel schönere und das als Junge. Aber sie fand eh, dass sie gegenüber den anderen benachteiligt war, denn Marie hatte wunderschöne Haare, Nicole wunderschöne Augen und Manuela ein richtig süßes Gesicht. Was hatte sie? Sie war zwar schön, ja, aber sie hatte auch nichts Besonderes. Ihr Po war besser als bei den anderen, aber die entwickelten sich ja noch, sie hoffte, dass sie sich fett essen würden. Nein, dass würde niemals passieren, ihr Vater achtete von je her darauf, dass sie alle nur “gesunde” Sachen zu Essen bekamen. Für Süßigkeiten fehlte eh meist das Geld und so musste sie lächeln, eine gute Sache hatte ihre Armut somit ja schon. Wobei, sie hatte auch schöne Zähne, keine Süßigkeiten bedeuteten auch keine Löcher und rauchen würde sie eh nicht.

Im Moment fand sie sich aber hässlich, deswegen zog sie die Kapuze so weit über den Kopf, wie es eben nur ging. Schnürte sie fest, etwas, was sie sonst eher nicht tat, sie wollte ja, dass sie auffiel und folgte ihren Bruder nach draußen. Sie fand, er watschelte, irgendwie ging er immer so komisch, manchmal musste sie über ihn lachen, am meisten aber dann, wenn er vor irgendeinem Mädchen stand und sich so peinlich, wie nur irgendwie möglich benahm. In solchen Momenten hatte sie schon fast Mitleid mit ihm, immerhin war er ja dann doch ihr Bruder und er hatte auch gute Seiten, z. B. dann, wenn er für sie einkaufen ging. Naja, nett war er ja auch und unglaublich fair zu allen, was sie störte, war aber, dass er, wenn er Partei ergriff, immer die für Marie ergriff und nie für sie. Dabei hatte sie jahrelang den Babysitter für ihn spielen dürfen, o. k., ganz richtig war das zwar nicht, aber sie war eben doch die Älteste und hatte somit ja auch wohl mehr zu sagen, als es die anderen hätten. Es regnete recht heftig, deswegen war sie froh, heute mal nicht ein hübsches Gesicht zeigen zu müssen. Mairegen soll ja schön machen, nur dumm, dass Heiligabend ist, sie fand sich witzig und ihre Laune besserte sich ein wenig, so merkte sie langsam, in welche Richtung sie überhaupt gingen. Tobin hatte die Führung übernommen, es nervte sie, weswegen sie ihn fragte, was der Schwachsinn denn sollte zu Manuelas Schule zu gehen, es wäre sicherlich das Letzte, wo sie hingehen würde.

*

War ja klar, was sollte sie auch anderes sagen. Sie sagte immer genau das Gegenteil von dessen, was andere machen oder sagten. Glaubte sie eine Rebellin zu sein? Vielleicht sollte er ihr Mal sein geliebtes Spiel geben, dann wüsste sie, wie sich Rebellen benehmen, alles, nur nicht dämlich. Er hatte keine Lust auf Streit, der lag ihm eh nicht und er war immer froh seine Kopfhörer aufsetzen zu können, wenn die 4 Schwestern sich gegenseitig in Grund und Boden stritten. Nur selten blieb er dann in ihrer Nähe, höchstens um Marie zu unterstützen, die war wenigstens nicht engstirnig wie der Rest. Man konnte sie eh gut ertragen, meistens war sie sehr ruhig und vor allem quiekte sie nicht los wie Jule, wenn mal wieder irgendetwas nicht passte und das war oft der Fall. Er hielt aber auch Nicole und Manuela für klüger, die eine stritt ab und an aus Spaß, die andere um sich zu behaupten, aber wenigstens nicht um sich aufzuspielen. Was wollte Jule eigentlich, sie war nur wenige Monate älter als er, und bis vor 2 Jahren, als sie 14 wurde, konnte man noch gut mit ihr auskommen. Früher hatte sie ihn immer ihren Lieblingsbruder genannt, heute kam außer ein du nervst, ohne dass er überhaupt etwas gesagt hätte, eh nicht viel von ihr. Dass sie vielleicht die anderen alle nervte, kahm ihr sicherlich nicht mal in den Sinn, er hatte das Gefühl, das sie eh meist nicht dachte. Egal wie klug sie auch tat und mit ihren Zeugnissen angab. Sollte sie doch ihr Abi mit 1,0 machen, es war ihm egal, er wollte nie zum Gymnasium, niemals sein halbes Leben in der Schule verbringen und nein, er wollte auch nicht zu der Schule gehen, wo Manuela in der 3. Klasse war. Doch ihr Vater hatte es gesagt und irgendwo mussten sie ja anfangen zu suchen.

Genau das lies er sie auch wissen, sie schaute nur kurz grimmig, wollte etwas erwidern und schwieg zu seiner Verwunderung. Sie gingen weiter nebeneinander her, etwas, was sie seit Jahren nicht mehr taten und er fühlte sich unwohl dabei. Er fühlte sich so oder so nicht besonders wohl in ihrer Nähe, vor anderen machte sie ihn immer schlecht und er wusste nicht warum, er hatte ihr absolut nichts getan. So ging er ihr lieber aus dem Weg, als das er das über sich ergehen lies. Wenigstens waren die anderen Schwestern immer lieb zu ihm und er hoffte, dass würde auch so bleiben, noch mehr Zicken wollte er nicht ertragen müssen. Er musste aber feststellen, dass Jule trotzdem sie ungeschmickt war, immer noch verdammt gut aussah. Er hatte nichts dagegen, wenn irgendwer sie für seine Freundin hielt, glaubte aber nicht daran, dass das jemand tun würde. Jeder würde vermutlich auf Geschwister tippen, und wenn es seine Freundin wäre, hätte er sie längst verlassen. Er wusste aber, dass dies nicht so wäre, er liebte sie und würde sie immer genau so behalten wollen, wie sie ist, es sei denn, sie ändert sich zum besseren, hoffentlich tat sie das auch Mal. So gingen sie weiter, erreichten die Schule und schauten sich um. Von Manuela war nichts zu entdecken, aber das war ihm so oder so klar.

Er einigte sich mit Jule darauf, in die Stadt zu gehen. Besser gesagt, er fragte sie, ob sie es für eine gute Idee hielt in die Innenstadt zu gehen und zu schauen, ob ihre Schwester da vielleicht etwas kaufen wollte oder was auch immer. Sie nickte, sagte „komm“ und sie gingen weiter in die nahe gelegenen Innenstadt. Um diese Zeit war noch nicht so viel los, zwar hatte der ein oder andere Lebensmittelmarkt schon auf, aber die wenigen Fachgeschäfte, die es noch gab, waren fest verschlossen. Er verstand eh nicht, wie diese überleben konnten, er könnte Stunden in diesen verbringen, ohne überhaupt etwas zu finden. Er war nur froh, dass er seine wenigen Weihnachtsgeschenke für die Schwestern schon hatte, nichts Wertvolles. Jule bekam etwas zum Schminken, er hatte einfach in ihren Zimmer geschaut, was sie da so nutzte. Für Nicole hatte er eine CD mit einem Hörbuch gekauft und Manuela bekam so ein seltsames Plüschtier. Das war niedlich und er wusste, sie mochte derartigen Kitsch. Marie war einfach, sie bekam ein Buch über eine ausgestorbene Kultur. Das war auch das teuerste Geschenk von allen, aber das mussten die anderen ja nicht wissen. Wenn Jule fragen sollte, würde er einfach sagen, er hätte es im Internet ersteigert oder gekauft. Sie wird so oder so wieder eifersüchtig auf die anderen sein, er fand es lustig, immerhin war sie ja die Königin im Haus, wenn sie sich auch eher wie die verwöhnte Prinzessin benahm.

Er wusste auch, was Jule ihn und den anderen schenken würde. Sie hatte ein paar Süßigkeiten eingepackt und für jeden einen netten Brief geschrieben, der so gar nicht nach ihr klang. Er hatte sie alle gelesen und hasste sich für seine Neugier. Sie konnte immer noch richtig nett sein, wenn sie denn wollte und sie konnte vom Inhalt her richtig gut schreiben und hatte dazu noch eine wunderschöne Schrift. Er war froh, wenn er für einen Aufsatz mal kein mangelhaft bekam, meistens konnte er nicht einmal seine eigene Schrift lesen, so musste er sich mit etwas Fantasie denken, was er denn damals überhaupt geschrieben hatte. Seine Lehrerin nannte ihn im Unterricht einmal einen Schmierfink, irgendwo auch zu Recht, wusste er, aber er wusste nicht, wie er das hätte ändern wollen. Er war eben nicht Jule, nicht so perfekt wie sie, er war nur froh, wenn er in der Schule auch nur einigermaßen mitkam. Er wusste, von seinen Geschwistern war er der schlechteste Schüler, nur Nicole war vielleicht ähnlich schlecht. Die anderen waren ihn überlegen, bei Marie störte ihn das nicht so, sie ließ ihn ihre Überlegenheit auch nie spüren. Bei Manuela war es ja nicht so wild, sie war ja immerhin 6 Jahre jünger als er.

*

Sie hatte nun all die Nummern angerufen, die ihr in den Sinn kamen und sofern sie diese denn überhaupt herausfinden konnte. Sie kannte zwar ein paar der Freundinnen von Manuela, aber bei Weitem nicht alle mit ihren Nachnamen. Die meisten schliefen um diese Zeit auch noch und somit durfte sie sich leider auch ein paar ruppige Worte anhören, doch das störte sie erstaunlicherweise wenig, wusste sie doch, dass ihr Anruf trotzdem wichtig war. Sie schaute Nicole an, ohne wirklich etwas von ihr zu wollen, sie überlegte halt nur, ob ihr noch jemand einfallen würde. Doch das tat es nicht. Ihr Blick schweifte zum Fenster, es war ein dunkler Morgen und so war sie froh darüber, nicht nach draußen zu müssen. Sie mochte die Natur, sie liebte diese und manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie mit ihr sprechen würde, der Wind leise alte Geschichten in ihre Ohren säuselte und Bäume sich wie zum Gruß vor ihr verneigten. Die meisten Menschen gingen achtlos durch Wälder und über Wiesen und sie verstand nicht, wie man einfach diese unbeschreibliche Schönheit übersehen konnte. Am Anfang stand eben nicht das Nichts, am Anfang stand die Natur und diese überlebte alles, auch den Menschen. Es war ihr jedoch eh lieber, wenn Menschen dem Wald fernblieben, vor allem die, die ihn nicht verstanden. Jedenfalls verstand sie ihn und sie wünschte sich, sie könnte dies auch von Jule und den anderen behaupten. Nicht, dass sie ihre Taten nicht nachvollziehen konnte, es ergab eher oftmals wenig Sinn in ihren Augen. Sie schaute erneut auf Nicole, die dabei war noch einmal die Nummern im Telefon durchzuschauen, doch auch diese schien nichts mehr zu finden. So blickte sie wieder aus dem Fenster, sie machte sich auch keine großen Sorgen um ihre kleine Schwester, sie war sich sicher, dass diese schon wieder auftauchen würde.

Sie dachte über die Geschenke nach, den sie den anderen besorgt hatte. Am Leichtesten erschien ihr das für Tobin, für ihn hatte sie ein Duschgel gekauft, eines, dass für ihre Nase richtig gut roch. Das, was er ansonsten benutzte, stank eher und sie wollte einfach, dass er eines hatte, das besser zu ihm passte. Jule war so oder so kein Problem, alles, was sie interessierte war, ihr Aussehen und somit hatte sie im gleichen Atemzug mit Tobins Geschenk auch ihr etwas gekauft. Sie hatte irgendwo mal gelesen gehabt, dass sich Frauen im Mittelalter, ihre Gesichtshaut mit Bleiweiß einen sehr hellen Teint gegeben hatten, was dann zu Abszessen führte. Es gab Tage, da wünschte sie Jule diese auch, aber das war töricht, gestand sie sich ein. So hatte sie einfach ein normales Make-up für sie besorgt, aber eines, dass ihren echten Hautton eher entsprach, als das viel zu dunkle, was sie ansonsten oftmals nutzte. Für Nicole hatte sie diverse Sachen zum Basteln organisiert, wusste sie doch, wie sehr sie das liebte. Manuela bekam ein Freundschaftsband und für ihren Vater hatte sie einen Gutschein über “Haushaltshilfe auf Abruf”, was Besseres fiel ihr nicht ein, er wollte ja auch nie etwas haben. Somit war sie recht komplett, was ihre Geschenke anging. Sie hoffte nur, dass ihre kleine Schwester doch schnell wieder auftauchte, Sorgen machte sie sich dennoch, doch sie hatte auch keine Idee, was sie von hier aus unternehmen sollte, um diese zu finden.

Allerdings, sie wusste auch, das Manuela sehr aufgeweckt für ihr Alter war und auf der anderen Seite recht ängstlich, sodass sie sicherlich Gefährliches unternahm. Da war eher etwas anderes, es konnte eigentlich nur damit zusammenhängen, dass sie etwas für Weihnachten besorgen wollte. Aber warum hatte sie nicht sie, Jule oder Tobin gefragt, dass war das offene Rätsel an der Geschichte. Es konnte also Höchsten sein, dass sie etwas besorgen wollte, dass keiner sehen darf, wenn es eine Überraschung bleiben soll. Vielleicht ein Geschenk für alle? Aber das erschien ihr auch unsinnig, sie hätte ja dann Vater mitnehmen können. Es war zwecklos, weiterhin darüber nachzudenken, sie sollte irgendetwas Nützliches tun. Sie könnte vielleicht abwaschen? Heute Abend gab es wie jedes Jahr zum Heiligen Abend einiges zu essen und somit viel schmutziges Geschirr. Aber irgendwie erschien ihr der Gedanke doch als unsinnig, heute Mittag gab es auch noch einiges an zusätzlichen Abwasch, da machte sie lieber den mit den anderen zusammen. Nach oben gehen und etwas zu lesen holen? Doch den Gedanken verwarf sie auch, irgendwie wusste sie, sie konnte sich nicht wirklich darauf konzentrieren, es zu tun. So blieb fast nur die unsinnigste Idee von allen über, der Weihnachtsbaum. Sie hielt nicht viel davon, aber ihr Vater tat es den Kindern zuliebe und zumindest sie, ihren Vater, was die anderen dachten, dass wusste sie allerdings auch nicht.

Sie sagte Nicole, was sie vorhatte und ging zusammen mit ihr auf den Dachboden, um den Weihnachtsschmuck zu holen. Der Dachboden war immer ein Erlebnis für sich, er war riesig, fast genau so groß wie die eigentliche Wohnung und er war im Winter immer sehr kalt, im Sommer dafür viel zu heiß. Sie mochte ihn nicht, vor allem roch er nach totem Holz, nach Staub und er erinnerte sie daran, wie alt die Wohnung war. Auch wenn sie wenig Miete bezahlten, vor allem für die Größe, das Haus war schon lange nicht mehr im Schuss. Das Licht war spärlich, die 2 Neonröhren vermochten den riesigen Raum nicht auszuleuchten und durch das Regenwetter, viel auch kaum Licht durch die Dachfenster, sie konnte den Regen klopfen hören, unaufhörlich, fast so, als würde er hereingelassen werden wollen. Sie war froh darüber, Nicole mitgenommen zu haben, alleine schon, damit sie von ihrer Fantasie abgelenkt ist. Sie schnappten sich alles, was sie brauchten, und machten sich wieder auf den Weg nach unten, ins Wohnzimmer, um mit dem Schmücken zu beginnen. Der Baum war bereits aufgestellt, dass hatte ihr Vater bereits am Wochenende getan, so mussten sie sich nur noch um den Rest kümmern, auch wenn das vielleicht schwerer war, als man meinen sollte. Wenn alle um den Baum standen, gab das oftmals ganz unterschiedliche Meinungen, wie dieser denn zu schmücken wäre. Jule würde ihn am liebsten Überladen, sie viel lieber so gut wie gar nicht schmücken. Tobin fand das Licht wichtig, Manuela irgendwie nur rote Kugeln und Nicole alles, was sie selbst gebastelt hatte. Deshalb wunderte es sie auch wenig, als diese plötzlich verschwand, noch etwas zu holen.

*

Sie hatte noch einiges an Weihnachtsschmuck gebastelt, den, den sie hatten, der gefiel ihr so ganz und gar nicht und sie fand, ihrer war viel schöner und sie bastelte halt gerne. So hatte sie aus Glanzpapier, Tonpapier und Wolle ein paar Engel gemacht und aus Filzplatten andere Motive. Da sie Strohsterne mochte, hatte sie ein paar von ihnen gebastelt und dazu 2 aus goldenen Tonpapier, die ihr besonders gut gelungen waren. Stolz auf sich selbst holte sie die Werke aus ihrem Zimmer und stürmte wieder nach unten zu ihrer Schwester und sie hoffte, dass ihre Bastelarbeiten den anderen auch gefallen werden. Sie mochte Lob, für Tadel gab sie auch eher selten Grund. Was sie nicht mochte, war es, wenn so niemand an dem was sie tat gefallen findet. Doch sie wusste auch nur zu gut, wie sie die nötige Aufmerksamkeit erreichte, und nutzte dies nur zu gerne. Deshalb präsentierte sie ihrer Schwester ihre Arbeit und freute sich über das Lächeln. Nur zu schnell war der Baum immer voller und wirkte schon überladen, was Marie natürlich gar nicht und ihr wenig gefiel. Irgendetwas musste weg, doch sie wollte natürlich nichts von ihren neuen Stücken runternehmen, es gab ja noch genügend, was alt, gekauft und oft schon am Baum gewesen ist. So entfernte sie ein paar der Kugeln, begutachtete ihr Werk aus der Weite und war zufrieden. Marie schien auch nichts mehr gegen ihr Werk einwenden zu wollen, deswegen waren sie fertig, in einer Rekordzeit, viel schneller, als dann, wenn die anderen halfen.

Doch was sollten sie jetzt tun? Ihr war unbehaglich, das Schmücken des Baumes hatte sie abgelenkt und nun musste sie wieder an ihre kleine Schwester denken und sie hatte Angst um sie. Sie liebte sie, sie liebte alle aus ihrer Familie, doch sie konnte es ihnen nicht so wirklich sagen, sie zeigte solche Dinge viel lieber. Deswegen bekam auch jeder von ihnen ein gebasteltes Geschenk, das zu ihm passt und nicht einfach etwas Gekauftes. Für Jule hatte sie einen Lippenstifthalter gebaut, so was gab es ansonsten gar nicht, zumindestens wusste sie nicht, dass es so was geben würde und Jule hatte da einen echten Tick mit. Sie schminkte sich die Lippen oftmals auch nach Laune, hatte sie eine gewisse Rotfarbe drauf, war es besser, man ging ihr aus den Weg. Jule war so oder so immer sehr emotional, ganz anders als sie, vor allem wusste man auch nie, was Jule denn gerade wollte und auch nie, welche Laune sie in 10 Minuten haben würde. So oder so war es einfach ihr die Laune zu verderben und unmöglich sie zu bessern, fast unmöglich, ihr Lippenstifthalter würde das natürlich tun. Tobin bekam einen Wecker, einen, den sie aus einem Uhrwerk und einer lackierten Konservendose gebastelt hatte, sie hatte ihn kleine Füße angeklebt und das gab ihm fast etwas Lebendiges. Marie bekam ein Windlicht, dieses hatte sie aus spezieller Folie, Holz und Motivservietten gefertigt, im Innern hatte sie ein normales Glas und ein Teelicht gestellt, sie fand, es sah wunderschön aus. Manuela bekam ein paar ganz spezielle und ganz eigene Kopfhörer, ihre Bisherigen hatte sie zerbrochen gehabt und deswegen gab es nun welche mit Motiven aus Filz an der Außenseite der Muscheln, mit einem angemalten Kabel, stoffumwickelten Bügel und ganz weichen Ohrpolstern aus Samt. Sie waren unglaublich und sie war sich sicher, damit alle beeindrucken zu können.

*

Sie erzählte jetzt ihre Geschichte schon zum dritten Mal und hoffte, dass sie ihr nun Geschenke gaben, deswegen war sie ja hier. Die Frau vor ihr schaute sie freundlich an, aber auf die Frage, ob sie wirklich nichts ihren Eltern gesagt habe und einfach so den Weg auf sich genommen hatte, konnte sie nur mit einem Ja antworten. Sie spürte, wie sie sorgenvoll und strafend zugleich angeschaut wurde und nun regte sich ihr Gewissen: Vielleicht hätte sie doch einen der anderen Fragen sollen, ob sie sie begleiten. Wäre Jule oder Tobin mitgekommen, hätte sich sicher niemand Sorgen gemacht. Doch das ging ja auch nicht und sie würden ja auch nichts bemerken, in spätesten 2 Stunden wäre sie ja wieder zu Hause und niemand würde wissen, dass sie weg war, oder doch? Der Gedanke nagte an ihr, sie sagte etwas zu der Mitarbeiterin und wusste nicht genau, was sie sagte, sie hatte wieder einmal einfach drauf losgeredet, dass passierte ihr häufig. Wie alt waren denn deine Geschwister, wollten sie wissen und sie sagte es ihr, beschrieb sie auch so gut, wie sie konnte. Was sollte sie auch groß sagen, es waren einfach ihre Geschwister.

„Warte hier“, sagte die Frau und ging dann mit einem Kollegen in den hinteren Bereich. Manuela tat wie geheißen und hoffte, sie könnte bald gehen. Sie sah, wie die beiden im hinteren Teil des Lagers miteinander sprachen, sah die Frau wild gestikulieren und wie er alles ganz ruhig anhörte und nur ganz knapp etwas sagte. Danach kamen sie wieder auf sie zu und sie hoffte, sie bekäme nun die ersehnten Geschenke für ihre Geschwister. „Das ist Frank“, so stellte die Frau einen noch sehr jungen Mann vor. „Er wird dich begleiten, zuerst ein paar Geschenke aussuchen, danach fährt er dich heim. Wir wollen ja nicht, dass den Geschenken etwas passiert und so leicht sind sie ja auch nicht.“ Manuela war erfreut, sie fand Frank sympathisch, er war jung und lächelte auf besondere Art, sie fühlte sich zu ihm hingezogen und die leichte Angst, die sie gerade noch hatte, schien auf einmal zu verschwinden. Frank schaute sie an, lächelte etwas breiter und sagte: „Komm, wollen wir doch mal schauen, ob wir nicht etwas für deine Geschwister finden.“ und so zogen sie in den hinteren Teil des Lagers, der gefüllt war mit vielen Geschenken. Manuela staunte, der Raum war riesig und überall stapelten sich Geschenke, schöne Spielsachen, teilweise schon etwas abgenutzt, aber das meiste wirkte wie neu. Sie wusste aber, dass diese aus Sammlungen stammen, es Geschenke waren, die andere einst mal bekamen und nicht mehr brauchten. Sie verstand nicht, warum man derart schöne Dinge einfach weggab. Sie wusste auch nicht, wer sie die denn noch alle abholen wolle und so fragte sie ihren Begleiter. „Weißt du“, antwortete er, „die meisten dieser Geschenke sind bereits zugeteilt, sie gehen weiter an Kindergärten in Armenvierteln, an Waisenhäusern und ein paar andere Einrichtungen, wo sie verteilt werden. Wir wollen eben, dass jedes Kind, egal wie arm es auch sein mag, etwas zu Weihnachten bekommt. Weil Kinder eben Geschenke lieben und weil Geschenke eben etwas Wertvolles sind, sie sagen etwas aus, sie sagen: Du bist Wert!“


Manuela konnte es zwar nicht ganz verstehen, aber sie wusste schon, dass eben ein Geschenk ihr Freunde bereitet und bei anderen wird es ebenso sein. Sie schaute sich um und auf einmal musste sie daran denken, dass viele dieser Geschenke eben Kinder glücklich machen sollten und es gab von Kleinigkeiten, bis zum Wertvollen hier alles, was das Herz begehren mag. So schaute sie sich um, wählte ein paar aus, wo sie meinte, sie könnten denjenigen erfreuen, für die sie gedacht sind. Frank schaute ihr zu, lächelte, als er sah, was sie wählte und nickte zustimmend. Danach frage er sie, ob sie nun fahren wollten. Manuela war froh, nicht wieder durch die Kälte zu müssen, sie ging mit Frank wieder nach vorne, verabschiedete sich von allen und wünschte frohe Weihnachten. Danach gingen die beiden nach draußen, stiegen in ein älteres Auto und fuhren los. Sie war glücklich und sie war müde, ihr vielen die Augen zu und sie erwachte erst, als Frank sie fragte, ob sie hier richtig wären. Sie schaute auf, rieb sich die Augen und sie standen nahezu perfekt vor der kleinen Gasse, die zu ihrer Haustür führte. Frank gab ihr die Tragetasche mit den Geschenken und sie verabschiedeten sich. Sie war froh, wieder daheim zu sein und so ging sie zur Tür, steckte ihr Schlüssel in das Schlüsselloch und erschrak, als die Tür sich plötzlich öffnete.

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Kommentare

  1. gewidmet einem brot? :) von (currantbun)

    oder einem brötchen?

    ach man, ich vermiss dich und bin doch selber schuld. treulose email-tomate oder auch brot.

    aber du solltest wissen, ich werd dich wahrlich nie vergessen. du hast einen wirklich bleibenden eindruck bei mir hinterlassen....





    Bearbeitet von currantbun am 4.09.2009 um 04:55